Leben > PartnerschaftMental Load: Auch Alltagsheldinnen sind mal überlastet – und wie sie die Denkarbeit teilen Linda Freutel Eva Mell Wäsche gewaschen, Boden gewischt, Einkaufszettel geschrieben? Die Alltagsplanung kann zur mentalen Belastung werden. Über diesen Mental Load wird in vielen Ländern diskutiert. Denn betroffen sind fast immer nur Frauen. 1 Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Meistens sind es die Frauen, die den Familienalltag planen. Und damit ist jede Menge Denkarbeit verbunden. Foto: Beornbjorn, iStock, Getty Images Plus Es ist Samstag. Wir wollen einen Familienausflug zu den Grosseltern machen. Um zehn soll es losgehen. Aber für mich beginnt der Stress bereits um sieben: Der Hund muss raus. Unser Sohn braucht Frühstück. Der Blumenstrauss für Schwiegermama fehlt noch. Idealerweise stelle ich noch eine Maschine Wäsche an, damit ich sie später aufhängen kann. Und eigentlich will ich noch meine Nägel lackieren. Ich brauche jetzt wirklich die Hilfe meines Manns. Wenn Hilfe keine Hilfe ist «Schatz, kannst du Spielsachen, Wickelzeug und Snacks für Ben einpacken?» – «Na klar», antwortet er und bringt mich dann doch noch zur Weissglut: «Welche Spielsachen soll ich denn einpacken? Wo liegen die Windeln nochmal? Und hast du mal eine Tasche, in die ich alles einpacken kann?» Wenn ich Zeit hätte, ihm diese Details zu erklären, könnte ich auch alles selbst erledigen. So, wie ich es ohnehin schon mache, wenn ich Einkaufslisten schreibe, Kindergeburtstage organisiere, Urlaube plane, Familientermine verwalte, überlege, was es zu essen gibt, mir den Impftermin für den Hund merke und all die anderen, vermeintlich kleinen, aber zahlreichen Aufgaben des Familienalltags organisiere. So wie mir geht es vielen Frauen. Das Bundesamt für Statistik (BFS) erhebt regelmässig, wie viel Zeit die Schweizer Bevölkerung in Haus- und Familienarbeit steckt. In der Familienphase ist der Abstand am grössten: Frauen zwischen 35 und 44 Jahren wenden dafür 44,6 Stunden pro Woche auf, gleichaltrige Männer 28,0 Stunden [1]. Und der Abstand verschwindet auch dann nicht, wenn beide gleich viel erwerbstätig sind. Bei Eltern mit einem jüngsten Kind unter 15 Jahren, die zu 90 bis 100 Prozent arbeiten, kommen die Mütter auf 44,6 Stunden Haus- und Familienarbeit pro Woche, die Väter auf 34,1 Stunden. Arbeitet die Mutter Teilzeit oder gar nicht, klettert ihr Wert auf 51,4 bis 71,1 Stunden [1]. Das BFS hält denn auch fest, dass die Organisation der Vereinbarkeit «oft zu Lasten der Mütter» geht [2]. Was die Zahlen für den Familienalltag bedeuten, rechnen wir im Beitrag über unbezahlte Arbeit in Schweizer Familien vor. Invisible Work: Wenn alles zu viel wird Wie sich das anfühlt? Als wäre ich der gestresste CEO einer Firma. Denn am Ende des Tages ist es nicht das Rausbringen des Mülls oder das Schmieren der Schulbrote, das die Arbeitsbelastung ausmacht, sondern das, was als Mental Load oder Invisible Work bezeichnet wird: Das ständige Denken und Planen, also die Organisation hinter dem Familienalltag. Die Forschung beschreibt den Mental Load als Zusammenspiel von gedanklicher und emotionaler Arbeit und nennt drei Eigenschaften, die ihn so zehrend machen: Er ist unsichtbar, weil er im Kopf abläuft und erst am Ende in sichtbarer Arbeit mündet. Er kennt keine Grenzen, weil er mit zur Arbeit, in die Freizeit und in die Nacht wandert. Und er ist nie abgeschlossen, weil die Sorge um andere nicht aufhört [3]. Seit die französische Comiczeichnerin Emma im Mai 2017 ihr feministisches Comic «Fallait demander» – auf Englisch «You should’ve asked» – veröffentlicht hat, ist eine Debatte um die permanente Denkarbeit der Frauen entstanden. Die Diskussion reicht längst weit über den Kreis von Feministinnen hinaus und wird in verschiedenen Ländern geführt. Der Comic-Heldin geht es wie mir: Sie denkt an die Wäsche, ans Essen, an Arzttermine und Einkaufslisten. Ihr Mann versteht sich als ausführendes Organ, das auf Befehl tätig wird. Die Mädchen von heute werden als Erwachsene womöglich mit einem ähnlichen Mental Load leben wie ihre Mütter. Foto: chameleonseye, iStock, Getty Images Plus Mental Load = Frauensache? Aber warum bleibt all diese Invisible Work eigentlich an mir als Frau hängen? Das ist doch ungerecht. Jedenfalls fühlt es sich hin und wieder so an. Und zwar immer dann, wenn mir die mentale Belastung zu viel wird. So wie jetzt. Auch ich will Wochenende haben – und verdammt nochmal meine Nägel lackieren. Dass Frauen – und nicht Männer – ständig daran denken, was im Haushalt noch zu tun ist, liegt laut Emma an den gesellschaftlichen Strukturen, in die wir alle hineingeboren wurden. Mädchen bekommen seit Generationen Puppen und Spielzeug-Staubsauger, während Buben immer noch spöttische Kommentare ernten, wenn sie mit einem Tee-Service spielen. Die Kinder beobachten zudem, dass ihr