Kinder? ja, nein, vielleicht...

Wollen wir Kinder? Ja! Kinder sind das Grösste, Kinder geben unendlich viel zurück und Kinder lösen wunderbare Gefühle aus, die man vorher nicht gespürt hat. Nein! Kinder kosten Zeit, Geld und Nerven. Wer sich fragt, ob er Kinder kriegen will, wird mit einer Pro- und Contra-Liste nicht weiterkommen.

Warum Kinder kriegen? Weil sie wunderbar anstrengend sind.

Kinder sind wunderbar und anstrengend zugleich! Gründe für und gegen das Kinderkriegen gibt es genug. Foto: Siarhey Lenets, iStock, Thinkstock

«Gibt es heutzutage noch mehr als 2 triftige Gründe, Kinder zu bekommen?», fragte kürzlich eine Userin im Newsletter von «Ron Orp» und löste damit eine rege Diskussion mit über 100 Beiträgen aus. Natürlich, es gibt tausend und mehr Gründe für Kinder. Klar ist aber auch, es gibt genauso viele Gründe, die gegen Kinder sprechen. Die Diskussion zeigt, wie viele Frauen und Männer sich schwer mit der Frage «Warum Kinder kriegen?» tun.

Heute werden Kinder nicht einfach so in die Welt gesetzt. Sie sind eine bewusste Entscheidung. Und was für eine! Eine mit Konsequenzen, denn Kinder können nicht wieder zurückgegeben werden wie Haustiere, von denen man nach ein paar Jahren genug hat. Erst im Alter von 30 Jahren bekommen Mütter im Durchschnitt ihr erstes Kind. 1970 waren sie noch fünf Jahre jünger. Denn heute muss alles perfekt passen: eine abgeschlossene Ausbildung, eine geeignete Position im Beruf, genügend Geld, eine stabile Partnerschaft, Einigkeit darüber, wer sich um die Kinder sorgt und die Bereitschaft, das Kind an die erste Stelle im Leben zu stellen. Die Soziologin Karin Schwiter, die junge Erwachsene nach diesen Vorstellungen befragt hat, fürchtet gar «wenn die Hürden so hoch sind, werden viele junge Erwachsene nie an den Punkt kommen, Kinder zu haben.» (Karin Schwiter im Interview: «Muss zum Kinderhaben wirklich alles perfekt passen?»)

Und selbst wenn alles perfekt ist, sind Fragen wie diese noch lange nicht geklärt : Warum wollen wir Kinder kriegen? Wollen wir uns wirklich diesen Stress antun? Können wir Verantwortung für ein neues Leben übernehmen? Brauchen wir Kinder, um unserem Leben einen Sinn zu geben? Mit einer Pro- und Contra-Liste ist den meisten nicht geholfen. Sie erleichtert die Entscheidung nicht, weil immer wieder neue Argumente für und gegen das Kinderkriegen gefunden werden. Es geht vielmehr um ein Gefühl oder einen Drang, wie die Schweizer Familien-Bloggerinnen Nathalie Sassine, Rita Angelone und Kathrin Buholzer uns schreiben. Wir haben sie gefragt, warum sie sich für Kinder entschieden haben.

Nathalie Sassine von rabenmutter.ch

«Wieso ich Kinder gekriegt habe? Weil ich welche wollte. Das war einfach. Die Frage, wieso ich überhaupt Kinder wollte, zu beantworten, stellt sich schon als schwieriger heraus. Wieso tut man sich das an? Tropfende Brüste, schlaflose Nächte, 413'975 Mal dieselben Fragen beantworten? Wer möchte das schon freiwillig? Seien wir ehrlich, wenn man uns gesagt hätte, wie der Alltag wirklich aussieht, hätten wir wohl noch länger mit dem Kinderkriegen gewartet. Und hätten unsere Feierabend-Drinks noch mehr genossen. Haben wir aber nicht. Hingegen haben wir uns für dieses wunderbare Gefühl entschieden, dass uns unsere Kinder fast täglich geben. Ein eingespieltes Team zu sein, zusammen zu gehören. Das zumindest war meine Vorstellung, denn ich wollte nicht einfach Kinder, ich wollte eine Familie. Und dieses Gefühl ist das Beste, was mir je passiert ist, weshalb ich es nur empfehlen kann. Ich kann Menschen, die keine Kinder wollen zwar verstehen, dennoch: Sie verpassen etwas. Definitiv.»

Rabenmutter Nathalie Sassine über das Kinderkriegen.Nathalie Sassine-Hauptmann ist freie Journalistin. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Zürich. Auf ihrem Blog rabenmutter.ch berichtet sie aus subjektiver Sicht von den Höhen und Tiefen des Mutterwerdens und Mutterseins.
Foto: Der Landbote

 

Rita Angelone von dieangelones.ch

«Es gibt aus meiner Sicht im Leben keinen anderen Entscheid, der so weitreichende Folgen hat, aber den man nicht mit einer noch so durchdachten Nutzwertanalyse einfacher und begründeter fällen kann als die Frage, ob man Kinder kriegen soll oder nicht. Für Investitionsentscheide, Wohnungssuche, Stellensuche u.v.m. kann man klare Kriterien definieren, nach denen man sich bei der Evaluation verschiedener Varianten richten und darauf dann den Entscheid stützen kann.

