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Warum Smartphone-Kontrolle nicht die beste Lösung ist

Chatten, Spielen, Videos: Wenn das Kind vor dem Smartphone sitzt, ist der Versuch gross, ihm über die Schulter zu schauen. Doch wie viel Kontrolle ist sinnvoll? Gregor Waller, Medienpsychologe aus Zürich, spricht über zeitliche Limits und technische Hilfen.

Eltern schauen ihrem Kind besorgt über die Schultern.

«Wie soll ein Kind einen vernünftigen und positiven Umgang mit Medien erlernen, wenn es Zuhause schlechte Vorbilder hat?» Foto: darenwoodward, iStock / Getty Images Plus

Das Wichtigste in Kürze:

  • Regeln und Limits zum Umgang mit Medien sollten dem Alter und Entwicklungsstand des Kindes angepasst werden.
  • Besonders im Vorschulalter ist es sinnvoll, auch technische Schutzmassnahmen einzurichten.
  • Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf Privatsphäre. 
  • Wichtig ist, dass Kinder in Ausnahmefällen wie Online-Mobbing die Unterstützung ihrer Eltern spüren.

Das Internet wird nicht umsonst «World Wide Web» genannt – es ist weltweit verfügbar und bietet unendlich viele Möglichkeiten. Wenn sogar wir ab und an den Überblick verlieren, wird es unseren Kindern nicht anders gehen. In erster Linie wollen wir sie vor Gefahren schützen und ihnen gleichzeitig die nötige Kompetenz beim Umgang mit Medien vermitteln. Doch hilft Kontrolle dabei und welches Mass ist das Richtige?

«Das ultimative Mass an Kontrolle der Smartphone-Nutzung unserer Kinder gibt es nicht.»

Gregor Waller, Co-Leiter der Fachgruppe Medienpsychologie an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) erklärt, dass Regeln und Limits dem Alter und Entwicklungsstand des Kindes angepasst werden müssen und dass diese je nach Kind variieren. Allgemein gelte, je älter das Kind, desto weniger Kontrolle sei notwendig.

Serge Tisseron, französischer Medienprofessor, hat die sogenannte «3-6-9-12-Regel» entwickelt. Die besagt: Kein Bildschirm unter drei Jahren, keine Spielkonsole vor sechs, kein Internet vor neun und kein unbeaufsichtigtes Internet vor zwölf Jahren. Allerdings ist diese Faustregel umstritten, da der individuelle Entwicklungsstand des Kindes nicht berücksichtigt wird.

Kindersicherungssysteme auf Smartphone, Tablet und Co.

«Besonders im Vorschulalter ist es sinnvoll, auch technische Schutzmassnahmen einzurichten.» Gregor Waller verweist auf ausgeklügelte Kindersicherungssysteme, die in Betriebssystemen wie iOS und Android bereits vorinstalliert sind. «Nach Bedarf können diese Sicherungssysteme auf Smartphone, Tablet und Co. konfiguriert werden. Von Zeit zu Zeit dürfen Eltern die Einstellungen ruhig auflockern.» Allerdings ersetze der Einsatz solcher Schutzmechanismen nicht die Begleitung und Gespräche zum Medienumgang.

Zur Person

Gregor Waller

Gregor Waller

Co-Leiter Fachgruppe Medienpsychologie an der ZHAW

Wann zeitliche Limits sinnvoll sind

«Gerade bei Kleinkindern ist eine Limitierung der Bildschirmzeit ratsam. Doch auch ein zeitliches Limit hängt stark von individuellen Gegebenheiten ab. Übt ein Kind – neben TV und Videogames – noch intensiv andere, nicht mediale Tätigkeiten aus und ist zum Beispiel viel draussen, dann ist eine zeitliche Limitierung der Mediennutzung sekundär.

Bringt man ein Kind jedoch kaum von der Game Konsole weg und das Kind vernachlässigt nicht mediale Tätigkeiten wegen dem Medienkonsum, lohnt es sich, ein Medienzeitbudget festzulegen»: Waller betont, dass auch Eltern für die Einhaltung der Limitierung sorgen müssen, selbst wenn es zu Konflikten führen kann.

