Warum Eltern den Medienkonsum ihrer Kinder einschränken sollten

Wilfried Brüning meint es ernst. Der Medienpädagoge aus Deutschland rüttelt Eltern gnadenlos wach. Denn er hat eine Mission: Er will Kinder vor der «Verblödung» retten, die laut ihm die neuen Medien mit sich bringen können.

Den Medienkonsum ihrer Kinder sollten Eltern beschränken.

Statt einer Playstation sollten Eltern ihren Kindern lieber eine Kanufahrt schenken, findet Wilfried Brüning. Foto: Wavebreak Media, Thinkstock

So schnell werden die anwesenden Eltern diesen Abend nicht vergessen. Denn während des Vortrages von Wilfried Brüning über den Medienkonsum von Kindern können sich die Eltern nicht einfach zurücklehnen. Statt einer Theorieabhandlung zu Erkenntnissen aus der Hirnforschung startet der deutsche Medienpädagoge sein Plädoyer für weniger Medienkonsum der Kinder, indem er die Eltern Aufgaben mit Tennisbällen, Zitronen und Luftschlangen bewältigen lässt. Seine Botschaft: Wer nur bereits vorgedachtes passiv konsumiert, lernt weniger als jene, die mit allen Sinnen einer Beschäftigung nachgehen.

Medienkonsum unbedingt einschränken

Wilfried Brüning will den Schweizer Eltern ans Herz legen, dass die neuen Medien sehr wohl einen Einfluss auf die Entwicklung von Kindern haben. «Wir müssen die Bildschirmmedienzeit unserer Kinder begrenzen», appellierte er mehrmals während des Vortrages, den der Verband Elternbildung Schweiz organisierte.                              

Konkret heisst das:

  • Kinder unter drei Jahren sollten nicht fernsehen und keine Computerspiele oder andere virtuelle Spiele nutzen.
  • Für Kinder im Kindergartenalter genügen 30 Minuten Medienkonsum (Fernsehen, DVD, Computerspiele, Konsolen-Spiele, Chat-Foren) pro Tag.
  • Primarschulkinder sollten sich mit 60 Minuten Medienkonsum pro Tag zufrieden geben.
  • Für ältere Kinder sind 90 Minuten am Tag noch vertretbar.

Statt einer Playstation sollten Eltern ihren Kindern lieber eine Kanufahrt schenken. Statt Kinder nach der Schule fernsehen zu lassen, sollten sie sie in den Wald schicken. «Hören Sie auf, Ihre Kinder in Watte einzupacken», sagt der Medienpädagoge und Filmregisseur, der viele Jahre in der offenen Jugendarbeit tätig war. Auch wenn Eltern Angst vor unwirschen Reaktionen ihrer Kinder haben: «Ihre Kinder werden Sie weiterhin lieben, auch wenn die Spielkonsole nicht unter dem Weihnachtsbaum liegt». Kindern den Fernseher oder das Computerspiel zu verbieten, falle Eltern besonders schwer, weil sie häufig selbst gern einmal vor dem Fernseher entspannen.

Hoher Medienkonsum: negativ für die Entwicklung der Kinder

Seine Argumente für die Begrenzung des Medienkonsums untermauert Brüning mit Erkenntnissen aus der Hirnforschung. Übermässiger Bildschirmkonsum wirke sich negativ auf die Entwicklung der Kinder aus. Ihre Gehirne seien einfacher strukturiert, die Ausbildung von Metakompetenzen wie Teamfähigkeit oder Kreativität werde verhindert, die Reifung der kindlichen Psyche werde beeinträchtigt und das Lernen werde schwieriger. Brüning warnt: «Wir sind gerade dabei, unseren Kindern die Kindheit zu stehlen.»

In einem Videoausschnitt stellt er den zuhörenden Eltern die Kinder Daniel und Robert vor. Daniel ist beim Fussballspielen draussen auf der Wiese zu sehen, Robert spielt virtuell Fussball mit der Konsole vor dem Fernseher. Daniels Gehirn läuft auf Hochtouren, denn der Hörsinn muss mit dem Gleichgewichtssinn in Verbindung treten, die Reaktionsgeschwindigkeit mit dem Bereich, der die Fehlentscheidungen korrigiert. Fast alle seine Sinne sind im Einsatz.

Videospieler verlernen Geduld haben

Zudem lernt er beim Training, Geduld zu haben bis ein Tor fällt. Er lernt, sich in einer Gruppe zu integrieren und noch viel mehr. Robert dagegen lernt das nicht. In Roberts Gehirn entwickelt sich kein hochaktives Netzwerk. Er muss lediglich geradeaus sehen, geradeaus hören und seine Finger bewegen. Die inaktiven Gehirnzellen können absterben.

Später sehen wir Daniel, der zuvor draussen Fussball gespielt hat, bei den Hausaufgaben. Er ist sehr geduldig, denn das ist er vom Fussballspielen gewohnt. Er weiss, dass er sich anstrengen und nicht alles sofort klappen muss. Die Kompetenzen, die er während des Fussballspielens erworben hat, nützen ihm auch für das Lernen. Robert dagegen verzweifelt an seinen Hausaufgaben. Er verlernt durch das Videospielen, wie geduldig er sein muss und wie viel Anstrengung es kostet, um die Aufgaben zu lösen.

