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Besser kommunizieren: Wieso Lob nicht gleich Anerkennung ist

Haben Sie auch schon versucht durch Lob das Verhalten Ihrer Mitmenschen zu beeinflussen? Leider geht diese Taktik meist nicht auf – schon gar nicht innerhalb der Familie. Susanne Schultes, Beraterin für Kommunikation und Konfliktlösung, erklärt, wie Ihre Botschaft auch tatsächlich ankommt, verstanden wird und vielleicht sogar für die gewünschte Veränderung sorgt.

High five: Vater und Tochter geben sich ein High Five

Lob ist nicht die beste Form von Anerkennung. Bild: shapecharge, E+

Wünschen Sie sich manchmal, dass der Partner mehr mithelfen würde im Haushalt oder, dass Ihr Kind ordentlicher ist? Bedienen Sie sich darum öfters des Lobes und hoffen darauf, dass Sie dadurch ein positives Verhalten des Kindes oder des Partners verstärken? Wenn ja, dann sind Sie damit nicht alleine. Aber Vorsicht: So verlockend Lob auch sein mag, wirklich beziehungsfördernd ist es nicht.

Wer lobt, beurteilt und wertet

In meinen Beratungen und Kursen höre ich von Eltern immer wieder die Aussage: „Aber Lob soll doch so hilfreich sein. Nennt man das nicht positive Verstärkung?“ Ich persönlich rate zu einer hilfreicheren Variante der Anerkennung. Denn Lob, wenn es auch noch so gut gemeint, ist meist bewertend und kommt in der Regel in einer Du-Botschaft daher. Diese Botschaft enthält also eine Wertung über das Gegenüber. Zum Beispiel: „Du hast dich im Restaurant richtig gut benommen.“ oder „Du hast dich in der Schule wirklich verbessert.“ oder „Das hast du toll gemacht.“ Sie beinhalten immer die Botschaft: „Ich weiss es besser, ich stehe über dir und beurteile dich von oben herab.“

Ich stelle mir dabei bildlich immer einen König vor, der über seine Untertanen bestimmt und sie bewertet. Jesper Juul, der dänische Familientherapeut, nannte dies auch die „Definitionsmacht“ der Eltern. Meist beinhaltet diese Botschaft zusätzlich auch eine Absicht, nämlich jene, ein Verhalten zu verändern oder eben zu verstärken. Das heisst, sie ist oftmals manipulativ, was dazu führen kann, dass ein Kind sich in eine Rolle des „lieben Kindes“ oder des „ordentlichen Kindes“ oder des „pflichtbewussten Kindes“ begibt und somit sein Selbstkonzept starrer wird. Anderes wird dann oftmals unterdrückt, was die Freiheiten und Entwicklungsmöglichkeiten eines Kindes – überhaupt eines Menschen – beeinträchtigt.

Ich-Botschaften werden besser verstanden

Szenenwechsel: Kennen Sie die Situation? Jemand sagt Ihnen: „Du bist ja eine so gute Mutter.“ Was macht diese Aussage bei Ihnen? Ich meinerseits denke: „Du hast ja keine Ahnung, wie ich mich manchmal fühle. Ich habe Tage, da denke ich, ich mache so ziemlich alles falsch. Und wer bist du eigentlich, der da über mich urteilt?“ Oder ein anderes Beispiel: „Du siehst aber toll aus!“, dabei sind Sie genau heute vollkommen verschwitzt, finden Ihr Kleid grad ganz schrecklich und möchten sich am liebsten verkriechen und Sie denken: „Wenn du wüsstest, wie ich mich grade fühle, würdest du sicher grad wieder Kehrum machen.“

Deshalb plädiere ich dafür, stattdessen persönliche wertschätzende und anerkennende Ich-Botschaften auszusenden, um die Beziehungen zu Ihren Familienmitgliedern oder zu Ihren Mitmenschen zu stärken.

Mir würde es guttun, wenn diese aussenstehende Person zu mir sagen würde: „Wow, mich beeindruckt, wie du deinen Familienalltag meisterst. Ich kann mir zwar vorstellen, wie streng so eine Aufgabe ist, jedoch sehe ich deine Kinder, die so voller Energie und Lebensfreude sind, ich denke deshalb, dass sie sehr gut aufgehoben sind in eurer Familie.“ Diese Botschaft regt an, um in einen Dialog zu treten, oder?

