Computerspielsucht: So schützen Sie Jugendliche

Computerspielsucht bei Jugendlichen ist immer wieder ein Diskussionspunkt. Wie gefährlich sind Onlinespiele eigentlich? Worin besteht die Suchtgefahr? Familienleben.ch sprach mit dem Sozialpsychologen Niklaus Moor über die Faszination und das Suchtpotential von Online- und Computerspielen.

Computerspiele sind bei Jugendlichen sehr beliebt.

«Online Rollenspiele können einen hohen Suchtfaktor haben», sagt Niklaus Moor. Foto: g-stockstudio, iStockphoto, Thinkstock

Herr Moor, Sie sind Sozialpsychologe und kennen sich mit Computerspielen gut aus. Welche Arten von Onlinespielen gibt es?

Onlinespiele sind Spiele, welche über das Internet gespielt werden. Dazu gibt es die verschiedensten Arten und Formen. Es gibt ganz einfache «casual games» wie Sudoku oder Schach oder Ähnliches, die man gratis auf einem Web Server spielen kann. Meist gegen andere Personen. Falls da niemand ist aber auch gegen den Computer.

Dann gibt es die komplexeren Computerspiele, die gekauft werden und auf PC oder Konsole wie Playstation oder Wii gespielt werden. Heute haben die meisten dieser Spiele auch einen Online Modus. Das bedeutet, dass ich das Spiel alleine spielen kann, indem ich das Spiel Level für Level durchspiele oder ich kann online mit anderen Spielern interagieren. Sei es indem ich meine Punkte mit ihnen vergleiche oder direkt gegen sie antrete oder im so genannten Coop Modus gemeinsam mit Freunden gegen den Computer spiele.

Dann gibt es Spiele, welche ausschliesslich online gespielt werden. Das berühmteste Beispiel dazu ist World of Warcraft, ein Fantasy Rollenspiel, das über 10 Millionen aktive Nutzer hat. Dieses Spiel ist ein so genanntes MMORPG, ein massiv multiplayer online roleplaying game. Massiv Multiplayer bedeutet in diesem Fall, dass mehrere Tausend Spieler gleichzeitig sich in der Spielwelt tummeln. Die meisten Figuren, die ich in diesem Spiel antreffe, werden von richtigen Menschen gespielt und nicht vom Computer. Das macht das Spiel sehr dynamisch und interessant.

Gibt es mehr oder weniger gefährliche Arten?

Online Shooter wie Counter Strike sind Onlinespiele, bei denen die Spieler ähnlich wie bei Räuber und Polizei in Teams gegeneinander antreten und sich abschiessen müssen. Welche Spiele jetzt gefährlicher sind als andere, ist schwierig zu beantworten. Den Shooter Games, die momentan im Kreuzfeuer stehen, wird vorgeworfen, die Gewaltschwelle zu senken. Ob das allerdings wirklich so ist, ist unter Psychologen umstritten, und es gibt keine Studien dazu, die das beweisen. Online Rollenspiele können aber einen hohen Suchtfaktor haben, was dazu führt, dass ein Spieler sehr viel Zeit darin investiert.

Wie hoch ist die Gefahr eine Computerspielsucht zu entwickeln?

Wie ich schon erwähnte, können Spiele einen Suchtfaktor aufweisen. Rollenspiele wie World of Warcraft zum Beispiel locken mit Belohnungen in Form von Status und Erreichen von Zielen. Das Aufsteigen von Levels wirkt äusserst motivierend.

Ausserdem ist man in eine Gemeinschaft eingebunden, die über das Internet gepflegt wird. Viele Aufgaben im Spiel lassen sich nur in der Gruppe lösen. Das hat zur Folge, dass man auch spielt, um die andern nicht im Stich zu lassen. Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen hat vor wenigen Jahren rund 45`000 Schülerinnen und Schüler neunter Klassen aus Deutschland nach ihrem Spielverhalten befragt. Sie fanden heraus, dass 4.7 Prozent der Jungen gefährdet sind und 0.5 Prozent der Mädchen.

