Familie im Wandel: Wer braucht schon Sex, um Kinder zu zeugen?

Wie werden wir in Zukunft Kinder machen? Sollten Frauen mit 50 Jahren noch ein Kind bekommen? Sollten Kinder eher in einer Zweckbeziehung grossgezogen werden anstatt in einer Liebesbeziehung? Kurz: Wie wandelt sich die Familie? Um sich diesen Fragen zu stellen, lud der Think Tank W.I.R.E. zur Diskussionsrunde.
 

Kinder zeugen ohne Sex

Dass Sex losgelöst vom Zeugen eines Kindes ist, finden die meisten Menschen gut.
Aber wie ist das beim Kinderzeugen ohne Sex? Bild: Jupiterimages, Stockbyte, Thinkstock
 

Kinder. Für viele Menschen sind sie der Sinn des Lebens. Aus Sicht der Evolution ist das nicht abwegig, denn die Reproduktion hält unsere Spezies am Leben. Ausserdem lässt sie unsere Gene nach dem Tod weiterleben.

Um die Reproduktion ging es auch an der Veranstaltung des Think Tanks W.I.R.E. «Liebe machen vs. Kinder machen», die kürzlich in Zürich stattfand. Barbara Bleisch, Moderatorin bei «Sternstunde Philosophie», wandte sich für einmal nicht der Philosophie zu, sondern suchte stichfeste Argumente zum Wandel der Familie. Für diese waren nicht nur Experten wie Professor Bruno Imthurn, Reproduktionsmediziner an der Universität Zürich, und Michèle Rothen, Journalistin  bei «Das Magazin», sondern auch das Publikum zuständig.

W.I.R.E. – DER THINK TANK FÜR WIRTSCHAFT, GESELLSCHAFT UND LIFE SCIENCE

W.I.R.E. ist ein unabhängiger Schweizer Think Tank, der sich mit globalen Entwicklungen in Wirtschaft, Gesellschaft und den Life Sciences beschäftigt. Ziele sind die kritische Auseinandersetzung mit etablierten Sichtweisen, das Schaffen von Transparenz über aktuelle Trends sowie die Erarbeitung neuer Konzepte und Ideen für die Zukunft. Auf Basis eines interdisziplinären Forschungsverständnisses funktioniert W.I.R.E. als Labor für den Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis sowie als Plattform für Netzwerke zwischen Akteuren und Denkern aus verschiedenen Handlungs- und Wissensgebieten

Familie im Wandel: Ist die Familie eine Liebes- oder Zweckbeziehung?

Ein Kind wird meistens aus Liebe gezeugt. Doch Liebe – vor allem unter den Eltern – hält vielfach nicht ein Leben lang. Die Eltern trennen sich. Die Familie wandelt sich nicht, sie zerbricht. Für das Kind ist das schlimm. Die Menschen, die ein Kind liebt, lieben sich nicht mehr, hassen sich vielleicht sogar und das Kind wird somit ein potenzielles Instrument für Intrigen.

Was wäre, wenn Kinder in einer freundschaftlichen Beziehung grossgezogen würden? Freundschaften halten vielfach länger als Liebesbeziehungen. Und: «Ich glaube nicht, dass es ein Kind interessiert, ob seine Eltern Sex miteinander haben, sie wollen einfach Bezugspersonen», so Journalistin Michele Rothen.

Christina Caprez, Journalistin bei SRF 2, Soziologin und ebenfalls Gesprächsgast bei der Veranstaltung, porträtierte für ihr Buch «Familienbande. 15 Porträts» neun Frauen, die nahezu zeitgleich schwanger wurden. Diese beschlossen, die Kinder gemeinsam grosszuziehen. Die Kinder stammen alle aus heterosexuellen Beziehungen, die aber nicht lange hielten; die Freundschaft dieser Frauen aber schon. Zwei dieser Frauen wohnen immer noch zusammen und haben ihre beiden Kinder zusammen grossgezogen. Auf die Frage von Caprez, die sie bei dieser Recherche den Frauen stellte, ob dies nicht Zufall gewesen sei, antwortete eine Mutter, dass dies stimme, aber falls sie sich getrennt hätten, wäre die Trennung weniger dramatisch gewesen als bei einer Liebesbeziehung.

