«Wir hoffen sehr, damit ein Zeichen zu setzen»

Die Tagesstrukturen Wettingen wollen ein Zeichen setzen.

Dem Verein Tagesstrukturen Wettingen ist es auch wichtig, die soziale Zusammengehörigkeit der Kinder zu fördern. Foto: privat

Welche Gemeinden sind in Sachen Kinderbetreuung Ihr Vorbild?

In den umliegenden Gemeinden Baden, Ennetbaden, Ehrendingen und Würenlos existieren bereits durchgehende Betreuungsangebote. Als eindeutiges Vorbild kann die Gemeinde Ennetbaden genannt werden. Dort werden die Kinder sowohl in den frühen Randstunden am Morgen betreut als auch beim Mittagstisch und am Nachmittag sowie während den acht schulfreien Wochen. Das Angebot wird in enger Zusammenarbeit zwischen Gemeinde, Tagesstrukturen und Schule organisiert. Aber auch die Stadt Baden bietet mit ihren Tagesstrukturen in den Aussenquartieren und dem Tageshort in der Altstadt eine gute, durchgehende Betreuung während der Schul- und Ferienzeit an. 

Der Wettinger Einwohnerrat hat Ihre Motion «durchgehende Tagesstrukturen machen Sinn» abgelehnt. Warum gibt es so viel Widerstand für ein Tagesbetreuungsangebot, das in anderen Gemeinden selbstverständlich ist?

Leider ist es mir bis heute unverständlich, weshalb die Gemeinde Wettingen sich derart gegen ein verlässliches und durchgehendes Tagesstrukturangebot wehrt. Das Angebot ist ja völlig freiwillig und diejenigen Eltern, die es nutzen, können aus den verschiedenen Modulen wählen.
Auf politischer Ebene wurde das Argument vorgebracht, dass es Kindern nicht zuzumuten sei, montags bis freitags von 7.00 Uhr morgens bis 18.00 Uhr abends in der Schule bleiben zu müssen. Aber erstens ist das Angebot kein Muss, zweitens brauchen Eltern in der Regel lediglich ein bis drei Tage schulergänzende Betreuung. Selten beanspruchen Eltern von Montag bis Freitag die Betreuung in den Tagesstrukturen. In anderen Gemeinden zeigt sich, dass oft nur einzelne Module gewählt werden. Wer zum Beispiel seine Kinder für den Mittagstisch einschreibt, belegt nicht unbedingt auch die Nachmittagsstunden.
Hätte der Einwohnerrat die Motion angenommen, wären die bereits bestehenden Betreuungsstunden den neuen Stundenplänen entsprechend umgestellt worden. So hätten wir ein durchgehendes, verlässliches Betreuungsangebot gewährleisten können.  Und dies zudem kostenneutral.

Sie haben nach der Ablehnung Ihrer Motion beschlossen, die neue Leistungsvereinbarung mit dem Gemeinderat nicht mehr weiterzuführen. Warum dieser drastische Entschluss?

Der Vorstand der Tagesstrukturen Wettingen Die Mitgliederversammlung hat an seiner Versammlung  beschlossen, dass der Verein die neue Leistungsvereinbarung nicht unterzeichnen wird, wenn die gemeinderätliche Abspeck-Variante mit betreuungs- und nicht-betreuungsberechtigten Kindern angenommen wird. Wir hoffen sehr, dass wir hiermit ein Zeichen setzen, damit in Zukunft die Gemeinde mit ihren Partnern einen besseren Umgang pflegt. Unser Verein ist in den ganzen politischen Prozess nicht eingebunden worden. Niemand hat sich unsere Argumente ernsthaft angehört. 
Obwohl es schmerzt, eine über Jahre aufgebaute Organisation loszulassen, mussten wir diesen Schritt unternehmen, da wir  eine solche Abspeck-Variante nicht weiter mit gutem Gewissen gegenüber den Eltern vertreten können.

Wer wird sich dann ab kommendem Schuljahr um die Betreuung der Schulkinder kümmern?

Im Moment ist das noch völlig unklar. Der Gemeinderat wird die Leistungsvereinbarung im neuen Jahr ausschreiben. Ob sich dann eine Organisation finden lässt, steht in den Sternen.

Sie haben nun eine Volksinitiative gestartet. Warum versuchen Sie es auf diesem Weg?

Ein überparteiliches Komitee hat eine Initiative lanciert, die weit über die Forderungen meiner ursprünglichen Motion hinausgeht. Die Initiative fordert eine Frühbetreuung, einen Mittagstisch und  eine Nachmittagsbetreuung - auch an schulfreien Tagen, sowie eine Ferienbetreuung während acht Wochen. Dadurch soll der Handlungsdruck auf den Gemeinde- und Einwohnerrat von Wettingen verstärkt werden.

Was kann diese Initiative erreichen?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten: Für uns wäre es am besten, wenn der Einwohnerrat die Initiative annimmt und es damit gar nicht erst zu einer Volksabstimmung kommt. Eine zweite Möglichkeit ist ein Gegenvorschlag des Gemeinderats. Die dritte und letzte Variante wäre die Volksabstimmung. Zur Zeit sind wir dabei, Unterschriften zu sammeln – und dies erfolgreich. Sollte die Initiative wider Erwarten nicht angenommen werden, bleibt das vom Gemeinde- und Einwohnerrat im November 2011 verabschiedete abgespeckte Angebot bestehen.

Sollte Ihre Volksinitiative nicht angenommen werden, wird womöglich auf private Alternativen umgeschwenkt. Wird die Kinderbetreuung in Wettingen überhaupt noch bezahlbar sein?

Ein durchgehendes Angebot auf privater Ebene aufzubauen, ohne jegliche Unterstützung  der Gemeinde und des Kantons, ist fast unmöglich. Dann könnten sich nur noch finanziell gutsituierte Familien eine Betreuung leisten.

Wäre es besser, wenn der Bund das Betreuungsangebot regeln würde, weil die Gemeinden nicht in der Lage sind, ein geeignetes Betreuungsangebot zu schaffen?

Klar, eine Regelung auf Bundesebene würde natürlich einen positiven Druck auf die Kantone und Gemeinden ausüben. Der Bund und die Kantone müssten einen klaren, gesetzlichen Auftrag formulieren. Die Umsetzung sollte jedoch den Gemeinden überlassen werden, damit diese entsprechend der Situation vor Ort flexible Formen von familien- und schulergänzenden Kinderbetreuungsangeboten berücksichtigen können. 

Ist das denn momentan nicht so?

Leider nicht. Doch ein Hoffnungsschimmer ist durchaus da: Im Kanton Aargau wird voraussichtlich per Schuljahr 2013/14 mit dem revidierten Sozialhilfe- und Präventionsgesetz (SPG) festgehalten, dass die Gemeinden ein den Bedürfnissen der Familien entsprechendes Betreuungsangebot bereitstellen müssen. Zur Zeit ist dies noch freiwillig. In Anbetracht dieser Tatsache macht es erst recht keinen Sinn, dass die Gemeinde Wettingen ihr Angebot ein Schuljahr vor einer entscheidenden Gesetzesänderung reduziert. Vor diesem Hintergrund ist der Beschluss des Einwohnerrats an der Unterscheidung zwischen betreuungsberechtigten und nicht-betreuungsberechtigten Kindern festzuhalten, überaus fragwürdig.

Text und Interview: Sabrina Stallone im Januar 2012
 

Tipps für Eltern, die keinen Hortplatz finden können: www.drs3.ch

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