Alleingeburt: Natürliches Erlebnis oder gefährliches Risiko?

Wenn der Geburtstermin näher rückt, werden Mütter immer öfter gefragt, wo sie ihr Kind zur Welt bringen wollen. Die meisten entscheiden sich für die Klinik, viele für das Geburtshaus, manche – unterstützt von der Hebamme - für die Hausgeburt. Doch es gibt auch Frauen, die sich für eine Alleingeburt entscheiden.

Eine Alleingeburt ist natürlich, aber auch riskant

Eine Alleingeburt kann ein wunderbares Erlebnis sein, birgt aber auch Risiken. Foto: photobac, iStock, Thinkstock

«Der Trend zu Alleingeburten nimmt zu», berichtet Nadine Wenger, die mit ihrer Familie in der Schweiz lebt. Die Welle der Geburten in Eigenregie schwappe aus Amerika allmählich zu uns hinüber. «Im Internet gibt es entsprechende Foren sowie Gruppen auf Facebook, und zahlreiche Geburtsberichte sind bereits zu lesen», schreibt sie in ihrem Buch «Über das Glück der natürlichen Geburt», das 2015 im Allegro Verlag erschienen ist. Wie viele Alleingeburten es genau gibt, wird allerdings nirgends erfasst. «Alleingeburten sind sicher nur ein ganz marginales Phänomen, denn schon Hausgeburten überschreiten die ein bis zwei Prozent aller Geburten nicht, wenn es in der Deutschschweiz auch etwas mehr sind», sagt Heike Emery, Mitglied des Zentralvorstands des Schweizerischen Hebammenverbandes SHV.

Vier Kinder allein zur Welt gebracht

Nadine Wenger hat vier ihrer fünf Kinder allein zur Welt gebracht, das letzte am 4. Februar 2016. Sie habe gewusst, dass es möglich sei, in Selbstbestimmtheit, in Ruhe, in Geborgenheit zu gebären, berichtet sie im Blog der Ullstein Buchverlage «resonanzboden», «mit Vertrauen und Leichtigkeit, wenig Schmerzen, dafür umso mehr Glücksgefühlen und Liebe.» Hilfsmittel wie Musik, Hypnobirthing-CD, Düfte, Kerzen und Steine haben ihr während der Geburt geholfen, tief zu entspannen. «Niemanden dabei zu haben, der mich anspricht, der mich aus meiner Welt reisst. Niemanden, der mich beobachtet oder gar untersuchen will. Niemanden, der in irgendeiner Form irgendetwas von mir erwartet. Losgelöst von Zeit und Raum und gleichzeitig ganz zentriert bin ich in meiner Mitte. Das Bewusstsein ist absolut präsent und klar. Genau in diesem Zustand konnte ich mühelos und in unglaublich rascher Zeit, mit sehr wenig Schmerzen verbunden, unsere Kinder zur Welt bringen.» Die Geburt habe sie als einen Akt der Liebe erlebt. «Sie ist Freude und Hingabe, ist Kreativität und pures Glück!»

Alleingeburt: Wunsch nach Selbstbestimmung

Frauen, die allein ihr Baby geboren haben, haben eines gemeinsam – den Wunsch, vollkommen selbstbestimmt zu gebären. Die Geburt sehen sie als einen völlig natürlichen Vorgang. Sie sind sich sicher, dass sie intuitiv wissen werden, was gut für sie und ihr Baby ist. Ohne Einmischung von Hebammen oder Ärzten wollen sie die Gebärpositionen einnehmen, in denen sie sich am wohlsten fühlen. Wichtig ist ihnen, vollkommen ihrer Intuition und ihren Körpersignalen folgen zu können.

Alleingeburt aufgrund schlechter Erfahrungen

«Nachdem meine erste Geburtserfahrung im Geburtshaus nicht ganz meinen Vorstellungen entsprach, auch da eingegriffen wurde und ich in der Schlussphase unglaubliche Schmerzen erlebte, wusste ich, es gibt noch einen anderen Weg», erklärt Nadine Wenger, warum sie sich zur Alleingeburt entschlossen hat. Oft treiben schlechte Erfahrungen Frauen zum Entschluss, ihr Kind ohne medizinische Hilfe zur Welt zu bringen. «Nachdem mein anderes Baby im Oktober 2010 in einer belgischen Klinik drei Tage nach der Geburt gestorben ist, habe ich mir vorgenommen - einen Mega Plan zu entwickeln. Hinter diesem Plan steht ganz viel Lernzeit, Recherche und Mut. Mein Plan war geheim. Nur ich habe ganz tief in mir gewusst - es wird alles super gehen. Weil ich es kann. Weil ich eine Frau bin», berichtet Angela Stone Monarch im Internet. Sind Frauen heute gezwungen, Hilfe auszuschlagen, um eine selbstbestimmte Geburt erleben zu können?

Je mehr Medikalisierung, umso weniger Selbstbestimmung

Zwar setzt sich seit den 80er Jahren mehr und mehr die Auffassung durch, dass es wichtig ist, Mütter zu unterstützen, selbstbestimmt die Geburt ihres Kindes zu erleben. Doch trotz Hängetüchern und Matten, Hockern und Stühlen, Geburtswannen und Pezzibällen in den Kreisssälen erleben Mütter nicht immer eine selbstbestimmte Geburt. «Es ist unter anderem nach Regionen verschieden, wie häufig zum Beispiel eine PDA zum Einsatz kommt», erklärt Heike Emery. Daran seien aber weitere Schritte in den Protokollen der Kreisssäle gebunden wie das durchgehende CTG-Monitoring und vielfach auch die halbsitzende Rückenlage zur Geburt selbst. «Je höher der Medikalisierungsgrad einer Geburt ist, desto kleiner wird das Selbstbestimmungspotential.» Aber auch Krankenhäuser böten vielerorts Natursäle an für die Frauen, die möglichst ohne medizinische Unterstützung gebären wollen, aber für einen eventuellen Notfall die optimale Versorgung im Hintergrund wünschen. In entlegeneren Regionen sind die Hilfsangebote dagegen knapper.

Ärzte und Hebammen warnen vor Alleingeburt

Ein Kind allein zur Welt zu bringen, kann dennoch eine falsche Entscheidung sein. «Vom medizinischen Standpunkt gesehen ist eine Alleingeburt unverantwortlich. Denn Komplikationen sind bei einer Geburt nicht vorhersehbar» warnte Pierre Villars, Gynäkologe in Zürich und Vorstandsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Gynäkologie, vor der Alleingeburt in «20 Minuten». Im Kanton Zürich müssten Spitäler in der Lage sein, innerhalb von zehn Minuten einen Kaiserschnitt einzuleiten, um bei Komplikationen Schädigungen beim Kind möglichst zu verhindern. «Bei einer Alleingeburt ist es niemals möglich, in so kurzer Zeit zu reagieren.» Auch Hebammen warnen: «Ganz auf fachliche Unterstützung zu verzichten, ist aber ein möglicherweise riskanter Weg, da auch unerwartet Komplikationen während der Geburt bzw. in der besonders sensiblen Phase, in den ersten zwei Stunden danach, auftreten können, die eine medizinische Notfallversorgung erfordern», erklärt Heike Emery. «Um die Selbstbestimmung und individuelle Betreuung zu fördern, werden vielerorts Möglichkeiten angeboten, einen Geburtsplan zu erstellen. Darin können die Frauen dem geburtshilflichen Team ihre Wünsche zum Geburtsverlauf mitteilen und auch, welche Massnahmen sie im Normalfall ablehnen.»

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