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Fachmann Betreuung gesucht: Wie sinnvoll ist eine Männerquote?

Wie bringt man mehr Männer dazu, in der Kinderbetreuung zu arbeiten? Hilft eine Quote für die Kitas? Talin Stoffel, ehemalige Co-Geschäftsfleiterin des nationalen Verbandes Kibesuisse, lehnt dies klar ab.

Fachmann Betreuung: Ein spannender Beruf für Schweizer Männer

Der Fachmann Betreuung bei der Arbeit: Der Anteil der männlichen Betreuer in Kitas soll künftig steigen. (Bild: monkeybusinessimages/iStock, Thinkstock)

Der Verband Kibesuisse, deren Geschäftsstelle Sie früher leiteten, steht, dass Kinderbetreuer ein prima Männerberuf sei. Warum?

Talin Stoffel: Der Beruf ist sehr spannend, herausfordernd und vielseitig. Und man braucht ein sehr breites Wissen, wenn man es wirklich gut machen möchte: Hier geht es um Entwicklungspsychologie, Pädagogik und Babyentwicklung. Dementsprechend ist der Beruf des Fachmanns Betreuung, Fachrichtung Kind, wie man es heute nennt, oder mit der Weiterbildung auch der des Kindererziehers, ein sehr spannendes Feld für Männer. Hinzu kommt, dass es natürlich eine sehr weiblich geprägte Branche ist. Gerade deshalb sind Männer umso mehr gesucht.

Trotzdem entscheiden sich wenige Männer für den Beruf.

Kinderbetreuung ist eine stark weiblich geprägte Branche. Deshalb versuchen wir, mehr Männer anzuwerben.

Wie geht der Verband dabei vor?

Gerade planen wir ein Projekt mit unserem Partner Curaviva und zusammen mit Männer.ch. Wichtig ist uns im Projekt nicht nur der Anteil der Männer in der Kinderbetreuung, sondern vielmehr wie man mit der Genderfrage innerhalb der Kitas umgeht. Das fängt schon bei den Spielmöglichkeiten an: Welches Rollenbild können wir den Kindern vermitteln, wenn wir einen Mann im Team haben? Welche Rollenspielmöglichkeiten bieten wir den Kindern an?

Warum wollen so wenige Männer in Kitas arbeiten?

Ich denke, es liegt am Berufsbild. Das soziale Ansehen eines Kindererziehers ist nicht so hoch, aber es wächst im Moment und  dies vollkommen zurecht. Der Männeranteil in der Ausbildung nimmt auch schon zu: Vor Jahren waren es noch drei Prozent, inzwischen sind es etwa zehn Prozent, die sich zur Fachperson Betreuung Fachrichtung Kinder ausbilden lassen. Ein anderes Thema für die Männer ist die Karriereentwicklung. Männer fragen sich, welche Chancen sie haben und welche Möglichkeiten es gibt. Viel hängt auch davon ab, wie Männer das Berufsbild des Erziehers und die damit verbundenen Aufgaben sehen.

Zur Person

Talin Stoffel war während rund sechs Jahren für den Verband KiTaS, respektive Kibesuisse tätig. Zuerst als Geschäftsführerin des Verbandes KiTaS, nach der Zusammenführung der beiden nationalen Verbände Kindertagesstätten Schweiz (KiTaS) und Tagesfamilien Schweiz (SVT) zur Kibesuisse als Co-Geschäftsführerin der neuen Organisation. Im Oktober 2015 verliess sie den Verband im gegenseitigen Einvernehmen.

Hinweis: Dieses Interview entstand im Juni 2013, rund fünf Monate vor der Fusion der beiden Verbände.

Was haben Männer denn für Vorstellungen?

In den Köpfen geistert immer noch die Vorstellung herum, dass man die Arbeit in einer Kita oder einer schulergänzenden Betreuung aus dem Gefühl heraus gut meistern könnte. Einen Satz finde ich sehr gefährlich: «Man braucht das Herz und nicht den Verstand, um ein Kind zu erziehen.» Man braucht beides. Der Beruf des Kinderbetreuers ist etwas, was man lernen muss.

Welche Möglichkeiten gibt es, um junge Männer für den Beruf zu begeistern?

Wir arbeiten dafür immer mit dem Zukunftstag zusammen. An diesem ist der Beruf des Kinderbetreuers erstaunlicherweise immer sehr beliebt bei den Buben. Und auch von den Eltern und den Lehrpersonen gibt es positive Reaktionen.