Wie erkennt man, ob jemand eine Computerspielsucht hat?

Anders als bei Drogen handelt es sich bei der Computerspielsucht um eine Verhaltenssucht. Nach und nach verändern Süchtige ihr Freizeitverhalten. Statt sich mit Freunden zu treffen oder Sport zu treiben, sitzen sie vor dem Computer. Ihr Denken kreist ständig um das Spiel und schliesslich ziehen sie sich mehr und mehr von Familie und Freunden zurück. Eltern sollten besonders dann aufmerksam werden, wenn ihre Kinder sich anders verhalten. Zum Beispiel wenn sich schulische Leistungen, soziale Kontakte und Freizeitaktivitäten, Schlaf- und Ernährungsgewohnheiten, Kommunikation sowie emotionales Erleben verändern.

Ist es nicht die Aufgabe der Eltern, eine solche «Abhängigkeit» gar nicht erst entstehen zu lassen? Ob es jetzt Computer- oder TV-Konsum ist – keines der beiden Medien nimmt die Erziehungspflicht ab. Was können Eltern gegen eine Computerspielsucht tun?

Als erstes muss man erwähnen, dass Spiele wie Filme eine Altersbeschränkung aufweisen. Spiele für Erwachsene sollten auch nur von diesen gespielt werden. Ausserdem ist es wichtig, den Kindern und Jugendlichen einen vernünftigen Umgang mit den Games beizubringen. Die Eltern sollten sich Zeit nehmen, sich die Spiele von den Kindern zeigen zu lassen, um so besser verstehen zu können, was die genau machen. Falls ein Kind Suchterscheinungen hat, dann sollte man dem Betroffenen nicht nur etwas entziehen. Attraktive Alternativen zur sinnvollen Zeitnutzung sind wichtig. Die Eltern sollten diese mit den Kindern und Jugendlichen gemeinsam entwickeln.

In Amerika gibt es ja schon Gameentzugs-Camps. Wird das auch in der Schweiz kommen?

Ich gehe nicht davon aus. Beim Gamen treten ja keine körperlichen Entzugserscheinungen auf. Ich glaube nicht, dass solche Camps zu einem langfristigen Erfolg führen.

Was sind positive Nebenwirkungen von Computerspielen?

Computerspiele können einerseits das dreidimensionale Vorstellungsvermögen wie auch Reaktionszeiten verbessern. Das haben kognitive Studien gezeigt. Auch das Pflegen von sozialen Kontakten online ist eigentlich als positiv anzusehen. Oft führen ja Bekanntschaften aus dem Netz zu einem Treffen im realen Leben.

Welchen Stellenwert haben mobile Spiele?

Der Stellenwert von mobilen Spielen nimmt konstant zu. Das iPhone hat einen grossen Teil dazu beigetragen. Die Leute spielen immer öfter auch unterwegs oder zu Hause auf dem mobilen Teil.

Wie schätzen Sie es ein, dass so viele Jugendliche ihre Freizeit vor und mit dem Computer verbringen?

Studien haben gezeigt, dass das Medium Internet vor allem das Medium Fernsehen ablöst. Das bedeutet, die Zeit, welche vor dem Computer verbracht wird, wäre früher vor dem Fernseher verbracht worden. Sport machen viele trotzdem. Viele Gamer spielen auch Fussball. Der Computer und das Internet sind heute ein fester Bestandteil im Leben, auch für die Schule, die Kommunikation und Freizeit. Insofern ist das nicht verwunderlich. Problematisch wird es meiner Meinung nach erst, wenn andere Aspekte des Lebens des Gamers darunter leiden.

Niklaus Moor, Sozialpsychologe

Niklaus Moor ist studierter Sozialpsychologe. Er arbeitet als Projektmanager im Telekom-Unternehmen Swisscom.

 

Das könnte Sie auch interessieren

Services & Newsletter