Eine Frau aus dem Publikum plädierte hingegen für die Liebesbeziehung: «Wenn Kinder liebende Eltern haben, die auch zärtlich miteinander umgehen, ist das, glaube ich, sehr wichtig und das gibt es in einer Freundschaft in der Form nicht.» Für Caprez ist die Liebe zum Kind aber viel essentieller als diejenige unter den Eltern. Kinder sollen natürlich Liebesbeziehungen mitbekommen, aber es müsse nicht unbedingt zwischen den beiden Eltern sein. «Ganz viele Kinder wachsen jetzt schon in Patchworkfamilien bei geschiedenen Eltern auf und erleben vielleicht zwei Liebesbeziehungen.»

Die Beziehung der Eltern scheint nicht per se wichtig zu sein. Wie sieht es mit dem Profil des einzelnen Bezugspartners aus? Wie alt sollte ein Elternteil sein?

Familie im Wandel: Mit 50 Jahren Kinder bekommen?

Gianna Nannini war 54, als sie Mutter einer Tochter wurde. Dies schlug natürlich hohe Wellen in den Medien. Denn normal war das nicht, wird es aber vielleicht in Zukunft sein? Die Medizin macht es möglich. Zum Beispiel durch eine Eizellenspende, die bis dato aber nicht erlaubt ist in der Schweiz. Samenspende hingegen schon. Deshalb müssen sich unfruchtbare Frauen anders weiterhelfen, zum Beispiel mit einer Behandlung im Ausland. Jährlich reisten deshalb Hunderte von Paaren ins Ausland, sagte Reproduktionsmediziner Bruno Imthurn gegenüber dem Tages-Anzeiger im Januar.

Eine andere Methode sich selbst Eizellen zu spenden: Beim sogenannten «social freezing» werden der Frau in den fruchtbaren Jahren Eizellen entnommen, eingefroren und in späteren Jahren – wenn der Kinderwunsch dann vorhanden ist – eingesetzt. Imthurn, der «social freezing» anbietet, hat bis jetzt nur eine solche Behandlung durchgeführt. Ethisch gesehen ist das ein heisses Eisen. Böse Zungen sprechen beim «social freezing» nicht von einem Wandel der Familie, sondern von einem Lifestyle-Trend. Zuerst Karriere, Ausland-Aufenthalt und später Kinder – alles nach Wunsch. Doch: «Viele Frauen sind der Ansicht, dass sie bis in die Wechseljahre fruchtbar sind und realisieren nicht, dass die Fruchtbarkeit bereits mit 39 Jahren oft stark vermindert ist», so Reproduktionsmediziner Jean-Claude Spira gegenüber der Sonntags-Zeitung.

Für Imthurn hat das indes nichts mit Lifestyle zu tun: «Keine Frau macht eine Stimulation und eine Eizell-Entnahme einfach so.» Sie wird vor allem angewandt, wenn eine Frau keine fruchtbaren Eizellen mehr hat, das seien typischerweise Frauen, die in jungen Jahren ein Chemotherapie, Tumor oder Kinderwunschbehandlung hatten. Zudem führe natürlich auch hier eine befruchtete Eizelle nicht automatisch zu einer Schwangerschaft. Grundsätzlich sei es technisch kein Problem, dass eine Frau mit 60, 70 Jahren Mutter werden kann, aber man wisse, dass Schwangerschaftsrisiken entscheidend ansteigen, leicht ab 35 Jahren und massgeblich ab 45.

Was sind aber die Vor- und Nachteile einer Schwangerschaft im «reiferen Alter»?

