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Darf ich mich in die Erziehung anderer Eltern einmischen?

Ein anderes Kind ärgert mein Kind, eine Mutter schimpft völlig ungerechtfertigt mit ihrem Nachwuchs, Eltern verwöhnen ihr Kind: Darf ich den Mamis und Papis sagen, was mir in solchen Situationen auf der Zunge liegt? Eine Einschätzung der Kinderpsychologin Ina Blanc.

Darf ich mich in die Erziehung anderer Eltern einmischen?

Nicht immer verhalten sich Kinder oder ihre Eltern in der Öffentlichkeit optimal. Darf ich mich dann einmischen? Foto: Lisa5201, iStock, Getty Images Plus

1 Ein anderes Kind ärgert mein Kind auf dem Spielplatz, aber die Eltern schauen weg

Auf dem Spielplatz ärgert ein anderes Kind mein Kind, nimmt das Spielzeug weg und reisst an den Haaren. Mein Kind kommt aufgelöst zu mir. Die anderen Eltern beobachten die Situation, greifen aber nicht ein. Was soll ich tun? Dem anderen Kind und seinen Eltern eine klare Ansage geben, die Kinder den Streit untereinander klären lassen oder die Situation mit meinem Kind verlassen?

Ina Blanc: Es kommt darauf an, wie alt Ihr Kind ist. Ab Kindergartenalter, würde ich eher das eigene Kind coachen. Es ist ja mit solchen Situationen zum Beispiel im Kindergarten oder in der Schule oft auch alleine. Also würde ich es auf die Seite nehmen und Tipps geben.

Je nach Situation kann es das Verhalten des anderen Kinds ignorieren, an einen anderen Ort gehen oder auch klare Grenzen setzen und sagen: «Das machst du nicht mit mir!» So kann mein Kind Selbstwirksamkeit erleben und sein Selbstvertrauen stärken. Natürlich kann man dem Kind auch sagen, dass es sich immer Hilfe von Erwachsenen holen kann, wenn es mit den eigenen Strategien doch nicht klappt.

Wenn das andere Kind aber sehr gefährliche Sachen macht, das eigene Kind zum Beispiel von der Rutschbahn schubst, dann muss man eingreifen – und kann auch die Eltern des anderen Kindes ansprechen.

2 Eine Mutter schimpft völlig ungerechtfertigt mit ihren Kindern

Eine wahre Begebenheit: Ich war beim Bäcker und ein wenig vor mir in der Schlange stand eine gestresste Mutter. Ihre beiden Kinder, die im Primarschulalter waren, wollten mit nach vorne an die Theke, die Tüten nehmen und helfen. Sie waren sehr hilfsbereit und haben gefragt: «Darf ich die Tüte nehmen? Ich möchte auch etwas tragen.»

Die Mutter hat sie aggressiv zurechtgewiesen und gesagt: «Jetzt wartet doch gefälligst! Habe ich nicht gesagt, ihr sollt da hinten stehen bleiben? Das gibt es doch nicht, dass ihr nur für Ärger sorgt!»

Die Kinder sind immer wieder zurückgewichen, haben es dann wieder probiert, wurden wieder abgewiesen. Mir lag auf der Zunge zu sagen: «Jetzt entspannen Sie sich doch mal, Sie haben doch tolle Kinder, die total hilfsbereit sind.» Aber am Ende habe ich nichts gesagt. Ist das besser so gewesen? Oder habe ich die Kinder mit der Zurückweisung allein gelassen?

Ina Blanc: Das ist schwierig. Allgemein kann man sagen, wenn sich Kinder in einer öffentlichen Situation auffällig benehmen, sind Eltern oft sehr gestresst, weil sie das Gefühl haben, alle Augen liegen auf ihnen. Das ist normalerweise eher der Fall, wenn ein Kind sich schwierig verhält, sich auf dem Boden wälzt und zum Beispiel schreit.

In diesem Fall haben Sie aber mit den Kindern mitgelitten. Die beiden wollten es gut machen und bekamen immer nur negative Rückmeldungen. Vielleicht hätte es die Möglichkeit gegeben, dass Sie die Kinder einer dritten Person gegenüber loben. Wenn die Kinder etwa fragen, ob sie die Tüte tragen dürfen, könnte man die Bäckerin anschauen und sagen: «Wow, ich hoffe, meine Kinder sind auch so hilfsbereit, wenn sie mal gross sind.»

