Leben > Krisen & HilfeSexuelle Übergriffe durch Kinder: Was tun, wenn es meinem Kind geschieht? Eva Mell Beim Doktorspiel, auf dem Kita-WC oder zu Hause unter Geschwistern: Sexuelle Übergriffe an Kindern geschehen immer wieder auch durch andere Kinder. Wie du als Mutter oder Vater ruhig und klar reagierst, woran du normale kindliche Neugier von Grenzverletzungen unterscheidest – und was eine Expertin, ein Vater und eine Erzieherin aus ihrer Erfahrung heraus berichten. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Sexuelle Übergriffe unter Kindern: Wie reagieren? Foto: FatCamera, E+, Getty Images Plus Das Wichtigste in Kürze: Kindliche Sexualität ist Teil der Entwicklung: Neugier, Körperwahrnehmung und «Doktorspiele» können normal sein – solange sie freiwillig, altersnah und ohne Druck ablaufen. Von einem sexuellen Übergriff sprichst du, wenn ein Kind ein anderes zu sexualisierten Handlungen drängt, es Angst hat, sich ekelt, erstarrt oder sich nicht entziehen kann. Hilfreich ist ein klarer Erste-Hilfe-Ablauf: Kind beruhigen und schützen, mit offenen Fragen zuhören, dokumentieren, Institution informieren, Unterstützung beiziehen. In der Schweiz sind kantonale Opferhilfe-Stellen, Kinderschutz-Fachstellen, Schulsozialarbeit, Kinderärzt:in/Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie spezialisierte Fachstellen (z. B. Limita) wichtige Anlaufpunkte. Direkt zum Erfahrungsbericht eines Vaters, dessen Sohn einen sexuellen Übergriff erlebt hat. Direkt zum Erfahrungsbericht einer Erzieherin, in deren Kita-Gruppe ein sexueller Übergriff unter Kindern geschehen ist. Direkt zu den Tipps von Expertin Sabine Grimm, wie Eltern reagieren können. Einordnung: Was ist ein normales Doktorspiel – und was eine Grenzverletzung? Wenn Kinder ihren Körper entdecken und auch bei anderen Kindern beobachten, wie sie auf Berührungen reagieren oder wie sich Körper unterscheiden, ist das häufig Ausdruck von Neugier und Entwicklung. Fachlich wird das als kindliche Sexualität beschrieben: Es geht dabei typischerweise um Körperwahrnehmung, Nähe, spielerisches Erkunden und um Grenzen lernen – nicht um Erwachsenensexualität. Damit du besser einordnen kannst, hilft diese Unterscheidung: Typisch für einvernehmliche Doktorspiele Freiwilligkeit: Alle beteiligten Kinder wirken neugierig, entspannt und können jederzeit stoppen. Alters- und entwicklungsnah: Kinder sind ungefähr im gleichen Entwicklungsstand (Faustregel: kein deutliches Übergewicht an Grösse, Stärke, Status oder Alter). Ohne Druck, ohne Geheimhaltung: Es gibt keine Drohungen, keine «Belohnungen», kein «Du musst, sonst…» und keine erzwungene Geheimhaltung. Spielcharakter: Es bleibt beim Erkunden/Benennen/Anschauen, ohne dass ein Kind ein anderes zu etwas drängt. Red Flags: Hinweise auf eine Grenzverletzung oder sexualisierte Gewalt Druck oder Machtgefälle: Ein Kind bestimmt, das andere fügt sich (z. B. «Wenn du nicht machst, bist du nicht mehr mein Freund»). Angst, Ekel, Erstarren: Ein Kind wirkt danach verstört, zieht sich zurück, will nicht mehr in die Kita/Schule oder meidet ein anderes Kind. Wiederholung: Ähnliche Vorfälle passieren mehrfach oder eskalieren. Heimlichkeit: Das übergriffige Kind fordert: «Das darfst du niemandem sagen.» Verletzungen oder Schmerzen: Jede Form von erzwungenem Eindringen oder körperlicher Verletzung ist immer ein Notfall. Wichtig: Auch wenn Kinder «ausprobieren», hat jedes Kind ein Recht auf körperliche Selbstbestimmung. Das heisst: Stopp-Signale gelten sofort – und Erwachsene müssen schützen, ohne zu beschämen. Sofort richtig reagieren: Erste Hilfe nach einem Übergriff Wenn dein Kind dir von einem Übergriff erzählt oder du etwas beobachtest, zählt vor allem eines: Sicherheit herstellen. Du musst das nicht perfekt machen – aber klar und ruhig. 1) Sofort stoppen, trennen, schützen Beende die Situation ruhig und bestimmt. Bring die Kinder auseinander und sorge dafür, dass dein Kind nicht alleine bleibt. Sag in einfachen Sätzen, was gilt: «Stopp. Körper sind privat. Niemand darf dich gegen deinen Willen anfassen.» 2) Beruhigen und stabilisieren Viele Kinder reagieren nicht «dramatisch», sondern eher irritiert, genervt oder still. Das ist normal. Hilfreich ist: Nähe anbieten, Routine ermöglichen, nicht drängen. Sag zum Beispiel: «Danke, dass du es mir gesagt hast. Du hast nichts falsch gemacht.» 3) Zuhören – ohne Verhör Frag mit offenen, kurzen Fragen: «Was ist passiert?» «Wo wart ihr?» «Wer war dabei?» Vermeide Suggestivfragen («Hat er dir weh getan?»), Druck und wiederholtes Nachfragen. Wenn du merkst, dass du sehr aufgewühlt bist: kurze Pause, tief durchatmen, dann weiter. 4) Medizinische Abklärung: wann nötig? Eine kinderärztliche Untersuchung ist sinnvoll, wenn es Schmerzen, Blutungen, sichtbare Verletzungen, den Verdacht auf Eindringen oder starken psychischen Stress gibt. In akuten Notfällen gilt: 144. Wenn du unsicher bist, kann auch eine telefonische Erstberatung über eine Fachstelle oder deine Kinderärzt:in helfen, die nächsten Schritte zu klären. 5) Dokumentieren (kurz, sachlich, zeitnah) Notiere für dich: Datum, Uhrzeit, Ort, wer beteiligt war, was dein Kind wörtlich gesagt hat (so gut wie möglich), sowie sichtbare Auffälligkeiten (z. B. Schlafprobleme, Vermeidung, Schmerzen). Das hilft bei Gesprächen mit Kita/Schule, Fachstellen oder – falls nötig – Behörden. Das ist keine «Beweissammlung», sondern Orientierung. 6) Institution informieren und Schutz einfordern Wenn der Vorfall in Kita/Schule/Spielgruppe passiert ist: Informiere die Bezugsperson oder Leitung zeitnah. Du darfst erwarten, dass Schutzmassnahmen besprochen und umgesetzt werden (z. B. erhöhte Aufsicht in Risikosituationen wie WC/Umkleide, klare Regeln, getrennte Spielbereiche, dokumentierte Abklärung im Team). 7) Unterstützung holen – frühzeitig, bevor es eskaliert Du musst das nicht allein tragen. Gerade bei wiederholten Vorfällen, bei grosser Verunsicherung oder wenn dein Kind Symptome zeigt, ist es sinnvoll, eine spezialisierte Fachstelle beizuziehen. Nach dem Vorfall: Woran du erkennst, ob dein Kind zusätzliche Hilfe braucht Manche Kinder zeigen kaum Veränderungen. Andere reagieren verzögert. Achte in den nächsten Wochen auf: Schlaf: Einschlafprobleme, Albträume, häufiges Aufwachen Körper: Bauchweh/Kopfweh ohne klare Ursache, neue Einnässen/Einkoten Verhalten: Rückzug, Wut, plötzliche Anhänglichkeit, aggressives Spiel, sexualisiertes Spiel, das das Kind selbst belastet Vermeidung: Angst vor bestimmten Orten/Kindern, Widerstand gegen Kita/Schule Wenn du solche Anzeichen siehst oder dein Bauchgefühl sagt «da stimmt etwas nicht»: Hol dir fachliche Einschätzung. Oft reicht schon eine Beratung, um dich zu entlasten und einen Plan zu bekommen. Zusammenarbeit