Michele Rothen ist eigentlich für das «social freezing», doch sie fände es schade, wenn eine Frau erst im hohen Alter Kinder bekäme, weil so wahrscheinlich die Grosseltern-Rolle wegfalle würde. Die Behandlung können sich auch nicht alle leisten, denn die kostet zwischen 10'000 und 20'000 Franken.

«Ältere Eltern sind die besseren Eltern, sie haben sich gefunden, sie haben sich entwickelt, sie haben keine Identitätskrisen mehr und sie sind in aller Regel ökonomisch besser gestellt», zitiert Barbara Bleisch den Soziologen Hans Betran, um dem Publikum ein Votum zu entlocken. Wie zum Beispiel dieses: «Ich finde es interessant, dass diese Fragen vor allem Frauen gestellt wird und nicht Männern, denn es hat, denke ich, in erster Linie nicht biologische Ursachen.» Unter anderem, weil die Biologie in Zukunft auch aussen vorgelassen werden kann. Dank Medizin.

Familie im Wandel: Kinder ausserhalb vom Körper zeugen?

Die konventionelle Art Kinder zu machen ist gar nicht mehr von Nöten. Eine unkonventionelle Art – und bei der lag der Fokus – ist die in-vitro Fertilisation (IVF), der Zeugung ausserhalb des Körpers. Manche Paare, die auf natürlichem Weg keine Kinder bekommen können, entscheiden sich dafür. Gründe für die Unfruchtbarkeit bei Männern und Frauen können zum Beispiel ein Verschluss, eine Beschädigung oder das Fehlen der Eileiter, unerklärte Sterilität oder ungenügende Samenqualität sein.

Regula Hauser, Leiterin Weiterbildung & Dienstleistung Hebamme an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, begegnet der IVF eher skeptisch: «Wenn die Kinder aber nicht mehr auf die natürliche Art und Weise entstehen, dann werden die Frauen zu Risikoschwangeren.» Ein weiterer Vorbehalt, der in der Gesellschaft schwirrt, ist die Angst vor der Familie im Wandel und einer Gesellschaft mit «Designerbabys». Für den Reproduktionsmediziner Imthurn ergibt das aber keinen Sinn, denn «es wird keine Frau eine in-vitro-Behandlung machen, nur mit dem Ziel einer Präimplantationsdiagnostik», in der der Embryo vor dem Einsetzen in die Gebärmutter auf Chromosomenstörungen getestet wird. Aus einer Untersuchung des Bundesamtes für Statistik geht hervor, dass 2009 rund zwei Prozent der Geburten in der Schweiz auf medizinisch unterstützte Fortpflanzung zurückgehen. Des Weiteren besagt die Studie, dass es bei rund einem Drittel der in vitro-Behandlungen, zu einer Schwangerschaft kam und davon zu 70 Prozent zu einer Geburt.

Die Schweiz ist zurückhaltend in der Fortpflanzungsmedizin

In der Schweiz ist die Präimplantationsdiagnostik bis anhin nicht erlaubt. Für Imthurn ist die Schweiz diesbezüglich noch zu konservativ. «Es gibt neben dem Vatikan in Europa wahrscheinlich kaum ein Land, das zurückhaltender ist in der Fortpflanzungsmedizin als die Schweiz», so Imthurn. Denn auch der pränatale Bluttest, der erst seit eineinhalb Jahren in der Schweiz möglich ist, «wird zurückhaltender angewandt als in anderen europäischen Ländern», so Thomas Tröster, Neonatologischer Notarzt an der Hirslanden-Klinik Aarau, in einem Kindersterblichkeitsbericht im Tages-Anzeiger letzter Woche. Bei der Pränataldiagnostik wird das ungeborene Baby im Mutterleib auf Chromosomenstörungen untersucht.

An der Veranstaltung von W.I.R.E. gab sich die Mehrheit der Experten und Zuschauer eher liberal und befürwortend gegenüber den potenziellen Zukunftsszenarien: ein Kind in einer Zwecksbeziehung grossziehen , Frauen, die erst mit 50 Jahren Mütter werden und der unkonventionellen Methode, Kinder zu zeugen.


 

 

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