Ist Vernunft wichtiger als Schmetterlinge im Bauch?

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Viele haben Schmetterlinge im Bauch zu Beginn einer Beziehung. Später folgt oft die tiefe Enttäuschung. Ist es deshalb vielleicht besser, sich nicht mehr zu verlieben und sich ganz vernünftig an das Thema Beziehung anzunähern? Paartherapeut André Dietziker aus Cham erklärt, worin die Chancen und Gefahren liegen.

Schmetterlinge im Bauch sind keine Garantie für die grosse Liebe

Keine Schmetterlinge im Bauch ist kein Hindernis für die grosse Liebe. Foto: m-gucci, iStock, Thinkstock

Schmetterlinge im Bauch sind ein aufregendes Gefühl… Das ganze Leben erscheint in neuem Glanz, voller Energie, mit grossen Möglichkeiten!

André Dietziker Ja, jeder kennt dieses Gefühl und weiss, wie wunderbar es ist. Doch leider gehen die Schmetterlinge im Bauch irgendwann vorbei, meist in einem Zeitraum zwischen einem halben Jahr und zwei Jahren. Dann ist die Brille nicht mehr rosarot, sondern ermöglicht klare Sicht auch auf Facetten des Partners, die weniger gefallen. Wenn man nicht mehr nur die positiven Seiten des Partners sieht, sondern auch die Ecken und Kanten, kann die Ernüchterung gross sein. Zweifel an der Partnerschaft stellen sich ein.

Ist es besser, sich nicht zu verlieben?

Es ist unmöglich, sich nicht zu verlieben. Sich von einem anderen Menschen so intensiv angezogen zu fühlen, ist ein natürlicher psychophysischer Vorgang, dem wir uns nicht entziehen können. Es passiert einfach. Allerdings verlieben sich Menschen mit wachsendem Alter nicht mehr so schnell und gehen oft nüchterner auf neue Partnerschaften zu. Anderseits kann der unbedingte Wunsch, eine Partnerschaft einzugehen und eine Familie zu gründen den Blick auch vernebeln und Menschen Verliebtheit vorgaukeln.

Kann denn eine Beziehung ohne Schmetterlinge im Bauch funktionieren?

Ja, verliebt zu sein ist keine notwendige Voraussetzung für eine gute Beziehung. Es muss passen! Damit meine ich nicht, dass es wichtig ist, die gleichen Hobbys zu haben oder dieselbe Musik zu hören. Solche Gemeinsamkeiten sind nicht tragfähig genug, um später die Herausforderungen des Lebens gemeinsam zu bestehen und zum Beispiel Kinder in die Welt zu setzen und zu erziehen. Es geht um eine ähnliche Grundhaltung dem Leben gegenüber, um gleiche Werte und Ziele.

Solche Gemeinsamkeiten lassen sich doch mit mehr als einem Menschen teilen. Ist der Mythos von dem nur einen Richtigen also falsch?

Ja, die Vorstellung, den einen Prinzen oder die eine einzig passende Prinzessin zu finden, gehört in die Märchenwelt oder nach Hollywood. Wir alle könnten mit verschiedenen Partnern glücklich sein. Aber es entstünden ganz verschiedene Lebenswege. Die Hoffnung, mit der richtigen Partnerwahl werde eine Beziehung zum Selbstläufer, wird unweigerlich in die Enttäuschung führen.

Hat eine Beziehung, die ohne Verliebtheitsgefühle beginnt, bessere Bestandschancen?

Nein, das lässt sich so nicht sagen. Schmetterlinge im Bauch können hilfreich sein. In der Paarberatung frage ich immer: «Wann gab es zum letzten Mal den Moment, wo Sie Ihren Partner oder Ihre Partnerin zutiefst mochten und sich wirklich für ihn entschieden haben?» Selbst wenn der Punkt lange zurück liegt, ist er eine hilfreiche, wenn auch nicht notwendige Ressource. Manche Menschen trauern aber später dem Umstand nach, dass sie nie wirklich in den Partner verliebt waren.

Ist die äussere Anziehung bei der Partnerwahl unwichtig?

Das äussere Erscheinungsbild ist gleichsam das Ticket zur Annäherung. Danach spielen sehr unterschiedliche Faktoren eine Rolle, ob Sympathie entsteht. Viele davon sind uns nicht bewusst. Die Funktion von Gerüchen wird zum Beispiel intensiv untersucht. Sehr problematisch wird es, wenn reine Vernunft, Status oder wirtschaftliche Aspekte zu einer Partnerschaft führen.

Haben zwei Menschen erst einmal beschlossen, gemeinsam einen Teil ihres Lebensweges zu gehen, gilt es, eine gute Beziehung zu führen. Gibt es dafür Patentrezepte?

Es gibt tatsächlich Rezepte, wie Partnerschaft gelingen kann – und sie sind ganz unspektakulär. Ein wichtiges Rezept besteht in einer guten Kommunikation. Dazu zählt, wirklich zuzuhören und zu versuchen, den Partner zu verstehen, statt nur Stichworte aufzunehmen und sie dann mit eigenen Assoziationen zu verbinden. So entstehen Missverständnisse! Darüber hinaus ist wesentlich, dass jeder einzelne für sich und beide zusammen sinnvoll mit Stress umgehen. Viele Beziehungen kranken daran, dass die Partner den Stress nicht gegenseitig auffangen, sondern Druck im Streit ablassen. Wer aber weiss, dass der andere in Stresssituationen feinfühlig auf ihn eingeht, fühlt sich geborgen und im sicheren Hafen. Letztendlich geht es um die grundsätzliche Bereitschaft, sich einzulassen, zu öffnen für das «Andere» im anderen.

Gute Kommunikationsfähigkeiten und Einfühlungsvermögen bringt nicht jeder mit in die Beziehung. Wie lassen sich solche Fähigkeiten lernen?

Es gibt unzählige Fachbücher, Ratgeber und Paarseminare, die grundlegendes Wissen vermitteln und einüben. Über bewusste Verhaltensänderungen lässt sich schon viel erreichen. Wenn Belastungen aus dem bisherigen Leben die Partnerschaft beschweren, kann eine Paarberatung Knoten lösen helfen. Das grösste Gift ist die Haltung: «Ich habe mehr recht als du und du trägst mehr Schuld als ich.»

Kann ohne Schmetterlinge im Bauch Liebe entstehen?

Ja, wenn wir Liebe als Fähigkeit sehen, den Partner in der Ganzheit seiner menschlichen Unvollkommenheit anzunehmen, zu respektieren und zu achten. Die Enttäuschung nach der ersten Verliebtheit kann gerade diesen Übergang erschweren. Wenn ein Paar zusammen kommt, sucht und geniesst es selbstverständlich gute Momente. Sich solche gute Momente auch später zu erhalten, ist der Schlüssel für eine stabile, dauerhafte Partnerschaft.

Zur Person:

André Dietziker spricht über die berühmten Schmetterlingen im Bauch

André Dietziker, 1957 geboren, arbeitet bereits seit 24 Jahren als Einzel- Paar- und Familientherapeut in seiner psychotherapeutischen Praxis in Cham. Der Vater von drei erwachsenen Kindern ist darüber hinaus Schülerberater am Kantonalen Gymnasium Menzingen (ZG) und sehr aktiv in der Elternbildung und Projekten für psychische Gesundheit.

Interview: Sigrid Schulze im Juni 2016

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