Deutsch und Schweizerdeutsch: Kulturell auf «aufmerksam» schalten

Jens-Rainer Wiese lebt mit seiner Familie seit über zehn Jahren in der Schweiz. Auf seinem Blog blogwiese.ch nimmt er die kleinen und grossen Unterschiede zwischen Schweizern und Deutschen humorvoll unter die Lupe. Besonders die sprachlichen Eigenheiten und Kuriositäten reizen ihn: Über die Jahre ist er zu einem Deutsch-Schweizerdeutsch-Experten geworden. Im Interview verrät er, warum gerade eine sprachliche Integration für Zugezogene entscheidend ist.

Deutsch Schweizerdeutsch: Kulturelle aufmerksam sein hilft bei der Integration

Fondue essen reicht nicht: Blogger Jens Wiese rät Zuwanderern kulturell aufmerksam zu sein und sich ins Schweizerdeutsche einzuhören. Bild: iStockphoto, Thinkstock.

Herr Wiese, Sie leben mit Ihrer Familie seit über zehn Jahren in der Schweiz: Welches war das grösste Problem am Anfang?

Jens-Rainer Wiese: Die Sprache. Sie haben keine Ahnung was es bedeutet, wenn wirklich alle Dialekt im Alltag sprechen. Wir haben uns da schnell reingehört, da wir schon vorher in Süddeutschland lebten. Für einen Norddeutschen ist das oft schwieriger.

In Ihren Blog schreiben Sie: «Wer sich nicht anpasst, kommt in der Schweiz nicht zum Ziel». Wie sieht Anpassung für Sie konkret aus?

Das beste Beispiel ist die Übernahme der anderen Kommunikationskultur bei Begegnungen, am Telefon, bei Kontakt mit Behörden und vielem mehr. Wenn Sie da auf direkt deutsch und stur schalten, kommen Sie mit Sicherheit nicht zum Ziel.

Was haben Sie und Ihre Familie gemacht, um in der Schweiz Anschluss zu finden?

Unser Kind ging in die Primarschule, was ungemein integriert. Wir engagierten uns ausserdem in der Kirche, in einem Chor und waren einfach nett und offen zu den Schweizer Nachbarn. Einen Hund zu haben und viel mit ihm ausgehen hilft auch, viele andere «Hündeler» kennenzulernen.

Was behindert in Ihren Augen die kulturelle Integration in der Schweiz?

Die Unfähigkeit sein Hörverständnis für Schweizerdeutsch zu verbessern. Das passiert aber nur selten bei Deutschen, die kein gutes Sprachgefühl haben oder sich nicht zutrauen sich einzuhören. Es geht hier nicht um das aktive Erlernen von Schweizerdeutsch, sondern um das reine Verstehen.

Über welche Kleinigkeiten stolpern Sie im Umgang mit Schweizern immer wieder?

Ich beginne immer noch gern spontan direkte Kommunikation ohne Einleitung und renne dabei gegen eine Mauer. Auch Ironie kommt bei manchen Schweizern nicht immer gut an.

Würden Sie sich heute als integriert bezeichnen?

Ich bleibe wohl immer Deutscher, «verschweizere» aber langsam. Zu 40 Prozent bin ich es vielleicht.

Wer fand schneller in die neue Kultur: Sie oder Ihre Kinder?

Ich denke, wir gewöhnten uns gleich schnell oder langsam an die andere Kultur. Wir hatten ja quasi keine andere Wahl.

Was sollte man als Neuzugezogener auf keinen Fall machen?

Laut sein, alles kritisieren und mit Deutschland vergleichen. Und glauben, nur weil es in Deutschland «ein Pils» gibt in der Kneipe, gibt es das auch in der Schweiz. Man sollte kulturell auf «aufmerksam» schalten, beobachten und lernen.

Was sollte man sich abgewöhnen, wenn man in die Schweiz kommt?

Nach Schwarzbrot oder Graubrot in der Migros zu suchen und Tschüss am Ende eines Telefongesprächs mit Geschäftspartner zu sagen. Und man sollte nicht laut «Guten Tag» entgegnen, wenn der Schweizer «Grüezi» sagt. Auf die Frage am Telefon «Sind sie noch da?» sollten Zuzügler nicht antworten: «Nein, ich bin explodiert» oder «Nein, sie sprechen nur noch mit meinem Beantworter.»

Welches ist das grösste Schweizer Fettnäpfchen?

Meiner Meinung nach ist es nicht zu wissen, wie die derzeitige, letzte und vorletzte Miss Schweiz heisst. Ein Fettnäpfchen, in das Schweizer häufig selbst treten ist, das merkwürdige Verhalten, auf «rüder» und «ungehobelter» schalten, wenn sie mit Deutschen kommunizieren. Sie denken, das würden die Deutschen so wollen oder besser verstehen.

Interview: Michèle Graf.

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