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Wo bleibt eigentlich die Pille für den Mann?

Moderne Verhütungsmethode sind sicher, funktionieren aber nicht ohne Aufwand und Nebenwirkungen. Umso ungerechter ist es, dass die Hauptverantwortung noch immer bei den Frauen liegt. Wir fordern: Die Pille für den Mann. Oder vielleicht doch nicht?

Wo bleibt die Pille für den Mann?

Mit Pille verhüten: Auch für Männer eine Option? Foto: olhakozachenko, iStock / Getty Images Plus

Das Wichtigste in Kürze:

Um ein Kind zu zeugen braucht es zwei Menschen; einen Mann und eine Frau. Das ist eine biologische Tatsache. Um KEIN Kind zu zeugen, braucht es hingegen lediglich eine Person; eine Frau. Das ist scheinbar ein gesellschaftspolitischer Fakt. Denn wenn es ums Thema Verhütung geht, ist es noch immer die grosse Mehrheit der Frauen, die die Sorge trägt.

Pille: Durchbruch mit Nebenwirkungen

Warum das so ist, ist hinlänglich bekannt: Die Anti-Baby-Pille war DER medizinische (und durchaus auch emanzipatorische) Durchbruch der 50er Jahre. Die Pille ist populär und sicher. Doch leider nicht ohne Nebenwirkungen. Stimmungsschwankungen, Gewichtszunahme, Übelkeit, Schmerzen während der Periode, Libidoverlust oder Kopfschmerzen sind nur einige der Begleiterscheinungen. Weil die Liste leider noch länger ist, haben sich emsige Forscher an die Entwicklung alternativer Verhütungsmethoden gemacht. Heraus kam beispielsweise die Kupferspirale, Verhütungscomputer, Scheidenzäpfchen und Gels sowie die NFP-Methode. All diesen Methoden ist gemein: Sie arbeiten ohne Hormone, sind weitgehend ohne Nebenwirkungen. Und: Sie sind allesamt ausschliesslich für Frauen gedacht.

Pille für den Mann: Theoretisch möglich

Aha! Da haben wir es wieder. Verhütung ist inzwischen gewiss schonender geworden, aber noch immer Frauensache! Warum eigentlich? Immerhin kursierten immer wieder Gerüchte um die so genannte Pille für den Mann. Und tatsächlich: Medial bekannt sind einige Entwicklungen von männlichen Verhüterlis. Ob Hormonspritzen, spezielle Testosteron-Implantate oder sogar alternative Methoden, die mit pflanzlichen Wirkstoffen funktionieren, wurden entwickelt und haben teilweise sogar schon erste Tests bestanden. Doch mehr nicht! Immer dann, wenn es darum ging, wirklich aussagekräftige Langzeitstudien anzustellen oder intensivere Entwicklungsschritte einzuleiten, wurde es plötzlich wieder ganz still um den Fortschritt männlicher Verhütung.

Meckern nützt nichts

Warum das so ist? Gute Frage! Die Antworten der grossen Pharma-Riesen tönt immer ähnlich: Kostengründe. Geringe Absatzaussichten. Zu aufwendige Genehmigungsverfahren. Und – so könnte man es jedenfalls vermuten – schlichtweg kein Interesse und keine Notwendigkeit. Warum etwas entwickeln, was es schon längst gibt. Sichere Verhütungsmethoden gibt es en masse. Frauen, die sich über die Ungerechtigkeit in deren Anwendung samt der beschriebenen Gesundheitsfolgen beschweren, gibt ebenfalls zwar en masse. Nur – Hand aufs Herz: Was ändern all die Beschwerden und Buh-Rufe? Bisher nichts! Rein gar nichts! Sogar das Gegenteil ist der Fall: Der Markt weiblicher Verhüterlis ist eingespielt, inzwischen breit aufgestellt und lukrativ!

Es müssen Taten folgen

«Never change a winnig Team», mögen sich die (Herren in den) Teppichetagen denken. Echter Druck und Handlungsbedarf entsteht immer nur dann, wenn sich wirklich etwas ändert; dann, wenn nicht nur Worte, sondern Fakten sprechen. Massiv sinkende Absatzzahlen der Pille könnten die Industriebosse vielleicht nervös machen. Und nicht nur die. Auch Ehemänner, solche, die es werden wollen oder auch “nur“ unverbindliche Sex-Partner könnten unter Druck geraten, wenn Frauen plötzlich ernsthaft in den Verhütungsstreik treten, anstatt das Hamsterrad weiblicher Benachteiligung immer weiter am Laufen zu halten.

