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Gesundheit

Impfungen – eine Empfehlung vom Experten

Bedenken gibt es nach wie vor und viele Eltern fühlen sich im Informationschaos verloren: Sollst du dein Kind impfen lassen? Dr. Jan Cahlik, Vorstandsmitglied der Kinderärzte Schweiz, erklärt, warum Impfungen so wichtig sind – und wie du dich am Schweizer Impfplan orientieren kannst.

Warum Impfungen so wichtig sind.
In unserer Umgebung schlummern Tausende Erreger. Foto; Planet Flem, DigitalVision Vectors

«Meine Kinder sind geimpft»: Der Kinderarzt Jan Cahlik sieht keine bessere Präventionsmöglichkeit vor bedrohlichen Krankheiten als das Impfen. In unserer Umgebung schlummern Tausende Erreger, mit denen wir tagtäglich in Kontakt kommen. Nicht alle sind gefährlich, jedoch rufen manche Erreger lebensbedrohliche Krankheiten hervor – besonders bei Säuglingen und kleinen Kindern, deren Immunsystem noch reift.

Impfungen kurz erklärt – Nutzen für Kind und Gemeinschaft

Wenn du dein Kind impfen lässt, trainierst du sein Immunsystem gezielt: Es lernt, Krankheitserreger zu erkennen, ohne dass dein Kind die Krankheit mit all ihren Risiken durchmachen muss. Gleichzeitig schützt eine hohe Impfquote auch andere – zum Beispiel Neugeborene, Kinder mit bestimmten Grunderkrankungen oder Menschen, deren Immunsystem vorübergehend geschwächt ist.

Wichtig: Nicht jede Infektion ist «harmlos» und nicht jede «durchgemachte Krankheit» ist ein sinnvoller «Immunsystem-Boost». Gerade Krankheiten wie Masern können ernsthafte Komplikationen auslösen und das Immunsystem vorübergehend schwächen. Darum setzen Fachgremien in der Schweiz auf eine Kombination aus Basisimpfungen und – je nach Situation – ergänzenden Impfungen.

Der Schweizerische Impfplan

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) aktualisiert den Schweizerischen Impfplan regelmässig. Er unterscheidet Empfehlungen, die für alle Kinder wichtig sind, von Impfungen, die zusätzlich je nach Alter, Umfeld oder Risiko sinnvoll sein können. «Potenziell kann jedes Kind an den Erregern erkranken.»

Leider können wir nicht in die Zukunft schauen und im Einzelfall abwägen, welche Impfung notwendig ist und welche nicht»: Cahlik hält alle empfohlenen Impfungen für sinnvoll und rät Familien, sich am aktuellen Impfplan des BAG zu orientieren (nicht an älteren Versionen).

Basisimpfungen, ergänzende Impfungen, Risikogruppen – was bedeutet das konkret?

Damit du Prioritäten besser einordnen kannst, hilft diese einfache Orientierung:

Basisimpfungen sind Impfungen, die das BAG für alle Kinder empfiehlt, weil Nutzen und Schutz vor schweren Verläufen besonders klar sind. Dazu gehören je nach Alter und Zeitpunkt unter anderem Impfungen gegen Diphtherie, Tetanus, Pertussis (Keuchhusten), Polio, Hib, Hepatitis B, Pneumokokken sowie Masern-Mumps-Röteln; Varizellen (Windpocken) sind in der Schweiz inzwischen ebenfalls als Basisimpfung verankert.

Ergänzende Impfungen sind zusätzliche Empfehlungen für bestimmte Altersgruppen oder Lebenssituationen (zum Beispiel je nach Betreuungssituation, Reisen oder aktueller epidemiologischer Lage). Beispiele, die Eltern häufig beschäftigen, sind Rotavirus oder bestimmte Meningokokken-Impfungen – was in eurem Fall sinnvoll ist, klärst du am besten mit der Kinderärzt:in.

Impfungen für Risikogruppen betreffen Kinder mit bestimmten Vorerkrankungen oder besonderen Risiken (z.B. chronische Erkrankungen, Frühgeburtlichkeit, immunsuppressive Therapien). Hier ist die individuelle Beratung besonders wichtig, weil Zeitpunkt, Impfstoffwahl und Schutzmassnahmen (inklusive Schutz der engen Bezugspersonen) abgestimmt werden müssen.

«Die grösste Nebenwirkung ist der kurze Piks der Spritze»

Trotz des Impfplans gibt es Bedenken. Unter den Impfkritiker:innen grassiert die Angst vor Nebenwirkungen. «Die grösste Nebenwirkung ist der kurze Piks der Spritze», sagt Jan Cahlik.

