Wenn Schnarchen bei Teenagern gefährlich wird

Wenn ein Teenager schnarcht, wundern sich Eltern. Doch Schnarchen betrifft nicht nur Erwachsene. Ein verengter Luftstrom lässt auch bei zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen Gaumensegel und Zäpfchen laut vibrieren. Kieferfehlstellung, Fettleibigkeit und vergrösserte Mandeln sind drei von vielen möglichen Ursachen.

Wenn Jugendliche schnarchen

Auch Jugendliche können im Schlaf schnarchen. Bild: monkeybusinessimages, iStock, Thinkstock.

Nur Erwachsene schnarchen? Keineswegs! Zirka zehn Prozent aller Kinder und Jugendlichen schnarchen der amerikanischen National Sleep Foundation zufolge fast jede Nacht.

Schnarchen entsteht, wenn ein verengter Luftstrom einen Wirbel bewirkt, der Gaumensegel und Zäpfchen vibrieren lässt. «Alles, was die Atemwege verengt, kann die Störung verursachen», erklärt Heydy Lorena González, Schlafspezialistin von der Klinik für Schlafmedizin in Luzern. Dazu zählt sie zum Beispiel eine verkümmerte Nasenscheidewand, grosse Rachen- und Gaumenmandeln, vergrösserte Polypen, Schleimhautwucherungen in der Nase und Allergien, die Schleimhäute anschwellen lassen. «Bei Jugendlichen spielt darüber hinaus das Gewicht eine grosse Rolle. Weil sich Fett unter anderem im Zungengrund ablagert, braucht die Zunge mehr Platz im Hals und behindert die Atemwege, wenn sie beim Schlafen mit dem Unterkiefer nach hinten fällt», erklärt die Schlafspezialistin. Schnarchen könne immer auch ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren sein, betont die Schlafexpertin.

Während das Schnarchen bei einem Grossteil der Kinder und Jugendlichen die Gesundheit nicht beeinträchtigt, leiden laut einer Studie der Swiss Society of Paediatrics vier bis fünf Prozent unter einem Schlafapnoe Syndrom. Atemaussetzer in der Nacht kennzeichnen ein Schlafapnoe Syndrom. «Bei Kindern reicht bereits ein Atemaussetzer pro Stunde in der Länge von zwei verpassten Atemzügen, um eine Schlafapnoe zu diagnostizieren», erklärt Heydy Lorena González.

Schlafapnoe-Syndrom schadet der Gesundheit

«Bei Erwachsenen, die unter einer mittelschweren bis schweren Schlafapnoe leiden, erwacht bei jedem Atemaussetzer kurz das Gehirn, es erfolgt ein Adrenalinschub, der Blutdruck steigt, der Puls beschleunigt sich», erläutert González die Auswirkungen des Syndroms. Dies bedeute eine Belastung für das Herz, und das Risiko, Herzprobleme zu bekommen, erhöhe sich um zwei bis drei Mal. Bei Kindern und Jugendlichen kann der Schlafspezialistin zufolge eine unbehandelte Atemstörung im Schlaf ebenfalls zu negativen gesundheitlichen Konsequenzen führen. Dazu gehören kardiovaskuläre Probleme, also das Herz und die Gefässsysteme betreffende Probleme, Aufmerksamkeitsstörungen und Hyperaktivität. Eine Verlangsamung des Wachstums kann die Folge sein. «Bei gestörtem Schlaf fehlt tiefer Schlaf, und hauptsächlich im tiefen Schlaf wird das Wachstumshormon ausgeschüttet», erklärt González den Zusammenhang.

Schlechte Schulleistungen durch Schnarchen

Ein weiteres Problem bei schlechtem Schlaf kann für Kinder und Jugendliche die fehlende Energie und Konzentration tagsüber sein. Das zeigt sich zum Beispiel in den Schulleistungen. Eine viel beachtete Studie der Universitäts-Kinderklinik Tübingen und der Medizinischen Hochschule Hannover zeigte bereits Anfang des Jahrtausends, dass Kinder, die ständig schnarchten, ein drei- bis vierfach höheres Risiko hatten, in Fächern wie Mathematik oder Rechtschreiben schlechte Noten zu erhalten.

Schlafapnoe durch Kieferfehlstellung

Häufig liegt dem Schnarchen und einer Schlafapnoe eine Kieferfehlstellung zugrunde, meist eine Rücklage des Unterkiefers, auch «Unterkieferrücklage» genannt. «Dann wächst der Unterkiefer nach hinten und gleichzeitig nach unten», sagt die Kieferorthopädin und Kinderzahnmedizinerin Gabriella Molnar, die eine Praxis in Oetwil am See hat. Ursachen können laut Molnar schlechte Gewohnheiten wie zum Beispiel Zungenpressen und Daumenlutschen sein. Sie wirken nicht nur auf den Unterkiefer aus, sondern können auch einen engen Oberkiefer begünstigen, der die oberen Atemwege einengt. Solche Gewohnheiten lassen sich oft nur durch eine Therapie beim Logopäden beheben.

Was tun gegen Schnarchen?

