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«Unser Sohn hat plötzlich Angst vor allem»

Jedes Kind fürchtet sich mal: Vor Monstern, der Dunkelheit oder dem Alleinsein. Doch manchmal werden diese Ängste übergross. Familienleben-Expertin Ina Blanc erklärt, wie Eltern ihrem Kind dann am besten helfen.

Jedes Kind hat Ängste. Das ist nicht schlimm, solange die Ängste nicht das Leben bestimmen.

Jedes Kind hat Ängste, aber bei manchen nimmt die Furcht Überhand. Wie Eltern damit umgehen können, erklärt die Psychologin. Foto: Sabelskaya, Getty Images

Die Leserfrage:

«Unser Sohn (9 Jahre) hat plötzlich wieder Angst vor allem. Er geht nicht mehr alleine ins obere Stockwerk, wo sich die Schlafzimmer befinden und auch nicht in den Keller. Überall wo er hingeht, macht er Licht und löscht es danach nicht wieder.

In der Dunkelheit fürchtet er sich. Wenn ich ihm aber ein Nachtlicht installiere, fürchtete er sich vor dem Schatten.

Neuerdings kann er nachts nicht mehr alleine auf die Toilette: Er ruft so laut, dass sämtliche Familienmitglieder wach werden. Wenn er es ausnahmsweise alleine schafft, macht er überall Licht und rennt anschliessend zurück in sein Zimmer ohne die Lichter zu löschen.

Ich bin mittlerweile völlig übermüdet und weiss keine Lösung mehr. Er will/kann mir nicht sagen, wovor er sich fürchtet. Ich habe versucht, ihm im Finstern zu zeigen, dass es nichts gibt, wovor er sich fürchten muss, indem ich mit ihm ohne Licht durch die Zimmer gegangen bin. Was kann ich noch versuchen?

Tagsüber zeigt er sich stark und ist ein Besserwisser, jedoch ist die gezeigte Stärke ein Selbstschutz, da er eigentlich emotional ist und kein ausgeprägtes Selbstvertrauen hat. Um dies zu stärken, besucht er die Kids-WingTsun-Schule.»

Das sagt Familienleben-Expertin Ina Blanc:

«Zunächst einmal: Ängste bei Kindern sind ganz normal. Aber in diesem Fall sind das Kind und die gesamte Familie stark belastet. Ich würde Ihnen zunächst empfehlen, zuzuhören und die Angst ihres Kindes ernst zu nehmen.

Sie wollten ihm zeigen, dass er sich nicht fürchten muss, als Sie mit ihm ohne Licht durch die Zimmer gegangen sind. Versuchen Sie doch einmal, die Situation so zu erleben wie Ihr Kind. Sie können sich mit ihrem Sohn in sein Zimmer setzen. Vielleicht gibt es ein furchteinflössendes Geräusch. Oder macht ihm zum Beispiel das Knacken des Eisschranks Angst, wenn er über den dunklen Flur geht?

Die Psychologin über Kinderängste

In diesem Interview erklärt Ina Blanc, welche guten Seiten die Angst hat – und wie Eltern erkennen, ob die Ängste ihres Kindes das gesunde Mass überschreiten.

Wenn Kinder ihre Ängste – aus Angst – gar nicht aussprechen oder benennen können, habe ich gute Erfahrungen damit gemacht, auf einem spielerischen, kreativen Weg Unfassbares fassbar zu machen, wie zum Beispiel angsterregende Gedanken in Monster zu übersetzen und zeichnen zu lassen. Ihr Sohn könnte so zum Beispiel ein Monster der Dunkelheit oder des Alleinseins malen. Das macht meistens Spass und bringt auch Humor in die Sache. In dem Moment, in dem Kinder ihrer Angst eine Form geben können, wird sie form-, und somit veränderbar. Das ist der erste Schritt zur emotionalen Kontrolle.

Ängste bei Kindern haben immer auch mit Selbstvertrauen zu tun. Deshalb ist es gut, dass Ihr Sohn die Kids-WingTsun-Schule besucht. Sie können sein Selbstvertrauen zusätzlich stärken, indem Sie seine positiven Entwicklungsschritte loben und ihn darauf aufmerksam machen, was er alles gut macht. Erinnern Sie ihn daran, was er in seinem Leben bereits erfolgreich bewältigt hat, obwohl es ihm zuvor Angst gemacht hat, zum Beispiel Velofahren.

Stellen Sie mit ihm zusammen einen Plan auf, der ihm helfen kann, mit Bewältigungsstrategien schrittweise seine Ängste zu konfrontieren. Er könnte eine Taschenlampe für den Flur bekommen oder für zwei Nächte bei einem Geschwisterkind schlafen. Überlegen Sie sich unbedingt gemeinsam mit Ihrem Sohn das Programm, das ihm helfen könnte. Denn Selbstverantwortung ist beim Thema Angst besonders wichtig.

Und zum Schluss: Wie Sie beschreiben, weist er seine Schwäche am Tag weit von sich. Es ist wichtig ihm zu zeigen, dass alle Facetten seiner Persönlichkeit wertvoll sind. Sprechen Sie in der Familie über Gefühle und zeigen Sie Ihrem Kind, dass es keine negativen Gefühle gibt, sondern nur einen negativen Umgang mit ihnen. Wenn auch die Eltern von ihren Ängsten erzählen – und davon, wie sie mit ihnen umgehen –, fühlt sich das Kind nicht mehr so allein mit seinen Gefühlen und wird auch inspiriert, seine eigenen Bewältigungsstrategien zu finden.»

Wortprotokoll: Eva Mell

Ina Blanc gibt Tipps, wie Eltern mit den Ängsten ihrer Kinder umgehen können.

Ina Blanc ist Psychologin am Zentrum für Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologie der Uni Basel. Sie ist spezialisiert auf die Beratung und Therapie im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter und behandelt regelmässig Kinder, deren Ängste Überhand genommen haben.

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