Welche Erfahrungen haben Sie persönlich mit männlichen Kindererziehern gemacht?

Eigentlich sind sie genauso vielfältig wie weibliche Erzieherinnen auch. Die meisten setzen sich sehr ein und finden den Beruf total spannend. Andere machen erst einmal die Ausbildung und wollen sich eventuell noch mal anders orientieren. In Leitungspositionen ist der Anteil der Männer auffällig höher als auf Stufe der Betreuer.

Ein gängiges Vorurteil gegenüber Männern in Kitas ist ja, dass Frauen diesen Beruf von Natur aus besser können.

Ich weiss nicht, warum das so sein soll. Das ist ein biologistischer Ansatz, der mir fremd ist. Eine professionelle Ausbildung ist entscheidend, egal bei welchem Geschlecht.

Was wünschen sich die Eltern?

Hier gibt es verschiedene Meinungen. Zum Grossteil bekommen wir positive Rückmeldung von Eltern, die sich sehr über männliche Betreuer freuen. Es gibt aber auch Eltern, die Angst haben. Das sollte man ernst nehmen. Sie fragen sich zum Beispiel, ob ein Mann mit einem Säugling umgehen kann.

Auch die Angst vor sexuellen Übergriffen löst immer wieder eine Diskussion um männliche Betreuer aus.

Dieses Problem lässt sich aber nicht lösen, indem Kitaleitungen einfach keine Männer anstellen. Übergriffe können auf beiden Seiten passieren. Von KiTaS gibt es deswegen einen Kodex zum Schutz vor sexueller Gewalt: Der setzt bei der Haltung an. Der Leitung kommt eine sehr wichtige Rolle zu und das Team muss Regeln festlegen und kritische Situationen durchsprechen.

Was sind kritische Situationen für männliche Betreuer?

Alle Situationen, die mit Nähe oder Distanz zum Kind zu tun haben, wie beispielsweise das Wickeln. Auf der einen Seite brauchen Kinder Nähe, aber Betreuer und Betreuerinnen müssen auch professionell sein und das braucht eine gewisse Distanz. In unserem Kodex haben wir festgelegt, dass Kinder nicht geküsst werden. Denn es gibt viele andere Arten, ihnen Aufmerksamkeit zu schenken. Ein Team muss zum Beispiel auch ausmachen, welche Regeln beim Schlafengehen gelten: Begleitet man ein Kind in den Schlaf oder soll es alleine einschlafen? Ist über den Rücken streichen in Ordnung? Die BetreuerInnen und die Leitung befinden sich in einem ständigen Prozess der Diskussion.

Sollte es eine Männerquote in Betreuungseinrichtungen geben?

Es können viele Quoten eingeführt werden: Wenn man keine Männer hat, die den Beruf ausüben wollen, dann nützt auch die beste Quote nichts. Sie ist dann eine Zahl, die letztendlich nichts verändert. Es gibt einfach zu wenige Männer, die den Beruf des Kinderbetreuers  überhaupt ergreifen. Mit einer Quote wird die Besetzung der Ausbildungsplätze schwierig: Sie können ja schliesslich nicht einfach die Hälfte der Plätze unbesetzt lassen, nur weil sich keine Männer finden lassen. Mir ist noch nicht klar, wie man solch eine Quote überhaupt umsetzen will.

Es gab in der Vergangenheit ja verschiedene Vorschläge: SP-Ständerätin Anita Fetz schlug eine Quote für die Ausbildungsgänge zur Fachperson Betreuung vor. Curaviva visierte einen Männeranteil von 25 Prozent in den Betreuungseinrichtungen an.

Als Zielsetzung kann man solch eine Quote natürlich auf lange Sicht anstreben. Das ist dann im engeren Sinne aber keine Quote, denn sie ist ja nicht bindend. 25 Prozent klingen auf den ersten Blick natürlich gut, aber letztendlich kann das nur eine Absichtserklärung sein. Hier muss auch ein Zeitraum vereinbart werden. Das eigentliche Ziel muss aber sein, junge Männer für den Beruf zu begeistern und ihnen diese Option für die Berufswahl aufzuzeigen.

Weitere Informationen

Weitere Informationen zum Thema Männer in der Kinderbetreuung: www.kibesuisse.ch

Informationen zu Ausbildungen und Berufsmöglichkeiten in Kitas oder schulergänzender Betreuung: www.kibesuisse.ch/berufsbildung/

Juni 2013, aktualisiert im Oktober 2017

 

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