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Wenn falsche Freunde Eltern verzweifeln lassen

Eben noch war das Kind offen und zugänglich, jetzt ist es verstockt und abweisend den Eltern gegenüber – und am liebsten mit den neuen Freunden zusammen. Wie Eltern reagieren können, wenn sie denken, ihr Kind verkehre mit den falschen Freunden.

Von Sigrid Schulze, im Februar 2017

Zwei junge Frauen mit Punk-Stil

Innert weniger Wochen wird aus dem zarten, netten Mädchen plötzlich ein rebellischer Teenager: Zwei Jugendliche treffen sich in der Freizeit und trinken gemeinsam Bier. (Bild: Hemera Technologies/AbleStock, Thinkstock)

Die verzweifelte Mutter einer 16-Jährigen meldet sich beim Elternnotruf Schweiz. «Sie berichtete, dass sich ihre Tochter innert weniger Wochen stark verändert habe», sagt Peter Sumpf, Geschäftsleiter des Elternnotrufs. Noch vor kurzem zeigte sie sich als liebes Kind, war gut integriert in die Familie, aufgeschlossen und verantwortungsbewusst. Doch eine neue Liebe habe das Mädchen aus dem gewohnten Tritt gebracht. Denn sie habe sich in einen jungen Mann verliebt, der mit Drogen zu tun hat. Das Mädchen habe sich auch der Clique des Freundes angeschlossen.

«Die Mutter berichtete, sie würde seitdem ihr Kind kaum noch wiedererkennen», sagt Sumpf. Sie lasse sich von den Eltern nichts mehr sagen, gebe nur wenig Auskunft darüber, wo sie sich aufhalte, und komme und gehe aus dem Haus, wann sie wolle. Ein typischer Fall für den Elternnotruf Schweiz, der regelmässig solche Beratungsanfragen erhält.

Jugendliche wollen sich ausprobieren

«Was ist nur los?», fragen sich Eltern in solchen oder ähnlichen Situationen. «Jugendliche stehen vor der Aufgabe, das Verhältnis zu ihrer Familie und ihren Eltern neu zu definieren», erklärt Sumpf. Denn Teenager wollen und müssen ihr Leben nach und nach selbst in die Hand nehmen. Dabei finden sie aber nicht immer gradlinig ihren Weg. Viele schlagen Irrwege und Umwege ein, manche auch Sackgassen. «Grund zur Sorge besteht, wenn Jugendliche Ihren Verpflichtungen in der Schule und im Beruf nicht mehr nachkommen», sagt Sumpf. Dann sollten sich Eltern fachkundig beraten lassen.

Die Gefahr sei für Jugendliche sicher grösser, wenn sie zu Hause keinen Halt finden, erklärt Sumpf, der selbst diplomierter Sozialarbeiter ist. «Wer zu Hause nichts antrifft, sucht woanders.» Oft seien es dann gerade die haltlosen Jugendlichen, die versuchen, sich aufeinander einzuschwören, und oft im negativen Sinne «zusammenhalten». «Halt und Wertschätzung unterstützen den Jugendlichen in dieser schwierigen Zeit in seiner Entwicklung; auch dann, wenn es den Eltern schwer fällt, das wahrzunehmen», sagt Sumpf.

Der Elternnotruf ist ein 1983 gegründeter privater Verein, der politisch und konfessionell neutral ist. Der Verein betreibt ein 24 Stunden- Notruftelefon (0848 35 45 55) und berät Eltern, Verwandte und Bezugspersonen von Kindern in allen Erziehungs-, Eltern- und Familienfragen. Falls nötig, vermittelt der Notruf auch die nötigen Hilfsangebote. Weitere Informationen zum Angebot finden sich auf der Webseite des Vereins. Der Verein finanziert das Angebot über Spenden.

«Wenig Möglichkeiten, auf Teenager einzuwirken»

«Wie soll ich vorgehen?», wollen Eltern wissen, wenn sie verzweifelt beim Elternnotruf anrufen. «Kinder aus Kreisen herauszuholen, die ihm schaden können, ist ein verständliches Anliegen», weiss Sumpf. Doch der Fachmann schränkt ein: «Die Möglichkeiten, auf Teenager einzuwirken, sind höchst beschränkt.» Jugendliche sind oft ausser Haus und schwer zu kontrollieren. Eltern, die auf Verbote wie Hausarrest und auf Vorwürfe und lange Predigten setzen, gehen das Risiko ein, auch den letzten Einfluss zu verlieren, den sie auf das Kind haben. «Eltern sollten sich nicht gegen falsche Freunde stellen», sagt Sumpf. Zu gross sei das Risiko eines Romeo- und Julia-Effektes, bei dem sich die Freunde dann heimlich treffen. «Wenn Eltern mit Vorwürfen schiessen, schliesst das Kind den Kanal.» Es mache dicht.

Offen bleiben für das Kind

Besser ist es, die Türe offen zu halten. «Das gelingt, indem Eltern nicht das Kind selbst oder die in ihren Augen falschen Freunde beschuldigen, sondern wenn sie bestimmtes Verhalten in Frage stellen», erklärt der Diplomsozialarbeiter. Statt zu sagen «Da siehst du mal wieder, was für einen schlechten Einfluss Deine neuen Freunde auf Dich haben. Jetzt kommst Du – ohne Bescheid zu sagen – so spät nach Hause!», schlägt Peter Sumpf vor: «Du kommst erst um Mitternacht nach Hause. Das macht mir Sorgen. Ich habe Angst davor, dass Dir auf dem Nachhauseweg so spät etwas zustösst. Ausserdem befürchte ich, dass Du am nächsten Tag nicht ausgeschlafen genug bist, um Dich in der Schule konzentrieren zu können.»

Freunde respektieren, Situationen lenken

Dieser Tipp gilt auch für Eltern von jüngeren Kindern, die sich sorgen, ihr Kind könne falsche Freunde haben. Freunde, die wenig Halt und Orientierung in ihrer eigenen Familie finden, die hyperaktiv, unbeständig oder aggressiv sind. «Grundsätzlich sollten Eltern die Freunde ihrer Kinder respektieren», betont Peter Sumpf. Denn schliesslich gebe es einen Grund für den Bestand dieser Freundschaft. Dennoch müssten Eltern nicht alle Verhaltensweisen und Situationen tolerieren, die sich durch die Freundschaft ergeben. Sumpf führt Beispiele an, wie Eltern intervenieren können: «Es ist toll, dass Jan und Du Freunde seid. Trotzdem möchte ich nicht, dass Jan jeden Abend bei uns isst.» Ein weiteres Beispiel: «Wenn Flynn da ist, ist es sehr lebendig im Haus. Deshalb erlaube ich nicht, dass ihr hier spielt, wenn kein Erwachsener da ist.» Oder: «Du hast oft Krach mit Emily auf dem Nachhauseweg nach der Schule. Willst du nicht lieber mit Ronja nach Hause gehen?»

Tröstlich für Eltern: Ansteckend sind Verhaltensweisen anderer Kinder nicht. «Verhalten muss man sich angewöhnen», sagt Sumpf. «Ich glaube, Eltern haben ausreichend Zeit mit einem Kind, um in ihrem Einflussfeld auf wünschbares Verhalten hinzuwirken.»

Hoffnung im akuten Fall

Im Fall der 16-jährigen, die sich in einen Jungen aus dem Drogen-Milieu verliebt hat, hat Peter Sumpf Hoffnung. «Um herauszufinden, wer sie sind, probieren Jugendliche oft neue Facetten ihrer Persönlichkeit aus.» Einmal sein, was man bisher nie war, dieser Wunsch könnte auch dieses «good girl» angetrieben haben, mal ein «bad girl» zu sein – ein Motor, der bald erlahmen könne. Darüber hinaus hatte die Mutter laut Peter Sumpf berichtet, dass ihre Tochter ihr Lehrverhältnis weiterhin ernst nehme. Das wertet er als ein gutes Zeichen dafür, dass die Jugendliche den Boden unter den Füssen nicht verloren hat.