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Kinderwunsch > Unfruchtbarkeit

Wenn die Zeugungsfähigkeit zu wünschen übrig lässt: Was Männer tun können

Betrachtet man die Ursachen für ungewollte Kinderlosigkeit, so hält es sich ungefähr die Waage, ob Mann oder Frau betroffen sind. Nicht immer steckt eine schwere Erkrankung dahinter. Oft helfen gezielte Untersuchungen und Veränderungen im Alltag, um die Spermienqualität zu verbessern – und damit die Chancen auf ein eigenes Kind.

Unfruchtbar zu sein ist auch für Männer belastend.
Wenn ein Mann unfruchtbar ist, kann das für ihn und die Beziehung belastend sein. Foto: iStock, Thinkstock

Von Millionen produzierter Spermien erreicht im Schnitt nur eine Samenzelle das Ei. Gelingt dies nicht, liegt die Ursache bei etwa der Hälfte der Paare ganz oder teilweise beim Mann. Das kann für dich als Mann emotional belastend sein – viele erleben Scham, Wut oder Trauer. Es hilft, das Thema offen mit der Partnerin oder dem Partner und mit Fachpersonen zu besprechen. Medizinisch lohnt sich meist eine systematische Abklärung, weil viele Ursachen behandelbar sind oder durch einfache Veränderungen verbessert werden können.

Weshalb Spermien nicht gut genug sind: Häufige Ursachen

Die Gründe für verminderte Zeugungsfähigkeit sind vielfältig. Man kann sie grob in drei Gruppen einteilen:

  • Lebensstil und Umweltfaktoren: Rauchen, regelmäßiger hoher Alkoholkonsum, starkes Übergewicht, übermässige Hitze am Hodensack (enge Unterhosen, häufige heisse Bäder, Saunagänge, viel Sitzen) sowie bestimmte Umweltchemikalien (z. B. einige Weichmacher) können Spermienzahl und -beweglichkeit reduzieren.
  • Medizinische Ursachen: Angeborener oder unbehandelter Hodenhochstand, Varikozele (erweiterte Hodenvenen), hormonelle Störungen, frühere Infektionen wie Mumps oder sexuell übertragbare Infektionen (z. B. Chlamydien) sowie bestimmte genetische Faktoren können die Fruchtbarkeit beeinträchtigen.
  • Unbekannte oder multifaktorielle Ursachen: Bei vielen Männern finden sich mehrere leicht beeinflussbare Faktoren oder die Ursache bleibt trotz Abklärung unklar.

Was du konkret tun kannst: Abklärung und erste Schritte

Wenn ihr seit etwa einem Jahr ohne Verhütung nicht schwanger geworden seid, solltest du ärztlichen Rat einholen. Bei Frauen über 35 empfiehlt man häufig eine frühere Abklärung. Die typische Abfolge ist:

  1. Erstgespräch: Ärzt:in (Hausarzt:ärztin, Urolog:in oder Internist:in) bespricht Anamnese (Infektionen, Medikamente, Operationen, Beruf, Lebensstil).
  2. Spermiogramm: Eine Laboruntersuchung nach standardisierten Vorgaben gibt Auskunft über Menge, Konzentration, Beweglichkeit und Form der Spermien. Die WHO hat hier international anerkannte Referenzwerte und Verfahren (Laborhandbuch, 6. Ausgabe, 2021).
  3. Weiterführende Untersuchungen: Hormonstatus (z. B. Testosteron, FSH, LH), bildgebende Abklärung bei Verdacht auf Varikozele oder Hodenfehler und bei Bedarf genetische Tests oder mikrobiologische Abklärungen.

Lebensstil ändern — was wirkt wirklich?

Viele Änderungen im Alltag können die Spermienqualität positiv beeinflussen. Die Evidenz ist unterschiedlich stark, aber folgende, evidenzbasierte Empfehlungen sind sinnvoll und risikoarm:

