Schwangerschaft > ErnährungLakritz in der Schwangerschaft: Wie viel ist unbedenklich? Noemi Frei Plötzlich könntest du kiloweise Bärendreck essen, und die Packung ist schon halb leer. Solche Gelüste gehören zur Schwangerschaft. Bei Lakritz kommt allerdings eine Frage dazu, die bei Schoggi oder sauren Gurken niemand stellt: Süssholz enthält einen Stoff, der auf den Blutdruck wirkt und die Schutzschranke zwischen dir und dem Baby schwächt. Wie viel Lakritz in der Schwangerschaft unbedenklich ist, hängt weniger an einem einzelnen Nachmittag als an der Regelmässigkeit. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Bei Lakritz entscheidet die Menge über Wochen, nicht der einzelne Griff in die Tüte. © KI generiert von ChatGPT Darf ich in der Schwangerschaft Lakritz essen? Die kurze Antwort: ja. Ein paar Bonbons ab und zu sind kein Problem. Die finnische Lebensmittelbehörde Ruokavirasto führt Lakritz und Salmiaklakritz für Schwangere zwar als «nicht empfohlen». Im selben Eintrag schreibt sie aber ausdrücklich, dass kleine Mengen nicht schädlich sind, und nennt als Beispiel eine Portion Lakritzeis oder ein paar Bonbons.[1] Dass die finnische Behörde hier so genau wird, hat einen Grund: Die Forschung zum Thema kommt aus Helsinki. Wovon Behörden abraten, ist etwas anderes: der ständige Verzehr grösserer Mengen. Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung nennt Schwangere in einer Reihe mit Menschen, die an Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes leiden. Dieser Gruppe empfiehlt es, auf den regelmässigen Verzehr grösserer Mengen Lakritze zu verzichten.[2] Wenn du also bisher gelegentlich Lakritz gegessen hast, ist das nach allem, was belegt ist, kein Grund zur Sorge. Auf welche Lebensmittel du in der Schwangerschaft wirklich verzichten solltest, steht in unserer Übersicht zu den Lebensmitteln, die in der Schwangerschaft tabu sind. Lakritz gehört nicht dazu. Süssholz: der Stoff, der Lakritz zum Thema macht Lakritz wird aus dem Saft der Süssholzwurzel gekocht. Darin steckt Glycyrrhizinsäure, in Studien meist kurz Glycyrrhizin genannt. Sie ist der Grund für die ganze Diskussion: Sie schmeckt vielfach süsser als Zucker, greift aber zugleich in den Hormonhaushalt ein. In der Plazenta sitzt ein Enzym mit dem sperrigen Namen 11-beta-Hydroxysteroid-Dehydrogenase Typ 2. Es baut mütterliches Cortisol ab, bevor es beim Kind ankommt, und wirkt damit als Schranke zwischen dem Stresshormonspiegel der Mutter und dem Baby. Glycyrrhizin hemmt genau dieses Enzym, und das Kind ist dann rechnerisch mehr Cortisol ausgesetzt als sonst.[3] Wichtig für die Einordnung: Das ist der Mechanismus, über den ein Effekt überhaupt denkbar wäre. Er ist gut beschrieben. Nur sagt er nichts darüber, ab welcher Menge im Alltag etwas passiert. Und er hat nichts mit dem Zucker im Lakritz zu tun. Eine zuckerfreie Lakritzpastille aus Süssholz bringt dieselbe Glycyrrhizinsäure mit. Wie viel Lakritz ist zu viel? Die finnischen Studien haben drei Gruppen gebildet, verglichen aber nur die äussersten: Frauen mit hoher Aufnahme ab 500 Milligramm Glycyrrhizin pro Woche und Frauen mit geringer Aufnahme unter 250 Milligramm.[4] Das Bundesinstitut für Risikobewertung rechnet die 500 Milligramm in rund 250 Gramm Lakritze pro Woche um. Die Vergleichsgruppe kam auf keine oder etwa 125 Gramm pro Woche.[2] Dazwischen liegt eine dritte Gruppe, für die die veröffentlichten Ergebnisse keine Zahlen nennen: 250 bis 499 Milligramm pro Woche, nach der Umrechnung des Bundesinstituts etwa 125 bis 250 Gramm Lakritz.[2][4] Liegst du dort, hast du keine geprüfte Entwarnung. Du gehörst aber auch nicht zu der Gruppe, in der die Auffälligkeiten gefunden wurden. Und noch etwas gehört zur Einordnung. Berechnet wurde die Wochenmenge aus ausführlichen Fragebögen zum Lakritzkonsum in der Schwangerschaft, nicht aus einer gezählten Einzelwoche.