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Frust bei Kindern: So lernen sie, mit Enttäuschungen umzugehen

Frust erzeugt Ärger, Wut und Traurigkeit. Kinder müssen erst lernen, diese Gefühle auszuhalten. Was Sie tun können, wenn Ihr Kind eine sehr geringe Frusttoleranz hat und wie Sie Ihrem Kind helfen können, diese zu erhöhen.

Frustriertes Kind sitzt auf einer Treppe.

Frust kennen nicht nur Eltern: Wie Sie Kindern helfen, damit umzugehen. Bild: portishead1, E+

Das Wichtigste in Kürze

  • Kinder haben oft eine niedrigere Frusttoleranz als Erwachsene.
  • Kinder müssen erst lernen, mit Frust umzugehen. Mit der Erfahrung wächst auch die Frusttoleranz. Mehr erfahren.
  • Eltern können ihren Kindern helfen, Frust besser auszuhalten und die Toleranz zu erhöhen. Mehr erfahren.

Die Coronazeit fordert von uns allen Verzicht. Kein Schwimmbadbesuch. Kein gemütlicher Einkaufsbummel. Kein feines Essen im Restaurant. Und kein Urlaub. Etwas nicht zu bekommen, was wir erwartet, gewünscht und vielleicht herbeigesehnt haben, erzeugt Frust. Mit diesem Gefühl umzugehen, fällt besonders Kindern schwer.

Wie und wann zeigt sich Frust bei Kindern?

Bei Kindern können schon kleine Enttäuschungen grossen Frust auslösen. Etwa

… wenn der tolle Turm aus Bausteinen wackelt und in sich zusammenfällt

… wenn die Schwester das letzte Stück Kuchen gegessen hat

… wenn beim Brettspiel der eigene Spielstein als letzter ins Ziel zieht

… wenn beim Rechnen ein Ergebnis herauskommt, das nicht stimmen kann

… wenn das Schaukeln Spass macht, die Eltern aber nach Hause gehen wollen

… wenn Eltern verbieten, auf dem Sofa zu springen

Solche Fälle können für Kinder Anlass sein, zu toben wie Rumpelstilzchen, um sich zu hauen, sich auf den Boden zu werfen und zu weinen. Ältere Kinder leben Frust auch still aus. Sie leiden massiv, zeigen ihren Frust aber nicht.

Was bedeutet Frustrationstoleranz bei Kindern?

Dennoch kommen manche Kinder viel besser mit Frust zurecht als andere. Sie sind auch wütend oder traurig, können sich oft aber schnell wieder beruhigen. Es scheint, als könnten sie kleine Ärgernisse relativ leicht nehmen – als seien sie Frust gegenüber relativ tolerant. Andere dagegen habe weniger Frusttoleranz. Sie verfügen also über eine geringere Fähigkeit, mit Enttäuschungen umzugehen. Sie nörgeln, fluchen und ärgern sich schon bei Enttäuschungen, die andere kaum wahrnehmen.

Wie entsteht Frustrationstoleranz überhaupt?

Warum ist das so? Mit Frustration umzugehen, müssen alle Kinder erst mal lernen. Wenn ein Kind beginnt, mit eineinhalb oder zwei Jahren einen wichtigen Entwicklungsschritt zu machen und in die Trotzphase kommt, ist es seinen Gefühlen noch völlig ausgeliefert. «Es tobt und stampft und weint, weil es nicht weiter weiss – umso mehr, wenn die Kräfte nachlassen, weil es müde ist oder Hunger hat», erklärt die Erziehungsberaterin, Sozialpädagogin und PEKiP-Gruppenleiterin Brigitte Saurenmann aus Zürich im Interview.

Kinder brauchen die Erfahrung, dass auf ein schlechtes Gefühl auch wieder gute Gefühle folgen– und dass sie selbst dafür viel tun können. «Selbstwirksamkeit» heisst das im Fachjargon. Wenn Kinder erleben, dass sie sich durch eigene Strategien Wünsche erfüllen können, entwickeln sie eine gewisse Grundzufriedenheit und Ausgeglichenheit.

