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«Wer verlieren kann, kommt besser durchs Leben»

Im Leben läuft nicht immer alles glatt. Darum ist es besonders wichtig, dass Kinder lernen, auch mal einstecken zu können. Der Fribourger Psychologe Fabian Grolimund erklärt, wie Kinder zu guten Verlierern werden und wie sich Eltern verhalten können, wenn das Kind Mühe mit Verlieren hat.

Ein Junge schmollt, weil er verloren hat.

Ihr Kind schmollt, wenn es verliert? Erfahren Sie, was Sie als Eltern in einer solchen Situation tun können. Bild: skynesher E+, Getty

Das spannende Kopf-an-Kopf-Rennen liegt in den letzten Zügen. Doch dann würfelt das Kind nur eine Eins. Wütend tritt es gegen den Tisch, sodass die Spielfiguren durcheinander purzeln. Warum sind manche Kinder so schlechte Verlierer?

Fabian Grolimund: Verlieren bedeutet, mit Frustration umgehen zu müssen. Wenn ein Kind merkt, dass das Spiel nicht wie gewünscht läuft, wird es wütend oder traurig. Was es nun braucht, ist die Fähigkeit, diese Gefühle regulieren zu können.

Warum fällt das Verlieren manchen Kindern leichter als anderen?

Wie hoch der Frust ist, hängt davon ab, wie stark der Wunsch zu gewinnen war. Das Kind, das weniger Ehrgeiz hatte, denkt sich: «Nicht so schlimm, dann gewinne ich nächstes Mal.» Dem anderen gehen Gedanken durch den Kopf, die so klingen: «Das ist so gemein!» – «Die anderen haben mich betrogen!» Es hat das Gefühl, versagt zu haben, fühlt sich minderwertig und in seinem Selbstwert angegriffen. Übrigens, die meisten Kinder können nicht so gut verlieren. Mit Frustration umzugehen, müssen alle Kinder erst mal lernen.

Was hilft einem Kind nicht, wenn es beim Spielen frustriert ist?

«Man muss auch mal verlieren können!» – ein moralisierender Satz wie dieser spitzt die schwierige Situation zu. Auch Vorhaltungen wie «Es macht keinen Spass, mit dir zu spielen!» oder «Jetzt komm mal runter!» wirken wie Öl ins Feuer und heizen die Wut des Kindes an. So macht es die Erfahrung: «Wenn ich verliere, ist es nachher schlimm.» Das kann dazu führen, dass das Kind die Lust am Spielen komplett verliert.

Wie verhalten sich Eltern stattdessen sinnvoll?

Besser ist es, gelassen zu bleiben. Ruhig mit der Situation umzugehen, führt zur Entspannung. Statt dem Kind zu sagen, was es fühlen soll, ist es besser, seine Gefühle zuzulassen. «Puh, du bist ganz schön enttäuscht und wütend …» Auch wir Erwachsenen wünschen sich gelassene Reaktionen, wenn sie sich zum Beispiel bei der Arbeit geärgert haben. Kommentare wie «Warum hast du denn nicht …?» oder „Du hättest doch …» wollen sie dann auch nicht hören. Stattdessen wünschen wir uns einfach, was Kinder auch brauchen: ein verständnisvolles Ohr!

Manche Eltern werden aber selbst wütend ...

Eltern können nicht von ihrem Kind mehr erwarten, als sie selbst zu leisten imstande sind. Wenn sie ihr Kind anschreien: «Hör auf, wütend zu sein», dann soll das Kind etwas tun, was sie selbst nicht können. Darüber hinaus schadet es Kindern, aus Angst vor Strafe und Abwertung Gefühle zu unterdrücken. Es besteht die Gefahr, dass diese Angst sie ihr Leben lang hemmt, Probleme anzusprechen und dafür Lösungen zu suchen.

Manches wutentbrannte Kind verschwindet gern erst mal auch dem Zimmer …

Ja, es will in Ruhe gelassen werden und braucht kurz Abstand. Eltern können signalisieren: «Wenn du mich brauchst, bin ich für dich da.»

Was können Eltern tun, damit ihr Kind ein guter Verlierer wird?

Erst wenn die Emotionen des Kindes wieder abgekühlt sind, macht es Sinn, mit dem Kind über die Situation zu sprechen. Das Motto ist dann: «Du darfst wütend sein und deine Gefühle zeigen. Vielleicht finden wir einen Weg, wie du trotzdem anders reagieren kannst?» Das ist ein Lernprozess, der sich über die ganze Kindheit zieht.

Was hilft, damit sich ein Kind auch als Verlierer wohlfühlen kann?

Wenn ein Kind trotz Frust die Ruhe bewahrt oder dem Gegenüber den Sieg gönnt, können Eltern rückmelden: «Das ist schön für mich, dass du dich mit mir freust!» So vermitteln sie ihm: «Auch wenn du verlierst, hast du etwas zu gewinnen.» Wichtig ist es, selbst mit gutem Beispiel voranzugehen. Verfolgen sie zum Beispiel im Fernsehen ein Fussballspiel oder einen Wettkampf, sollten sie den Verlierer nicht abwerten durch Sätze wie «Der bringt es doch einfach nicht mehr.» – «Der sollte mal abtreten.» – «Was macht der denn für einen Mist?» Stattdessen zollen sie dem Verlierer Respekt, indem sie sagen. «Er ist ein guter Verlierer, der sich immer wieder der Herausforderung stellt.»

Buchtipp

Im Buch «Geborgen, mutig, frei – wie Kinder zu innerer Stärke finden» hat es mehrere Artikel zum Thema Umgang mit Misserfolg, Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl.

Dürfen Eltern ihre Kinder bei Gesellschaftsspielen oder Sportspielen gewinnen lassen?

Eltern passen sich beim Spielen in der Regel automatisch den Fähigkeiten ihres Kindes an. Wenn sie zusammen auf der Wiese kicken, werden sie den Ball sicher nicht so hart spielen wie sonst. Aber noch schöner finde ich es, die Ausgangslage eines Spiels von vornherein so zu gestalten, dass sowohl Erwachsene als auch Kinder eine Chance haben zu gewinnen. Eltern und Kind können also eine Spielvariante suchen, bei denen sich alle bemühen müssen, wenn sie siegen wollen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Als ich mit meinem Sohn Schach gespielt habe, haben wir vereinbart, dass ich ohne Dame spiele. Falls ich trotzdem gewinne, kommt im nächsten Spiel auch noch der Turm weg. So entsteht ein Gleichgewicht, und das Spiel bleibt für alle eine Herausforderung. Bei Spielen, in denen es darum geht, als erster ein Ziel zu erreichen, kann das Kind einen Vorsprung bekommen. Natürlich dürfen Eltern dem Kind auch mal helfen oder fragen: «Möchtest du einen Tipp von mir?»

Warum ist es so wichtig, ein guter Verlierer zu sein?

Gute Verlierer kommen besser damit klar, wenn sie mal unfair behandelt werden, eine schlechte Schulnote bekommen oder ein Ziel nicht erreichen. Menschen, die sich nicht aus der Bahn werfen lassen und Ruhe bewahren, sind klar im Vorteil und kommen besser durchs Leben.

Zur Person

Der Psychologe Fabian Grolimund leitet mit seiner Kollegin Stefanie Rietzler die Akademie für Lerncoaching. Die Akademie für Lerncoaching bietet Eltern einen Film zum Thema Selbstbewusstsein stärken: Verlieren lässt sich lernen an: