Baby-Fotos im Internet: Eltern sind zu wenig misstrauisch

Immer mehr Familien nutzen das Internet, um Freunde und Öffentlichkeit an ihrem Familienleben teilhaben zu lassen. Sie erstellen eine Baby-Homepage mit Fotos von den ersten Lebensmonaten des Kindes. Andere stellen die neuesten Erfolge ihres Sprösslings auf Facebook online.

Baby-Fotos im Internet: Gefahr nicht unterschätzen.

Über 80 Prozent der Babys und Kleinkinder unter zwei Jahren haben heute schon Fotos von sich im Internet. Foto: BananaStock, Thinkstock

Tylers digitale Geburt beginnt über ein halbes Jahr bevor er selbst das Licht der Welt erblickt. Seine ersten virtuellen Lebenszeichen sind die Ultraschallfotos aus der achten und zwölften Schwangerschaftswoche. Voller Stolz berichtet seine Mutter auf Tylers Homepage der Online-Community, dass sie und ihr Mann «ein kleines Söhnchen bekommen werden».

Das Söhnchen ist ein aufgewecktes Baby, das am liebsten auf dem Bauch schläft. Baden und Wickeln machen ihm Spass. Angezogen werden kann er nicht leiden. Am liebsten will Tyler alles, was er in die Finger bekommt, vom Balkon herunter werfen oder er will in den Geschirrspüler klettern.

Er ist jetzt fast zwei Jahre alt, hat bisher viel erlebt und schon grosse Fortschritte gemacht. Dementsprechend gross ist auch schon sein digitaler Fussabdruck. Jeder Entwicklungsschritt wird mit einem Foto oder Text dokumentiert, den seine Mutter ins Internet hoch lädt.

81 Prozent der Babys und Kleinkinder unter zwei Jahren haben heute Fotos von sich online. Sieben Prozent haben sogar eine eigene E-Mailadresse und fünf Prozent ein eigenes Profil in einem Sozialen Netzwerk wie Facebook. Das ergab die im Oktober 2010 vorgestellte Studie des Sicherheitssoftwareherstellers AVG. Dafür wurden 2200 Mütter in zehn westlichen Ländern, darunter die USA und Deutschland, befragt.

Eltern bekommen Anerkennung durch Baby-Bilder im Internet

Die Geburt eines Babys und seine Entwicklung sind, ohne Frage, Ereignisse, die Eltern voller Stolz erfüllen und die sie gern anderen Menschen mitteilen wollen. «Heute geht es auf den Web 2.0 Plattformen ganz einfach und schnell, eine professionell wirkende Botschaft mit Text, Bild und Ton zu publizieren. Das führt dazu, dass immer mehr Menschen Leistungen, auf die sie stolz sind, einer Öffentlichkeit kundtun möchten. Man erwartet dadurch Anerkennung und Prestige», sagt Daniel Süss, Professor für Medienpsychologie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

Tanja Akar, Tylers Mutter, möchte mit der Homepage Familie, Freunde und Bekannte erreichen. «Da die Familie meines Ehemannes 500 Kilometer weit von uns entfernt lebt und wir sie nicht allzu oft sehen können, finde ich es schön, dass sie über die Homepage die aktuellsten Bilder und Fortschritte unseres Sohnes bewundern können», sagt sie. «Aber auch meine Familie, die ganz in der Nähe wohnt, ist sehr erfreut, alle paar Tage die neusten Bilder unseres Sonnenscheines sehen zu können.»

Die Botschaften über das Baby liefern nicht nur Anerkennung, sie steigern das eigene Selbstwertgefühl. Eltern seien zwar von ihrem Baby meist völlig fasziniert, erklärt Daniel Süss, aber sie könnten auch leicht verunsichert werden, ob alles normal verlaufe. «Die Feedbacks im Internet und der Vergleich mit den Baby-Darstellungen anderer Eltern im Netz ermöglicht, Unsicherheiten zu beschwichtigen und einen selbstwertsteigernden sozialen Vergleich anzustellen.» Die Inszenierung der eigenen glücklichen Familie im Netz wirke wie ein Spiegel, der einem selbst das Idealbild präsentiert, das man verkörpern möchte. Was allenfalls im erlebten Alltag nicht so ganz dazu passt, wird meist nicht im Netz gezeigt.

Tylers Online-Leben ist tatsächlich eine heile Welt voller glücklicher Babyfotos und Fotos von noch glücklicheren Eltern. Dafür bekommen die Eltern im Gästebuch ihrer Webseite Anerkennung: «Eura Tyler isch au an meega schnüggel!» oder «ganz e härzigi site hend ier! » und «De Tyler isch würkli ganz e süesse chline Maa.» heisst es dort. Einige Einträge sind von Fremden, die Tylers Mutter nicht aus dem realen Leben kennt.

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