Kind > JugendlicheComputerspielsucht: So schützt du JugendlicheComputerspielsucht bei Jugendlichen ist immer wieder ein Diskussionspunkt. Wie gefährlich sind Onlinespiele eigentlich? Worin besteht die Suchtgefahr? Familienleben.ch sprach mit dem Sozialpsychologen Niklaus Moor über die Faszination und das Suchtpotential von Online- und Computerspielen – und wir ordnen das Interview mit aktuellem Wissen und praxistauglichen Tipps für Familien ein. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken «Online Rollenspiele können einen hohen Suchtfaktor haben», sagt Niklaus Moor. Foto: g-stockstudio, iStockphoto, Thinkstock Worum geht es in diesem Interview? Die Kernaussage: Nicht jedes Gamen ist «Sucht» – problematisch wird es vor allem dann, wenn Schule, Schlaf, Gesundheit, Beziehungen oder Stimmung dauerhaft leiden und das Spielen trotz negativer Folgen nicht mehr gut steuerbar ist. Das Interview beschreibt, warum bestimmte Spieltypen besonders fesselnd sind (Belohnungen, Levelaufstieg, Gruppendruck im Team) und woran du als Elternteil Veränderungen im Alltag erkennen kannst. Es enthält zudem Hinweise, wie du im Familienalltag vorbeugen kannst: altersgerechte Spiele wählen, Interesse zeigen, nicht nur verbieten – sondern Alternativen aufbauen und gemeinsam Regeln entwickeln. Herr Moor, Sie sind Sozialpsychologe und kennen sich mit Computerspielen gut aus. Welche Arten von Onlinespielen gibt es? Onlinespiele sind Spiele, welche über das Internet gespielt werden. Dazu gibt es die verschiedensten Arten und Formen. Es gibt ganz einfache «casual games» wie Sudoku oder Schach oder Ähnliches, die man gratis auf einem Web Server spielen kann. Meist gegen andere Personen. Falls da niemand ist aber auch gegen den Computer. Dann gibt es die komplexeren Computerspiele, die gekauft werden und auf PC oder Konsole wie Playstation oder Wii gespielt werden. Heute haben die meisten dieser Spiele auch einen Online Modus. Das bedeutet, dass ich das Spiel alleine spielen kann, indem ich das Spiel Level für Level durchspiele oder ich kann online mit anderen Spielern interagieren. Sei es indem ich meine Punkte mit ihnen vergleiche oder direkt gegen sie antrete oder im so genannten Coop Modus gemeinsam mit Freunden gegen den Computer spiele. Dann gibt es Spiele, welche ausschliesslich online gespielt werden. Das berühmteste Beispiel dazu ist World of Warcraft, ein Fantasy Rollenspiel, das über 10 Millionen aktive Nutzer hat. Dieses Spiel ist ein so genanntes MMORPG, ein massiv multiplayer online roleplaying game. Massiv Multiplayer bedeutet in diesem Fall, dass mehrere Tausend Spieler gleichzeitig sich in der Spielwelt tummeln. Die meisten Figuren, die ich in diesem Spiel antreffe, werden von richtigen Menschen gespielt und nicht vom Computer. Das macht das Spiel sehr dynamisch und interessant. Gibt es mehr oder weniger gefährliche Arten? Online Shooter wie Counter Strike sind Onlinespiele, bei denen die Spieler ähnlich wie bei Räuber und Polizei in Teams gegeneinander antreten und sich abschiessen müssen. Welche Spiele jetzt gefährlicher sind als andere, ist schwierig zu beantworten. Den Shooter Games, die momentan im Kreuzfeuer stehen, wird vorgeworfen, die Gewaltschwelle zu senken. Ob das allerdings wirklich so ist, ist unter Psychologen umstritten, und es gibt keine Studien dazu, die