Kein Fernsehen nach der Schule

Wilfried Brüning fordert Eltern auf den Medienkonsum ihrer Kinder einzuschränken.

Ein hoher Medienkonsum sei negativ für die Entwicklung unserer Kinder, sagt Wilfried Brüning. Foto: Angela Zimmerling

Ähnlich wie Videogamer Robert ergeht es Kindern, die Fernsehen schauen. Wilfried Brüning empfiehlt, direkt nach der Schule kein Fernsehen zu schauen, sondern erst in den Abendstunden. Der Medienkonsum nach der Schule bewirkt, dass sich die Kinder später nicht auf Hausaufgaben konzentrieren können. Das neue Wissen, das Kinder in der Schule erlernt haben, kann nicht verarbeitet und im Langzeitgedächtnis gespeichert werden. «Bevor wir unseren Kindern erlauben, den Fernseher einzuschalten, müssen wir uns die Frage stellen: Wie viel Zeit der Nicht-Entwicklung wollen wir unseren Kindern zumuten», sagt Brüning.

Er betont, er wolle die neuen Medien nicht verteuufeln. Vielmehr will er Eltern dazu bewegen, den schädlichen Medienkonsum einzuschränken. Ein «Ja, aber» lässt Brüning nicht gelten. Auch wenn Eltern zu ihm kämen und ihm erklären würden, dass ihr Sohn trotz Videospielen gut in der Schule sei und auch im realen Leben Fussball spiele, halte er dagegen: «Es gibt so viele Beispiele, bei denen das nicht klappt.»

Gehirn kann Defizite ausgleichen

Weniger radikal sieht es der Neuropsychologe Lutz Jäncke. «Ich halte es für falsch, ein Medium zu verteufeln, nur weil es negative Folgen haben kann», sagte er in einem Bericht gegenüber dem Beobachter. Der Artikel greift die steile These des Hirnforschers Manfred Spitzer auf. Dieser vertritt in seinem Buch «Digitale Demenz. Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen» die These, dass Computer dumm machen, die Geräte «Lernverhinderungsmaschinen» sind, die genauso süchtig machen wie Heroin.

Laut einem Bericht konnte bisher allerdings nicht bewiesen werden, ob beispielsweise intensive Computernutzung im Kindesalter zu irreversiblen Schäden im Gehirn führt. Zwar werden bei der Computernutzung andere Hirnareale aktiviert als beim Spielen oder Lernen. Doch Lutz Jäncke ist sich ziemlich sicher, dass unser Denkorgan auf die neuen Herausforderungen reagieren wird. «Ich bin über­zeugt, dass das Gehirn sich von so etwas nicht aus dem Konzept bringen lässt.» Und noch mehr: Zahlreiche Studien belegen mittlerweilen, dass verpönte Ballergames bestimmte wahrnehmungsgebundene und kognitive Fähigkeiten verbessern. So operieren Chirurgen, die regelmässig gamen, bei Bauchspiegelungen schneller und zuverlässiger als nicht gamende Kollegen.

Kinder lassen sich leichter ablenken

Doch bei einem Punkt bezüglich digitaler Mediennutzung sind sich die Experten weitgehend einig: Wer ohne Vorwissen im Internet google, könne Wichtiges nicht von Unwichtigem trennen, sagt etwa Martin Korte, Professor für Neurobiologie an der Technischen Universität Braunschweig gegenüber dem Beobachter. Denn das Gehirn lerne Neues, indem es auf altem Wissen aufbaue. «Wer nichts weiss, lernt auch nichts dazu.»

Hinzu komme bei Kindern und Jugendlichen, so Lutz Jäncke von der Uni Zürich, dass bei ihnen der Stirnlappen im Gehirn noch nicht ausgereift sei. Sie liessen sich noch schneller ablenken. «Die Gefahr, den ständigen Verlockungen zu erliegen und somit Aufmerksamkeitsstörungen zu entwickeln oder süchtig zu werden, ist umso grösser», so Jäncke. Laut den Experten haben die Kinder und Jugendlichen zudem Mühe, den Computer nach einer gewissen Zeit wieder auszuschalten.

Medienkonsum von Büchern ist sinnvoll

Für bedenkenlos hält Medienexperte Brüning hingegen den Medienkonsum von Büchern, Hörspielen oder Musik. Sie regten die Kreativität und Fantasie an. Auch Computer gehören seiner Meinung nach dazu, wenn sie vor allem für die Recherche im Internet oder für schulische Zwecke genutzt werden. Gegen Lernprogramme hat er nichts einzuwenden. Als Filmregisseur kann er als Alternative zu Computer- und Videospielen Digital- und Videokameras empfehlen. Damit könnten Kinder kreativ werden und ihr eigenes Fotobuch oder einen Kurzfilm erstellen.

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