[4] Eine einzelne Tüte an einem starken Wochenende bringt dich also nicht in die Gruppe mit hoher Aufnahme. 250 Gramm pro Woche sind je nach Packungsgrösse gut eine bis zwei Tüten. Das ist viel. Unerreichbar ist die Menge aber nicht. Eine Handvoll von rund 30 Gramm täglich ergibt etwa 200 Gramm pro Woche. Damit bist du nah an der Schwelle. Ganz aufhören musst du deswegen nicht, aber es lohnt sich, die Portion kleiner zu machen. Es gibt auch eine allgemeine Obergrenze, die nicht auf die Schwangerschaft zugeschnitten ist. Der frühere wissenschaftliche Lebensmittelausschuss der EU-Kommission konnte 2003 keine akzeptable Tagesdosis ableiten, hielt aber 100 Milligramm Glycyrrhizinsäure pro Tag für die meisten Bevölkerungsgruppen für unbedenklich.[2] Auf die Woche gerechnet sind das 700 Milligramm, also mehr als die 500 Milligramm, ab denen die finnischen Arbeiten von hoher Aufnahme sprechen. Für die Schwangerschaft ist die finnische Schwelle von 500 Milligramm pro Woche der strengere Massstab. Die ehrliche Einschränkung zu all diesen Zahlen: Wie viel Glycyrrhizinsäure tatsächlich in einem Produkt steckt, lässt sich nicht nachlesen, denn der Gehalt steht nicht auf der Packung.[2] Zwei Tüten mit demselben Gewicht können sich stark unterscheiden. Eine exakte Grammzahl, ab der es kippt, gibt es deshalb nicht. Was die Packung verrät, und was nicht Einen Anhaltspunkt liefert das Schweizer Lebensmittelrecht. Die Verordnung des EDI betreffend die Information über Lebensmittel staffelt die Hinweise. Süsswaren und Getränke mit mindestens 100 Milligramm Glycyrrhizinsäure pro Kilogramm oder 10 Milligramm pro Liter müssen «enthält Süssholz» tragen, sofern Süssholz nicht schon im Zutatenverzeichnis oder im Produktnamen steht. Stärker dosierte Produkte brauchen den längeren Satz «enthält Süssholz – bei hohem Blutdruck sollte ein übermässiger Verzehr dieses Erzeugnisses vermieden werden»: bei Süsswaren ab 4 Gramm pro Kilogramm, bei Getränken schon ab 50 Milligramm pro Liter.[5] Daraus lässt sich einiges ablesen. Trägt eine Süsswarenpackung den längeren Warnsatz, ist sie mindestens vierzigmal stärker dosiert als die Untergrenze der Kennzeichnungspflicht. Steht dagegen nur «enthält Süssholz» da, liegt der Gehalt irgendwo in dieser Spanne von Faktor 40. Bei Getränken liegen die beiden Schwellen näher beieinander: Zwischen 10 und 50 Milligramm pro Liter liegt nur der Faktor 5.[5] Ein Freibrief für die grössere Portion ist der kurze Hinweis in keinem der beiden Fälle. Und fehlt Süssholz im Zutatenverzeichnis und auf der Packung ganz, liegt der Gehalt unter der Schwelle. Das kommt vor: Manche Produkte, die wie Lakritz aussehen und schmecken, sind mit Anis aromatisiert. Eine Lücke hat diese Ableseregel. Steht Süssholz oder Süssholzextrakt schon im Zutatenverzeichnis, verlangt die Verordnung den kurzen Hinweis gar nicht mehr. Dann sagt die Packung nur, dass der Gehalt unter der Warnschwelle liegt, bei Süsswaren also unter 4 Gramm pro Kilogramm und bei Getränken unter 50 Milligramm pro Liter.[5] Wie weit darunter, bleibt offen. Auffällig ist, wen die vorgeschriebene Warnung anspricht. Sie nennt hohen Blutdruck, nicht die Schwangerschaft. Wer Lakritz kauft, wird im Laden also nicht darauf hingewiesen, dass für Schwangere andere Überlegungen gelten. Lakritz treibt den Blutdruck Der Teil, der dich selbst betrifft, ist am besten beschrieben. Allerdings nicht aus Studien an Schwangeren. Bei ständigem Verzehr grösserer Mengen verschiebt Glycyrrhizinsäure den Mineralstoffwechsel, der Körper lagert Natrium ein und verliert Kalium. Die Folgen sind erhöhter Blutdruck, Wassereinlagerungen im Gewebe und Muskelschwäche.