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Vaterschaftsurlaub: Gibt es eine optimale Lösung für die Zeit nach der Geburt?

Am 27. September stimmen wir über zwei Wochen Vaterschaftsurlaub ab. Solche «Gratisferien» brauche es nicht, sagen die Gegner. Andere finden, zwei Wochen seien nicht genug. Was denken Sie? Welche Lösung dient der Familie am meisten? Wir fragen die, die's erlebt haben – Eltern. Familienleben-Experten und Familienblogger erzählen, wie sie die Zeit nach der Geburt organisiert haben.

Wieviel Papizeit braucht es? Vater schläft neben Baby auf der Couch.

Die Zeit nach der Geburt ist wichtig und anstrengend – in der Schweiz gibt es bisher aber nur einen bis zwei Tage offiziellen Vaterschaftsurlaub. Bild: GettyImages Plus, Halfpoint

Die Geburt eines Kindes verändert alles: Der Alltag, das Zusammenleben – alles wird anders. In der Schweiz steht Vätern nach Gesetz aber lediglich ein arbeitsfreier Tag zu, wenn sie Nachwuchs erhalten. Damit steht die Schweiz im europäischen Vergleich als klares Schlusslicht da. Das soll sich nun ändern. Am 27. September entscheidet das Volk, ob Väter künftig zwei Wochen bezahlte Auszeit zugute haben. Und natürlich hat wie bei jeder Vorlage auch hier ein Komitee das Referendum ergriffen. Es spricht von Gratisferien und einer unangebrachten Anspruchsmentalität gegenüber dem Staat. Die ungefähren Kosten für einen zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub belaufen sich auf rund 229 Millionen Franken pro Jahr. Dafür würden 0,06 zusätzliche Lohnprozente je hälftig bei Arbeitgebern und Arbeitnehmern erhoben. Zuviel in Zeiten von Corona, so das Argument der Gegner. 

Was denken Sie? Lassen Sie es uns in den Kommentaren wissen. Wir haben bereits unsere Familienleben-Experten und einige Familienblogger gefragt, was sie denken und wie sie die Zeit nach der Geburt geregelt haben. Lesen Sie selbst!

Wie war das bei euch mit dem Vaterschaftsurlaub?

Biene 1

Mein Mann arbeitete bei den Geburten unserer beiden Kinder bei einer Grossbank. Bei der ersten Geburt hatte er eine Woche Vaterschaftsurlaub, kurz vor der zweiten Geburt gab es eine Reglementsänderung, sodass er zwei Wochen zugute hatte. Zusätzlich bezog er beide Male normale Ferien und war so jeweils fast vier Wochen zu Hause. Diese Wochen waren Gold wert für uns als Familie und ich wünschte mir jede Familie hätte die Möglichkeit dazu! Mein Mann war so von Anfang an voll mit eingebunden und konnte in seiner Vaterrolle ankommen. Dies war besonders hilfreich, da wir uns Betreuung und Arbeit nach meinem Mutterschaftsurlaub aufteilten und er auch alleine mit dem Baby war. Nach der zweiten Geburt war ich vom ersten Tag an zu Hause, also nicht im Spital. Dies wäre ohne den Vaterschaftsurlaub meines Mannes nicht möglich gewesen. Ich hätte mich alleine mit der grossen Tochter und dem Baby nicht genug erholen können. Gerade als Expertin für postnatales Training weiss ich, wie wichtig die Erhohlung in den ersten Wochen nach der Geburt ist. Diese ist aber nur mit viel Unterstützung möglich, vor allem wenn noch grössere Kinder da sind.

