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Wie Glaubenssätze Beziehungen prägen – und wie wir damit umgehen können

Glaubenssätze prägen unser Denken und Handeln – und das meist, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Solche Glaubenssätze sorgen in vielen Beziehungen immer wieder für Konflikte. Paarberaterin Susanne Schultes erklärt, wie Sie erkennen, dass Sie von Ihrem Unterbewusstsein gesteuert werden und wie Sie mit Ihrem Partner solche Denk- und Verhaltensmuster bereden und sogar auflösen. 

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Konfliktpotenzial: Jeder Mensch bewertet Situationen anders und reagiert darum anders – aufgrund unbewusster Glaubenssätze. Bild: GettyImages Plus, dickcraft

Glaubenssätze tragen wir alle in uns. Einige sind förderlich – andere machen uns manchmal das Leben schwer. Sie entstehen fortlaufend während unseres Lebens, meist aufgrund unserer Erziehung und unseren gesammelten Erfahrungen mit der Familie, Freunden, Lehrpersonen, Lehrmeistern, Lebenspartnern oder -partnerinnen, der Gesellschaft und vielem mehr. Die manifestierten Glaubenssätze bestimmen meist unbewusst unseren Umgang mit Ereignissen. Sie sind dafür verantwortlich, wie wir Erlebnisse bewerten und wie wir darauf reagieren. In der Folge haben wir alle unterschiedliche Wahrnehmungen. Jeder hat sozusagen seine «eigene persönliche Brille». So kann ein Ereignis von zwei Personen durchaus unterschiedlich bewertet werden.

Ein Ereignis, unzählige Bewertungen

Nehmen wir als Beispiel einmal folgende Begebenheit: Ein Paar sitzt im Strassencafé, während am Nebentisch eine Familie Eis isst. Einem der Kinder schmeckt sein Eis nicht und es schiebt es zur Seite, um beim Elternteil mitzuessen. Das Paar am Nebentisch sieht zu. Die Frau bewertet das Gesehene folgendermassen: «Das ist ja unverschämt, so ein verzogenes Kind. Das würde ich als seine Mutter nie durchgehen lassen.»  Eventuell hatte sie Eltern, die der Frau als sie Kind war vorlebten, dass ein Kind unartig ist, wenn es sein Eis nicht isst, und dass es gefälligst zufrieden sein soll, wenn es etwas bekommt. Sie ist irritiert. Ihr Partner, der sehr grosszügige und einfühlsame Eltern hatte, nimmt die Situation hingegen folgendermassen wahr: «Ah, ja, das kenne ich. Das Eis schmeckt ja wirklich nicht überall gleich. Wie manch verschiedene Geschmäcker die doch haben können. Ich bin sicher, das Eis aus dem Becher des Kindes wird auch noch wegkommen.»  Er bewertet die Situation als entspannt und wohlwollend. Dies Beispiel soll keine Bewertung verschiedener Erziehungsstile sein, sondern aufzeigen, warum die selben Erlebnisse verschiedenartig, vom Betrachter abhängig, bewertet werden können.

Starre Glaubenssätze blockieren uns

Wenn wir uns solcher Glaubenssätze bewusst sind, können wir uns innerhalb einer Partnerschaft darüber austauschen. Meist kennen wir unsere unterschiedlichen Auffassungen bereits und versuchen so, Kompromisse zu schliessen. Schwieriger wird es, wenn «versteckte» , unbewusste Glaubenssätze uns wiederkehrend Konflikte bescheren. Je starrer nämlich Glaubenssätze sind – und von diesen gibt es meistens so einige – desto weniger flexibel lassen sie uns auf neue Situationen reagieren. Das blockiert uns und lässt neue Bewertungen von Erfahrungen nicht zu, was sich wiederum auf ein Familien- und Paarleben nachhaltig negativ auswirken kann.

Das kann konkret zum Beispiel so aussehen: Zwei Elternteile sind sich grundsätzlich einig, die Hausarbeiten sowie die Betreuungs- und Beziehungsaufgaben im Zusammenhang mit den Kindern aufzuteilen. Die Partnerin jedoch hat einen «unbewussten»  Glaubenssatz, der besagt: «Damit es richtig gemacht ist, muss ich es selbst tun.» Dieser Glaubenssatz kann aufgrund von Erfahrungen entstanden sein, dass als Kind wenig Unterstützung da war für sie, dass sie selbst vieles allein stemmen musste und ein empathisches Gegenüber fehlte, welches ihr zur Seite stand.

Damit es richtig gemacht ist, muss ich es selbst tun.

