Kinderängste: Über das Warum und wie Eltern damit umgehen können

Dass man sich als Kind vor irgendetwas fürchtet, ist völlig normal. Angst zu haben ist sogar förderlich für eine gesunde Entwicklung. Aber wovor haben Kinder Angst und wie wirkt sich das Verhalten der Eltern auf die Angstbewältigung aus?

Kinderängste: Über das Warum und wie Eltern damit umgehen können

Erfahren Sie mehr über Kinderängste und warum es gut ist sich zu fürchten. Foto: iStock, SvitlanaMartyn, Thinkstock

Die fünfjährige Lisa liegt in ihrem Bett und kann nicht schlafen. Sie lässt ihren Blick durch das dunkle Kinderzimmer schweifen und entdeckt plötzlich einen grossen dunklen Schatten an der Stelle, wo eigentlich ihr Kleiderschrank steht. Da! Hat er sich nicht gerade bewegt? Kommt er auf mich zu? Lisas Angst wächst von Sekunde zu Sekunde, bis sie es nicht mehr aushält und nach Mama und Papa ruft. Aber kaum, dass das Licht an ist, ist auch der komische Schatten verschwunden. Und so geht es Nacht für Nacht: Immer wieder taucht das dunkle Monster auf und verschwindet, wenn die Eltern das Licht anmachen. Die kleine Lisa kämpft mit einer Angst, die viele Kinder in ihrem Alter haben: Sie fürchtet sich vor dem Dunkeln.

Die Angst vor der Dunkelheit gehört wie die Angst vor Gewittern und vor Monstern zu den typischen Kinderängsten. Wovor sich ein Kind fürchtet, ist altersabhängig, so dass es im Alter von sechs Jahren nicht mehr dieselben Ängste hat wie noch mit zwei Jahren. Jüngere Kinder können reale und irreale Ängste noch nicht unterscheiden. Das lernen sie erst im Alter zwischen sechs und acht Jahren. Bis dahin ordnen sie das Monster unter ihrem Bett genauso der Realität zu wie Blitz und Donner.

Kinderängste mit einem realen Ursprung

Wenn ein Kleinkind erstmals das Getöse des Staubsaugers hört, erschrickt es, denn dieses Geräusch erscheint ihm unheimlich, weil es dies noch nicht zuordnen kann. Auch das laute Grollen eines Gewitters wirkt sich ähnlich auf Kinder aus. Viele Kinder fürchten sich zudem davor, alleingelassen zu werden. Deswegen gehören neue Lebensabschnitte wie die Einschulung, der Eintritt in die Kita oder den Kindergarten oft zu den Kinderängsten. Hierzu zählt insbesondere die Trennungsangst. Diese können bereits Babys durchleben.

Eine Beispielsituation hierfür wäre der Kitaeintritt. Egal wie alt das Kind dabei ist, es wird zunächst mit Angst auf die ungewohnte Umgebung und die fremden Menschen um sich herum reagieren. Es wird seine Eltern vermissen und hat zunächst den Eindruck, dass sie nicht wiederkommen und es ganz alleine zurücklassen. Doch nach der Gewöhnungszeit wird das Kind diese Angst überwinden, denn seine Eltern kommen immer wieder, um es abzuholen. Zudem wird es sich mit der neuen Umgebung vertraut machen und die ersten Freundschaften schliessen, so dass es Tage geben kann, an denen ein Kind noch nicht heim will, wenn es abgeholt wird.

Kinderängste mit irrealem Ursprung

Neben Kinderängsten mit realem Ursprung, wie der Trennungsangst, gibt es aber noch die Ängste, die durch die Phantasie eines Kindes verursacht werden. So fürchten sich viele Kinder vor Monstern, Vampiren und Gespenstern, da sie in ihren ersten zehn Lebensjahren noch nicht wissen oder verstehen, dass es diese Kreaturen in Wirklichkeit nicht gibt. Mit dem Heranwachsen begreifen Kinder, wie unsinnig ihre Angst vor diesen Wesen war. Fantastische Ängste können Bezugspersonen wie Eltern und Grosseltern zusätzlich fördern, wenn sie Kindern Horrorvorstellungen in den Kopf pflanzen, wie beispielsweise dass ihnen ein Baum im Bauch wächst, wenn sie einen Apfelkern verschlucken. Selbst wenn solche und ähnliche Bemerkungen nur im Spass gesagt werden, glaubt ein Kind die absurdesten Geschichten und lernt so, sich vor harmlosen Dingen zu fürchten.

Kinderängste: Wie Angst entsteht

Aber wie entsteht Angst eigentlich? In der Forschung gibt es noch keine eindeutige Antwort auf diese Frage, aber man ist sich darin einig, dass Ängste viele unterschiedliche Ursachen haben können. «Im Schulalter haben die Kinder so viel Phantasie und Wissen über die Gefährlichkeit der Welt, dass sie sich auf gefährliche Dinge oder Themen kaprizieren. Das können beispielsweise die Dunkelheit sein, Einbrecher oder Feuer», erklärt Reinmar du Bois, Autor und Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universität Stuttgart, gegenüber der TAZ im September 2010.

Wie ängstlich ein Kind ist, hängt unter anderem von seinem Temperament ab oder davon, wie es mit unvertrauten Situationen umgeht. Einen grossen Einfluss auf die Ausprägung der Kinderängste können zudem traumatische Erfahrungen wie das Berühren eines heissen Bügeleisens oder ein Hundebiss sein. Ein unbekanntes Umfeld kann bei Kindern ebenfalls Angst auslösen. Ebenso können markante Veränderung im Leben des Kindes wie der bereits geschilderte Eintritt in die Kita oder die Schule zu Kinderängsten, hier explizit zur Trennungsangst, führen. Diese Ängste sind entwicklungstypisch und verschwinden in der Regel dann, wenn ein Kind die neue Entwicklungsstufe abgeschlossen und sich an die neue Situation gewöhnt hat.