Iris Lehner, Postpartum- und Pregnancy-Trainerin und Familienleben-Expertin

Michael Berger

Da ich an der Schule arbeite und die Ferientage somit vorgegeben sind, konnte ich nicht einfach meine freien Tage der Geburt meiner Kinder anpassen. Ich hatte jeweils einen Tag Vaterschaftsurlaub zugute. Beim ersten Mal hatte ich noch das «Glück», dass mein Sohn an einem Donnerstagabend auf die Welt kam und ich durch den Vaterschaftstag und das Wochenende zusätzliche Zeit mit ihm gekriegt habe. Ein Tag ist aber so gut wie nichts, angesichts der grossen Veränderung, die ein Kind mit sich bringt. Klar, ich war froh um die Zeit, die ich mit meiner Familie verbringen konnte. Aber es ist ja nicht so, dass nach der Geburt innerhalb eines Tages alles wieder beim Alten ist. Es braucht mehr Zeit, um sich kennenzulernen und sich neu zu organisieren, das empfinde ich als notwendig. Der Staat verlässt sich hier aus meiner Sicht klar auf die Grossfamilie, die aushilft und unterstützt. Das mag früher so gewesen sein und funktioniert haben, aber heute sieht die Realität anders aus. Es hat auch mit einem veralteten Frauenbild zu tun: Ein «richtiger» Vaterschaftsurlaub wäre aus meiner Sicht ein weiterer wichtiger Schritt zur Gleichberechtigung der Geschlechter und zur Stärkung der Familien.

Michael Berger, Lernberater bei gezielt-lernen.ch und Familienleben-Experte

Maya Risch

Bei der Geburt unseres älteren Sohns hatte mein Mann einen Tag, beim zweiten Kind drei Tage Vaterschaftsurlaub. Als ich heimkam vom Spital hatte er bei beiden Kindern zwei Wochen Ferien genommen. Die ersten Wochen erlebte ich als zehrend, physisch wie psychisch. Ich war sehr froh darüber, dass mein Mann von Beginn weg an unserer Seite war. Er hat gewickelt, gekocht und die Kinder in den Schlaf gewiegt, war in der Nacht präsent nach dem Stillen. Ich konnte mich vom Kaiserschnitt erholen und mich um Stillbeschwerden kümmern Beides war dringend nötig. Wir konnten uns so gemeinsam an die neue Situation gewöhnen, und das Baby etwas kennen lernen. Das mit den Ferien war somit eine gute Lösung und dank flexiblen Arbeitgebern möglich. Das hiess aber auch, dass im Laufe des Jahres entsprechend weniger Ferientage übrig waren – Ferientage, die auch nötig gewesen wären für Unterstützung zu Hause. Ich würde mir einen mindestens vierwöchigen Vaterschaftsurlaub wünschen für zukünftige Eltern.

Maya Risch, Familienberaterin und Familienleben-Expertin

Andreas Rimle

Als Kind durfte ich auf einem Bauernhof aufwachsen. Ich hatte so die Gelegenheit meinen Vater sehr eng zu erleben und viel Zeit mit ihm zu verbringen. Als ich dann selbst Vater wurde, hatte ich nur einen Tag Vaterschaftsurlaub zugute. DIeser eine Tag war mit dem Tag der Geburt jeweils aufgebraucht. Als Spielpädagoge erlebe ich ständig, wie wichtig die Vater-Kind Beziehung ist.  Gemeinsam kämpfen, blödelen, etwas zusammen in der Natur unternehmen – solche Momente sind ungemein wichtig. Dem aktuellen Vorschlag zum Vaterschaftsurlaub sollten wir dringend zustimmen, obwohl zwei Wochen eindeutig zu wenig sind. In dem Kontext über finanzielle Auswirkungen zu sprechen, finde ich falsch. Die Auswirkungen und der Einfluss auf das Kind und die Familie haben einen viel grösseren Wert! 