das beweisen. Online Rollenspiele können aber einen hohen Suchtfaktor haben, was dazu führt, dass ein Spieler sehr viel Zeit darin investiert. Wie hoch ist die Gefahr eine Computerspielsucht zu entwickeln? Wie ich schon erwähnte, können Spiele einen Suchtfaktor aufweisen. Rollenspiele wie World of Warcraft zum Beispiel locken mit Belohnungen in Form von Status und Erreichen von Zielen. Das Aufsteigen von Levels wirkt äusserst motivierend. Ausserdem ist man in eine Gemeinschaft eingebunden, die über das Internet gepflegt wird. Viele Aufgaben im Spiel lassen sich nur in der Gruppe lösen. Das hat zur Folge, dass man auch spielt, um die andern nicht im Stich zu lassen. Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen hat vor wenigen Jahren rund 45`000 Schülerinnen und Schüler neunter Klassen aus Deutschland nach ihrem Spielverhalten befragt. Sie fanden heraus, dass 4.7 Prozent der Jungen gefährdet sind und 0.5 Prozent der Mädchen. Einordnung heute: Wann wird Gaming klinisch relevant? Seit dem Interview hat sich die Fachsprache präzisiert: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) führt «Gaming Disorder» als Diagnose in der ICD-11 (in Kraft seit 2022). Gemeint ist ein Muster, bei dem das Spielen die Kontrolle verliert, andere Lebensbereiche zunehmend verdrängt und trotz negativer Folgen fortgesetzt wird – typischerweise über mindestens 12 Monate. Das ist wichtig, weil es hilft, zwischen intensiver Leidenschaft und einer behandlungsbedürftigen Störung zu unterscheiden. Für dich als Elternteil heisst das: Es geht weniger um «Stunden zählen» allein, sondern um Auswirkungen. Viel Gaming in Ferien oder bei einem neuen Spiel ist nicht automatisch ein Warnsignal. Warnsignale entstehen vor allem dann, wenn Stress, Rückzug, Streit, Schlafmangel oder Leistungsabfall über Wochen anhalten und dein Kind nicht mehr gut «runterfahren» kann. Wie erkennt man, ob jemand eine Computerspielsucht hat? Anders als bei Drogen handelt es sich bei der Computerspielsucht um eine Verhaltenssucht. Nach und nach verändern Süchtige ihr Freizeitverhalten. Statt sich mit Freunden zu treffen oder Sport zu treiben, sitzen sie vor dem Computer. Ihr Denken kreist ständig um das Spiel und schliesslich ziehen sie sich mehr und mehr von Familie und Freunden zurück. Du solltest besonders dann aufmerksam werden, wenn dein Kind sich anders verhält. Zum Beispiel wenn sich schulische Leistungen, soziale Kontakte und Freizeitaktivitäten, Schlaf- und Ernährungsgewohnheiten, Kommunikation sowie emotionales Erleben verändern. Was du als Elternteil konkret beobachten kannst Viele Jugendliche nutzen Games auch sozial, zum Abschalten oder als Ort, wo sie kompetent sind. Gleichzeitig können sich bei manchen Kindern und Jugendlichen ungünstige Muster entwickeln. Hilfreich ist, nicht nur das Verhalten («Du spielst zu viel») zu sehen, sondern die Funktion («Wozu brauchst du das Spiel gerade?»): Stressabbau, Zugehörigkeit, Erfolgserlebnisse, Flucht vor Druck oder Konflikten. Schlaf: Wird regelmässig zu kurz geschlafen, weil «nur noch eine Runde» gespielt wird? Schule/Lehre: Häufen sich vergessene Aufgaben, sinkt die Konzentration oder steigen Fehlzeiten? Stimmung: Gibt es mehr Reizbarkeit, Rückzug, Antriebslosigkeit oder starke Stimmungseinbrüche ohne Gaming? Sozialleben: Werden reale Kontakte, Sport