Keine Lust auf Sex: Wie gefährlich die Flaute im Bett werden kann

Bei vielen Paaren beginnt das Sexleben einzuschlafen, sobald das erste Kind auf der Welt ist. Warum die Lustlosigkeit zum ernsten Problem für Paare werden kann und warum dagegen allein ins Kino zu gehen hilft, erklärt Anja Grunert, Paartherapeutin aus Zürich.

Lustlosigkeit überwinden: Paare können wieder Spass am Sex haben

Nicht den Kopf hängen lassen: Wer an sich selbst arbeitet, kann wieder Spass am Sex haben. Foto: humonia, iStock, Thinkstock

Frisch verliebt haben Paare viel Lust aufeinander. Doch sobald das erste Kind auf der Welt ist, läuft im Bett immer weniger. Ist Lustlosigkeit ein häufiges Thema in Ihrer Praxis für Beziehungs-Coaching?

Anja Grunert: Lustlosigkeit ist nicht nur ein Thema von Eltern. Sehr häufig berichten in der Praxis auch junge Paare, dass sie von Lustlosigkeit betroffen sind, Paare, von denen man denkt: «Wow, die sind in ihren besten Jahren, in denen Hormone Purzelbaum schlagen.» Junge Paare neigen in einer solchen Krise oft dazu, sich partnerschaftlich neu zu orientieren. Wenn aber die Betroffenen schon mehrere Beziehungen durchlebt haben und immer am gleichen Punkt gelandet sind, oder bereits eine Familie gegründet haben – dann wollen sie sich nicht neu orientieren.

Muss denn wenig oder gar kein Sex überhaupt ein Problem sein?

Nicht unbedingt. Ein Paar kann sich auch mit wenig oder gar keinem Sex arrangieren. Aber das ist oft ein fauler Kompromiss – spätestens, wenn einer von beiden eine Affäre hat, wird dieser deutlich, und die Enttäuschung ist gross.

Ohne Sex geht es also nicht …

Sex bedeutet Intimität. Denn nicht nur unsere Körper möchten sich aneinander reiben, auch unsere Seelen möchten berührt werden. Ohne Intimität fühlt sich eine Beziehung leer an, selbst wenn der Alltag wunderbar funktioniert. Wer wie Bruder und Schwester in einer Partnerschaft lebt, hat sich als Mann und Frau aus den Augen verloren.

Zum Sex kann man sich aber nicht einfach zwingen …

Mechanischer Sex, dem Partner zuliebe, fühlt sich lieblos an. Und wer sexuell versucht zu funktionieren, findet im Sex keine Quelle, aus der sich Lust, Intimität und Nähe schöpfen lässt. Es braucht zuerst die Bereitschaft, sich dem anderen zu öffnen und sich wieder emotional und körperlich berührbar zu machen.

Warum haben manche Paare keine Lust auf Sex?

Die Gründe sind vielschichtig. Sicher lässt sich sagen, dass sich in der Lustlosigkeit eine gewisse Ernüchterung in der Partnerschaft ausdrückt. Am Anfang der Beziehung präsentiert sich jeder von seiner besten Seite. Dann, nach der Verliebtheitsphase, stellen die Partner fest: «Der andere ist ein Mensch, der hat ja auch Fehler!» Man versucht, ihn zu ändern, bis aus Ernüchterung Frustration wird und einer der Partner sich emotional zurückzieht. Oft haben sich viele Enttäuschungen und Aggressionen aufgetürmt, bevor der Körper als letzte Instanz «Nein!» zum anderen sagt. Vor allem Frauen machen sich auf diese Weise oft «unberührbar».

Und der andere bleibt aussen vor …

Wenn sich ein Partner verschliesst, wird der andere zunächst versuchen, sich ihm zu nähern. Stösst er wiederholt auf Ablehnung, fühlt er sich verletzt – und verschliesst sich am Ende auch. Oft stürzen sich die Partner – jeder für sich - in Karriere, in eine Affäre oder auf die Erziehung der Kinder. Am Ende haben sich beide voneinander entfremdet, die Beziehung fühlt sich tot an. Beide Partner tragen immer gleichermassen die Verantwortung für diese Entfremdung.