Was den grossen Unterschied ausmacht

Was aber ist der grosse Unterschied? Ganz einfach: Der Betrachter spricht von sich. Er spricht von seiner Wahrnehmung (Kinder voller Lebensfreude) und von seiner Schlussfolgerung (sie sind vermutlich sehr gut bei dir in deiner Familie aufgehoben).

Dem Kind im Beispiel oben würde es vermutlich gefallen zu hören: „Wow, ich habe gesehen, wie du dich im Restaurant am Tisch mit deinen Autos beschäftigt hast und wie du zwischendurch immer wieder gemalt hast. Dadurch konnten wir Eltern so gute Gespräche führen. Es war so entspannt für mich. Vielen Dank für deine Geduld.“  Oder: „Mich dünkt, dir fällt die Schule etwas leichter. Ich höre dich gar nicht klagen zurzeit. Du wirkst auf mich viel entspannter und zuversichtlicher. Stimmt das?“

Diese Botschaften nehmen die Wahrnehmung vom Sender auf und sind nicht bewertend oder gar manipulativ. Sie sind echt, authentisch und voller echter Anerkennung. So fühlen wir uns oder fühlen sich unsere Familienmitglieder eher gesehen und wertvoll – und wir haben weniger das Gefühl, eine Rolle (wie zum Beispiel die, der toll aussehenden Frau) erfüllen zu müssen.

Wie Sie anerkennende Botschaften (ver-)senden:

1 Beschreiben Sie das Verhalten urteilsfrei: Statt „Jetzt hast du aber lieb geholfen.“ eher „Oh, ich sehe dich mithelfen, den Tisch zu decken.“ (Was sehe ich oder höre ich konkret?)

2 Beschreiben Sie die Folgen: „So konnte ich zwischenzeitlich kochen. Jetzt können wir sofort essen.“

3 Ihr Gefühl, welches aus der Folge entsteht: „Darüber freue ich mich, und ich fühle mich gleich unterstützt.“

Solche Aussagen machen mich für mein Gegenüber transparent und fassbar. Und was dabei noch passiert: Ihr Gegenüber wird sich gesehen und anerkannt fühlen, und die Beziehung wird gestärkt. Es lohnt sich also, sich in der Familienkommunikation nicht nur auf die Dinge zu fokussieren, die momentan Schwierigkeiten verursachen und stattdessen jenen Verhalten der verschiedenen Familienmitglieder vermehrt Aufmerksamkeit zu schenken, die Sie erfreuen und die das Familienleben bereichern.

Und nichts desto trotz: Botschaften die vollkommen authentisch in der Du-Form daherkommen, sind deswegen nicht per se ein Beziehungskiller. Es ist durchaus legitim auch diese auszusprechen, wenn Ihnen danach ist. Botschaften wie: „Du bist einfach wunderbar!“, „Du bist grossartig!“ oder „Für mich bist du das hübscheste Mädchen der Welt!“ sind sicherlich keine No-Go’s.

Veranstaltungen:

Online Workshop: «Aggression – Raus aus der Negativspirale»

Wann? Donnerstag, 27.5.2021, 19:45 bis 21:45 Uhr

Online Workshop: «Gelingende Paar-Kommunikation»

Wann? Mittwoch, 2. + 9.6.2021, 19:45 bis 21:45 Uhr

Online Workshop: «Kommunikation für DICH»

Wann? Mittwoch, 23. + 30.6.2021, 19:30 bis 21:30 Uhr

Infoabend: «Gelingende (Familien-) Kommunikation»

Wann? Donnerstag, 1.7.2021, 19:30 bis 20:30 Uhr

Wo? Praxis Rosenegg, Männedorf

Susanne Schultes

Susanne Schultes

Suanne Schultes arbeitet seit 12 Jahren in der Elternbildung, ist ausgebildete Kommunikationstrainerin, Eidg. dipl. Beraterin im psychosozialen Bereich (SGfB) und Supervisorin. Sie betreibt eine eigene Praxis für Familien- und Paarberatung in Männedorf. Die Mutter von zwei Kindern (15 und 10 Jahre) teilt Ihr Wissen ausserdem auch auf Facebook und Instagram sowie auf Ihrem Blog. 

Ich bin weiterhin auch online für Sie da:

Haben Sie Anliegen, welche Sie gerne klären möchten? Betrifft es Sie selbst, Ihre Partnerschaft oder Ihre Familie? Kontaktieren Sie mich per Mail für eine Terminvereinbarung.

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