[2] In der Schwangerschaft ist das aus einem zusätzlichen Grund unerwünscht. Der Blutdruck gehört zu den Werten, die bei jeder Vorsorgeuntersuchung kontrolliert werden, weil ein Anstieg ein frühes Zeichen für eine Gestose sein kann. Geschwollene Beine und ein steigender Blutdruck sind in der zweiten Schwangerschaftshälfte ohnehin häufig. Wirkt Lakritz daran mit, macht es die Einordnung für deine Ärztin schwieriger. Tipp: Wenn du regelmässig Lakritz isst, sag es bei der nächsten Vorsorge, auch wenn dein Blutdruck bisher in Ordnung ist. Dann kann deine Ärztin einen steigenden Wert von Anfang an richtig einordnen. Es ist eine Information, nach der niemand von selbst fragt. Und falls bei grösseren Mengen die Beine stark anschwellen oder du dich auffällig schwach fühlst, warte damit nicht bis zum nächsten Termin. Das sind genau die Beschwerden, die zu viel Lakritz machen kann. Kürzere Schwangerschaft: das hat die finnische Studie gefunden 1998 haben Forschende um Timo Strandberg in Helsinki 1049 Frauen zu ihrem Lakritzkonsum befragt und die Geburtsdaten ihrer Kinder ausgewertet. Die Kinder der Gruppe mit hoher Aufnahme waren bei der Geburt nicht leichter, und auch der Blutdruck der Mütter unterschied sich nicht. Die Schwangerschaft dauerte aber im Mittel 2,52 Tage kürzer, und diese kleine Verschiebung verdoppelte die Häufigkeit einer Geburt vor der 38. Woche.[4] Dass der Blutdruck hier nicht auffiel, ist kein Widerspruch zum Abschnitt davor. Gemittelt wurde über die ganze Gruppe, und die 100 Milligramm pro Tag, die der EU-Ausschuss nannte, gelten für die meisten Bevölkerungsgruppen, nicht für alle.[2] Bei erhöhtem Blutdruck bleibt Lakritz deshalb ein Thema, auch wenn deine Menge darunter liegt. Die beiden Zahlen zur Schwangerschaftsdauer gehören zusammen gelesen. Zweieinhalb Tage klingen nach nichts. Für die einzelne Schwangerschaft sind sie das auch. Weil sich aber die ganze Verteilung verschiebt, kommen mehr Kinder vor der 38. Woche zur Welt. Von einer Frühgeburt spricht man erst vor der vollendeten 37. Woche, und dieselbe Grenze zählt bei vorzeitigen Wehen. Die finnische Arbeit hat ihren Schnittpunkt also eine Woche später gesetzt und damit auch Geburten in der 37. Woche mitgezählt, die keine Frühgeburt sind. Woran das liegt, ist offen. Die Erklärung, Lakritz erhöhe die Prostaglandin-Produktion und weiche damit den Muttermund auf, stammt nicht aus diesen Arbeiten: Die Forschenden selbst führen die Cortisol-Schranke in der Plazenta an.[3] Was über die Entwicklung der Kinder bekannt ist, und was nicht Dieselbe Kohorte von 1998 hat dem Thema seine Schlagzeilen verschafft. Die Forschenden um Katri Räikkönen von der Universität Helsinki haben die Kinder mehrfach nachuntersucht, zuletzt 378 von ihnen im Alter von rund zwölf Jahren. Die Kinder, deren Mütter mindestens 500 Milligramm Glycyrrhizin pro Woche aufgenommen hatten, erreichten in Intelligenztests rund sieben Punkte weniger als die Kinder der Vergleichsgruppe mit höchstens 249 Milligramm. Ihr Gedächtnis war schwächer. Und die Wahrscheinlichkeit für Aufmerksamkeitsprobleme war bei ihnen rund dreimal so hoch. Bei den Mädchen setzte die Pubertät früher ein, und sie waren grösser und schwerer als die Mädchen der Vergleichsgruppe.[3] Jetzt die andere Hälfte des Befunds. Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat diese Studienreihe geprüft. Sein Urteil: Die erhobenen Daten sind nicht geeignet, zuverlässige Aussagen über einen Kausalzusammenhang zu treffen. Das norwegische Wissenschaftskomitee für Lebensmittel und Umwelt kam zum selben Schluss. Drei Kritikpunkte wiegen schwer. Der Lakritzkonsum wurde nicht laufend erfasst, sondern rückblickend bei der Aufnahme auf die Entbindungsstation erfragt. Von den ursprünglich über 1000 Schwangeren stand bei der Nachuntersuchung nur noch etwa ein Drittel zur Verfügung. Und das Institut hält für fraglich, ob die statistisch auffälligen Unterschiede klinisch überhaupt etwas bedeuten.[2] Dazu passt ein Nullbefund der Nachuntersuchung mit zwölf Jahren: Unterschiede im Cortisolspiegel der Kinder fanden die Forschenden dort keine.