Kinderwunsch > UnfruchtbarkeitFruchtbarkeitsmassage: Was sie bei Kinderwunsch leisten kann – und wann die Abklärung ansteht Julia Wohlgemuth Wenn das Wunschkind auf sich warten lässt, klingt eine sanfte Massage nach einem naheliegenden Weg: keine Hormone, kein Eingriff, dafür Entspannung. Genau das verspricht die Fruchtbarkeitsmassage. Belegt ist allerdings nicht, dass sie die Chance auf eine Schwangerschaft erhöht [4]. Und der Faktor, der bei unerfülltem Kinderwunsch am meisten zählt, ist Zeit [2]. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Die Fruchtbarkeitsmassage ist im Kern eine Bauchmassage. Ein Nachweis, dass sie die Fruchtbarkeit steigert, fehlt. Bild: GettyImages Plus, skynesher Wann eine ärztliche Abklärung ansteht Das Universitätsspital Zürich empfiehlt, spätestens nach zwölf Monaten mit regelmässigem, ungeschütztem Sex ohne Schwangerschaft eine Kinderwunsch-Spezialistin oder einen Spezialisten aufzusuchen [1]. Nach derselben Zeitspanne spricht auch die Weltgesundheitsorganisation von einem infertilen Paar [3]. Paaren über 35 rät das USZ ausdrücklich, diesen Schritt früher zu machen: Ab dem 35. Altersjahr sinkt die Chance auf eine Schwangerschaft, gleichzeitig steigt das Risiko einer Fehlgeburt – «keine Zeit zu verlieren und eine spezialärztliche Beratung in Anspruch zu nehmen», lautet die Empfehlung [2]. Die Kosten der Abklärung übernimmt die Krankenversicherung [3]. Eine Fruchtbarkeitsmassage ersetzt diese Abklärung nicht – und sollte sie nicht hinauszögern. Wie eine Kinderwunsch-Abklärung in der Schweiz abläuft, liest du hier Schritt für Schritt. Wenn es mit dem Schwangerwerden nicht klappt, stehen dir eine Reihe medizinischer Untersuchungen und Behandlungen offen, die zum Wunschkind verhelfen können. Daneben werden Methoden aus der Komplementärmedizin als Begleitung angeboten: Hormon-Yoga, Akupunktur oder Luna-Yoga – und die Fruchtbarkeitsmassage, um die es hier geht. Für keine dieser Methoden ist nachgewiesen, dass sie zu einer Schwangerschaft führt. Was sie beitragen können, liegt woanders: beim Druck, den ein unerfüllter Kinderwunsch erzeugt. Was ist eine Fruchtbarkeitsmassage? Die Fruchtbarkeitsmassage wurde Anfang der 90er-Jahre von der in London praktizierenden Gynäkologin Dr. Gowri Motha in Europa bekannt gemacht. Als ihr Erfinder gilt der 1874 geborene Heilpraktiker Joseph B. Stevenson, der in den USA arbeitete. Oft wird die Massage begleitend zur Kinderwunschmedizin angewandt. Zur Erfolgsquote kursieren hohe Zahlen – sie stammen von den Anbieterinnen und Anbietern selbst, kontrollierte Studien dazu gibt es nicht. In einer Fachzeitschrift für Massagetherapie hat die australische Forscherin Sarah Fogarty die Belegsituation zusammengetragen: Bis heute gebe es keinen Nachweis, dass eine Fruchtbarkeitsmassage nützt. Mit Schwangerschaftsraten zu werben, hält sie sogar für unethisch – weil die Zahl der Schwangerschaften ohnehin mit der Dauer der Versuche steigt und Paare mit Kinderwunsch eine verletzliche Gruppe sind [4]. Wer eine Massage anbietet und ihr eine objektive Wirkung zuschreibt – bessere Eizellqualität, gelöste Verwachsungen, mehr Fruchtbarkeit –, müsste das belegen können; diese Belege fehlen [4]. So soll die Massage wirken Bei der Fruchtbarkeitsmassage handelt es sich im Wesentlichen um eine Bauchmassage. Die Zürcher Körper- und Bewegungstherapeutin Roberta Cella beschreibt auf ihrer Website, wie die Massage aus ihrer Sicht funktioniert: Zunächst werde die Körpertemperatur normalisiert, Stoffwechselprodukte würden über die Lymphe abtransportiert, der Körper so «entgiftet und gereinigt». Verspannungen und Blockaden, in denen sich der seelische Druck ausdrücke, sollen sich lösen und den Weg für eine Empfängnis frei machen. Schliesslich sollen Organe, Muskeln, Nerven und Bänder ausgerichtet werden. Wichtig zum Einordnen: Das ist die Beschreibung der Methode durch eine Anbieterin, keine gesicherte Erklärung. Dasselbe gilt für die Annahme, eine geknickte Gebärmutter lasse sich durch die Massage ausrichten und dadurch die Fruchtbarkeit verbessern – ein Nachweis dafür fehlt [4]. Die Massage wird zwar hauptsächlich bei Frauen angewandt, wird aber auch für Männer angeboten; statt der Gebärmutter wird dann die Prostata behandelt. Die Ursachen, die tatsächlich hinter einer ungewollten Kinderlosigkeit stecken können, sind andere: Störungen der Eizellreifung, fehlende, verschlossene oder beschädigte Eileiter, Endometriose oder Myome – und als sehr wichtiger Faktor das Alter [2]. Beim Mann kommen Störungen der Samenqualität dazu. Solche Ursachen findet nur eine Abklärung, und behandeln lassen sie sich nicht mit einer Massage. Rund 8 bis 15 Prozent der Paare in Europa sind von ungewollter Kinderlosigkeit betroffen [3] – es ist also alles andere als ein Einzelfall. Was die Massage leisten kann Der Nutzen liegt dort, wo eine Massage üblicherweise wirkt: bei Anspannung. Dass seelischer Druck das Fortpflanzungssystem beeinflussen kann, ist gut belegt, und es gibt Hinweise darauf, dass Massagen bei Stress helfen – für den Einsatz als vorbeugende Fruchtbarkeitsbehandlung reicht die Datenlage aber nicht [4]. Eine Fruchtbarkeitsmassage kann also eine Stunde sein, in der es einmal nicht um Zyklustage und Testergebnisse geht. Das ist wenig – und für viele Paare trotzdem viel. Was daraus nicht folgt: dass ein Paar «zu verkrampft» sei und es deshalb nicht klappe. Dieser Umkehrschluss ist keine Diagnose, sondern eine zusätzliche Last. Wie schnell der Wunsch nach einem Kind zum Zwang wird und was dann hilft, haben wir in einem eigenen Beitrag aufgeschrieben. Anbieterinnen, Ablauf und Kosten Fruchtbarkeitsmassagen werden von verschiedenen Fachpersonen angeboten, in der Schweiz unter anderem von Hebammen, Naturheilpraktikerinnen oder Physiotherapeuten. Wenn du unsicher bist, bei wem du in guten Händen bist, schau dir die weiteren Qualifikationen und Ausbildungen der Person an. Zusammen mit deinem Partner kannst du eine Fruchtbarkeitsmassage im Ansatz auch selbst durchführen; die Technik lässt sich in einem Kurs lernen oder anlesen (siehe Infobox). Wenn du dich gerade in einer Kinderwunschbehandlung befindest, Beschwerden im Bauchraum hast oder schwanger sein könntest, sprich die Massage vorher mit deiner Ärztin oder deinem Arzt ab. Dr. Motha empfiehlt bei Kinderwunsch eine Serie von sechs Massagen im Abstand von ein bis zwei Wochen. Die Behandlung selbst dauert etwa 45 Minuten, dazu kommen allenfalls Vor- und Nachgespräche. Die Kosten hängen von der Anbieterin oder dem Anbieter ab, und in aller Regel zahlst du sie selbst. Ob eine Zusatzversicherung einen Teil übernimmt, richtet sich nach deinem Vertrag und nach der Anerkennung der behandelnden Person – frag vor der ersten Sitzung nach, statt dich darauf zu verlassen. Anders bei der Medizin: Die Abklärung der ungewollten Kinderlosigkeit übernimmt die Krankenversicherung, während die Kosten einer IVF- oder ICSI-Behandlung nicht getragen werden [3]. Was eine Hormontherapie bei Kinderwunsch bringt und was die Kasse dort zahlt, liest du in einem weiteren Beitrag. Ob als Begleitung einer Kinderwunschbehandlung oder einfach als Auszeit: Eine Fruchtbarkeitsmassage kann guttun. Ein Weg zum Wunschkind ist sie nach heutigem Wissensstand nicht – und sie ist kein Grund, mit der Abklärung zu warten. Zum Weiterlesen: Buchtipp – Die Fruchtbarkeitsmassage: Der sanfte Weg zur Empfängnis von Birgit Zart, gebundene Ausgabe, 2010 Quellen Universitätsspital Zürich: Die häufigsten Fragen rund um die Kinderwunschbehandlung, abgerufen am 12.08.2026 Universitätsspital Zürich: Abklärungen für sie, abgerufen am 12.08.2026 Universitätsspital Basel: Kinderwunschbroschüre – Reproduktionsmedizin und gynäkologische Endokrinologie (PDF), abgerufen am 12.08.2026 Fogarty S.: Fertility Massage: an Unethical Practice?, International Journal of Therapeutic Massage & Bodywork 2018;11(1):17–20, abgerufen am 12.08.2026 (australische Fachpublikation; eine Schweizer Übersichtsarbeit zu dieser Methode existiert nicht) Autor: Julia Wohlgemuth Du hast Erfahrungen mit einer Fruchtbarkeitsmassage? Dann schreib es uns unten in die Kommentare.