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Müssen Kinder immer bei der Wahrheit bleiben? Ehrlichkeit ist wichtig – aber manchmal dürfen Kinder auch lügen. «Wer stets ehrlich ist, kommt nicht durchs Leben», darauf weisen Wissenschaftler hin.
Ehrlichkeit ist wichtig - aber manchmal sind kleine Lügen bei Kindern auch okay.
Mal ganz ehrlich: Haben Sie heute schon gelogen? Ja? Dann befinden Sie sich in bester Gesellschaft. Wissenschaftler haben nämlich herausgefunden: Die meisten Menschen lügen – jeden Tag – mehrere Male. Die durch und durch ehrliche Haut gehört zu den ganz seltenen Ausnahmen.
Schwindeln und schummeln, flunkern und fälschen, tricksen und mogeln, reinlegen und auf den Arm nehmen: Die Lüge schlängelt sich wie ein roter Faden durch den Alltag. Jeder Mensch lügt 50 bis 200 Mal pro Tag, ergaben wissenschaftliche Untersuchungen. «Lügen sind – so scheint es - salonfähig geworden», sagt die Berliner Pädagogin Professor Renate Valtin.
Ob Kinder oder Erwachsene: Lügen ist erlaubt
Lügen ist ein wesentlicher Bestandteil unserer sozialen Intelligenz.
«In vielen Fällen darf man lügen. Oft sind Lügen nicht nur nützlich, sondern auch sinnvoll», erklärt Professor Robert Hettlage, Professor für Soziologie an der Universität Regensburg. Er warnt sogar vor zu viel Ehrlichkeit: «Wer stets ehrlich ist, kommt nicht durchs Leben.» Niemand muss und kann immer ehrlich sein.
Eltern dürfen ihren Kindern ohne Schuldgefühle vermitteln: Kleine Unwahrheiten statt Ehrlichkeit sind in Ordnung – zum Beispiel, um ein Geheimnis zu schützen. Kinder brauchen Geheimnisse, um sich von den Eltern abzulösen und eine eigene Identität zu finden.
In diesen Fällen ist lügen in Ordnung
Lügen aus Höflichkeit
«Viele Eltern erwarten von ihren Kindern, dass sie bei der Wahrheit bleiben – aber nur so lange, bis die Kleinen der Tante erzählen, wie fies sie aus dem Mund riecht», so der Soziologe Hettlage. Die Ehrlichkeit der Höflichkeit zuliebe zu opfern, sei oft sinnvoll. Das machen Erwachsene schliesslich auch. Hettlage: «Der Abend war langweilig, doch sagt man das den Gastgebern? Besser, es bleibt beim Standard-Kommentar: Danke für den charmanten Abend!»
Lügen, um andere zu unterstützen
Soziale Lügen sind nützlich, weil sie andere unterstützen und motivieren. Eine soziale Lüge ist zum Beispiel der Satz: «Ich glaube, du schaffst das», obwohl man selbst nicht recht daran glaubt.
Lügen aus Spass
Andere zu verulken macht Spass! «Der Beste muss zuweilen lügen. Mitunter tut ers mit Vergnügen ...» reimte schon der Dichter Wilhelm Busch. Kinder lieben es, Erwachsene hereinzulegen – schön, wenn Erwachsene Kindern den Spass gönnen.
Lügen zum Schutz
Keine Frage: Um jemanden vor einer Gefahr zu bewahren, darf gelogen werden. «Wo ist dein Freund?» fragen Jugendliche ein Kind. Wenn das Kind weiss, dass diese Jugendliche den Freund verprügeln wollen, ist die geflunkerte Antwort: «Der ist schon nach Hause gegangen» richtig. Denn mit dieser Lüge soll der Freund geschützt werden.
Hier muss Schluss mit Lügen sein
Beim Lügen gibt es eine Grenze. Wo sie liegt, drückt die Bibel klar und deutlich aus: «Du sollst nicht lügen ...», heisst es da, und weiter: « ... zum Schaden Deines Nächsten.» Schluss mit Lügen muss demnach immer dann sein, wenn die Unwahrheit einem selbst nutzt, aber zulasten eines anderen geht. Hier ist Ehrlichkeit notwendig, auch dann, wenn sie manchmal unbequem erscheint.
Sinnvoll ist es, Kindern zu vermitteln, dass sie Freunden gegenüber aufrichtig sein sollten. Schliesslich beruht Freundschaft auf Ehrlichkeit und Vertrauen. Eine Lüge verletzt und schmerzt den anderen. Eine faustdicke Lüge kann sogar die Vertrauensgrundlage einer Freundschaft zerstören.
So lernen Kinder den sinnvollen Umgang mit Ehrlichkeit
Wie lernen Kinder einen sinnvollen Umgang mit der Lüge? Die effizienteste Methode ist, ihnen ein gutes Vorbild zu sein. Wer möchte, dass die Beziehungen in der Familie auf gegenseitigem Vertrauen beruhen, sollte selbst möglichst immer aufrichtig gegenüber den anderen Familienmitgliedern sein.
Und wenn Sie eine Schwindelei Ihres Kindes durchschaut haben? Sinnvoll ist es grundsätzlich, gelassen zu bleiben. Für kleinere Kinder gehört das Lügen ohnehin zum normalen Entwicklungsprozess. «Im Vorschulalter beginnen Kinder zu verstehen, dass sie manchmal etwas wissen, was andere nicht wissen», erklärt Prof. Hettlage. Eine interessante Erkenntnis, die sie gerne überprüfen: Kann ein anderer Mensch wirklich nicht in den eigenen Kopf hineinschauen? Merkt er nicht, dass ich nicht die Wahrheit sage?
Schwer wiegt eine Lüge oft dann, wenn das Kind älter ist. Erziehungsexperten raten dennoch, die Lüge nicht zu dramatisieren, sondern stattdessen klare Konsequenzen abzuleiten. Ein Kind, das Geld aus der Geldbörse gestohlen hat, dies aber abstreitet, muss die Summe ersetzen. Die Lüge selbst bleibt ungestraft. Wichtig: Geben Sie Ihrem Nachwuchs die Möglichkeit, Fehler ohne Angst vor Strafe zugeben zu können.
Weiterführende Links zum Thema Lügen
- Kulturen der Lüge, ein Graduiertenkolleg der Universität Regensburg: www.uni-regensburg.de/KulturderLüge
- Fachartikel von Prof. Renate Valtin (Universität Berlin) und Prof. Sabine Walper, Universität München: Was Kinder über Lügen aus Höflichkeit denken: www.amor.cms.hu-berlin.de/LügenausHöflichkeit
Text: Sigrid Schulze
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