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Chancengleichheit: Warum in der Bildung Unterschiede existieren

Jeder soll dieselben Ausbildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten erhalten, Herkunft sollte keine Rolle spielen. Das nennt man Chancengleichheit. Man könnte meinen, Chancengleichheit sei 2020 selbstverständlich. Ist sie aber nicht. Lernberater Michael Berger erklärt, warum nicht nur die Politik und die Schule gefordert sind und wie Sie Ihren Kindern den besten Start ins Leben ermöglichen. 

Chancengleichheit in der Bildung

Gleiche Chancen für alle? Nicht ganz – nicht nur das Bildungssystem, sondern auch die Gesellschaft und Familie sorgen für Chancengleichheit. Bild: skynesher, Getty Images

Chancengleichheit – ein schöner Wunsch.Hinter dem Wunsch der Chancengleichheit versteckt sich ein genauso schönes Menschenbild, das alle als gleichwertig ansieht. Leider sieht das in der Praxis häufig anders aus – und Chancengleichheit kann so kaum umgesetzt werden. Sie ist und bleibt eine Idealvorstellung, gerade im Bereich der Bildung. Und das obwohl wir in der Schweiz ein durchlässiges Bildungssystem haben. Bei uns gibt es immer einen Weg, um einen höheren Abschluss zu erlangen. Die Wege sind bestimmt nicht einfach zu meistern, doch sie bestehen.

Wieso haben trotzdem nicht alle die gleichen Chancen? Ganz einfach: Fairness zu schaffen, liegt nicht nur an den Verantwortlichen im Bildungsbereich. Denn Bildung ist ebenso eng mit den Werten der Familie und der Gesellschaft verknüpft. Wo also ansetzen, wenn man Chancengleichheit schaffen will? Worauf kommt es schlussendlich an? 

Der Schlüssel zur Bildung ist die Familie

«Bei der Frühen Förderung ist immer die Familie der erste und wichtigste Ort», meint Frau Monika Knill, SVP-Regierungsrätin des Kantons Thurgau. Ich denke, sie liegt damit richtig. Die Familie legt den Grundstein für das Leben des Kindes. Jede Familie hat diesbezüglich eigene Werte und Möglichkeiten. Aber: Hier eine Gleichheit herzustellen, ist aus meiner Sicht utopisch und auch nicht erstrebenswert. Die Vielfalt ist ja gerade das, was unsere Gesellschaft ausmacht. Es ist aber möglich, Unterstützung im Bereich der Ausbildung anzubieten, damit eine Form der Chancegleichheit erlangt werden kann.

Nick Gugger, EVP-Nationalrat, trifft es auf den Punkt, in dem er sagt: «Frühe Förderung beginnt bei den Erwachsenen – man muss es wollen, man muss es können und wie immer: Taten zählen mehr als Worte.» Also liegt es an uns. Wo beginnen wir?

Der Staat sützt sich auf eine Formel, die im realen Leben nicht ganz aufgeht.

In meiner beruflichen Laufbahn hatte ich bisher mehrheitlich mit Eltern zu tun, die für ihr Kind das Beste wollten. Diese Eltern haben die Förderung im Elternhaus nach den eigenen Möglichkeiten und Werten gestaltet. Genau hier besteht auch die grösste Ungleichheit im Bezug auf die Bildung.

Faktoren wie Einkommen, Wohnort, Kultur, Bildungsniveau der Eltern und Migration spielen doch wieder eine grössere Rolle, als es uns lieb ist. Egal in welchem Bereich, Möglichkeiten werden genutzt, wenn man diese hat. Das gilt besonders für Bildung, welche einem den Weg in die Zukunft ebnet. Egal ob fair oder nicht, wer die Möglichkeit hat, wird seinen Kindern immer die beste Unterstützung bieten. Der Staat kann diesbezüglich wenig ausgleichen, es ist aber lobenswert, dass er es versucht. Leider stützt sich der Staat dabei auf eine Formel, die im realen Leben nicht ganz aufgeht.

