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Wer eine Kinderkrippe besucht, wird später ein bessere Bildung und ein höheres Einkommen haben. Zu diesem Ergebnis kommt eine norwegische Studie, die kürzlich vorgestellt wurde. Was können wir aus der Studie lernen? Dazu haben die SP-Politikerin Jacqueline Fehr und SVP-Politikerin Silvia Blocher zwei ganz gegensätzliche Meinungen.
Wer eine Kinderkrippe besucht, hat später ein besseres Einkommen. Foto: © micromonkey - Fotolia.com
Die norwegische Studie, die kürzlich im American Economic Journal veröffentlich wurde, hat die Langzeitfolgen der staatlich subventionierten Kinderbetreuung analysiert. Norwegen baute 1975 das Angebot an Betreuungsplätzen für Drei- bis Sechsjährige stark aus. Welchen Einfluss das auf die Entwicklung der Kinder hat, konnten die Forscher nun zeigen.
Jeder neue Betreuungsplatz führte dazu, dass ein Kind später im Durchschnitt 0,35 Jahre länger zur Schule ging. Die Wahrscheinlichkeit, eine Universität zu besuchen, stieg um sieben Prozent. Das wiederum hatte Einfluss auf das Einkommen, das bei den Kinderkrippenkindern höher war. Ausserdem erhielten sie viel seltener Sozialhilfe. Dieser Effekt war bei Kindern aus Unterschicht-Familien verstärkt.
Was diese Ergebnisse für die Schweiz bedeuten, haben wir unsere Kolumnistinnen Jacqueline Fehr und Silvia Blocher gefragt.
Pro: Jacqueline Fehr (SP)
Was schliessen Sie aus den Ergebnissen der norwegischen Studie?
Jacqueline Fehr: Die Ergebnisse überraschen mich nicht. Entscheidend bei der Studie ist die Diskussion um die Qualität der Kinderbetreuung. Die positiven Effekte treten dann ein, wenn die Kinderbetreuung ins Bildungssystem integriert und die Betreuerinnen gut ausgebildet sind.
Welche Vorteile sehen Sie in der Kinderkrippe?
Kinderkrippen ergänzen die Familien. Sie schaffen für die Kinder zusätzliche Chancen. Kinder lernen von anderen Kindern und wollen mit anderen Kindern zusammen sein. Die Regelmässigkeit und die Ruhe im Tagesablauf, die soziale Gemeinschaft und die vielfältigen Spiel- und Lernmöglichkeiten sind die zentralen Vorteile aus Sicht der Kinder.
Welche Nachteile sehen Sie in der Kinderkrippe?
Nachteile gibt es dort, wo die Krippen schlecht geführt sind. Zu wenig Personal, unausgebildetes Personal, viele Personalwechsel und fehlende pädagogische Konzepte sind Risikofaktoren für die Kinder.
Sollten wir in der Schweiz die Kinderkrippenplätze nach norwegischem Vorbild ausbauen?
Ja sicher. Wir brauchen mehr Plätze und wir brauchen eine bessere Qualität. Kinderkrippen müssen als freiwilliges Angebot für alle Eltern bezahlbar sein.
Laut einer Studie der Soziologin Karin Schwiter sind Kinderkrippen bei jungen Erwachsenen verpönt. Würde sich ein Ausbau der Kinderkrippen überhaupt lohnen?
Auf jeden Fall. Die sicherste Methode, um die Skepsis abzubauen, sind «Tage der offenen Türe». Ein Besuch in einer gut geführten Krippe überzeugt in der Regel selbst die hartnäckigsten Gegner.

Jacqueline Fehr ist Vizepräsidentin der SP Schweiz, Nationalrätin für den Kanton Zürich und eine der profiliertesten Bildungs- und Familienpolitikerinnen der Schweiz. Sie hat zwei Söhne und lebt mit ihrer Familie in Winterthur.
Eine ihrer Publikationen ist das Buch «Schule mit Zukunft», das die umstrittensten Punkte der Bildungsdebatte thematisiert. Mehr dazu erfahren Sie hier: «Die Vision einer Schule der Zukunft»
Contra: Silvia Blocher (SVP)
Was schliessen Sie aus den Ergebnissen der norwegischen Studie?
Silvia Blocher: Diese norwegische Studie untersucht laut Bericht bei verschiedenen Altersgruppen a) die Menge der Schulabbrüche, b) die Länge der Schulzeit, c) die Wahrscheinlichkeit eines Hochschulabschlusses, d) die Abhängigkeit von der Sozialhilfe. Verglichen wurden 35- bis 44-Jährige, die mit staatlichen Kinderkrippen und Kindertagesstätten aufwuchsen, mit 45- bis 70-Jährigen (Annahme aus Text), die ohne dieses umfassende Angebot aufwuchsen. Dass bei diesen Untersuchungen natürlich in der Zeit von 1940 - 1975 auch andere Parameter starke Einwirkungen hatten, wird nicht berücksichtigt wie die Industriealisierung, bessere Verkehrswege, steigender Wohlstand oder andere Gewichtung der Bildung. Ebenfalls nicht untersucht wurden viele andere wichtige Dinge im Leben dieser Menschen: zum Beispiel ihre psychische Verfassung, die Stabilität ihrer Gefühle, ihre Bindungsfähigkeit, ihre Lebensfreude, die Unabhängigkeit ihres Denkens, ihre Innovationsfähigkeit, ihre künstlerische Intuition und deren Umsetzung. Wir wollen mit der Erziehung ja Menschen in ihrer Ganzheit heranbilden und keine Roboter, die möglichst lange die Schulbank gedrückt haben.
Welche Vorteile sehen Sie in der Kinderkrippe?
Die Vorteile bei ausschliesslicher Krippenbetreuung liegen einseitig bei den Eltern. Diese werden «entlastet», entwickeln aber je nach Situation Schuldgefühle, die sich auch auf die Kinder auswirken. Die «Krippenkinder» haben es in vielem schwerer, sich im Verbund mit 20 anderen individuell zu entwickeln. Auf ihre persönlichen Begabungen und Eigenheiten kann in einer staatlichen Kinderkrippe schon wegen der grossen Anzahl Kinder zu wenig eingegangen werden. Gewisse Kinder kommen sich deshalb verlassen, vernachlässigt, gar ungeliebt vor.
Sollten wir in der Schweiz die Kinderkrippenplätze nach norwegischem Vorbild ausbauen?
Da in der Schweiz der Ruf nach umfassenden staatlichen Kinderkrippen und Tagesbetreuungsstätten ohnehin mehr von Politikern und kinderlosen Politikerinnen erschallt als von Eltern, sollte man davon absehen, die Eltern dazu zu zwingen, die Erziehung der Kinder dem Staat zu übergeben.

Silvia Blocher ist ausgebildete Primarlehrerin. Als Mutter von vier Kindern und Grossmutter von sieben Enkeln waren Kinder seit jeher Teil ihres Lebens. Wohlergehen, Erziehung in Familie und Gesellschaft und Ausbildung von Kindern und Jugendlichen sind ihr ein grosses Anliegen. Sie hat sich dazu in verschiedenen Kolumnen, Vorträgen und Fernseh-Auftritten geäussert, wobei sie sich auch kritisch mit den schulischen Neuerungen auseinandersetzt.
Lesen Sie auch die Kolumne der beiden Politikerinnen auf familienleben.ch
- Kinderbetreuung macht klug und reich
- Kinderbetreuung: Kosten und Modelle im Vergleich
- Babysitter und Au-pair Mädchen: Tipps für Eltern
Interview: Angela Zimmerling im November 2011
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