Verhütung und Vertrauen: Ein sensibles Thema

Zumindest wäre ein solcher Protest eine Option. Aber – das sollte man nicht vergessen – auch ein Risiko. Denn dann geben wir die Zügel aus der Hand. Wer sich weigert, die Verhütung zu übernehmen, wehrt sich zwar gegen Ungerechtigkeit und Nebenwirkungen, verliert aber auch die Kontrolle. Verhütung ist am Ende nämlich auch eine Frage des Vertrauens. Nimmt mein Partner auch wirklich regelmässig die Verhüterli ein? Checkt er seine Temperatur-Werte korrekt? Oder würde er vielleicht sogar entgegen meinen Willen die Verhütung heimlich aussetzen?

All das sind Fragen, die unsere Göttergatten bisher ebenfalls uns überlassen. Warum? Weil sie uns Vertrauen schenken. Das ist die schöne Botschaft – und gleichsam ein Instrument der Sicherheit. Denn bei einem derart wichtigen Thema wie der Familienplanung kann man durchaus auch den Gedanken hegen, dass Vertrauen gewiss gut, Kontrolle aber vielleicht noch besser ist. Inwieweit wir uns das Verhütungsmonopol also am Ende wirklich aus der Hand nehmen lassen wollen, mag ebenfalls nochmals gut durchdacht werden. Und vielleicht bleibt das Thema Verhütung damit das, was es seit je her ist: Eine Gretchenfrage!

Die neusten Erkenntnisse aus der Forschung zur Pille für den Mann.

Der aktuelle Forschungsstand zur Pille für den Mann. Foto: toonishwarhead, iStock / Getty Images Plus

Forschungstand: Pille für den Mann

Ankündigungen zur Pille für den Mann gibt es schon seit über 40 Jahren. Aber wie soll die Verhütungsmethode überhaupt funktionieren? In den Hoden des Mannes werden Testosteron und Spermien produziert. Es werden deshalb Wirkstoffe gesucht, die diese Produktion eindämmen. Das Hormon Gestagen brachte den gewünschten Effekt. Allerdings ist die Einnahme mit Nebenwirkungen verbunden. Die körpereigene Produktion von Spermien wird komplett eingestellt und nach dem Absetzen der Pille erst langsam wieder aufgebaut. Ausserdem gilt als eine Nebenwirkung, dass die Hoden schrumpfen – keine Voraussetzungen, die die meisten Männer gerne in Kauf nehmen.

Da bei der Einnahme in Tablettenform die Brust des Mannes wachsen würde, kann Gestagen nur gespritzt werden. Doch die Spritze gilt als schmerzhaft und ist mit möglichen Nebenwirkungen wie Stimmungsschwankungen, Gewichtszunahme und Nachtschweiss verbunden. Mitte 2011 wurden die Forschungen zur Antibabyspritze für Männer endgültig eingestellt. Verhütung war nach wie vor Frauensache. Doch damit ist die Forschungsgeschichte rund rum die Pille für den Mann noch nicht zu Ende erzählt.

«Eine sichere, reversible hormonelle männliche Verhütung sollte in etwa 10 Jahren verfügbar sein.», so Christina Wang vom Los Angeles Biomed Research Institute in Torrance. Zudem ist eine beträchtliche Zahl an Männern bereit, eine Pille zur Verhütung einzunehmen: In der Zeitschrift Human Reproduction erschien im Februar 2005 eine multinationale Umfrage zum Thema Akzeptanz der Antibabypille für Männer. Dabei stimmten 55% von 9.000 befragten Männern in stabilen Beziehungen zu, der Einnahme einer Pille offen gegenüberzustehen. 

Die neusten Erkenntnisse: Sichere und nebenwirkungsarme Wirkstoffe

2018 testeten US-Forscher den Wirkstoff Dimethandrolon-Undecanoat (DMAU). Bei diesem Wirkstoff wird die Testosteronbildung durch künstlich hergestellte Hormone verhindert, damit keine Spermien produziert werden. Bei 82 von 100 Männern, die an der Studie teilnahmen, war das Ergebnis sicher und nebenwirkungsarm. Folgende geringe Nebenwirkungen traten auf: Gewichtszunahme und eine Veränderung des Cholesterinspiegels.

2019 wurde vom selben Team der Wirkstoff 11-Beta-Methyl-19-Nortestosteron-Dodekylcarbonat (11-Beta-MNTDC) getestet. Es handelt sich um eine modifizierte Form von Testosteron, die die natürliche Produktion des Hormons und damit die Spermienbildung verringern soll. 40 gesunde Männer nahmen daran teil. Folgende geringe Nebenwirkungen traten auf: Müdigkeit, Akne, Kopfschmerzen, verringerter Sexualtrieb und eine erektile Dysfunktion. Die Pille benötigt allerdings 60 bis 90 Tage, bis die Spermienanzahl zurückgeht. Mehr Infos

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