Man kann auch die Mutter anstrahlen und sagen: «Sie haben ja schon verantwortungsbewusste Kinder.» Auf solch eine Art kann man die Kinder wertschätzen, ohne der Mutter in den Rücken zu fallen und sie zu kritisieren. Eine direkte Konfrontation wäre vermutlich heikel, denn in unserer Kultur ist es ein No-Go, in die Erziehung anderer Menschen einzugreifen.

3 Andere Eltern verwöhnen ihr quengelndes Kind mit Süssem und Videos

Man ist mit dem eigenen Kind bei Freunden zu Besuch und das Kind der Freunde weint wegen jeder Kleinigkeit, bekommt zum Trost ständig etwas Süsses, irgendwann schlagen die Eltern vor, es soll doch YouTube-Videos schauen, um sich zu beruhigen. Was tun in solch einem Moment, wenn man innerlich den Kopf schüttelt? Eine Grundsatzdiskussion über Erziehung, gesunde Ernährung und Medienkonsum vom Zaun brechen? Oder einfach alles ignorieren? Auch den Fakt, dass das eigene Kind vielleicht aufgrund all dessen keine gute Zeit hat?

Ina Blanc: Bleiben Sie diplomatisch! Wenn Sie schon wissen, dass die Kinder der Freunde oft Fernsehen schauen, können Sie zum Beispiel ein Spiel mitnehmen. So haben Sie eine Aktivität mitgebracht, ohne den Eltern zu sagen, dass ihr Programm schlecht ist.

Das mit den Süssigkeiten ist schwierig, denn in unserer Kultur redet man anderen Eltern bei so etwas nicht herein. Man könnte das Kind fragen: «Darfst du heute so viel Süsses essen, weil Freunde zu Besuch sind?» Möglich ist auch, zu sagen: «Ich passe mit Süssem auf, denn ich habe die Erfahrung gemacht, dass…» Dann ist es kein direkter Angriff, sondern eine Ich-Botschaft.

Wenn das Kind der Freunde weint, können Sie auch mal sagen: «Ich schaue mal ein Büchlein an mit dir.» So zeigen Sie Alternativen, ohne sie direkt zu benennen. Aber solange das Kindswohl nicht gefährdet ist, ist es in unserer Kultur eher schwierig, die Erziehungsmethoden anderer Eltern zu kritisieren.

4 Was tun, wenn sich andere Eltern in meine Erziehung einmischen?

Manchmal mischen sich andere Eltern bei einem selbst ein: Das Kind müsse eine wärmere Jacke tragen oder es sollte nicht so viel Krümeln und Schmatzen beim Essen. Wie reagiere ich selbst am besten, wenn sich andere bei mir einmischen?

Ina Blanc: Oft nerven solche Aussagen. Aber Sie sollten immer im Hinterkopf behalten, dass es gut gemeint ist. Wenn andere zum Beispiel der Meinung sind, dass sich das eigene Kind schlecht benommen hat, fühlen wir uns oft selbst kritisiert. Aber wir sollten uns immer wieder deutlich machen: Es geht um mein Kind, nicht um mich. Vielleicht hat sich mein Kind ja wirklich nicht so gut benommen. Es ist ja generell nicht schlecht, wenn auch mal jemand anderes als die Eltern eine erzieherische Bemerkung machen.

Früher gab es Grossfamilien, in denen die Kinder aufgewachsen sind, heute erziehen nur noch die Eltern – und die Lehrer ein bisschen. Eigentlich ist es aber gesund für Kinder zu sehen, dass Erwachsene verschiedene Erziehungsstile haben und dass man sich nicht überall gleich verhalten kann. Natürlich haben die Eltern die Hauptverantwortung. Aber dass Kinder sich auch mal von jemand anderem etwas sagen lassen – wenn es nett gesagt ist – das ist völlig in Ordnung.

Ina Blanc gibt Tipps, wie Eltern mit den Ängsten ihrer Kinder umgehen können.

Ina Blanc ist Psychologin am Zentrum für Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologie der Uni Basel und ist dort Leiterin der Weiterbildungen in Kinder- und Jugendpsychologie.