Gleichzeitig hilft es, realistisch zu bleiben: Nach Impfungen sind Reaktionen möglich – und meist ein Zeichen dafür, dass das Immunsystem arbeitet. Häufig sind Rötung, Schwellung oder Druckschmerz an der Einstichstelle, vorübergehende Müdigkeit, Unruhe oder leichtes Fieber. Sehr selten treten schwere allergische Reaktionen auf; darum wirst du nach gewissen Impfungen in der Praxis oft noch kurz gebeten zu warten.

Der Facharzt betont, dass bei den derzeit empfohlenen Impfungen keine Nebenwirkungen bekannt sind, die typischerweise lebenslange Beschwerden verursachen. Die Schäden, welche die Erkrankungen verursachen können, seien mit den Nebenwirkungen nicht zu vergleichen.

Was du bei Fieber oder Schmerzen nach einer Impfung tun kannst

Wenn dein Kind nach der Impfung Fieber hat oder sich unwohl fühlt, helfen oft einfache Massnahmen: Ruhe, genügend trinken, leichte Kleidung und Nähe. Kühlende Umschläge an der Einstichstelle können bei lokalen Beschwerden entlasten.

Schmerz- oder fiebersenkende Medikamente solltest du nur nach Empfehlung deiner Kinderärzt:in einsetzen – und nicht «vorsorglich», ausser es wurde dir ausdrücklich so geraten. Wenn du unsicher bist, ruf lieber einmal zu früh in der Praxis an.

Wann du medizinisch abklären lassen solltest: wenn sehr hohes oder anhaltendes Fieber auftritt, dein Kind ungewöhnlich teilnahmslos wirkt, stark schreit und sich nicht beruhigen lässt, Atemprobleme auftreten oder du Anzeichen einer allergischen Reaktion bemerkst (z.B. Schwellungen im Gesicht, Quaddeln am ganzen Körper).

Zur Person

Dr. med. Jan Cahlik
Dr. med. Jan Cahlik

Facharzt FMH für Kinder und Jugendliche

Vorstandsmitglied der Kinderärzte Schweiz 

Impfen bei Infekt, Antibiotika, Allergien – wann verschieben, wann nicht?

Eine häufige Frage in Familien ist: «Darf mein Kind geimpft werden, wenn es erkältet ist?» In der Regel gilt: Ein leichter Infekt ohne hohes Fieber ist meist kein Grund, eine Impfung zu verschieben. Bei einer akuten, schwereren Erkrankung oder hohem Fieber wird der Termin oft verschoben, damit dein Kind sich erholen kann und damit Beschwerden nicht «der Impfung zugeschrieben» werden, obwohl sie zur Erkrankung gehören.

Auch eine Antibiotika-Behandlung ist nicht automatisch ein Impfhindernis – entscheidend ist der Allgemeinzustand. Bei schweren Allergien, früheren starken Impfreaktionen oder bei Immunsuppression (z.B. durch Medikamente oder bestimmte Erkrankungen) brauchst du eine individuelle Beurteilung durch die behandelnde Ärzt:in. Wichtig: Sag in der Praxis immer, ob dein Kind Medikamente nimmt oder kürzlich eine starke Reaktion hatte.

Nachholimpfungen: Wenn ihr Termine verpasst habt

Das passiert vielen Familien: ein Infekt, Ferien, Betreuungsstress – und schon ist ein Impftermin vorbei. Die gute Nachricht: In den meisten Fällen muss man nicht «von vorne beginnen». Deine Kinderärzt:in kann ein Nachholschema erstellen, das zu Alter, bisherigem Impfschutz und individueller Situation passt. Am besten bringst du dafür den Impfausweis (oder die digitale Dokumentation) mit.

Keine Impfpflicht für Schweizer

In der Schweiz besteht keine Impfpflicht. In Frankreich und Italien hingegen müssen Eltern ihre Kinder impfen lassen, sonst dürfen sie nicht in die Kitas und Schulen. In anderen Ländern drohen sogar Geldstrafen. 

Cahlik: «Wir versuchen und erhoffen uns eine hohe Impfquote durch Überzeugung zu erreichen.» Eine Impfpflicht stehe zwar momentan nicht zur Debatte, sei aber in Zukunft bei starkem Rückgang der Impfquote und fatalen Auswirkungen, wie geschlossenen Kitas und Schulen, nicht auszuschliessen.

Der Mythos der Ausrottung

Die Anzahl der Erkrankungen ist durch Impfungen zwar deutlich zurückgegangen, dennoch sind viele bis dato nicht ausgerottet. «Masern und Röteln können ausgerottet werden, bei Pneumokokken und Haemophilus influenzae- Infektion ist das zum Beispiel nicht möglich», sagt Jan Cahlik. 