Die Formel für den Erfolg

Aus meiner eigenen Erfahrung würde ich die Formel Gymnasium = Erfolg klar verneinen. Genau deshalb verstehe ich die Argumentationen einiger Fachleute nicht, wenn sie beim Thema Chancengleichheit jedes Mal die Quote der Gymnasien nehmen. Immer wieder wird aufgezählt, dass eine Ungleichheit besteht, da es nur wenige Migratenkinder und Kinder aus bildungsfernen Familien ans Gymnasium schaffen, obwohl diese nachweislich nicht weniger intelligent sind. Nachhilfen werden als Doping beschrieben und die Schule als unfähig, diesen Missstand zu beheben. Persönlich ärgern mich diese Statements, da sie den Wert vermitteln, dass diese Kinder ihrer Chance beraubt wurden.

Natürlich kann man die Angebote ausbauen. Damit aber alle davon profitieren können, muess es ein Obligatorium geben. Wollen wir das wirklich? Ohne Obligatorium wird weiterhin jede Familie ihr Bestes geben. Es soll im Ermessen der Familie bleiben, welche Schwerpunkte sie setzt. Die Entscheidung, ob ein Kind ans Gymnasium geht oder nicht, fällt nicht die Schule.

Wie Werte und Kosten eine Laufbahn beeinflussen

So schockierend es sein mag, wir benötigen noch andere Berufsleute als Akademiker. Dabei gibt es viele Jugendliche, die keine Lust haben, länger in die Schule zu gehen und danach zu studieren. Manche möchten einfach arbeiten gehen und Geld verdienen. Einige sind ein Leben lang zufrieden in ihrem Job. Es gibt auch Familien, die es ihren Kindern nicht ermöglichen können, noch länger die Schulbank zu drücken. Das hat weniger mit den Studiengebühren als vielmehr mit den Kosten zu tun, die sonst so im Leben anfallen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Wertvermittlung. In Familien von Akademikern ist ein Studienabschluss erstrebenswert, genauso wie sich ein Handwerker freut, wenn seine Kinder auch einen handwerklichen Beruf erlernen. Das erklärt auch die Studien betreffend Gymnasiasten. Es gibt also eine Vielzahl von Punkten, die es dem Staat schwer machen, eine Chancengleichheit herzustellen. Trotzdem ist der Schweiz mit dem bestehenden System etwas gelungen, was seinesgleichen sucht. Doch das Interesse das Staates an der Chancengleichheit hat auch politische Gründe.

Politische Ziele sollten das Kindswohl miteinbeziehen

Das Wort Humankapital klingt erst einmal erschreckend, erklärt aber gut, weshalb die Chancengleichheit ein solches Dauerthema ist. Besonders im Wahlkampf häuft sich dieses Thema. Das benötigte Humankapital können wir nicht selbst erzeugen. Talente bei Einheimischen und Zugewanderten werden vergeudet, weshalb wir hochqualifiziertes Personal aus dem Ausland rekrutieren müssen. Auf diese ökonomisch Benachteiligten zu verzichten, komme die Allgmeinheit teurer zu stehen, als die Übernahme derer Studiengebühren.

Es geht also bei der ganzen Chancengleichheit auch immer um politische Ziele. Finanzielle Unterstützung von Frühförderprogrammen, Elternbildung oder auch Stipendien werden damit angesprochen. Auch die Sprachkenntnisse der Migratenkindern sind immer wieder ein Thema und all diese Bereiche lassen sich politisch nutzen.

Ich hoffe, dass bei allen Entscheidungen das Kindswohl bedacht wird und wir Lösungen finden! Zudem erachte ich die Vielfalt als erhaltenswert, gerade in unserem seit jeher multikulturellen Land, welches sich international aus meiner Sicht gut behauptet.

Geht euren Weg mit euren Kinder nach bestem Wissen und Gewissen, nutzt die Möglichkeiten und fragt um Unterstützung. Denn viele der geforderten Angebote bestehen schon. Wie anfänglich zitiert, zählen schlussendlich die Taten: Wer möchte, kann meist auch etwas tun.

Michael Berger gezielt lernen

Michael Berger ist Schulischer Heilpädagoge und in seiner ersten Ausbildung Kindergartenlehrperson. Mittlerweile hat er auf jeder Schulstufe unterrichtet und ist nun auf der Oberstufe tätig. Auf seiner Online-Plattform gezielt-lernen.ch bietet er Beratungen, Seminare und Vorträge an.