Vaterschaftsurlaub in der Schweiz: Der Urlaub, der keiner ist

Vaterschaftsurlaub ist in der Schweiz nicht gesetzlich verankert. Ein Erziehungsurlaub, wie er in anderen europäischen Ländern längst üblich ist, gilt als zu teuer. Einige private Unternehmen und öffentliche Verwaltungen gewähren jedoch auf freiwilliger Basis einen längeren Urlaub.

Im Vaterschaftsurlaub haben Väter besonders viel Zeit für ihre Kinder.

Ohne Vaterschaftsurlaub haben Väter weniger Gelegenheit, die erste Zeit mit dem Baby zu geniessen. Foto: iStockphoto, Thinkstock

Ein richtiger Urlaub sieht anders aus. In den Ferien kann man ausschlafen, sich vom Alltag erholen und den ganzen Tag die Dinge tun, auf die man Lust hat. Nichts davon trifft auf den Vaterschaftsurlaub zu. Trotzdem wünschen sich viele Eltern, dass der Vaterschaftsurlaub doch noch länger andauern möge. Schliesslich sind die ersten Tage einer jungen Familie eine ganz besondere Zeit, die sich so nie wiederholen lässt.

Der Vaterschaftsurlaub in der Schweiz ist nicht gesetzlich vorgeschrieben. Gerade einmal ein Tag bezahlter Urlaub ist in Schweizer Unternehmen üblich. Manche Unternehmen bieten ihren Angestellten freiwillig mehr. Dies reicht von einer Woche voll bezahltem Vaterschaftsurlaub, wie zum Beispiel bei SBB, Novartis oder Raiffeisen, bis zu vier Wochen, wie bei der Alternativen Bank Olten oder der Katholischen Kirche im Kanton Zürich. Den längsten Vaterschaftsurlaub in der Schweiz gewährt seit 2016 die Langzeitpflege-Institution Solina.

Im europäischen Vergleich hinkt die Schweiz dabei den Nachbarn hinterher. Verschiedene Vorstösse und Modelle, einen längeren Vaterschaftsurlaub oder eine gemeinsame Erziehungszeit gesetzlich festzulegen, scheiterten bis jetzt immer wieder am Geld.

Positiver Vaterschaftsurlaub: Vorbild Schweden

Befürworter eines längeren Vaterschaftsurlaubes oder einer geteilten Erziehungszeit betonen die Vorteile, die in anderen Ländern erkennbar sind. In Schweden gibt es bereits seit 1974 eine Elternzeit, seit 1994 eine Elternzeit speziell für Väter. Seitdem sei die Scheidungsrate in Schweden gesunken, so Bernhard von Bresinski in einem Artikel für die Schweizer «Männerzeitung». Besteht ein Zusammenhang zwischen Elternzeit und einer guten Partnerschaft oder ist es nur ein Zufall? Die Beantwortung der Frage hängt sicher von der persönlichen Einstellung zur Vaterschaftszeit ab.

Wie auch immer man dazu steht: Fakt ist, Vaterzeit tut gut. Eine schwedische Studie des Karolinska- Instituts kommt gar zu dem Schluss, dass Väter, die nach der Geburt einige Zeit zu Hause sind, eine höhere Lebenserwartung haben, als Väter, die durchgehend arbeiten. Die Forscher verglichen die Daten von über 70 000 schwedischen Vätern und folgerten, dass Männer, die mehrere Monate daheimblieben, ein um 25 Prozent geringeres Sterberisiko hatten. Woher das kommt? Man vermutet, dass Väter dadurch eine engere Bindung an die Familie haben und daher weniger Risiken eingehen. Ausserdem würden diese Väter mehr auf ihre Gesundheit achten, weniger Alkohol trinken, mehr schlafen und öfter zum Arzt gehen.

Auch andere Studien kommen immer wieder zu dem Schluss, dass eine bessere Work-Life-Balance verhindert, dass Männer (und Frauen) einseitig belastet werden. Dies tut letztlich auch den Unternehmen gut. Arbeitnehmer, die in Teilzeit arbeiten, sind ausserdem ihrem Unternehmen treuer und oft motivierter. Eine ausgeglichenere Work-Life-Balance beginnt schon mit dem Vaterschaftsurlaub. Die Rollen der Eltern werden am Anfang des gemeinsamen Familienlebens festgelegt. Wenn sich der Mann von Anfang an in der «Zwangs-Ernährerrolle» findet, wie es Bresinski ausdrückt, und die Frau die häusliche Rolle übernimmt, dann kann es schwierig sein, daran etwas in der Zukunft zu ändern.

Unbezahlte Auszeit für den Vater

Teilzeitarbeit gilt jedoch für viele Männer als das Ende der Karriere. Das gilt auch für einen längeren Vaterschaftsurlaub. Manche Firmen bieten Vätern einen unbezahlten Vaterschaftsurlaub an. Genutzt wird dies nur selten. Helena Drachsel, Head of Diversity bei Swiss-Re, kann sich an einen einzigen Vater erinnern, der davon Gebrauch gemacht hat. Die Angst vor einem Karriereknick sei einfach zu gross, berichtet sie in einem Artikel für die Job-Website monster.ch.

Und was wollen eigentlich die Mütter und Väter? Die Antworten auf diese Frage sind sicher so verschieden, wie es unterschiedliche Familienideale gibt. Für manche Männer ist das Selbstbild nach wie vor, dass sie die Ernährer der Familie sind, die sich über eine Karriere identifizieren. Auch manche Frauen wollen die Erziehungszeit nicht unbedingt mit ihrem Mann teilen. Immer mehr Väter wünschen sich jedoch auch, eine grössere Rolle im Leben ihres Kindes zu spielen und zwar von Anfang an.

Weitere Informationen zum Vaterschaftsurlaub in der Schweiz finden Sie hier:

  • www.maenner.ch setzt sich für die Interessen der Väter ein
  • Hier können Sie Unternehmen auf ihre Familienfreundlichkeit hin bewerten (auch im Hinblick auf den Vaterschaftsurlaub)
  • Mehr Informationen zu politischen Bemühungen um den Vaterschaftsurlaub finden Sie auf der Website des Eidgenössischen Büros zur Gleichstellung von Frau und Mann.

 

Wie ist Ihre Meinung zum Vaterschaftsurlaub? Schreiben Sie uns. Hier geht es zum Kommentarbereich.

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