mit Kita und Schule: Was du einfordern darfst Sexuelle Grenzverletzungen unter Kindern sind für Teams anspruchsvoll, aber sie sind bearbeitbar. Du kannst in Gesprächen konkret nachfragen und um Verbindlichkeit bitten: Klärung: Wer spricht mit welchen Kindern – und wie wird dabei beschämungsfrei, aber klar Grenzen gesetzt? Schutz: Welche Situationen gelten als Risikobereiche (WC, Garderobe, Rückzugsräume) und wie wird dort die Aufsicht angepasst? Dokumentation: Wie wird der Vorfall intern dokumentiert? Wer wird informiert (Leitung, Trägerschaft)? Elternarbeit: Wie werden die Eltern beider Seiten einbezogen, ohne die Privatsphäre des betroffenen Kindes zu verletzen? Fachberatung: Wird eine externe Kinderschutz- oder Präventionsfachstelle beigezogen? Hilfreich ist eine Haltung, die zwei Dinge gleichzeitig schafft: konsequenter Schutz für das betroffene Kind und klare, nicht stigmatisierende Intervention beim übergriffigen Kind. Wenn dein Kind übergriffig war: konsequent handeln, ohne zu stigmatisieren Für viele Eltern ist das ein Schock. Wichtig ist: Ein übergriffiges Verhalten bedeutet nicht automatisch, dass ein Kind «Täter» im erwachsenen Sinn ist. Es braucht aber immer eine klare Grenze und oft Begleitung. Klare Botschaft: «Das war nicht ok. Körper gehören jedem Kind selbst.» Verantwortung statt Schuld: Sprich über Regeln und Folgen («Du musst Abstand halten», «Du spielst nicht unbeaufsichtigt im WC-Bereich»), nicht über Beschämung. Auslöser prüfen: Gab es Zugang zu pornografischen Inhalten, Überforderung, Gewalt, Vernachlässigung oder andere Belastungen? Fachliche Unterstützung: Bei Wiederholung, grosser Impulsivität, deutlichem Machtgefälle oder sexualisiertem Verhalten, das nicht altersentsprechend wirkt, ist eine Abklärung über eine Fachstelle/Kinder- und Jugendpsychiatrie sinnvoll. Unterstützung in der Schweiz: wichtige Anlaufstellen Je nach Situation können unterschiedliche Stellen passend sein: Kantonale Opferhilfe: Beratung, Begleitung und je nach Kanton auch Kostenübernahme für psychologische Unterstützung. Opferhilfe richtet sich auch an Eltern als Bezugspersonen. Kinderschutz-Gruppe/Kinderschutz-Fachstellen: Viele Kinderspitäler und Regionen haben spezialisierte Teams für Abklärung und Beratung bei Verdacht auf Gewalt gegen Kinder. Schulsozialarbeit / Schulpsychologischer Dienst: Niederschwellige Unterstützung, Koordination in der Schule. Kinderärzt:in: Medizinische Einschätzung, Überweisung an spezialisierte Stellen. Fachstellen zu sexualisierter Gewalt und Prävention: In der Schweiz bietet z. B. Limita Fachwissen zu sexualisierter Gewalt, Prävention und Beratung im Umfeld von Kindern und Jugendlichen. Notfall: Bei akuter Gefahr oder Notfall immer 144; bei unmittelbarer Bedrohung 117. Prävention ohne Angst: Wie du dein Kind stärkst Prävention heisst nicht, Kinder zu verängstigen – sondern ihnen Sprache, Rechte und Handlungsoptionen zu geben. Alltagssätze, die wirken «Dein Körper gehört dir.» «Du darfst Nein sagen – auch zu Erwachsenen.» «Gute und schlechte Geheimnisse: Wenn dich etwas belastet, holen wir Hilfe.» «Wenn dir etwas komisch vorkommt, sag es mir oder einer anderen sicheren erwachsenen Person.» Regeln für Doktorspiele Nur wenn alle wollen. Kein Kind tut einem anderen weh. Stopp heisst Stopp. Keine Fotos/Handys. Wenn jemand unsicher ist: Erwachsene holen. Und ganz