Im Zusammenleben mit ihrer Familie merkt sie dann, dass es ihr trotz ihrer eigenen Überlastung schwer fällt, Aufgaben und die Verantwortung zu teilen oder auch einmal abzugeben und Lösungen ihres Partners zu akzeptieren. Die bereits eingeräumte Spülmaschine wird von ihr wieder umgeräumt, das von ihm angezogene Kleinkind wird kurzerhand von Frau nochmals umgezogen. Das Familienleben wird zusehends anstrengender, ihre Partnerschaft leidet und die Spannungen nehmen zu.

Obwohl ihr Partner sie unterstützen möchte, kann er ihr doch nichts rechtmachen, und so zieht er sich durch ihre ständige Unzufriedenheit und ihre negativen Rückmeldungen allmählich zurück. Sie wiederum wirft ihm fehlende Unterstützung vor, was den Beginn eine Negativspirale darstellen kann. Sie fühlt sich massiv überfordert und alleingelassen, er fühlt sich nutzlos. Bei beiden schwindet das Selbstvertrauen sowie die Selbstachtung. Das Gefühl, nicht zu genügen breitet sich meist beidseits aus.

Was Sie für eine gelingende Partnerschaft tun können

Was hier passiert ist, ist kein Einzelfall. Schade ist, wenn es dadurch zum Kontaktverlust zwischen den Elternteilen kommt. Wichtig ist jetzt, dass wir an dieser Stelle nicht den Kopf in den Sand stecken und weder der eine noch der andere in einer Opferrolle verharrt. Hier lautet die Devise: «Ich kann mich immer neu entscheiden. Jederzeit.» 

Was können Sie tun in solchen Fällen? Konstruktive Kommunikation! Wichtig ist jetzt, dass Gespräche weiterhin stattfinden. Übernehmen Sie Verantwortung für sich und Ihre Bedürfnisse. Üben Sie sich dazu in der klaren Kommunikation, welche in Ich-Botschaften geschieht. Sprechen Sie über sich, Ihre Gedanken, Wünsche, Gefühle, über Ihre Ängste und Träume und über das, was Sie stärkt. Hören Sie im Gegenzug zu, wenn der Partner spricht. Nehmen Sie an, ohne zu bewerten. Meiden Sie Beschuldigungen und Beschimpfungen, welche Widerstand versprechen. Sprechen Sie mit dem Partner darüber, was gewisse Situationen mit Ihnen machen. Sprechen Sie in der «Ich-Form.» Benennen Sie Ihre Gefühle und ungestillten Bedürfnisse.

Was Sie als Paar tun können

Zeit zu Zweit: Räumen Sie sich Paarzeiten ein. Das können auch kleinere dafür aber vorzugsweise regelmässige  «Zeit-Inseln»  ein. Paarzeiten müssen erfahrungsgemäss geplant werden – sie ergeben sich leider selten von allein. Das kann ein gemeinsames Kaffeetrinken auf dem Balkon oder im Garten sein oder gemeinsames Spazieren (aktuell eher ohne auswärts essen in Zeiten von Corona). Körperliche Nähe und Sexualität sind auch eher zu planen – speziell mit Kindern ergibt sich auch diese wie auch in «reiferen»  Beziehungen nicht automatisch. Suchen Sie nicht das grosse Feuerwerk, sondern konzentrieren Sie sich bewusst auf die kleinen Dinge. Das heisst konkret: Weg mit dem Handy. Nehmen Sie bewusst Notiz vom Partner, der Partnerin. Was trägt er/sie heute? Wissen Sie auch, was er/sie gestern anhatte? Fehlen Ihnen manchmal die Worte? Nicht verzagen. Auch stille Momente können – bewusst wahrgenommen – ebenfalls stärkend sein.

Selbstreflektion: Einen Glaubenssatz aufzuspüren ist nicht immer leicht. Jedoch können sie folgende Merkmale aufweisen: Sie schaffen wiederkehrende unbefriedigende Situationen. Sie lösen eine innere Spannung aus, die sich wie «Brennen», «Zerrissenheit», «Abgespaltetfühlen», «Müdigkeit» und «Abgelöschtfühlen» anfühlen kann. Aber auch Gefühle von Wut, Aggression oder ablehnende Gefühle sich selbst oder dem Partner gegenüber sind möglich.

Akzeptanz und Empathie: Es ist wichtig, Akzeptanz für sich selbst zu entwickeln. Überforderen Sie sich nicht ständig, und lassen Sie auch einmal alles stehen und liegen. Pflegen Sie einen achtsamen und empathischen Umgang mit sich selbst. Üben Sie sich in Geduld sich selbst gegenüber und sorgen Sie für sich. Seien Sie freundlich mit sich. Besonders mit Ihren Schwächen. Vielleicht hilft ein kleines Ritual, sich immer wieder daran zu erinnern? Vielleicht zünden Sie regelmässig ein Teelicht oder eine Kerze für sich an? Hier liegt ein wichtiger Schlüssel zur Beziehung: Denn ein achtsamer und liebevoller Umgang mit sich selbst, fördert im gleichen Zug einen grosszügigeren Umgang mit dem Partner.