Mami den Grossteil der Hausarbeit macht, während Papi viel Zeit bei der Erwerbsarbeit verbringt. Und was tue ich, wenn mir der Mental Load zu viel wird? Ich schnauze meinen Mann an. Zum Glück reagiert er auf die denkbar beste Art und Weise. Nämlich mit einfühlsamen Worten. «Schatz», sagt er, «ich will dir doch helfen.» Er will, dass wir als Team arbeiten. Und dazu soll ich ihn einfach mehr einspannen. Genau an diesem «Ich helfe dir» hängt allerdings das Problem: Wer hilft, bleibt Zuarbeiter – die Denkarbeit bleibt bei mir. Wie daraus echtes Co-Parenting wird, haben wir in vier Schritten aufgeschrieben. Familie bedeutet Teamwork Leichter gesagt, als getan, denke ich. Aber wie soll das gehen, wenn er noch nicht mal weiss, wo die Windeln liegen? Doch unterm Strich hat mein Liebster recht. Familie funktioniert nur als Team. Es gibt allerdings ein Problem bei der familiären Teamarbeit, an dem wir Frauen nicht ganz unschuldig sind. «Die Frauen müssen die Männer auch lassen», sagt Volker Baisch in einem Interview mit der «Zeit». Er ist Geschäftsführer der «Väter gGmbH» in Deutschland sowie Initiator der Trendstudie «Moderne Väter» aus dem Jahr 2012. Darin heisst es über uns Frauen: «Oft scheuen sie sich noch Verantwortung abzugeben und trauen dem Mann im Umgang mit Kindern weniger zu.» [4] Klammern wir uns also geradezu an die mentale Belastung? Vielleicht. Ich denke wirklich: Delegieren heisst das Zauberwort. Doch das ist in der Hektik des Alltags nicht immer einfach. Invisible Work ist schliesslich schon Belastung genug. Nur wer lernt, alle Familienmitglieder gerecht und umfänglich in die Ausführung und in die Verantwortung der alltäglichen Aufgaben einzubinden, schützt sich davor, dass die mentale Belastung zur Überlastung wird. Ein erster Schritt ist, die unsichtbaren Aufgaben überhaupt aufzuschreiben: Unsere Checkliste mit Aufgabenpaketen macht sichtbar, wer gerade woran denkt. Die mentale Belastung der Väter Auch die US-Soziologin Lisa Wade findet, dass wir Frauen unsere Denkarbeit rund um die vielen alltäglichen Probleme unbedingt mit den Männern teilen müssen, und hat einen viel beachteten Essay darüber veröffentlicht. Doch kaum war ihr Text erschienen, schob Josh Levs nach – Journalist und Buchautor, der sich mit Väterrollen und der Vereinbarkeit von Familie und Beruf beschäftigt – und brach eine Lanze für die Väter. Wo Väter in der Schweiz andocken männer.ch, der Dachverband der Schweizer Männer- und Väterorganisationen, trägt das nationale Programm MenCare Schweiz. Es fördert väterliches Engagement und männliche Care-Beiträge und läuft mindestens bis 2027. Über den Verband finden Väter zudem eine Beratungslandkarte und ein Beratungstelefon: maenner.ch Die haben seiner Ansicht nach nämlich auch mit einem Mental Load zu kämpfen. Der Unterschied: Väter zerbrechen sich die Köpfe darüber, ob sie ihre Familie wirklich gut versorgen können, welche Probleme es bei der Arbeit gibt und ob sie die Erwartungen im Job erfüllen können. Es ist eine andere mentale Belastung, aber sicherlich keine angenehmere. Ist die Welt wieder gerecht, weil nicht nur Frauen, sondern auch Männer zu viel grübeln? Nein. Denn es gibt zumindest Anzeichen dafür, dass wir uns kaum aussuchen können, welchen Mental Load wir haben wollen. Die Comiczeichnerin Emma hat es gezeigt: Unsere Gesellschaft zwingt schon Mädchen in die Rolle von Frauen, die ständig über Aufgaben im Haushalt nachdenken – und Buben in die Rolle von Männern, die zu viel Zeit damit verbringen, an Arbeit und Geldbeschaffung zu denken. Im Gespräch bleiben Hier hilft nur, regelmässig das Gespräch mit dem Partner zu suchen und die Verteilung der Aufgaben immer mal wieder zu überdenken und neu auszuhandeln. Und wenn die Erschöpfung bleibt, obwohl die Aufgaben längst neu verteilt sind? Wer sich über längere Zeit ausgelaugt fühlt und auch mit Erholung nicht wieder auf die Beine kommt, sollte das ärztlich abklären lassen. Wo Mütter Hilfe finden, wenn nichts mehr geht, steht im Beitrag über Burn-out bei Müttern. Und wie geht es dir? Bist du die Ausnahme, die die Regel bestätigt? Gelingt dir die Balance vielleicht besser als mir? Oder ist dir die Invisible Workload auch zu viel? Dann erzähl uns davon in einem Kommentar. Quellen Bundesamt für Statistik (BFS): Haus- und Familienarbeit. Schweizerische Arbeitskräfteerhebung (SAKE), Modul «Unbezahlte Arbeit», Daten 2024, Datenstand 04.06.2025. Abgerufen am 10.08.2026. Bundesamt für Statistik (BFS): Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Abgerufen am 10.08.2026. Dean, L., Churchill, B. & Ruppanner, L. (2022): The mental load: building a deeper theoretical understanding of how cognitive and emotional labor overload women and mothers. Community, Work & Family 25(1), S. 13–29. Abgerufen am 10.08.2026. Väter gGmbH: Trendstudie «Moderne Väter» (2012). Abgerufen am 10.08.2026.