Wie kann man die Frustrationstoleranz erhöhen?

1 Kinder nicht allein mit dem Gefühl lassen

Eltern können bei diesem Lernprozess ihr Kind entscheidend unterstützen. Sie können einerseits Grenzen setzen, aber dem Kind auch signalisieren, dass es gewisse Mitspracherechte hat – etwa so: «Nein, es gibt jetzt kein Eis. Aber wenn du möchtest, mache ich dir ein Müesli.» Oder: «Du bist frustriert, weil du mit der Hausaufgabe nicht weiter kommst. Ich zeige dir gerne, wie du besser lernen kannst.»

Solche Hilfe muss nicht sofort erfolgen. Was das Kind braucht, ist die Zuversicht, dass es sich – allein oder mit Hilfe – aus einer schwierigen Situation befreien kann. So lernt das Kind, Frust abzubauen. Je besser es mit Frust umgehen kann, umso eher lässt sich solche Hilfe auch mal aufschieben: «Wenn der grosse Zeiger ganz oben steht, helfe ich dir.»

2 Aktiv Zuhören

Darüber hinaus lässt sich Frustrationstoleranz durch Aktives Zuhören erhöhen. Eltern wenden sich einem wütenden Kind dann liebevoll zu. Sie zeigen ihm, dass sie nachvollziehen können, warum es frustriert ist. Solches Verständnis bedeutet allerdings nicht, Grenzen zurückzunehmen. «Nein, du bekommst jetzt kein Eis, weil wir gleich Abendessen. Ich verstehe, dass du deshalb wütend bist.»

«„Auch wir Erwachsenen wünschen uns gelassene Reaktionen, wenn wir uns zum Beispiel bei der Arbeit geärgert haben», darauf weist der Fribourger Psychologe Fabian Grolimund von der Akademie für Lerncoaching in einem Interview hin. «Kommentare wie 'Warum hast du denn nicht …?' oder 'Du hättest doch …' wollen wir dann auch nicht hören. Stattdessen wünschen wir uns einfach, was Kinder auch brauchen: ein verständnisvolles Ohr.» Ein solches Ohr hilft, die eigenen schwierigen Gefühle besser zu akzeptieren.

Was kann man tun bei geringer Frustrationstoleranz?

Erste Hilfe bei geringer Frustrationstoleranz ist der Satz: «Du darfst Fehler machen». Er hilft Kindern nicht nur, Frust leichter hinzunehmen. Er öffnet auch den Weg, Fehler anzunehmen und aus ihnen zu lernen. Und er macht Mut, erneut zu versuchen, ein Ziel zu erreichen.

Wie kann man mit Kindern Impulskontrolle üben?

Wenn die Gefühle hochkochen, helfen keine Argumente. «Eltern sollten auf keinen Fall an die Vernunft des Kindes appellieren», sagt deshalb Brigitte Saurenmann in Bezug auf die Trotzphase. «Vernünftig denken kann ein Kleinkind noch nicht.» Auch Machtkämpfe schaden: «Je mehr Erwachsene Überlegenheit demonstrieren, umso verzweifelter wird das Kind. Zum Trotzen gehören immer zwei!»

Schlägt ein Kind in blinder Wut um sich, kann es sich oder andere verletzen. Eltern sollten versuchen, gelassen zu bleiben, aber solche Verletzungen zu verhindern. «Erst, wenn die Emotionen des Kindes wieder abgekühlt sind, macht es Sinn, mit dem Kind über die Situation zu sprechen», erklärt Fabian Grolimund. Das Motto ist dann: «'Du darfst wütend sein und deine Gefühle zeigen. Vielleicht finden wir einen Weg, wie du trotzdem anders reagieren kannst?' Das ist ein Lernprozess, der sich über die ganze Kindheit zieht.»