Unerwünscht, abgetrieben und vergessen

In der Schweiz sind Schwangerschaftsabbrüche seit fünfzehn Jahren mit einer gesetzlichen Frist geregelt. Was viele nicht wissen: Es gibt trotz Fristenlösung des Öfteren Abtreibungen nach der zwölften Schwangerschaftswoche. Und teils kommen diese unterwünschten Kinder lebend zur Welt.

Menschlicher Embryo

Vor der zwölften Schwangerschaftswochen sind Fehlbildungen beim Kind schwer zu erkennen, da noch nicht alle Organe vollständig ausgebildet sind. (Bild: selvanegra/iStock, Thinkstock)

Tims Geburtstag hätte gleichzeitig sein Todestag sein sollen – die Mutter des deutschen Jungen mit Down-Syndrom entschied sich 1997 im sechsten Monat, ihr Kind abzutreiben. Tim kam aber lebendig auf die Welt und wollte einfach nicht sterben. Erst nach neun Stunden versorgten ihn die Ärzte medizinisch; Tim überlebte die mangelnde Pflege trotz massiver Unterkühlung und lebt heute bei einer Adoptivfamilie. Es scheint, als sei Tim ein tragischer Einzelfall, aber auch in der Schweiz kommen späte Abtreibungen häufig vor.

Hierzulande regelt das Gesetz Abtreibungen durch die Fristenlösung: Ein Schwangerschaftsabbruch ist bis zur zwölften Woche straffrei. Wie die Weltwoche Ende März berichtet, erfolgen gemäss dem Bund trotz Fristenlösung fünf Prozent der jährlich etwa 10'000 Abbrüchen nach der zwölften Schwangerschaftswoche (Weltwoche-Artikel online nicht frei zugänglich). Alleine 2015 hat das Bundesamt für Statistik 45 Abtreibungen nach der 22. Woche verzeichnet; die Anzahl solcher Abtreibungen ist seit 2007 tendenziell gestiegen.

Eine schmale Gratwanderung

Ein Abbruch nach Ablauf der zwölfwöchigen Frist ist nur dann möglich, wenn nach Beurteilung eines Arztes dadurch «die Gefahr einer schwerwiegenden körperlichen Schädigung oder einer schweren seelischen Notlage abgewendet werden kann». Mit der schwerwiegenden körperlichen Schädigung kann sowohl die Mutter selbst als auch das Kind gemeint sein. Je weiter entwickelt der Fötus ist, desto gravierender muss die Notlage sein, um einen Schwangerschaftsabbruch noch durchzuführen zu können.

Zu späten Schwangerschaftsabbrüchen kommt es mitunter, weil die Organe in der zwölften Woche noch nicht vollständig ausgebildet sind und man eine Fehlbildung dann noch nicht erkennen kann. Ein anderer Grund kann die gesundheitliche Gefährdung der Mutter durch die Schwangerschaft sein. Es gibt aber auch späte Abtreibungen bei weniger gravierenden Fällen: So werden beispielsweise 90 Prozent der Föten mit Trisomie 21 (Down-Syndrom) abgetrieben. Bei späten Abtreibungen entscheiden Ärzte im Team und ziehen teilweise auch Ethiker zur Beratung hinzu. Eine solche Abtreibung ist für die Betroffenen – sowohl Kindseltern als auch das medizinische Personal – eine grosse Belastung sowie ein ethisches und rechtliches Dilemma.

Lebenszeichen trotz Abtreibung

Denn bei späten Schwangerschaftsabbrüchen kann das Kind lebend zur Welt kommen. Umso später der Zeitpunkt der Abtreibung erfolgt, desto höher ist die Chance auf eine Kind, das bei der Geburt am Leben ist. Laut Recherchen der Weltwoche liegen in der Schweiz keine Zahlen vor, die Aufschlüsse über Lebendgeburten bei Abtreibungen geben. Aber aus dem Ausland: Eine Britische Studie aus dem Jahr 2007 untersuchte 3000 Abtreibungen im Zeitraum von 1995 bis 2004. Die Resultate zeigen, dass 3,2 Prozent der wegen Fehlbildung Abgetriebenen lebend auf die Welt kommen. Bei Abbrüchen nach der 20. Schwangerschaftswoche waren sogar 20 Prozent der Kinder am Leben.

Wenn ein Neugeborenes nach Beurteilung der Ärzte potentiell lebensfähig ist, hat es – trotz der ursprünglichen Tötungsabsicht – wie jeder Mensch Anrecht auf medizinische Hilfe. Wie geht man mit einer solchen Situation um? Gemäss einer Studie der Universität Basel von 2011 empfehlen Ärzte, dass ein lebend geborenes Kind vor der 24. Woche – es ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht lebensfähig ohne medizinische Hilfe – nur  palliativ versorgt werden soll. Das heisst, dass das Kind beim Sterben begleitet wird und nur Eingriffe vorgenommen werden, die der Linderung von Schmerzen dienen. Die Basler Studie zeigte zudem, dass lebende Kinder in dieser Situation nicht allein gelassen, sondern von Hebammen versorgt und den Eltern zum Abschied in die Arme gelegt werden. Das könne den Schock vermindern, den Eltern bei einer Lebendgeburt erleiden.

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