praktisch: Achte auf Geräteschutz (Kindersicherung) und sprich früh über Medien. Wenn Kinder ihren Körper entdecken und auch bei anderen Kindern beobachten, wie sie auf Berührungen reagieren oder wie sich die Körper von Buben und Mädchen unterscheiden, ist das nichts Schlimmes. Im Gegenteil. Kinder haben ihre eigene Sexualität, wie Sabine Grimm von der Erziehungsberatung des Kantons Bern schreibt. Doch immer wieder kommt es auch zu sexuellen Übergriffen unter Kindern, und zwar bereits im Kindergarten- und Primarschulalter. Sei es, weil die Kinder noch nicht mit den Regeln von Doktorspielen vertraut sind, oder weil unter den Kindern ein Machtgefälle entsteht. In ihrer Facharbeit «Elternberatung bei sexuellen Übergriffen unter Kindern und Jugendlichen» schreibt Sabine Grimm, dass laut Forschungsergebnissen 30 bis 50 Prozent der erwachsenen Sexualstraftäter bereits als Heranwachsende entsprechende Tendenzen oder Handlungen zeigten. Was normal – und was grenzwertig ist Mit uns hat Sabine Grimm über die eigene Sexualität von Kindern gesprochen, darüber, was normal ist und wann es grenzwertig wird – und sie gibt Tipps, wie Eltern auf sexuelle Übergriffe unter Kindern reagieren können. Zudem berichten eine Erzieherin und ein Vater von ihren Erfahrungen aus erster Hand. Sabine Grimm, Sie schreiben in Ihrer Facharbeit «Elternberatung bei sexuellen Übergriffen unter Kindern und Jugendlichen», dass Kinder eine eigene Sexualität haben. Wie unterscheidet die sich von der Sexualität Erwachsener? Die kindliche Sexualität ist tatsächlich nicht mit der Sexualität Erwachsener gleichzusetzen. Erwachsene sind schnell erschrocken, wenn es um sexuelle Übergriffe unter Kindern geht, da sie das oft mit ihrer eigenen Sexualität gleichsetzen. Bei Kindern geht es in der Sexualität aber um lustvolle Sinneswahrnehmungen am ganzen Körper, also Zärtlichkeiten allgemein. Kinder beschäftigen sich miteinander und mit ihrem Körper, machen sinnliche Erlebnisse miteinander und lernen ihren Körper dadurch auch kennen und lieben. Sie sammeln wichtige Erfahrungen, um zu erkennen, was sie schön finden. Welche Beispiele für diese sinnlichen Erfahrungen gibt es? Dazu gehört sicherlich, dass man mal schaut, was es bei Buben und Mädchen Unterschiedliches zu entdecken gibt. Aber auch, dass man an verschiedenen Körperstellen spürt, dass sich Berührungen schön anfühlen, zum Beispiel beim Streicheln oder Kitzeln. Überall, wo viele Nervenenden sind, ist es spannend für Kinder: An den Füssen, auf dem Rücken, an den Handflächen. Es geht ihnen nicht darum, sich mit einem Partner zu vereinigen oder einen sexuellen Höhepunkt zu erleben. Es geht ums Spüren. Wenn Erwachsene über sexuelle Übergriffe unter Kindern sprechen, meinen sie dann zu oft den genitalen Bereich? Wenn Pädagogen beurteilen, ob ein sexueller Übergriff stattgefunden hat, schauen sie meistens schon, ob etwas bei den Genitalien passiert ist, etwas, das Erwachsene als Sexualität interpretieren. Es gibt aber zum Beispiel Doktorspiele, die durchaus einvernehmlich sind, die wichtig für die Entdeckung des Körpers sind und bei denen es keine ungleiche Machtverteilung gibt. Andererseits gibt es körperliche Grenzverletzungen, die nichts mit den Genitalien zu tun haben und bei denen man unbedingt eingreifen sollte, beim Hauen, Zwicken, Kratzen etwa, selbst wenn es unbeabsichtigt im Spiel