Warum Ängste bei Kindern normal und wichtig sind

Ihr Kind fürchtet sich vor der Dunkelheit oder dem Alleinsein?  Die Psychologin Ina Blanc erklärt, warum Ängste bei Kindern normal sind – und wie sie Kinder therapiert, deren Ängste Überhand nehmen.

Ängste bei Kindern sind normal. Was zu tun ist, wenn die Ängste Überhand nehmen.

Jedes Kind hat Ängste. Eltern können an verschiedenen Anzeichen erkennen, ob die Furcht im Leben des Kinds Überhand nimmt. Foto: Marcduf, iStock, Getty Images Plus

Eltern kennen diese Situationen: Babys erschrecken sich vor lauten und ungewohnten Geräuschen, beim Kita-Eintritt klammert sich das Kind an Mami oder Papi, weil es Angst davor hat, allein gelassen zu werden – und wenn man dachte, der Nachwuchs hätte seine grössten Ängste überwunden, kommt auf einmal die Angst vor der Schule oder der Dunkelheit. 

Ängste bei Kindern: Was ist normal und was zu viel?

Von der Trennungsangst bis zur Furcht vor Monstern gibt es unzählige Ängste bei Kindern. Im Normalfall verursachen diese Ängste keine grossen Probleme. Doch es kann vorkommen, dass die Furcht das Leben der Kinder zu bestimmen beginnt. Nicht immer merken die Eltern, dass eine Angst dahinter steckt, wenn das Kind über ständige Bauchschmerzen klagt oder sich völlig zurückzieht. Doch es gibt Anzeichen, an denen Eltern erkennen können, wie es ihren Kindern wirklich geht.

Frau Blanc, sind Ängste bei Kindern ein Grund zur Sorge?

Alle Kinder haben Ängste. Das ist ganz normal. Vor allem in Übergangsphasen zum nächsten Entwicklungsschritt des Kindes oder in Phasen grosser Veränderung können Kinderängste auftreten. Die Wahrnehmung des Kindes verändert in solchen Phasen. Manchmal können die neuen Reize noch nicht eingeordnet werden und das Kind entwickelt deshalb vielleicht Ängste.

Ina Blanc therapiert Kinder mit Ängsten

Ina Blanc ist Psychologin am Zentrum für Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologie der Uni Basel.

Hat Angst eigentlich auch gute Seiten?

Angst hat eine Schutzfunktion und ist in gesundem Mass für unser Überleben zentral. Sonst würden wir im Zoo zu den «kuscheligen» Tigern ins Gehege gehen. Angst zu haben ist auch deshalb gut, weil man stolz sein kann, wenn man sie überwunden hat. Mut hat man auch nur, wenn man zuvor Angst hatte. Es darf aber auf keinen Fall so sein, dass die Angst unser Leben regiert.

Woran können Eltern erkennen, dass die Angst ihres Kindes das normale Mass überschreitet?

Das ist manchmal schwierig, wenn Kinder ihre Gefühle nicht verbalisieren können. Manchmal erkennt man die Angst gar nicht. Denn ängstliche Kinder sind oft angepasste Kinder, die es allen recht machen wollen. Es kann sein, dass sie ihre Ängste zu verbergen versuchen. Eltern können auf körperliche Symptome achten. Anzeichen für anhaltende Angst und Stress sind manchmal Bauchschmerzen, Spannungskopfschmerzen und Schlaflosigkeit. Ein anderes Alarmsignal ist Vermeidungsverhalten, wenn Kinder zum Beispiel gar nicht mehr auf den Spielplatz oder in die Schule wollen.

Welche Ängste bei Kindern typisch sind

In den ersten Monaten haben Babys laut der Psychologin Ina Blanc zum Beispiel Angst vor plötzlichem Lärm. Dann folgen das Fremdeln und die Trennungsangst. Mit zunehmendem Alter treten Ängste bei Kindern vor sozialen Situationen in den Vordergrund. Ab 6 Jahren kann die Angst vor der Schule auftreten, ab 12 Jahren Leistungsangst, Zukunftsangst oder Ängste im Zusammenhang mit Sexualität.

Sie behandeln als Psychologin Kinder, die starke Ängste haben. Wie läuft das ab?

Zunächst lade ich die gesamte Familie zum Erstgespräch ein, denn ich arbeite systemisch. Bei diesem Gespräch versuche ich herauszufinden, ob das Kind berechtigt Angst hat und ob man es tatsächlich schützen muss. Ich erkunde die Ressourcen innerhalb der Familie und die Stärken des Kindes. Dann arbeite ich im Einzelsetting mit dem Kind, meist mit kreativen Methoden und mentalen Strategien. Wenn es sich um eine begrenzte Angst vor der Dunkelheit oder ähnlichem handelt, kann die Therapie sehr schnell erfolgreich sein. Fünf Sitzungen können ausreichen.

Erklären Sie das etwas genauer.

Dank Erinnerungen an erfolgreich bewältigte Situationen in der Vergangenheit kann das Kind erforschen, wie sich Selbstwirksamkeit positiv im Körper anfühlt. Das Kind lernt dann, dieses gute Körpergefühl in allen Situationen hervorzurufen und zu verstärken. Schrittweise konfrontiere ich das Kind dann in der Vorstellung mit angstauslösenden Situationen, denen es dank der neuen Strategien jetzt gewachsen ist. Das Kind kann danach das Gelernte in den Alltag übertragen. Die Erfahrung, der Angst nicht mehr hilflos ausgeliefert zu sein, sondern aktiv zu werden, um Situationen zu ändern, kann Kindern zu einem gesunden Selbstvertrauen verhelfen und einen wunderbaren Entwicklungsschritt einleiten.

Ängste bei Kindern: Wie Eltern reagieren können

  • Hören Sie Ihrem Kind zu und nehmen Sie seine Ängste ernst.
  • Betrachten Sie die Umgebung aus den Augen Ihres Kinds. Gibt es Geräusche im Haus, die furchteinflössend sind?
  • Lassen Sie Ihr Kind seine Angst zeichnen. So wird das Unfassbare fassbar.
  • Stärken Sie das Selbstvertrauen Ihres Kinds, indem Sie es daran erinnern, was es im Leben bereits erfolgreich gemeistert hat, zum Beispiel Velofahren.
  • Überlegen Sie sich gemeinsam mit Ihrem Kind Strategien, um die Angst zu überwältigen. Vielleicht kann es zwei Nächte im Zimmer des Bruders oder der Schwester schlafen.
  • Sprechen Sie mit Ihrem Kind auch über Ihre eigenen Ängste. Dann fühlt es sich mit seinen Gefühlen nicht mehr so allein.

Ausführliche Tipps der Psychologin Ina Blanc lesen Sie hier.

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