Geschichten in Gerichten #3: Die «Sulutsupp» von Franz Hohler

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Geschichten erzählen ist seine Berufung und wo kann man sie besser erzählen als beim Essen? Autor Franz Hohler kocht eine Brennnesselsuppe. Eines vorweg: sagen Sie bloss nicht, die Suppe schmecke «interessant».

Von Franz Hohler, im April 2017

Brennnesselsuppe

Die Hauptzutat für die «Sulutsupp» ist leicht erhältlich und sogar gratis, denn man findet die Brennnessel in vernachlässigten Ecken von Gärten, Feldwegen oder Waldrändern.

Die Geschichte dazu ist rasch erzählt. In meinem Kinderroman «Tschipo in der Steinzeit», in dem sich der kleine Held Tschipo in die Steinzeit zurück träumt, wird einmal eine Brennnesselsuppe gekocht, und in der Zuschrift einer Schulklasse steht die Frage an den Autor: «Ist Brennesselsupe fein?»

Selbstverständlich, und sie ist auch gar nicht schwer zuzubereiten. Das Gemüse dazu ist leicht erhältlich und ist erst noch gratis. Sei es in den vernachlässigten Ecken von Gärten, sei es auf Feldwegen, an Waldrändern oder an Böschungen von Flüssen oder Bahngeleisen, es wachsen geradezu hektoliterweise Brennnesselsuppen.

Die Nessel verteidigt sich neuerdings mit drei n

Für das Pflücken der Pflanzen ist es von Vorteil, sich ausser mit einer Schere auch noch mit ein Paar Gartenhandschuhen auszurüsten. Schneiden Sie soviel ab, wie Ihnen richtig scheint, wobei Brennnesseln eine ähnliche Verkleinerungsfähigkeit haben wie Spinat. Einmal gekocht, schrumpfen sie zu überraschend kleinen Häuflein zusammen.

Also, nehmen Sie die Brennnesseln aus dem Körbchen, in dem Sie sie gesammelt haben, oder sollten Sie so etwas Profanes wie eine Plastiktüte benutzt haben, dann in Gottes Namen aus der Plastiktüte, legen Sie sie in ein Becken und spülen Sie sie gut ab, bis Dreckresten und Spinnchen von den Blättern getrennt sind, und nun ziehen Sie sich gute Küchenhandschuhe an, denn die Brennnesseln verteidigen ihren Namen noch immer, neuerdings sogar mit drei n.

In der Steinzeit hätte man wohl einfach alles ungewaschen in die grosse Schädelschale eines Mammuts geworfen und mit Wasser übergossen, aber wir leben schliesslich nicht mehr in der Steinzeit, deshalb: Schneiden Sie die Blätter von den Stängeln ab. Schneiden Sie die abgeschnittenen Blätter klein, zuerst mit dem Rüstmesser, dann mit dem Wiegemesser.

Vokale in der Steinzeit waren rar

Setzen Sie schon mal eine Gemüse-Bouillon auf und denken Sie dabei mit Achtung an Justus Liebig, der als erster auf die Idee mit dem Extrakt kam und seinerzeit als Apothekerlehrling in Heppenheim beim Experimentieren mit Knallsilber einen Dachstuhlbrand verursachte, worauf er Heppenheim verliess. Auch ich verliess Heppenheim, aber bloss nach einer Lesung, die ich im übrigen in bester Erinnerung habe.

In der Pfanne, die wir für die Sulutsupp auserkoren haben – kleiner Exkurs in die Sprache der Steinzeit, die nur einen Vokal besass, eben das u, und für sämtliches Grünzeug nur die Bezeichnung «sulut» zur Verfügung hatte, Exkurs beendet – erhitzen wir nun etwas Öl, wieso nicht Distelöl, um bei Einheimischem und Näherliegendem zu bleiben, werfen eine ebenfalls klein geschnittene Schalotte hinein, wogegen sie zischend protestiert, schmeissen ihr dann, damit sie sich beruhigt, die ganzen Brennnesseln nach, und sollten diese ebenfalls zischen, rühren wir sie mit einem Holzlöffel um, bis sie nach Flüssigkeit dürsten, leeren dann ein Glas Weisswein hinein, es zischt und dampft abermals, danach schütten wir die inzwischen brodelnde Bouillon hinein, rühren das ganze ein bisschen um, stellen dann die Herdplatte klein und deckeln die Pfanne.

