Wenn die Beziehung unter dem Kinderwunsch leidet

Viele Paare unterziehen sich monatelang einer Behandlung und dann klappt es mit dem Kind doch nicht. Wann ist der Zeitpunkt erreicht, den Kinderwunsch aufzugeben?

Sie sprechen von Monaten, aber für viele Paare dauert es sicherlich Jahre, bis sie einsehen müssen, dass der Kinderwunsch nicht in Erfüllung gehen wird. Das liegt daran, dass es so viele Möglichkeiten gibt, die man angehen kann und die soviel Zeit in Anspruch nehmen. Es gibt Paare, die enorm viel Zeit, Energie und Geld investieren, diesen Wunsch zu realisieren. Es ist nur das Paar als solches, das bestimmen kann, wann es Zeit ist, aufzuhören. Von aussen hat man vielleicht schon früher das Gefühl, das ist nur noch destruktiv. Ich denke, es wäre gut, wenn sich die Paare in dieser Phase beraten lassen, weil der Prozess so zermürbend ist und weil die Partnerschaft stark unter Druck gesetzt wird.

Leiden die Beziehungen, weil der Kinderwunsch im Zentrum steht und die Paare sich nicht mehr um die Partnerschaft kümmern?

Ja, ich denke, es liegt daran, dass die Paare unterschiedlich empfinden. Der Kinderwunsch ist nicht unbedingt für beide Beteiligte gleich stark. Die Frustrationstoleranz und Flexibilität ist unterschiedlich. Es gibt heute viele Möglichkeiten, den Kinderwunsch anzugehen. Aber die Partner haben dazu zum Teil unterschiedliche Perspektiven und Vorstellungen. Dann können Beziehungen auch unter der Schuldfrage leiden. Wenn einer organische Probleme hat, die zur Kinderlosigkeit führen, kann es zu gegenseitigen Beschuldigungen kommen, und wenn die nicht besprochen werden oder unbewusst sind, dann kann eine Beziehung darunter leiden.

Wie können Paare diese Beschuldigungen vermeiden?

Die Beschuldigungen können nicht vermieden werden. Es ist sicher von Vorteil, wenn sie bewusst sind und ausgesprochen werden. Man muss darüber reden. Denn es kann sich zum Beispiel herausstellen, dass die Familie des einen oder anderen eine Rolle spielt, wodurch das Paar noch mehr unter Druck gesetzt wird. Allgemein kommen in der Phase des unerfüllten Kinderwunsches sehr viele Gefühle zum Ausdruck: Trauer, Wut und Neid oder resignative Momente. Das Beste ist natürlich, wenn man die verschiedenen Stimmungen als Paar ansprechen kann, bei Überforderung eine Beratung in Anspruch nimmt oder eine Selbsthilfegruppe aufsucht.

Die Familie und Freunde setzen das Paar ja meist mit Fragen wie «Warum wartet ihr so lange mit Kindern?» oder «Was, ihr habt noch keine Kinder, da wird es aber höchste Zeit» unter Druck. Wie sollten Paare damit umgehen?

Ich denke, bei vielen kommt der Druck nicht von den Bekannten, sondern von einem selbst oder von der Familie. Es gibt bei einigen Paaren eine Tendenz, das Problem nicht ansprechen zu wollen. Man schaut es als Paarproblem an, worüber nicht weiter gesprochen wird. Die Paare reden ungern darüber, vor allem wenn Freunde und Bekannte rundherum Kinder bekommen. Das kann zu Gefühlen der Einsamkeit und Isolierung führen. Es ist für das Paar von Vorteil gemeinsam abzuwägen, mit wem sie bereit sind, über das Problem zu sprechen beziehungsweise zu erzählen, dass es bei ihnen bis jetzt noch nicht geklappt hat, und mit wem nicht.

Wie können die Paare denn reagieren, wenn die eigenen Eltern sich unbedingt Enkelkinder wünschen?

Es kommt sehr darauf an, was man für eine Beziehung zu den Eltern hat. Entweder verschweigt man das Problem, was meistens nicht ideal ist, während bei genügend guter Abgrenzung das Ansprechen von Vorteil ist. Man kann sich davon auch Verständnis und Unterstützung versprechen. Es gibt aber immer die Gefahr, dass die Eltern ein grosses Problem daraus machen und sich somit der eigene Druck verstärkt. Es gilt abzuwägen, was für das Paar die bessere Lösung ist. Ich finde, es gibt überhaupt kein Rezept.

Wenn kinderlose Frauen und Männer Mütter mit dem Kinderwagen und Babys sehen, schmerzt das häufig. Wie kann man mit dem Schmerz umgehen?

Ich denke, sie sollten den Schmerz zulassen, merken, was für Gefühle kommen: Ist es Trauer, Wut oder Neid? Gefühle sind etwas Wichtiges, die soll man nicht unterdrücken. Es ist auch verständlich, dass die Paare Neid empfinden, wenn alle anderen Kinder haben. Es ist viel wichtiger, zu diesem Neid zu stehen, als ihn zu verleugnen.

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