Was genau kann die Ernüchterung in der Partnerschaft auslösen, die zu Lustlosigkeit im Bett führt?

Partnerschaften sind überfrachtet mit Erwartungen. Der Partner soll im Beruf so erfolgreich sein, dass die Familie gut leben kann. Er soll eine fürsorgliche Mutter oder ein liebevoller Vater für die Kinder sein. Er soll sympathisch im Freundeskreis rüberkommen und im Alltag und Haushalt funktionieren. Und als wäre das alles nicht genug, soll er auch noch unsere Verletzungen aus der Kindheit heilen …

Er soll die Verletzungen der Kindheit heilen – wie meinen Sie das?

Sehnsüchte werden auf den Partner projiziert. Wenn eine Frau zum Beispiel nie einen fürsorglichen Vater hatte, erhofft sie sich von ihrem Mann den Vater, den sie sich immer gewünscht hat. Er soll jederzeit Sicherheit geben und Trost spenden. Am Anfang der Beziehung spürt der Partner feinsinnig dieses Bedürfnis und schüttet Sicherheit oder Fürsorge wie Wasser in einen Eimer. Doch der Eimer hat ein Loch! Bald erlahmen die Kräfte. Frustration auf beiden Seiten stellt sich ein: Der eine Partner merkt, dass der andere nicht mehr gibt, was er selbst braucht. Der andere stellt fest, dass das, was er gibt, nie ausreicht. Enttäuschung stellt sich ein, mit ihr oft auch Aggression. Darüber hinaus sind solche Rollen, in denen sich Paare wiederfinden, nicht erotisch. Wer will schon mit seiner «Mutter» oder seinem «Vater» ins Bett gehen?

Sind diese Schwierigkeiten nicht in jeder Partnerschaft vorprogrammiert? Müssen Partnerschaften daran nicht zwangsläufig scheitern?

Entscheidend ist die Erwartungshaltung. Wer einfach Glück von einer Partnerschaft erwartet, wird enttäuscht werden. Ich sehe in einer Partnerschaft die Möglichkeit, aneinander zu wachsen und selbst erwachsen zu werden. Dabei braucht es Mut und die Bereitschaft zur Veränderung.

Wie lässt sich Lust erhalten oder Lustlosigkeit wieder zurück in Lust verwandeln?

Meist versucht man, den Partner zu ändern, weil man das Problem beim Partner sieht. Doch man kann niemanden verändern ausser sich selbst. In der Paartherapie arbeiten wir deshalb auch heraus: «Was sind meine Bedürfnisse und wie kann ich sie ausdrücken? Wo habe ich mich angepasst und verloren?» Erst einmal gilt es, selbst Verantwortung zu übernehmen für die eigenen Kindheits-Wunden, für das eigene Leben, auch für das eigene Glück. Selbst guten Sex kann man alleine haben. Wer starr gewordene Rollen ablegt und den Mut hat, sich verletzlich zu zeigen und immer mehr authentisch wird, verändert sich und handelt anders. Zwangsläufig wird auch der Partner aufgefordert sein, sich zu verändern. Es klingt paradox, doch Intimität ist nur durch Freiräume und Loslassen möglich.

Freiräume sind im Familienalltag selten …

Kinder benötigen viel Aufmerksamkeit, gerade wenn sie noch klein sind. Intimität und Erotik brauchen aber auch einen Raum, wo sie sich neben den Kindern und To-Do-Listen entfalten können. Es ist wichtig, sich als Paar diese Freiräume immer wieder zu schaffen. Doch nicht nur das Paar braucht Freiräume, auch jeder Partner selbst. Sinnvoll ist es, mal alleine ins Kino zu gehen, in die Ferien zu fahren oder mit Freunden auszugehen. Hilfreich in Sachen Erotik können auch getrennte Schlafzimmer sein. Denn, wie ein Sprichwort sagt: «Eine Trennung ist für die Liebe wie der Wind für das Feuer: Das Schwache löscht er aus, das Starke facht er an.» Und Liebe ist die letztendlich die Basis für eine erfüllte Sexualität.

Familienleben LogoAnja Grunert, arbeitet als Paar und Körpertherapeutin selbständig in eigener Praxis in Zürich. Weitere Informationen unter: www.beziehungs-coaching.ch

 

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