Mailänder Zucker macht die Suppe fein

Während die Suppe gemütlich vor sich hinblubbert, können Sie sich überlegen, mit was für Gewürzen Sie Ihre Lieben und sich selbst überraschen wollen. Ich empfehle das Einfache, also Pfeffer, etwas Muskatnuss dürfen Sie auch hineinraffeln, und auch eine Prise Zucker ist ein Gewürz, ein milderndes eher, greifen Sie dafür zu einem der Zuckersäcklein, die Sie aus einem Restaurant mitgenommen haben, in dem Sie einen Kaffee tranken, ohne ihn zu zuckern. Lesen Sie die Aufschrift und erinnern Sie sich dabei, wo Sie es herhaben, aus Pontresina, aus Milano oder aus Barcelona, aber dann Säcklein aufreissen und hineinrieseln lassen, und wenn Sie wollen, können Sie noch ein Ei hartkochen, dieses dann klein schneiden und der Sulutsupp hinzufügen.

Natürlich haben wir uns mit all dem ein bisschen von der Steinzeit weg bewegt, auch mit dem Rahm, von dem wir zum Schluss etwas hineintröpfeln lassen, aber allzu genau wollen wir das nicht nehmen, und ich kann Ihnen eine Suppe garantieren, bei der Ihre Gäste Fragen stellen werden. Sollten sie allerdings bloss sagen, eine interessante Suppe, dann ist sie Ihnen nicht gelungen, denn interessant ist das Schlimmste, was man von einer Speise sagen kann, dahinter kommt gleich  abscheulich, aber wenn sie mit glänzenden Augen fragen: «Sag mal, was ist das genau?», dann haben Sie gewonnen.

Steinzeitliche Bedingungen

Ein deutscher Bekannter, etwas älter als ich, dem ich von meiner Brennnesselsuppe erzählte, wohl im schwärmerischen Ton eines Herolds des einfachen Lebens, sagte mir, danach werde es ihn ein Leben lang nicht mehr gelüsten. Nach dem Grund dieser Ablehnung gefragt, antwortete er, die habe er während des Krieges immer essen müssen.

So lange ist die Steinzeit also doch nicht her.

© Franz Hohler, aus: «Ein Feuer im Garten» (Luchterhand Verlag, 2015)

Das Rezept für die Brennnesselsuppe in der Übersicht

Das brauchen Sie für die «Sulutsupp»

  • Brennnesseln
  • Gemüse-Bouillon
  • 1 Schalotte
  • 1 EL (Distel)-Öl
  • 1dl Weisswein
  • Pfeffer, Muskatnuss und Zucker zum Würzen
  • Hartgekochtes Ei und Rahm nach Belieben

So geht es

Ein deutlich weniger poetischer Beschrieb, dafür etwas kürzer: Trennen Sie bei der Brennnessel die Blätter vom Stängel und schneiden Sie die Blätter in kleine Stücke. Erhitzen Sie etwas Distelöl in einer Pfanne und dünsten Sie darin die Schalotte an. Fügen Sie die Brennnessel hinzu und löschen Sie das Ganze mit einem Glas Weisswein ab. Giessen Sie danach die Gemüse-Bouillon in die Pfanne und lassen Sie das Gemisch auf kleinem Herd köcheln. Würzen Sie die Suppe nach Belieben mit Pfeffer, Muskatnuss oder Zucker. Wer mag, kann die Suppe mit einem hartgekochten Ei oder Rahm verfeinern.

Franz Hohler Portrait

Franz Hohler ist Kabarettist, Schriftsteller und Liedermacher. Der mehrfach ausgezeichnete Autor ist in Olten aufgewachsen und studierte 5 Semester Germanistik und Romanistik an der Universität Zürich. 1965 lancierte er sein erstes Soloprogramm «pizzicato» und arbeitet seither als freischaffender Künstler. Hohler ist in Zürich wohnhaft.

«Geschichten in Gerichten»

In der Serie «Geschichten in Gerichten» stellen wir regelmässig Rezepte vor, mit denen Menschen besondere Erinnerungen verbinden. Den Anfang machten unsere Redaktorinnen Fabienne Eisenring und Gabi Neuhaus. Nun sind auch Sie gefragt: Vielleicht sind Sie aus den letzten Ferien mit einem feinen Rezept im Koffer heimgekehrt. Oder schmecken beim Himbeertiramisu immer noch die Süsse der unbeschwerten Kindertage auf der Zunge. Schicken Sie Ihr Rezept, ein Foto des fertigen Gerichts, die Geschichte dahinter (200-400 Zeichen) mit dem Betreff «Geschichten in Gerichten» an unsere Redaktions-Adresse redaktion@familienleben.ch!

 

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