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Liebevolle Führung statt Gehorsam – im Alltag gar nicht immer so einfach

Immer mehr Eltern setzen bei der Erziehung auf liebevolle Anleitung statt auf Gehorsam und Strenge. Diese Werte im Familienalltag auch tatsächlich umzusetzen, ist aber gar nicht immer so einfach. Auf Seiten der Eltern setzt dies viel proaktives Denken und Handeln voraus. Familienberaterin Maya Risch zeigt auf, wie es aussieht, wenn liebevolle Führung gelebt wird.

Maya Risch: Vater und Sohn auf dem Spielplatz auf der Schaukel

Kinder leben im Hier und Jetzt – und im Jetzt ist es immer am schönsten: Wie Eltern ihre Kinder mit Verständnis anleiten und begleiten. Bild: GettyImages, Morsa Images

Es ist Papi-Tag, der Sohn spielt, ist ganz vertieft. Der Vater sagt zum fünfjährigen Miro: «Ich sehe, du spielst gerade Lego. Komm wir gehen zum Spielplatz, so lange die Sonne noch scheint.» Miro: «Nein, ich will hier weiterspielen» Vater: «Okay, ich habe gehört, dass du noch weiterspielen willst. Dann bringe ich noch den Müll raus.» Der Vater kommt zurück: «Bereit für den Spielplatz?» Miro: «Ich will dieses Haus noch fertigbauen, dann komme ich» Vater: «So lange mag ich nicht mehr warten, du kannst noch diese Wand fertigbauen und dann gehen wir. Ich ziehe schon mal meine Schuhe an.» Miro löst sich widerwillig und langsam vom Legospiel, als die Wand fertig ist und kommt.

Wieso Eltern proaktiv handeln sollte

Kinder leben im Hier und Jetzt – und gerade jetzt ist es doch so schön. Sie erinnern sich mitten im schönen Legospiel nicht mehr daran, wie toll es beim letzten Mal auf dem Spielplatz war und auch nicht daran, dass das Rennen und Rutschen dort genauso viel Spass machen wird wie Lego bauen. Der Vater aber weiss, dass Miro noch etwas Bewegung braucht und die Sonne bald untergeht. Deshalb handelt er proaktiv, er wartet nicht, bis Miro auf Grund mangelnder Bewegung unruhig wird und quengelt.

Der Vater übernimmt Verantwortung, schafft einen klaren Rahmen und erreicht sein Ziel mit Gleichwürdigkeit und liebevoller Führung. Er respektiert die Bedürfnisse des Kindes indem er akzeptiert, dass Miro nicht sofort kommen mag. Er gibt ihm Zeit, vom «Nein» zum «Ja» zu finden. Gleichzeitig bleibt er klar bei dem, was ihm wichtig ist und sorgt so dafür, dass Miro Bewegung erhält.

Wie ist es denn, wenn unser Kind etwas von uns Eltern will? Dann möchten wir doch auch, dass es respektiert, dass wir uns nicht sofort um sein Anliegen kümmern, wenn wir uns gerade unterhalten oder noch etwas beenden wollen...

Wie Sie sich Raum und Zeit verschaffen

Miro und sein Vater sind nun schon eine ganze Weile auf dem Spielplatz, es wird Abend. Der Vater ruft: «Miro, komm wir gehen nach Hause.»

Was sagt wohl Miro, fünf Jahre alt dazu? Sagt er...:

A: Ja, Papi, ich komme sofort

B: Nein, ich will noch weiterspielen

Wir sind uns wohl alle einig, dass Miro ziemlich sicher mit B, einem «Nein», reagieren wird und wenn nötig auch lautstark für seinen Wunsch, dass er noch bleiben will., einstehen wird. Und der Vater ist erneut gefordert, liebevoll und klar zu bleiben, ohne in einen Machtkampf zu geraten.

Der Vater sagt: »Aha, du möchtest noch bleiben. Hm, das muss ich mir kurz überlegen.»

Mit diesem Satz verschafft sich der Vater Raum und Zeit, um kurz nachzudenken. Er überlegt, wie der weitere Abend aussieht: «Auf dem Heimweg muss ich noch ein Brot kaufen. Zuhause gilt es, das Abendessen vorzubereiten und danach Miro ins Bett zu bringen. Ohne Stress schaffen wir das nur rechtzeitig, wenn wir nächstens hier weggehen. Ich bin heute etwas müde, und da werde ich rasch ungeduldig, wenn ich mich unter Zeitdruck fühle. Ich muss wohl bei meiner Ansage bleiben, um zu gewährleisten, dass ich Miro gut begleiten kann, bis er schläft.»