passiert. Sexuelle Übergriffe durch Kinder – der Vater eines betroffenen Kindes berichtet «Mein Sohn war fast vier Jahre alt, als es passiert ist. Meine Frau hat ihn von der Kita abgeholt. Nachdem sie das Gelände verlassen hatten, sagte er: «Weisst du, Lukas und Andi haben mir heute an den Schnäbi und den Popo gefasst.» Meine Frau fand, dass er dabei geschaut hat als hätte er etwas Verbotenes getan. Er sagte dann noch: «Mit nicht runtergezogener Hose. Die haben in die Hose reingefasst.» Meine Frau hat ihm sofort erklärt, dass keiner so etwas machen darf. «Dein Schnäbi und dein Popo gehören nur dir. Wenn jemand so etwas macht, musst du sofort zu einem Erwachsenen gehen», hat sie ihm gesagt. Auf die Frage, wie sich das Ganze für ihn angefühlt hat, antwortete er: «Das hat mich genervt.» Die Kinder waren unbeaufsichtigt, als es geschehen ist. Nachdem meine Frau und mein Sohn nach Hause gekommen sind, bin ich sofort wieder in die Kita gefahren und habe mit der Erzieherin gesprochen. Sie sagte, sie glaube meinem Sohn – und dass Lukas, der ältere der beiden Buben, die ihn angefasst haben, nun ja, auf dem sozialen Auge etwas blind ist. Ich habe der Erzieherin gesagt, ich will nicht, dass die Geschichte unter den Teppich fällt. Am nächsten Tag hat sie mir gesagt, sie habe mit den Kindern darüber gesprochen, alle seien ganz einsichtig gewesen. Sie glaubte, damit wäre alles gut. Doch für mich war noch gar nichts gut. Denn für mich war das ganz klar ein sexueller Übergriff. Also habe ich ihr gesagt, dass ich ein Gespräch darüber wünsche, und zwar auch mit der Kita-Leiterin. Die Erzieherinnen der Einrichtung fanden es seltsam, dass ich ein Gespräch mit der Leiterin wollte. Doch ich finde: Es war ein Übergriff innerhalb einer Organisation und ich will, dass überall ankommt, was da passiert ist – und ich will, dass die Organisation Antworten darauf findet. Als der Termin endlich stattfand, haben die Erzieherin und die Leiterin die ganze Zeit gesagt, dass sie das Thema ernst nehmen und es nicht banalisieren wollen. Aber dann haben sie es wiederholt banalisiert und gesagt, es sei ja nichts Schlimmes passiert. Das hat mich echt geärgert. Wir haben zunächst überlegt, unseren Sohn aus der Einrichtung zu nehmen. Aber letztlich weiss man nie, ob so etwas woanders nicht auch passiert. Und im Grunde haben die Erzieherinnen dort ihr Herz am rechten Fleck. Wir haben das Thema mit unserem Sohn noch ein oder zweimal angesprochen, hatten aber zum Glück den Eindruck, dass es ihn nicht belastet. Dass ihm so etwas passieren musste, macht mich aber trotzdem wütend, ich bin selbst verletzt und traurig darüber. Ich denke, die Kita hätte sich von aussen eine Beratung dazu holen sollen, um angemessen mit dem Fall umzugehen.» C. K., (Der volle Name ist der Redaktion bekannt) Sabine Grimm, was ist Ihrer Meinung nach normal und wann geschieht ein sexueller Übergriff? Kinder mit einem grossen Altersunterschied von zwei Jahren oder mehr sollten Körpererfahrungen nicht zusammen machen, weil sie dann an ganz anderen Orten stehen. Generell ist es immer negativ, wenn ein Kind sich unwohl fühlt, nicht mehr mitspielen will oder Angst vor einem anderen Kind bekommt. Von sexuellen Übergriffen unter Kindern spricht man generell, wenn sexuelle Handlungen durch ein Kind erzwungen werden beziehungsweise wenn das andere Kind sich unfreiwillig daran