Der Impfstoff schützt im Fall dieser Erreger vor systemischen Erkrankungen wie einer Lungen- oder Hirnhautentzündung, lokale Infektionen wie Rachen- oder Mittelohrentzündungen kann er nicht verhindern. Denn: die Erreger finden sich auf unseren Schleimhäuten und können bei jedem Menschen unterschiedliche Krankheiten auslösen. 

Auswirkungen auf das Immunsystem

Aber ist zu viel Schutz vor Erregern nicht auch negativ? Krankheiten zu überwinden, stärkt das Immunsystem. Kinder müssen im Laufe ihres Lebens Erkältungen, Grippen und andere Infektionen durchstehen, um ein gesundes Immunsystem aufzubauen. «Die Krankheiten, gegen die Säuglinge geimpft werden sollen, sind bedrohlich.

Das Risiko ist zu hoch, als dass es sich lohnt die Erkrankung zur Immunsystem-Stärkung zu durchleben. Das brauchen wir nicht», sagt der Facharzt und versichert, dass jedes Kind genug Infektionen durchmacht, die nicht bedrohlich sind und das Immunsystem ausreichend stärken. Zudem bestehe der Irrglaube, dass Kinder nach einer Masernerkrankung einen Entwicklungsschub erfahren. Bei solch einem Schub wird lediglich der reguläre Entwicklungsprozess, der während der Erkrankung ausgebremst worden ist, aufgeholt.

Praktisches in der Schweiz: Kosten, Dokumentation und Meldung von Nebenwirkungen

Viele Eltern möchten neben der medizinischen Frage auch wissen, wie es im Alltag läuft. Grundsätzlich gilt: Ob eine Impfung von der obligatorischen Krankenpflegeversicherung übernommen wird, hängt davon ab, ob sie im Impfplan als Empfehlung (z.B. Basisimpfung) aufgeführt ist und unter welchen Bedingungen sie empfohlen wird. Frag in der Praxis kurz nach, wie es in eurem Fall gehandhabt wird.

Halte den Impfausweis deines Kindes aktuell und nimm ihn zu jedem Termin mit. Viele Praxen dokumentieren zusätzlich elektronisch, damit Nachholimpfungen oder Schulimpfungen besser koordiniert werden können.

Wenn nach einer Impfung etwas Ungewöhnliches passiert, melde dich bei deiner Kinderärzt:in. Verdachtsfälle von unerwünschten Wirkungen werden in der Schweiz über etablierte Meldesysteme erfasst (meist durch medizinische Fachpersonen). Das verbessert die Arzneimittelsicherheit laufend.

Herr Cahlik, was denken Sie, woher kommen die Bedenken der Impfkritiker?

«Die Argumente der Impfgegner beruhen zum Teil auf Pseudowissen, Nicht- oder Halbwissen, das sie sich meist über das Internet von unseriösen Quellen angeeignet haben. Sie kennen das Prinzip des Impfens nicht immer und sind nicht ausreichend informiert. Sicher gibt es auch ideologische Gruppierungen, die das Impfen ablehnen. Der Erfolg des Impfens steht sich selbst im Weg, denn wenn keine Bedrohung zu sehen ist, scheint es an Notwendigkeit zu verlieren.

Das Internet ist geduldig und es ist schwierig zu unterscheiden, was richtig und was falsch ist, welche Quelle fundiert und welche Argumente ungesichert sind. Im World Wide Web können Sie alles lesen, was Sie wollen und das ist das Problem.»

Der Facharzt legt eine umfangreiche Recherche nahe. Er empfiehlt die Informationsquelle genau zu prüfen. Eltern sollten sich ihrem Kinder- oder Hausarzt anvertrauen und ihre Bedenken hinterfragen. Man soll nicht alles glauben, was man liest – vor allem nicht im Internet.

So findest du eine gute Entscheidung – ohne Druck

Wenn du unsicher bist, hilft eine einfache Reihenfolge: 1) Schau, welche Impfungen im aktuellen Schweizer Impfplan als Basis empfohlen sind. 2) Notiere dir deine Fragen (z.B. zu Nebenwirkungen, Vorerkrankungen, Betreuung in Krippe, Reisen). 3) Besprich diese Punkte gezielt mit deiner Kinderärzt:in. Du musst nicht «alles im Internet» klären – eine gute Beratung berücksichtigt immer euer Kind, eure Familienrealität und den aktuellen Stand der Empfehlungen.

Und: Es ist okay, wenn dich der Gedanke an Impfungen emotional beschäftigt. Viele Eltern wollen «alles richtig machen». Wissenschaftlich fundierte Empfehlungen sollen dir nicht Angst machen, sondern dir Sicherheit geben – Schritt für Schritt.

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