[3] Was bleibt, ist ein Befund, der ernst zu nehmen ist, ohne dass er bewiesen wäre. Die Forschenden selbst formulieren vorsichtig: Lakritzkonsum in der Schwangerschaft könne mit Schaden für das sich entwickelnde Kind verbunden sein.[3] Das gelegentliche Bonbon war nicht Gegenstand dieses Vergleichs. Bei Süssholztee ist die Empfehlung strenger als bei Lakritzbonbons Süssholzwurzel steckt nicht nur in Süssigkeiten. Sie ist auch ein Heilmittel: Sie sitzt in Husten- und Magentees, und dort fällt die Empfehlung deutlicher aus. Dazu gibt es eine Monografie der europäischen Arzneimittelagentur. Sie empfiehlt die Anwendung in der Schwangerschaft und in der Stillzeit nicht. Für alle anderen setzt sie Fristen, und die zeigen, wie vorsichtig sie das Mittel einordnet: bei Magenbeschwerden höchstens vier Wochen und ein Arztbesuch schon nach zwei Wochen ohne Besserung, bei Husten ein Arztbesuch nach einer Woche.[6] Der Unterschied liegt in der Anwendung. Für den Hustentee rechnet die Monografie mit 1,5 bis 4,5 Gramm Süssholzwurzel je Tasse und zwei bis drei Tassen am Tag.[6] Ein Tee wird über Wochen getrunken, oft mehrmals täglich. Und niemand zählt dabei mit. Schau bei Kräutertees also auf die Zutatenliste, gerade bei Husten- und Bronchialtees aus der Apotheke. Steht Süssholzwurzel darauf, frag nach einem Tee ohne Süssholz. Und hält der Husten länger als eine Woche an, gehört er ohnehin zur Ärztin. Wichtig, wenn du ohnehin regelmässig Lakritz isst: Der Tee zählt dazu. Die Monografie rät ausdrücklich davon ab, neben einem Süssholz-Arzneimittel weitere süssholzhaltige Produkte zu verwenden.[6] Wenn der Heisshunger auf Lakritz da ist Gelüste in der Schwangerschaft sind nicht wegzudiskutieren. Ein Verbot hilft meistens nicht weiter. Mehr dazu, woher der Heisshunger in der Schwangerschaft kommt, liest du in unserem Artikel dazu. Was im Alltag funktioniert, ist portionieren statt verzichten. Ein Säckli abfüllen und die Tüte wegräumen wirkt besser als der Vorsatz, weniger zu essen. Hilfreich ist auch, die Woche statt den Tag anzuschauen: Zwei Handvoll an einem Filmabend sind etwas anderes als jeden Abend eine Portion über einen Monat. Und wenn dir vor allem die Süsse fehlt, tun es Datteln oder Trockenfrüchte oft auch. Bleibt die Frage nach deiner eigenen Menge, ist die Hebamme die richtige Adresse. Sie kennt deinen Blutdruck und deinen Schwangerschaftsverlauf und kann besser einschätzen als jede allgemeine Grammzahl, ob dein Lakritzkonsum ein Thema ist. Quellen Ruokavirasto (Finnische Lebensmittelbehörde): Restrictions on the use of certain foodstuffs, Tabelle 1, Stand April 2025. Abgerufen am 15.09.2026. Bundesinstitut für Risikobewertung (Deutschland): Beeinträchtigt der Lakritzverzehr von Schwangeren die geistige und körperliche Entwicklung von Kindern?, Mitteilung Nr. 010/2023 vom 14. Februar 2023. Abgerufen am 15.09.2026. Räikkönen K, Martikainen S, Pesonen AK et al.: Maternal Licorice Consumption During Pregnancy and Pubertal, Cognitive, and Psychiatric Outcomes in Children. American Journal of Epidemiology 2017;185(5):317 bis 328, doi 10.1093/aje/kww172. Abgerufen am 15.09.2026. Strandberg TE, Järvenpää AL, Vanhanen H, McKeigue PM: Birth outcome in relation to licorice consumption during pregnancy. American Journal of Epidemiology 2001;153(11):1085 bis 1088, doi 10.1093/aje/153.11.1085. Abgerufen am 15.09.2026. Eidgenössisches Departement des Innern: Verordnung des EDI betreffend die Information über Lebensmittel (LIV), SR 817.022.16, Anhang 26, Ziffer 3, Stand 1. Juli 2025. Abgerufen am 15.09.2026. Europäische Arzneimittelagentur, Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel: European Union herbal monograph on Glycyrrhiza glabra L., radix, Final Revision 1, EMA/HMPC/108399/2024 vom 4. März 2026. Abgerufen am 15.09.2026.