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Family Link: Wissen, was die Kinder im Netz machen

Nutzungsdauern festlegen oder per GPS tracken, wo die Kinder sind: Die Google-App Family Link verspricht Eltern die Kontrolle über die Internet-Aktivitäten ihrer Kinder. Doch diese Sicherheit könnte trügerisch sein.

Was machst du da? Mit der App Google Family Link verfolgen Eltern den Medienkonsum ihrer Kinder.

Mit der App Google Family Link können Eltern den Medienkonsum ihrer Kinder verfolgen. Foto: E+

Die zwölfjährige Sarah hat heute schon 28 Minuten lang im Internet gesurft. 21 Minuten hat sie in ihrem E-Mail-Posteingang verbracht und 48 Minuten lang hat sie die Foto-App benutzt. Das reicht doch  jetzt wohl an Online-Zeit für einen Tag! Aber bald fällt das Smartphone ohnehin automatisch in den Schlafmodus. Erst ab 7.30 Uhr kann Sarah ihr Smartphone wieder nutzen.

Und wo ist eigentlich Sarahs Bruder Benjamin? Hätte er nicht längst vom Fussball-Training zu Hause sein müssen? Seine Mutter muss nur einen Blick auf ihr Handy werfen und schon sieht sie seinen genauen Standort. 

Sarah und Benjamin sind zwei typische, aber frei erfundene Geschwister, mit denen Google die relativ neue App «Family Link» in München Journalisten vorstellt. Eltern können mit Hilfe der App seit diesem Jahr nachverfolgen, wie viel Zeit ihre Kinder online verbringen, welche Apps sie nutzen und wo genau sie sich befinden. Auch Nutzungszeiten festlegen und das Natel per Fernsteuerung zu sperren ist möglich.

Mehr als eine Spionage-App?

Dementsprechend ist die Überwachungs-App umstritten. Für die einen ist sie «die perfekte App für Helikopter-Eltern», für die anderen ist sie eine wichtige Hilfe, um Kindern Medienkompetenz beizubringen. Stephan Micklitz, Engineering Director und zuständig für die Bereiche Sicherheit, Datenschutz und Identität bei Google in München, formuliert es diplomatisch: «Family Link bildet verschiedene Erziehungsstile ab.» Hannah Samland, Pressesprecherin von Google, sagt: «Die App fördert den Dialog über die Nutzung von Medien in Familien.»

Was Family Link Eltern verspricht

  • Das Kind bekommt mit der App Family Link auf seinem Smartphone oder Tablet seinen eigenen Google Account – und zwar ganz legal. Für ein gewöhnliches Google-Konto gilt in der Schweiz ein Mindestalter von 13 Jahren.
  • Will das Kind Apps herunterladen, bekommen die Eltern eine Benachrichtigung auf ihr Handy. Erst wenn die Eltern den Download erlauben, startet er auch. In-App-Käufe, die immer wieder zu erheblichen Kosten führen, sind ebenfalls nur mit Zustimmung der Eltern möglich.
  • Eltern können sehen, wie viele Minuten ihr Kind mit welchen Apps verbracht hat – und sie können Nutzungsdauern festlegen. Sind diese überschritten, muss das Kind eine Zwangspause einlegen.
  • Über bestimmte Einstellungen können Eltern Inhalte filtern, die ihr Kind auf dem Handy sehen kann, zum Beispiel Ergebnisse der Suchmaschine.
  • Eltern können den Standort ihres Kinds per GPS Tracker sehen – sie können aber auch bewusst auf diese Funktion verzichten.

Was Family Link nicht kann

  • Heimlich können Eltern ihre Kinder nicht überwachen. Sobald der GPS Tracker startet, bekommt das Kind eine Meldung. Blockieren können Kinder die Funktion aber nicht.
  • Google weist darauf hin, dass die Filteroptionen der App nicht ausgereift sind. Es kann also durchaus vorkommen, dass Kinder nicht-jugendfreie Inhalte sehen. Ist die Google-Suche oder Youtube grundsätzlich freigegeben, gibt es keine weitere Alters- oder Inhaltseinschränkung.
  • Eltern können zwar sehen, wie viele Minuten ihr Kind zum Beispiel Videos auf YouTube angeschaut hat, sie können aber nicht erkennen, welche Videos das Kind gesehen hat oder welche Internetseiten das Kind besucht hat.
  • Kinder sehen auch Werbeanzeigen. Bis zu ihrem vollendeten 13. Lebensjahr darf Google ihre Daten aber nicht verwenden, um auf ihre Interessen zugeschnittene Werbung anzuzeigen.
  • Keine unbegrenzte Kontrolle: Sobald das Kind 13 Jahre alt ist, dürfen Eltern zum Beispiel den GPS Tracker nur verwenden, wenn das Kind einverstanden ist.