Was Sie für sich tun können

Selbstfürsorge: Regelmässiges Innehalten, dies kann in Form von Meditation, von Körperübungen oder Atemübungen geschehen. Das muss nicht kompliziert sein. Wenn Sie ungeübt darin sind, fangen Sie klein an.

Körperwahrnehmung trainieren: Spannungen, Brennen, Kälte, Hitze, wahrnehmen und willkommen heissen. Es gibt eine wunderbare Methode, die sich Focusing nennt, sie verbindet Körperempfindungen mit unserem wachen Geist. Mit Hilfe vom Hin- und Herpendeln zwischen diesen beiden Ebenen, können manche Spannungen gelöst werden. 

Ressourcen suchen: Boden unter deinen Füssen spüren, einen Gegenstand fokussieren, der Freude bereitet. Atemübung, Singen, Musik hören. Den Hund oder die Katze streicheln, Körperkontakt schaffen.

All diese Selbstwahrnehmung fördert die Selbsreflektion und schafft freie Ressourcen. Selbstwahrnehmung schafft die nötige Distanz, um neue Sicht- und Handlungsweisen zuzulassen und nicht im «Autopilot-Modus» zu verharren. Gelassenheit und vielleicht eine Prise Humor bekommen wieder Raum. Im Übrigen: Humor wird in seiner Wirkung oft unterschätzt. Ich zum Beispiel empfinde den Humor meines Mannes als «Rettung aus mancher Not». Er wirkt verzeihend und verbindend. Und last but not least – übe positive Glaubenssätze ein.

Glaubenssätze, die Ihnen weiterhelfen:

♥ Ich bin gut genug.
♥ Ich bin ok so wie ich bin.
♥ Meinen Stärken und meinen Schwächen begegne ich freundlich.
♥ Ich kann stetig Neues dazulernen.
♥ Ich bin sicher und geborgen.
♥ Ich werde geliebt.
♥ Ich kann mich jeden Tag aufs Neue entscheiden.

Wenn Sie merken, dass Sie Hilfe von Aussen benötigen, dann scheuen Sie nicht davor zurück, Unterstützung zu holen, um der Negativspirale zu entkommen. Eine empathische und akzeptierende Haltung der Beratungsperson hilft Ihnen, sich zu versöhnen mit sich und mittels einem freundlichen Umgang mit sich selbst zu neuen Glaubenssätzen und Überzeugungen zu gelangen. Je nach Möglichkeit binden Sie Ihre/n Partner/in mit ein in Beratungsprozesse.

Mir persönlich hilft immer wieder die Einsicht und die Erfahrung, dass Beziehungen ein stetiger Prozess sind. Und das Beste daran: Man kann sich immer wieder – jederzeit – neu entscheiden.

Onlinekurs: Focusing-Meditations-Abende

4-teiliger Kurs für deine Selbststärkung und für mehr Gelassenheit im Alltag.
Start: Ab 14. Mai, jeweils online, Anmeldeschluss 11. Mai.

Alle Infos dazu hier. 

«Gelingende (Paar-) Kommunikation»

Am Donnerstag, 4. und 11. Juni findet ein weiterer Online-Workshop statt zum Thema: «Gelingende (Paar-) Kommunikation». Der Kurs dauert jeweils von 20.00 bis 22.00 Uhr. Weitere Infos hier. Anmeldung bis 1. Juni. per Mail an susanne@susanneschultes.ch.

Laura Müdespacher Goldenbody

Susanne Schultes

Suanne Schultes arbeitet seit 12 Jahren in der Elternbildung, ist ausgebildete Kommunikationstrainerin, Eidg. dipl. Beraterin im psychosozialen Bereich (SGfB) und Supervisorin. Sie betreibt eine eigene Praxis für Familien- und Paarberatung in Männedorf. Die Mutter von zwei Kindern (15 und 10 Jahre) teilt Ihr Wissen ausserdem auch auf Facebook und Instagram sowie auf Ihrem Blog. Ab sofort ist Susanne Schultes wieder vor Ort in der Praxis in Männedorf für Sie da. 

Ich bin weiterhin auch online für Sie da:

Haben Sie Anliegen, welche Sie gerne klären möchten? Betrifft es Sie selbst, Ihre Partnerschaft oder Ihre Familie? Kontaktieren Sie mich per Mail für eine Terminvereinbarung.

Weitere Informationen: www.susanneschultes.ch.