Kontrolle vs. Privatsphäre

Auch Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf ihre Privatsphäre. Vor allem dann, wenn die Kontrolle des Smartphones aus Neugier erfolgt. Der Experte sieht keine Notwendigkeit in der routinemässigen Kontrolle des Smartphones eines Teenagers: «Wenn die Beziehung zum Kind gut ist, kommt es bei Problemen von alleine auf die Eltern zu und bittet um Hilfe, da braucht es keine Kontrolle.» Wenn Eltern das Gefühl haben, dass irgendetwas nicht stimmt und einen Zusammenhang zu medialen Aktivitäten vermuten, dann empfehle es sich, sein Kind direkt darauf anzusprechen und gegebenenfalls Hilfe anzubieten.

Online-Mobbing, Drohungen und unangebrachte Inhalte

In Ausnahmefällen, wenn das Kind beispielsweise online gemobbt wird oder via Smartphone Drohungen oder unangebrachte Nacktbilder erhält, sollten Eltern möglichst früh eingreifen. «Auch hier sind klärende Gespräche nötig. Je nach Fall müssen Lehrkräfte, Fachpersonen und sogar die Polizei miteinbezogen werden.

Wichtig ist, dass Kinder jederzeit die Unterstützung ihrer Eltern spüren. Vorwürfe und Schuldzuweisungen sind fehl am Platz», so Waller. Durch eine Mobbing-Attacke oder durch Drohungen seien Kinder bereits genug bestraft. «Es gilt, den Fall gemeinsam anzugehen und aufzuarbeiten», rät der Experte.

Pornografie und Gewalt im Netz

«Im Vorschulalter kann ein Schutz vor Pornografie und Gewalt über zuvor erwähnte Filtersysteme geschehen. Je älter die Kinder sind, desto weniger greifen solche Systeme. Dann hilft nichts anderes, als das Kind im Gespräch auf solche Gegebenheiten vorzubereiten.»

Waller legt nahe, dass Eltern ihre Kinder auch auf die Schattenseiten des Internets aufmerksam machen sollten. Zum Beispiel darauf, dass sie durch Zufall auf schockierende Bilder oder Videos stossen werden. Es helfe, wenn Eltern ihren Kindern im Voraus ihre Unterstützung zusichern.

«Im Umgang mit Sexualität lohnt es sich in der heutigen Zeit, Kinder besser früh als zu spät aufzuklären. Beim Kontakt mit Pornografie können sie so das Material zumindest ansatzweise einordnen. Mit Jugendlichen sollte zudem über die verzerrte Darstellung der menschlichen Sexualität in der Pornografie gesprochen werden. Das, was dort gezeigt wird, hat meist wenig mit echter Sexualität zu tun. So können Kinder vom Erfahrungsvorsprung der Eltern profitieren», erklärt der Medienpsychologe.

Ab wann Kontrolle überflüssig ist

«Ein fixes Alter, ab dem die Kontrolle der Mediennutzung nicht mehr notwendig ist, gibt es nicht. Wenn Eltern ihre Kinder stetig und intensiv beim Entdecken der medialen und nicht medialen Welt begleiten, können sie selbst gut einschätzen, ab wann ihr Kind keine Kontrolle mehr braucht» dies hänge von Eigenschaften und dem Grad an Selbstständigkeit ab. Waller erklärt, dass dies bereits mit 15 Jahren oder aber erst ab dem 18. Lebensjahr sein könne.

Im Dialog mit Kindern stehen

«Das Gespräch über den Medienumgang ist ein zentraler Punkt in der Medienerziehung. Ebenso gehört die Reflexion der eigenen Mediennutzung dazu. Wie soll ein Kind einen vernünftigen und positiven Umgang mit Medien erlernen, wenn es Zuhause diesbezüglich schlechte Vorbilder hat? Eltern müssen sich deshalb selbst reflektieren und ihren Medienumgang überdenken. Um einem Kind den kompetenten Umgang mit Medien zu vermitteln, braucht es eben auch medienkompetente Vorbilder.»