Grenzenlos ist die Überwachung aber nicht. Zum einen verfügt die App über Einschränkungen, die den Kindern eine gewisse Privatsphäre verschaffen sollen. So wissen Kinder beispielsweise, wenn Sie per GPS von ihren Eltern getrackt werden. Auf Ihrem Smartphone erscheint dann eine Meldung. Ab 13 Jahren muss das Kind dem Tracking zustimmen. Zum anderen gibt es  aber auch keine sichere Kontrolle über die Inhalte, die Kinder konsumieren. Dass Kinder trotzdem Gewaltdarstellungen oder Pornos zu sehen bekommen, kann Google derzeit nicht ausschliessen.

Google hat Family Link auch nicht allein aus pädagogischen Gründen entwickelt. Das Unternehmen war angesichts der neuen Datenschutzverordnung der EU fast gezwungen, ein solches Tool auf den Markt zu bringen, wie im offiziellen Blog der Firma zu lesen ist: «Nach den neuen Vorschriften müssen Unternehmen in bestimmten Fällen die Einwilligung der Eltern einholen, bevor sie Daten von Kindern verarbeiten. Um diese Zustimmung zu erlangen und Eltern und Kindern Tools für ihre Online-Nutzung zur Verfügung zu stellen, führen wir Family Link in der gesamten EU ein.» Der SRF bilanzierte deshalb: «Wie bei vielen technischen Anwendungen zahlt man auch hier mit seinen Daten.»

Jeder vierte Erstklässler hat bereits ein Natel

Andererseits ist es eine Realität, dass Kinder heute immer früher im Netz unterwegs sind und auch immer früher ein eigenes Natel haben. Häufig zu bald, um  über Nutzungsdauern und Inhalte schon alleine zu entscheiden. Laut der MIKE-Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) besitzen bereits 25 Prozent der 6- und 7-jährigen Kinder in der Schweiz ein eigenes Natel. Spätestens mit 12 Jahren haben fast alle eines in der Hosentasche, wie die JAMES-Studie der ZHAW untersucht hat. 97 Prozent der befragten Jugendlichen zwischen 12 und 13 Jahren gaben an im Besitz eines eigenen Handys zu sein.

Die 12- bis 19-Jährigen verbringen nach eigenen Angaben täglich etwa zweieinhalb Stunden im Internet, am Wochenende vier Stunden pro Tag. Dass die Internetnutzung bereits sehr früh beginnt, zeigen die Resultate der ADELE-Studie der ZHAW. In allen befragten Familien schauen Kinder im Alter von 4 bis 7 Jahren regelmässig Videos auf YouTube, viele gamen auch.

Grenzen setzen, ohne selbst Grenzen zu überschreiten

Eveline Hipeli, Medienpädagogin an der Pädagogischen Hochschule Zürich, sieht in der App Vor- und Nachteile. Theoretisch könnte solch eine Applikation die Kommunikationskultur zwischen Eltern und Kindern über Medien positiv verändern, sagt sie. Aber: «Viele Eltern, die solche Apps nutzen, beschränken die Nutzung auf die zeitliche Begrenzung von Medieninhalten und auf die örtliche Kontrolle der Kinder, indem sie sehen wollen, wo das Kind gerade ist. Das muss nichts Negatives sein, aber es sollte nicht ausschliesslich dabei bleiben.»

Die Medienpädagogin empfiehlt Eltern bei der Nutzung von Apps wie Family Link, sich selbst immer wieder zu hinterfragen. Es gelte Kindern Grenzen zu setzen, ohne selbst Grenzen zu überschreiten: «Vor allem bei jungen Kindern macht es Sinn, bei den Inhalten und Nutzungszeiten genauer hinzuschauen», sagt sie. «Was die Privatsphäre des Kindes angeht, werden Grenzen erst dann überschritten, wenn Eltern Dinge heimlich kontrollieren. Zum Beispiel, wenn die Mutter das Kind mit Hilfe der App auf dem Schulweg verfolgt und sieht, dass es noch im Volg einkaufen war.»

Alternativen zu Googles Family Link

Family Link ist nicht die einzige App, mit der Eltern den Medienkonsum und den Standort ihrer Kinder überwachen können. Es gibt unzählige Alternativen in den App Stores, zum Beispiel:

  • Apple Screen Time: Eltern können hier ähnlich wie bei Family Link Nutzungsdauern begrenzen und sehen, welche Funktionen ihre Kinder wie lange genutzt haben.
  • Familonet: Die Nutzer sehen gegenseitig ihre Standorte. Das bedeutet: Nicht nur Mami weiss, wo das Kind ist, sondern das Kind sieht auch, wo die Eltern sind.
  • Family Time: Auch mit dieser App können Nutzungsdauern eingegrenzt werden. Zusätzlich werden Eltern gewarnt, wenn Kinder bestimmte Orte ohne Rücksprache verlassen. Die App will ausserdem verhindern, dass Kinder nicht jugendfreie Inhalte sehen.

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