In diesem Wissen geht er zu Miro hin: «Ich finde es auch sehr schön hier und würde gerne noch etwas bleiben. Trotzdem müssen wir leider gehen. Willst Du noch einmal rutschen? Oder zweimal? Nachher gehen wir.»

Der Erwachsene trägt immer die Verantwortung

Als meine Kinder in diesem Alter waren, reagierte ich selten wie der Vater im obigen Beispiel, sondern sagte meistens: «Also gut, wir bleiben noch eine Weile hier, ich finde es gerade auch so schön.». Ich dachte dabei nicht voraus und wollte so auch gleich noch einem Konflikt ausweichen. Sie können sich vorstellen, wie es weiterging. Mein Sohn hatte Hunger und war müde, bevor das Abendessen bereit war. Statt die Verantwortung für meine «falsche» Entscheidung zu übernehmen und empathisch zu reagieren mit: «Ohje, tut mir leid, dass wir zu lange auf dem Spielplatz geblieben sind und du jetzt gar nicht mehr aufs Essen warten magst, komm, nimm ein Stück Brot», wurde ich sauer und warf meinem Sohn vor: «Du wolltest doch noch länger auf dem Spielplatz bleiben, jetzt musst Du halt warten bis das Essen bereit ist, ich kann schliesslich nicht zaubern!»

Die Verantwortung für die Stimmung und den Ton in der Eltern-Kind-Beziehung trägt immer der Erwachsene, das können Kinder nicht übernehmen. Auch wenn wir uns Mühe geben, diese Verantwortung zu übernehmen, wird uns dies ab und zu nicht gelingen und wir werden unserem Kind Unrecht tun. Das ist natürlich nicht optimal aber menschlich und auch nicht so schlimm, solange wir uns hinterher beim Kind entschuldigen dafür und z.B. sagen: «Das was ich gestern gesagt habe, war total unfair von mir, das tut mir leid.»

Kinder brauchen Orientierung, Eltern auch

Kinder brauchen Erwachsene, die proaktiv, also vorausdenkend handeln, weil sie noch keine Erfahrung haben im Leben und selber noch nicht vorausdenken können. Sie brauchen Anleitung und Führung, weil sie noch nicht für sich selber sorgen können und abhängig sind von uns Erwachsenen.

Die meisten Eltern und Fachleute teilen die Ansicht, dass Kinder Führung, Orientierung und Anleitung brauchen. Die Frage ist, wie diese aussehen sollen. Ich erlebe immer mehr, dass Eltern, insbesondere inspiriert von der Haltung von Jesper Juul, von der Kultur des Gehorsams wegkommen und entsprechend auch auf Belohnungen, Drohungen und Strafen verzichten wollen. Es ist jedoch bei weitem nicht so einfach, die neuen Werte wie Authentizität, Gleichwürdigkeit, Integrität und Persönliche Verantwortung im Alltag umzusetzen, wie es auf den ersten Blick scheint.

Diese neuen Werte zu leben, ist ein Prozess und braucht Zeit, Auseinandersetzung und Übung.  Die meisten Erwachsenen sind mit einem anderen Wertesystem aufgewachsen und können nicht auf Vorbilder und Erfahrungen zurückgreifen, die ihnen in schwierigen Situationen helfen könnten. Die Gefahr ist deshalb gross, in solchen Momenten auf die altbekannte Gehorsamsschiene zu wechseln. Um Ideen und Wege für den Umgang mit solchen Situationen zu entwickeln, ist es oft sehr hilfreich, sich mit gleichgesinnten Eltern auszutauschen oder Input von aussen zu erhalten.

Erziehungsberaterin Maya Risch.

Praxis für Beziehungskompetenz

Die Familienberaterin, Familylab Seminarleiterin und Waldkindergärtnerin Maya Risch lebt mit ihren zwei Söhnen und ihrem Mann in Zürich-Oerlikon. In einer individuellen Eltern- bzw. Familienberatung oder in Workshops, Refeaten und Kursen bietet sie Eltern die Möglichkeit, zu erfahren, wie sie mit Unsicherheiten, Wut und Konflikten umgehen können und zeigt neue Perspektiven im Umgang mit Stolpersteinen im Familienalltag auf. 

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