Beim Kinderkriegen geht das nicht. Denn welche Kriterien würde man da auch nehmen wollen? Vieles rund um die Kinderfrage dreht sich darum, sich selber für eine gewisse Zeit zurück zu nehmen, die Prioritäten anders zu setzen, auf vieles zu verzichten. Wer sagt da einfach ja dazu? Wenn es nur danach ginge, hätte ich keine Kinder haben müssen. Denn auch ich würde heute oft länger schlafen, kinderlose Ferien geniessen, häufiger in den Ausgang gehen wollen als ich es mit Kindern tun kann. Da helfen auch die positiven Kriterien nicht wirklich weiter, wie zum Beispiel: Kinder machen Freude und geben dem Leben einen Sinn. Auch diese Kriterien kann man nicht einfach so bejahen. Kinder machen schon Freude, aber auch viel Mühe und Aufwand und kosten zudem eine Stange Geld. Und mein Leben hatte vorher schon einen Sinn und wird hoffentlich auch dann noch einen Sinn haben, wenn meine Kinder das Haus als Erwachsene verlassen werden.

Es sind andere Überlegungen, Vorstellungen, ja, Träume, die mich dazu bewogen haben, mit dem richtigen Mann an meiner Seite, eine Familie zu gründen und Verantwortung zu übernehmen. Den eigenen Kindern einen Teil von sich selber in Form von Werten und Einstellungen mitzugeben. Mit den Kindern durch dick und dünn zu gehen und als Familie das Leben auch von einem anderen, verantwortungsvolleren Standpunkt zu betrachten. Das sind alles keine objektiven Gründe, es sind vielmehr Gefühle oder vielleicht war es auch einfach nur der Urinstinkt, der mich dazu bewogen hat, diesen Weg zu gehen. Und auch nicht mehr zu hinterfragen. Denn es gibt noch etwas, dass diesen Entscheid von anderen Entscheiden unterscheidet: Grundsätzlich kann man jeden Entscheid rückgängig machen, doch hat man erst mal Kinder, dann hat man sie und man kann sie nicht wieder weg geben.

Vermutlich ist es deshalb so schwer, einen Entscheid zu treffen, Kriterien pro und contra zu definieren. Denn man weiss, der Entscheid ist irreversibel. Und dazu braucht es Mut. Es braucht Mut, diese Verantwortung bis ans Lebensende zu übernehmen.»

Rita Angelone über das Kinderkriegen.Rita Angelone lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Zürich. Sie schreibt jede Woche im «Tagblatt der Stadt Zürich» unter der Rubrik «Die Angelones» über den ganz normalen Wahnsinn ihres Familienalltags. Sie führt zudem den Familienblog dieangelones.ch
Foto: privat

 

Kathrin Buholzer von elternplanet.ch

«Ja klar wollte ich Kinder haben. Irgendwann mal, zum richtigen Zeitpunkt halt. Wenn man sich ausgetobt hat, der Mann in einem sicheren Job ist und man zusammen die Welt bereist hat. So ungefähr. Und dann war da plötzlich dieser Drang: So quasi von einem Tag auf den anderen. Man sieht dann überall Schwangere und Muttis mit Kinderwagen und man bleibt im H&M bei den Babykleidern stehen. Bekloppt und so ein bisschen wie im Film. Es war als hätten mich Aliens über Nacht entführt und mir dieses «Jetzt, sofort, subito ein Baby»-Gen eingesetzt.

Und der Zeitpunkt? Mein Mann machte sich grad selbstständig, die Wohnung in einem Berner Quartier mit kleinem Balkon und 70 Treppenstufen, nicht unbedingt die kinderfreundlichste und das Auto hätte auch grösser sein können. Trotzdem. Es musste jetzt sein. Irgendwie gibt es ihn nämlich nicht, den richtigen Zeitpunkt. Irgendetwas könnte immer noch ein bisschen besser sein, sicherer oder günstiger. Wir haben`s prima hingekriegt unser Leben mit dem 1. Kind. Klar da gab`s das Schlafmanko, die Kolliken, das Schreien, das ewige Rumtragen, aber sonst. Ganz bewusst haben wir versucht, unser altes Leben nicht ganz aussterben zu lassen. Also mal zusammen essen gehen, manchmal auch mit Baby, was dann aber nicht immer ganz so entspannt war, an den See, in die Badi. Sie schlief auch mal an einer Geburtstagsfeier auf einer Matratze oder im Kinderwagen. Das Leben mit Kind ist nicht mehr ganz gleich wie vorher, machen wir uns da nichts vor, aber es heisst nicht, dass wir uns von allen alten Gewohnheiten und Freuden verabschieden müssen. Mittlerweile haben wir zwei, 10 und 8 Jahre alt und es gibt immer mal wieder Tage, an denen man so denkt: Hmm, jetzt grad ohne wär nicht schlecht. Da kann ich Kinderlose auch wirklich manchmal verstehen und manchmal beneide ich sie auch ganz kurz. Ja doch. Aber das geht schnell wieder vorbei. Weil mit Kindern es halt nicht nur anstrengend, sondern vor allem total cool ist.»

Elterntrainerin Kathrin Buholzer über das Kinderkriegen.
Kathrin Buholzer ist Elterntrainerin und Journalistin. Sie wohnt mit ihrem Mann und ihren beiden Töchtern in der Nähe von Bern. Auf ihrem Blog elternplanet.ch und auf ihrem YouTube Kanal gibt sie Eltern Erziehungstipps und bloggt über Freuden und Leiden des Alltags.
Foto: privat

 

Wie war das bei Ihnen mit dem Kinderwunsch? Haben Sie pro und contra abgewogen? Schreiben Sie uns! Hier geht es zum Kommentarbereich.

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