beteiligt oder die Handlung erduldet. In vielen Fällen wird ein Machtgefälle zwischen den beteiligten Kindern ausgenutzt, indem zum Beispiel durch Versprechungen, Anerkennung, Drohung oder körperliche Gewalt Druck ausgeübt wird. Geschehen sexuelle Übergriffe unter Kindern geplant? Es ist grundsätzlich gut, wenn man erst mal davon ausgeht, dass es aus Versehen passiert ist. Vor allem wenn Kinder noch keine Spielregeln bei Doktorspielen kennen, ist es wahrscheinlich, dass es das Kind nicht besser wusste. Es gibt aber seltene Fälle, in denen Kinder wiederholt übergriffig werden. Dann macht es Sinn, eine Fachstelle hinzu zu ziehen. Welche psychischen Folgen können sexuelle Übergriffe unter Kindern haben? Es können sowohl bei Kindern, die die Übergriffe erlebt haben, als auch bei Kindern, die sie begangen haben, Belastungsreaktionen auftreten. Es kann sein, dass ein Kind Stresssymptome aufweist, schlecht schläft, Angst hat, in die Einrichtung zu gehen. Längerfristige Belastungsreaktionen wären Ängste, Niedergeschlagenheit, Depressionen. Aber das muss nicht eintreten. Kinder haben oft starke Selbstheilungskräfte. Wenn Eltern aber unsicher sind, sollten sie auf jeden Fall mit einer Fachstelle Kontakt aufnehmen. Sexueller Übergriff unter Kindern in der Kita – eine Erzieherin berichtet «Eines Tages kam eine Mutter zu mir und sagte ganz entsetzt, ein Bub, dessen Namen sie auch nannte, habe auf ihrer Tochter gelegen. Nackt. Wir Erzieherinnen hatten davon nichts mitbekommen. Denn die Kinder dürfen hier und da unbeobachtet spielen. Ich habe an dem Tag gleich mit dem Bub gesprochen und er hat sofort gesagt: «Ja, das habe ich gemacht.» Er sagte mir, er möge Frauen. Sie seien so schöne Menschen. Ich habe ihn dann gefragt, wo er schon einmal so schöne Frauen gesehen habe. Er sagte: «Meine Eltern sind manchmal abends weg und dann lege ich mir einen Film ein, den sie haben. Da treffen sich ein Mann und eine Frau, die küssen sich, schauen sich an, legen sich aufeinander, das ist so schön.» Ich konnte also zügig aufklären, was passiert ist. Es wurde klar, dass der Bub das Mädchen nicht unterdrücken wollte, sondern etwas nachspielen wollte, das er schön fand. Die Mutter des Mädchens war jedoch ausser sich und hat eine Anzeige bei der Polizei gemacht wegen Verletzung der Aufsichtspflicht. Sie hat das Mädchen dann auch aus der Kita abgemeldet. Danach sind wir natürlich mit sehr offenen Augen durch die Einrichtung gegangen, haben Elterngespräche geführt und hatten auch eine Beratung von einer Fachstelle. Für die Eltern des Buben war das Ganze übrigens nicht schlimm, sie haben das recht locker genommen. Generell fällt mir auf, dass Eltern von Mädchen ganz schnell auf die Barrikaden gehen und dass für sie solche Erlebnisse überdimensional schlimm sind. Eltern von Buben sagen eher: Naja, er wollte eben etwas ausprobieren, das ist doch normal.» M. W., Erzieherin (Der volle Name ist der Redaktion bekannt) Sabine Grimm, Sie schreiben in Ihrer Facharbeit, dass solche Übergriffe auch unter Geschwisterkindern vorkommen. Die Häufigkeit von Übergriffen unter Geschwisterkindern wird sicher unterschätzt. Dabei kommen verschiedene Risikofaktoren innerhalb einer Familie zusammen. Da die ganze Familie betroffen ist, führt das oft zu einer Krise im gesamten Familiensystem. Deshalb müssen alle Familienmitglieder Unterstützung erhalten. Welche