Gegen das Schnarchen helfen laut González verschiedene Mittel. «Es gibt jedoch keine allgemein gültige Richtlinie nach dem Motto ‹wenn diese Ursache vorliegt, dann gehe ich diesen Weg›.» Die Behandlung sei von Fall zu Fall unterschiedlich. «Verschiedene Kriterien spielen eine Rolle – die Ursache der Atembehinderung, der Schweregrad der Atemstörung und deren Auswirkungen auf das Kind», sagt González. Bei einer leichten Störung könne das Kind eventuell zunächst regelmässig ambulant beim Spezialisten einige Monate überwacht werden. Möglich sei auch die Anwendung eines auf Cortison basierenden Nasensprays – manchmal zusammen mit einem antiallergischen Präparat. «Sie bewirken eine Abschwellung der Schleimhäute in den Atemwegen, sodass sich die Atmung verbessert», so González. In manchen Fällen können chirurgische Eingriffe wie eine Entfernung der Mandeln oder Polypen die beste Option sein. «In schwerwiegenden Fällen brauchen Kinder eine Therapie mit einer Maske in der Nacht, die die Atemwege durch einen Überdruck offen hält.»

Mehr Luft durch Gaumennaht-Erweiterung

Ist der Kiefer behandlungsbedürftig und liegt ein Verdacht auf Schlafapnoe vor, ist es wichtig, abzuklären, ob das Kind oder der Jugendliche durch die Nase atmen kann oder ob die Atemwege, zum Beispiel durch vergrösserte Gaumenmandeln, verstopft sind. «Dann braucht der Patient eine interdisziplinäre Behandlung», so Gabriella Molnar. Denn manche Therapien seien nur möglich, wenn die Nase frei sei. «Sollte der Oberkiefer zu klein bleiben, bekommt der Patient auf jeden Fall zu wenig Luft durch die Nase. In diesem Fall setzen wir eine spezielle Apparatur ein, die sogenannte Gaumennaht-Erweiterung.» Sie dehnt nach und nach den Oberkiefer. Auch Dehnplatten können den Kiefer durch Druck auf die Zähne erweitern.

Zahnspangen, die Muskeln trainieren

Gegen eine Kieferfehlstellung können auch sogenannte «funktionskieferorthopädische Geräte» wie Aktivatoren und Bionatoren helfen. Vor allem dann, wenn sich der Teenager noch im Wachstum befindet. Diese herausnehmbaren Zahnspangen trainieren die Muskeln. «Der Bionator liegt locker im Mund, ist frei beweglich und funktioniert wie ein Turngerät für die Muskulatur im Kiefer-Kopf-Hals-Bereich», informiert die Schweizerische Gesellschaft für ganzheitliche Zahnmedizin. Er trainiert beim Schlucken und Sprechen die Kaumuskulatur so, dass sich Zähne und Kiefer in eine korrekte Lage zueinander schieben. Das kann zum Beispiel bedeuten, dass sich der Unterkiefer weiter nach vorn schiebt und so das Schnarchen und damit auch das Schnarchapnoe-Syndrom nach einigen Monaten ein Ende haben. Im Gegensatz zum Aktivator beeinflusst der Bionator auch die Lage von Lippen und Zunge. «Der herausnehmbaren Behandlung folgt in den meisten Fällen die festsitzende Zahnspange, meistens nach dem Durchbruch aller bleibenden Zähne», sagt Gabriella Molnar. «Auch mit der festsitzenden Spange können wir eine Wachstumsförderung erreichen oder eine ungünstige Wachstumsrichtung beeinflussen.»

Für Eltern wichtig zu wissen: Nur wenn ein so genanntes Geburtsgebrechen besteht, übernimmt die Grundversicherung der Krankenkasse die Kosten für die kieferorthopädische Behandlung zu hundert Prozent, weist Molnar hin. Sie rät Eltern, so früh wie möglich eine Zahn-Zusatz-Versicherung zu beantragen. Je früher sie abgeschlossen werde, umso günstiger sei sie und desto mehr Leistungen übernehme sie.

Schlafspezialisten gehen dem Schnarchen auf den Grund

Schnarchen kann also viele Ursachen haben. Für Eltern stellt sich so die Frage, an wen sie sich wenden, wenn ihr Kind nicht nur gelegentlich und relativ leicht, sondern laut und regelmässig schnarcht. Eltern könnten sich zwar an den Kinderarzt oder Hausarzt wenden, doch der sei nicht immer ausreichend für das Thema sensibilisiert, sagt González. Noch sei es nicht im Bewusstsein der Gesellschaft und aller Ärzte, dass Schnarchen krankhaft sein kann. Sie rät: «Die beste Adresse ist der Schlafspezialist. Hier dürfen sich Eltern selbst melden und bekommen dann einen Gesprächstermin.» Zeigt sich bei diesem Gespräch, dass eine tiefergehende Untersuchung nötig ist und stellt sich dann ein Handlungsbedarf heraus, koordinieren die Schlafspezialisten die entsprechenden Fachleute wie Hals-, Nasen- und Ohrenärzte, Kieferorthopäden und Lungenärzte.

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