Ängste lassen sich aber auch von Eltern auf Kinder übertragen. Ein Beispiel hierfür wäre, wenn ein Kind seelenruhig und selbstsicher auf einem Baum herumklettert bis die Eltern ihre Angst darüber äussern, dass es herunterfallen könnte. Eltern oder Bezugspersonen können Ängste bei Kindern zudem mit dem Satz «Du brauchst keine Angst zu haben» provozieren. Denn erst dann wird ihnen die Gefahr einer Situation bewusst.

Kinderängste: Wie Eltern helfen können

Zur Angstbewältigung sind die Eltern unerlässlich. Sie dienen als Vorbild und als sogenannte Angst-Helfer. Um ein guter Angst-Helfer für Ihr Kind sein zu können, sollten Sie folgende Verhaltensregeln beachten:

  • Vermeiden Sie Sprüche wie «Du musst doch keine Angst haben» oder «Schämst du dich nicht, immer noch Angst zu haben?». Aufgrund solcher Aussagen fühlen sich Kinder unverstanden und mit ihren Ängsten alleingelassen. Dies erschwert ihnen den Umgang mit ihrer Angst zunehmend. Vermeiden Sie ebenfalls Drohungen wie «Wir hatten vor dir schon mal ein Kind, das hat nie gehorcht. Wir haben es zurück gebracht, und dich dafür bekommen. Also reiss dich mal zusammen» oder Horrorgeschichten wie eben die mit dem Apfelbaum im Bauch.
  • Zeigen Sie Ihrem Kind, dass Sie es verstehen. Geben Sie ihm das Gefühl, sicher und geborgen zu sein. Stärken Sie das Urvertrauen zwischen Eltern und Kind, indem Sie Ihr Kind in den Arm nehmen und ihm aufmerksam zuhören. Damit zeigen Sie, dass Sie seine Ängste ernst nehmen und bereit sind zu helfen.
  • Es kann Ihrem Kind auch helfen, seiner Angst Ausdruck zu verleihen, indem es das wovor es sich ängstigt aufmalt oder in einem Rollenspiel verdeutlicht.
  • Sie können Ihrem Kind bei der Angstbewältigung helfen, wenn Sie ihm eine Situation schildern, in der Sie selbst als Kind oder als Erwachsener Angst hatten. Erzählen Sie ihm, wie Sie diese Angst überwunden haben. Auf diese Weise machen Sie Ihrem Kind Mut, denn es sieht, dass es möglich ist, seine Angst zu überwinden, und dass es damit nicht allein ist.
  • Oft fühlen Kinder sich auch ihrer Umwelt ausgeliefert: Sie fürchten sich davor, sich im Wald zu verlaufen oder zu ertrinken, wenn sie ins Schwimmbad gehen. Auch hier können Eltern Abhilfe leisten, indem sie ihnen einen Schwimmkurs ermöglichen oder zeigen, wie man ein Lagerfeuer macht.
  • Für den Umgang mit der Angst dürfen Sie Ihr Kind auch nicht überbehüten und von allen Bedrohungen fern halten. Dadurch lernt das Kind nur, dass die Welt gefährlich ist und es nicht in der Lage ist, sich ihr zu stellen.
  • Ängste mit vernünftigen Erklärungen besiegen: Bei der Angst vor einem Gewitter kann es helfen, dem Kind zu erklären, warum es blitzt und donnert.
  • Ängste entschärfen: Die unheimliche Dunkelheit lässt sich beispielsweise durch ein Nachtlicht verbannen oder indem Sie die Tür einen Spalt breit offen lassen, so dass etwas Licht ins Zimmer fällt.
  • Ängste mit Ritualen bekämpfen: Bei Monstern kann ein kleines Ritual dem Kind bei der Angstbewältigung helfen: Starten Sie eine Vertreibungsaktion, indem Sie das Fenster öffnen und die imaginären Monster hinausscheuchen.

Warum Angst lebensnotwendig ist

Angst ist mit Schmerzen vergleichbar: Beide dienen als Alarmzeichen für drohende Gefahr. So sind Schmerzen ein Signal dafür, dass mit dem Körper etwas nicht stimmt, beispielsweise, wenn ein Knochen gebrochen ist. Auch Angst warnt uns vor Bedrohungen und ist deswegen eine ebenso wichtige Schutzfunktion wie der Schmerz. Denn ohne Angst würden wir auf die heisse Herdplatte fassen oder bedenkenlos zu Fremden ins Auto steigen. Angst wird bei Kindern erst dann bedenklich, wenn sie so davon in Beschlag genommen sind, dass eine gesunde Entwicklung nicht mehr möglich ist. In einen solchen Fall sprechen Experten von einer Angststörung.

Mehr zum Thema Angststörung finden Sie hier.

 

Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass Angst zu einer normalen und gesunden Entwicklung des Kindes gehört. In den ersten zehn Lebensjahren lernen Kinder nicht nur Angst zu haben, sondern auch damit umzugehen. Sie entwickeln nach und nach Methoden, mit denen sie ihre Ängste bekämpfen können. Auf diese Weise ist es ihnen möglich, ein gesundes Selbstvertrauen aufzubauen.

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