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Endlich dazugehören: Vom Mobbing-Opfer zum Täter

Es schmerzt ungemein, ausgegrenzt und gemobbt zu werden. Kein Wunder, dass ein betroffenes Kind froh ist, wenn es endlich die Chance hat, dazuzugehören. Doch manchmal erwarten die neuen Freunde von ihm, andere auszugrenzen, wie Anti-Mobbing-Coach Laura Ackermann immer wieder beobachtet.

Vom Mobbing-Opfer zum Mobbing-Täter?

Immer wieder kommt es vor, dass Kinder, die gemobbt werden plötzlich selbst andere Kinder mobben. Foto: Annie Spratt, Unsplash

Unsere Taten sind der Spiegel unserer Wunden. Ich staune immer wieder, wie robust und stark die Kids sind, die ich in meinen Coachings kennenlernen darf. Da sind Geschichten und Erlebnisse dabei, da wird es mir richtig schlecht.

Schulen, die ihre Schüler nicht schützen, soweit das Auge reicht. Eltern, die an die Grenzen ihrer Möglichkeiten stossen, bevor sie mich finden. Es macht selbst mich immer wieder sprachlos und traurig, wie viele Familien sich mit diesen Sorgen rumschlagen müssen.

Der Schmerz frisst sich in die Kinder

Jemand der jeden Tag mit so viel Hass konfrontiert wird, verändert sich automatisch. Manche Kinder werden ruhig, verschlossen, einsam und kapseln sich und ihre Gefühle von der Welt ab. Der Schmerz frisst sich tiefer und tiefer. Sie zerbrechen leise und stumm innert kürzester Zeit.

Gleich oft höre ich aber von Eltern Erzählungen von aggressivem Verhalten der Kinder zu Hause, gegen Eltern und Geschwister. Fröhliche und ausgeglichene Kinder, die zu wütenden Tornados werden, die ohne Rücksicht auf Verluste um sich schlagen. Wutausbrüche und körperliche Angriffe gehören plötzlich zum Familienalltag.

Weshalb gemobbte Kinder aggressiv werden

Viele Eltern fragen sich, warum diese Wut sich ausgerechnet gegen sie richtet. Sie versuchen doch alles, um dem Kind zu helfen und Lösungen zu finden.

Ganz einfach: Natürlich wird man aggressiv, wenn man jeden Tag mies behandelt wird. Diese Verzweiflung, diese Wut, diese Hilflosigkeit und Traurigkeit müssen raus! Und wo geht das am besten? Zuhause!

Das ist der Ort, der bestenfalls die sichere Insel für ein Kind ist. Hier muss es nicht bangen abgelehnt zu werden. Also ist das der Platz, an dem es seinen Gefühlen freien Lauf lassen kann. Auch wenn dieses Verhalten für Familien wahnsinnig anstrengend und kräfteraubend ist, ist es das kleinere Übel.

Endlich dazugehören

Es ist nämlich nicht ungewöhnlich, dass ich die noch unschönere Variante erlebe:

Man muss folgendes Wissen: Mobber suchen sich meistens ein Opfer aus und dieses wird zum Mittelpunkt der Quälereien. Mobber sind in den häufigsten Fällen genau so beliebt, wie die Kinder, die nicht mobben. Sie sind gut integriert, haben Freunde und geniessen oftmals einen gewissen Status innerhalb der Klasse. Leider ist dieses Gefühl von «dazugehören» bei Kindern sehr stark ausgeprägt. Es ist wichtig, zu dieser Clique beliebter oder starker Kids zu gehören.

Wir stellen uns vor, der zehnjährige Leon wird seit mehreren Monaten von Sven und drei weiteren Mitschülern beleidigt, ausgegrenzt und mies behandelt. Eines Tages kommt Sven in der Pause zu Leon und fragt ihn, ob er mit ihm und den anderen Jungs Fussball spielen möchte. Natürlich ist Leon begeistert. Endlich scheint es, als ob die Jungs ihn akzeptieren und mit ihm befreundet sein möchten. Aber Sven hat eine Bedingung: Leon darf nur mitspielen, wenn er Mitschüler Daniel anrempelt und ihm sagt, er sei fett.

Was denken Sie tut ein Kind in Leons Lage? Dazugehören und endlich Freunde haben oder ein anderes Kind schützen?

Der Überlebenswille

Leider entscheiden sich betroffene Kinder oft für die erste Variante. Sie würden alles dafür geben, endlich in Ruhe gelassen zu werden. Dafür nehmen sie es auch in Kauf, ein anderes Kind in den Fokus des Mobbings zu schubsen. Das ist nicht bösartig, gemein oder schwach. Das ist der Überlebenswille!

Vom Opfer zum Täter mit nur einem Versprechen. Ich muss es wahrscheinlich nicht extra erwähnen, aber Leon wird immer wieder Gegenleistungen erbringen müssen, um von den Jungs akzeptiert zu werden. Dass dies keine Freunde sind, muss man den Kindern klipp und klar machen!

Wenn Ihr Kind innert kürzester Zeit eine solche negative Veränderung durchmacht, dann sehen Sie ganz genau hin. Je früher sie eingreifen, desto schneller kann eine Verbesserung stattfinden. Mit jedem Tag, an dem ein Kind in diesem Loch von Verzweiflung sitzt, wird der Weg hinaus steiler und mühsamer.

Wechselt auch Ihr Kind die Seiten?

Vom Opfer zum Täter sind es nur wenige Schritte. Seien sie daher auch offen, falls andere Eltern Sie ansprechen sollten und auf Attacken Ihres Kindes hinweisen. Die Möglichkeit ist immer da, dass auch Ihr Kind die Chance nutzt und die Seiten wechselt.

Falls dies der Fall ist, muss natürlich sofort eingegriffen werden und dieses Verhalten unmittelbar unterbunden werden. Nur so können wir unser Kind und andere Kinder schützen.

Sehen Sie hin – auch wenn es unangenehm werden kann.

BE NICE – SEI NETT

Gewidmet an dieses Mädchen, welches keinen Ausweg mehr sah.

Das ist meine Herzensangelegenheit und deshalb ist es mir eine Ehre für Sie alle schreiben zu dürfen.

Die Zeiten in denen Mobbing zu Tode geschwiegen wird, sind vorbei.

Es braucht klare und offene Worte.

Ich spreche für die, die sich am wenigsten wehren können.

Unsere Kinder!

Ich kämpfe:

Für mehr Toleranz und weniger Diskriminierung!

Für mehr Verständnis und weniger Ignoranz!

Für mehr Zusammenhalt und weniger Einsamkeit!

Für mehr Wahrheit und weniger „schön reden“!

Für mehr eingreifen und weniger wegschauen!

Weitere Information über das Coaching und Laura Ackermann gibt es hier