  • Rauchen einstellen: Rauchen ist mit schlechteren Spermiogrammen assoziiert; ein Rauchstopp verbessert nach einigen Monaten die Situation und ist generell wichtig für die Gesundheit des Kindes und für werdende Eltern.
  • Gewicht reduzieren: Bei starkem Übergewicht können hormonelle Veränderungen auftreten, die die Samenproduktion stören. Moderate Gewichtsabnahme (durch Ernährung und Bewegung) verbessert oft die Hormonlage und kann sich positiv auf die Spermien auswirken.
  • Alkohol reduzieren: Starkes Trinken schadet der Spermienqualität; mässiger Konsum ist ratsam, wenn ihr aktiv versucht, schwanger zu werden.
  • Hitze vermeiden: Trage locker sitzende Unterwäsche, vermeide häufige heisse Bäder und lange Laptopsitzungen auf dem Schoß; das hält die Hodentemperatur niedriger und ist förderlich für die Samenproduktion.
  • Auf Medikamente und Gifte achten: Einige Medikamente, anabole Steroide oder berufliche Exposition gegenüber bestimmten Chemikalien können die Fruchtbarkeit schädigen. Sprich mit der behandelnden Ärzt:in über Alternativen.
  • Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit ausreichend Obst, Gemüse, Vollkornprodukten, fettarmen Proteinen und Nüssen trägt zur Gesundheit bei. Antioxidantien werden diskutiert; Studien zeigen teils positive Effekte, die Datenlage ist aber nicht abschliessend.

Wenn eine Krankheit hinter der Unfruchtbarkeit steckt

Manche Ursachen lassen sich medizinisch behandeln:

  • Varikozele: Bei grösseren Varikozelen kann ein operativer Eingriff die Situation verbessern und in manchen Fällen die Chance auf eine natürliche Schwangerschaft erhöhen.
  • Hodenhochstand in der Kindheit: Wenn er nicht behandelt wurde, kann dies die Samenproduktion beeinträchtigen; je früher die Behandlung, desto besser die Prognose.
  • Infektionen: Entzündungen oder Infektionen sollten behandelt werden; bei Chlamydien ist auch die Partnerin oder der Partner einzubeziehen.
  • Hormonelle Störungen: Hormontherapien können bei bestimmten Störungen helfen, müssen aber individuell geplant werden.

Die Entscheidung für eine Therapie erfolgt nach sorgfältiger Abklärung durch Urolog:in oder Reproduktionsmedizin:er. Je länger die Sterilität besteht, desto schwieriger kann eine erfolgreiche konservative Therapie werden; rechtzeitiges Handeln erhöht die Optionen.

Künstliche Befruchtung: Wann ist sie sinnvoll?

Reproduktionsmedizinische Methoden wie Insemination (IUI), In-vitro-Fertilisation (IVF) oder intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) sind etablierte Optionen, wenn natürliche Wege nicht zum Erfolg führen. Welche Methode infrage kommt, hängt von der Ursache und der Qualität der Spermien ab. Eine spezialisierte Kinderwunschklinik kann die Chancen, Risiken und Kosten mit euch besprechen.

Psychische Aspekte: Du bist damit nicht allein

Ungewollte Kinderlosigkeit kann emotional sehr belastend sein. Viele Männer erleben Belastungen in der Partnerschaft und suchen weniger oft Hilfe. Es hilft, offen mit dem:der Partner:in zu sprechen, gemeinsame Entscheidungen zu treffen und bei Bedarf Psycho- oder Paartherapie in Anspruch zu nehmen. Der Austausch in Selbsthilfegruppen oder Foren kann unterstützen, wenn er reflektiert und moderiert ist.

Praktische Checkliste — was du jetzt tun kannst:

  • Sprich offen mit deiner Partnerin / deinem Partner und vereinbart die nächsten Schritte.
  • Vereinbare einen Termin zur Abklärung (Hausarzt:ärztin, Urolog:in oder Reproduktionsmediziner:in) — spätestens nach einem Jahr ohne Erfolg.
  • Lass ein Spermiogramm nach standardisiertem Protokoll durchführen (z. B. nach WHO-Kriterien).
  • Stelle auf rauchfrei um, reduziere Alkohol, arbeite an Gewichtsreduktion bei Übergewicht, vermeide Hitze am Hodensack.
  • Sprich berufliche Risiken und Medikamente mit deiner Ärzt:in durch.
  • Hol dir psychologische Unterstützung, wenn dich das Thema stark belastet.

Weiterführende Informationen und Austausch

Für medizinische Informationen und Austauschmöglichkeiten findest du Anlaufstellen und Netzwerke, die Betroffene informieren und unterstützen. Auch spezialisierte Fachpersonen in Urologie und Reproduktionsmedizin beraten individuell und evidenzbasiert.

Weitere Informationen:

  • www.maennerarzt.ch  - Website speziell für die Gesundheit der Männer
  • www.kinderwunsch.ch – Das Betroffenen-Netzwerk bietet Rat und Unterstützung bei männlicher (und weiblicher) Unfruchtbarkeit

 

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