Andreas Rimle, Spielpädagoge, Spielschweiz und Vater-Kind-Angeboten

Rita Angelone

Ich wäre damals nach der Geburt meiner Tochter froh gewesen um eine selbstverständliche Vaterzeit. Unsere Tochter kam per Notkaiserschnitt zur Welt und musste tags darauf operiert werden. Erst nach drei Wochen durften wir sie endlich mit nach Hause nehmen. Mir hätte es mental geholfen, wenn mein Mann mich damals zumindest eine kleine Zeit lang hätte unterstützen können. Bei unserem Sohn war mehr möglich, aber nur, weil mein Mann sich es einfach einrichten konnte und Ferien bezogen hat. Wie wir aus der ersten Wochenbetterfahrung gelernt hatten, war es auch keine Frage mehr, ob die Unterstützung durch den Vater nötig sei oder nicht. So konnte ich die erste Zeit zu Hause auch viel entspannter angehen ohne die Angst zu haben, dass ich im „Alleinsein“ untergehe. Aufgrund der fehlenden Vaterzeit werden Frauen in eine Rolle gedrängt, die überfordern kann. Aus meiner Sicht, fehlt vielen Jung-Familien ein tragendes soziales Netz, welches die Familie unterstützt und auf selbstverständliche Weise Hilfe leistet. Statt getragen zu sein von der Gesellschaft und statt konsequenterweise unterstützt zu werden, übernimmt die Mutter oft stillschweigend wie selbstverständlich die gesamte Verantwortung für das Gelingen dieser jungen Familie in dieser so fragilen Phase. Darum ist aus meiner eigenen Erfahrung der Partner und seine Anwesenheit heute so wichtig.

Susanne Schultes, Elternbildnerin und Familienleben-Expertin

Rita Angelone

Als unser erstes Kind auf die Welt kam, hatte mein Mann drei Tage Vaterschaftsurlaub zugute. Gemeinsam haben wir entschieden, dass er sein ganzes Ferienguthaben für das Jahr auf einmal bezieht und so einen Monat lang zu Hause bleiben kann. Genauso machten wir es auch beim zweiten Kind. Wir konnten so die ersten wichtigen, schönen und anstrengenden Wochen gemeinsam erleben und anpacken. Als Mutter war ich unglaublich froh, um die Unterstützung. Und zwar nicht nur um die rein physische, sondern auch um die moralische Unterstützung. Da der Start ins Familienleben alles andere als Ferien ist, wäre es aber auch sehr wichtig gewesen, wenn wir im Laufe des Jahres zu richtigen Ferien gekommen wären. Das war so aber leider nicht mehr möglich… Ein Vaterschaftsurlaub von zwei Wochen würde Eltern bereits sehr entlasten. Allerdings sehe ich diesen Vaterschaftsurlaub eher als einen ersten Teilschritt in die richtige Richtung. Und diese sehe ich in einer Elternzeit, die Eltern untereinander aufteilen und einziehen können. Denn nach zwei Wochen «Papi zu Hause» läuft längst nicht alles in gewohnten Bahnen. Deshalb dauert ja der Mutterschaftsurlaub auch länger, oder? Weshalb soll das nicht auch für den Vater gelten?

 Rita Angelone, Bloggerin dieangelones.ch und Gründerin «Schweizer Familienblogs»

Moana Werschler

Mein Partner hatte das Glück, zwei Wochen Vaterschaftsurlaub zu bekommen. Bei der ersten Geburt bezog er diese zwei Wochen als Halbtage innerhalb von etwa einem Monat. Das war für uns perfekt: Er konnte halbtags im Büro das Wichtigste regeln, was bei einer Führungsaufgabe sehr wichtig ist und mich meistens am Nachmittag oder ab dem Mittag unterstützen. Ich konnte dafür am Vormittag in Ruhe schlafen, wenn das Baby schlief. Beim zweiten Baby haben wir es deshalb genau gleich gemacht. Ich finde das bis heute noch immer die beste Lösung so. Wenn ein flexibles Modell möglich ist, bringt das allen etwas – aber es muss halt für Mama, Papa und Arbeitgeber stimmen.

Moana Werschler, Bloggerin missbroccoli.com