Risikofaktoren müssen zusammenkommen, damit so etwas unter Geschwistern geschieht? Oft geht man davon aus, dass ein Kind so etwas tut, das selbst missbraucht wurde. Das ist aber häufig gar nicht der Fall. Stattdessen müssen verschiedene Risikofaktoren zusammen kommen. Ein Risikofaktor ist, dass das ältere Kind eine besonders machtvolle Position in der Familie hat und zum Beispiel Betreuungsaufgaben übernimmt. Und dass die Eltern die Kinder eher vernachlässigen, emotional wenig erreichbar sind und häufig nicht anwesend sind. Auch eine psychische Störung beim übergriffigen Kind ist ein Risikofaktor. Ein sexueller Übergriff unter Geschwisterkindern muss nicht passieren, wenn solche Faktoren vorliegen, es kann aber sein. Was sollte man tun, damit sexuelle Übergriffe unter Kindern nicht geschehen? Doktorspiele einfach verbieten? Da gibt es verschiedene Meinungen. Ich finde das kontraproduktiv, weil ich glaube, dass Kindern da ganz wichtige sinnliche Erfahrungen genommen werden, die sie für die Entwicklung ihrer sexuellen Identität benötigen. Sie entwickeln dabei ein gutes Körpergefühl, lernen sich kennen und lernen auch Nein zu sagen, wenn ihnen etwas nicht gefällt. Das ist wiederum eine wichtige Prävention vor sexuellem Missbrauch im Allgemeinen. Sexuelle Erfahrungen sind also auch Schutz vor sexuellem Missbrauch. 5 Tipps: Wie können Sie als Eltern auf sexuelle Übergriffe unter Kindern reagieren? 1 Zuhören und offene Fragen stellen Hören Sie Ihren Kindern zu, wenn sie von einem sexuellen Übergriff erzählen und stellen sie mit ruhiger Stimme offene Fragen über den Ablauf der Handlung, zum Beispiel: Was ist passiert? / Wann fand es statt? / Wo ist es passiert? / Was hat er bzw. sie dann gemacht? Beachten Sie: Oft werden sexuelle Grenzerfahrungen als einzelne Erinnerungsfetzen abgespeichert, und zwar nicht immer in der zeitlich korrekten Reihenfolge. Diskutieren Sie mit Ihrem Kind nicht über die Richtigkeit und stellen Sie keine suggestiven Fragen. 2 Geben Sie sachlich Rückmeldung Kinder, die sexuelle Übergriffe erlebt haben, werden gestärkt, wenn sie zum Beispiel hören, dass das Verhalten des grenzverletzenden Kindes nicht in Ordnung war und dass man ihre Gefühle verstehen kann und sofort eingegriffen hätte, wenn man dabei gewesen wäre. 3 Machen Sie Ihrem Kind keine Vorwürfe Betroffene Kinder trauen sich häufig nicht, sich sofort einem Erwachsenen gegenüber zu öffnen. Zu gross ist ihre Angst vor dem übergriffigen Kind oder den Reaktionen der Umwelt. Machen Sie Ihrem Kind deswegen keine Vorwürfe. 4 Vermitteln Sie Orientierung und Sicherheit Informieren Sie Ihren Sohn oder Ihre Tochter, wie Sie vorgehen werden, um Ihr Kind oder auch andere Kinder vor weiteren Übergriffen zu schützen. Versprechen Sie jedoch nichts, was sie nicht auch einhalten können. Mütter und Väter, deren Kind einen sexuellen Übergriff verübt hat, sollten ihm deutlich sagen, dass das nicht wieder vorkommen darf, sie aber auch zu ihm halten werden, wenn jemand anderes so etwas mit ihm tut. 5 Unterstützung suchen Geeignete Fachstellen können Eltern helfen, die Selbstheilungskräfte des eigenen Kindes zu stärken und zu beurteilen, ob eine therapeutische Unterstützung notwendig ist. Eine Liste mit Beratungsstellen finden Sie auch im Fachbericht von Sabine Grimm. Quelle: Praxisforschung der Erziehungsberatung des Kantons Bern, Band 20.