oder Hobbys über längere Zeit verdrängt? Kontrolle: Misslingen Abmachungen wiederholt, eskalieren Konflikte oder wird heimlich gespielt/bezahlt? Ist es nicht die Aufgabe der Eltern, eine solche «Abhängigkeit» gar nicht erst entstehen zu lassen? Ob es jetzt Computer- oder TV-Konsum ist – keines der beiden Medien nimmt die Erziehungspflicht ab. Was kannst du gegen eine Computerspielsucht tun? Als erstes musst du erwähnen, dass Spiele wie Filme eine Altersbeschränkung aufweisen. Spiele für Erwachsene sollten auch nur von diesen gespielt werden. Ausserdem ist es wichtig, den Kindern und Jugendlichen einen vernünftigen Umgang mit den Games beizubringen. Du solltest dir Zeit nehmen, dir die Spiele von deinem Kind zeigen zu lassen, um so besser verstehen zu können, was die genau machen. Falls ein Kind Suchterscheinungen hat, dann solltest du dem Betroffenen nicht nur etwas entziehen. Attraktive Alternativen zur sinnvollen Zeitnutzung sind wichtig. Du solltest diese mit deinem Kind und Jugendlichen gemeinsam entwickeln. Gaming heute – was sich seit dem Interview verändert hat Seit dem Interview haben sich Games stark weiterentwickelt: Viele Titel sind «Live-Services» geworden (ständig neue Inhalte, Events, Belohnungspässe), die bewusst auf langfristige Bindung ausgerichtet sind. Gleichzeitig sind Gaming-Communities sozialer geworden: Voice-Chat, Gruppendruck, Clans, Streams und Plattformen wie Discord können Zugehörigkeit geben – aber auch schwerer machen, aufzuhören. Lootboxen, In-App-Käufe & «Gambling-Mechaniken» Ein zentraler Unterschied zu früher: Monetarisierung ist oft ins Spieldesign eingebaut. Lootboxen, zufallsbasierte Belohnungen, tägliche Login-Boni und zeitlich begrenzte Angebote können ähnlich wie Glücksspielelemente wirken: Man wird zum «Dranbleiben» und «Noch einmal versuchen» motiviert. Für Eltern ist dabei wichtig: Das Risiko besteht nicht nur in Spielzeit, sondern auch in Mikrozahlungen, Schulden, Druck in der Peergroup («Alle haben den Skin») und dem Gefühl, etwas zu verpassen. Die WHO stuft Gaming Disorder in der ICD-11 als Störung ein (seit 2022). Das allein sagt noch nichts über einzelne Spielmechaniken aus, aber es unterstreicht: Wenn Kontrolle verloren geht und negative Folgen anhalten, ist das ein ernstzunehmendes Gesundheitsproblem – kein «schlechter Charakter» und keine reine Erziehungsfrage. Streaming/Discord & soziale Dynamiken Gaming ist heute häufig ein soziales Gesamtpaket: Spielen, zuschauen (Streams/Clips), sprechen (Voice), planen (Discord), «Grinden» (wiederholtes Spielen für Fortschritt). Das kann verbinden, aber auch zu Dauerpräsenz führen. Typische Konflikte in Familien entstehen, wenn Jugendliche nicht nur «spielen», sondern «online sein müssen», um mit der Gruppe mitzuhalten. Hilfreich ist, gemeinsam zu klären: Welche Zeiten sind für Schule, Schlaf und Familie nicht verhandelbar? Und wann ist Online-Zeit okay? Familienregeln für digitale Medien Regeln funktionieren am besten, wenn sie verständlich, überprüfbar und gemeinsam verhandelt sind – und wenn sie nicht nur «Verbote» sind, sondern Lebensschutz: Schlaf, Lernen, Gesundheit, Geld. Schlaf, Schule, Mikrozahlungen, Konfliktlösung Fixe Zeitfenster statt Dauer-Diskussion: Vereinbare klare Slots (z.B. nach Hausaufgaben, vor einer bestimmten Uhrzeit) und plane gamingfreie Tage/Zeiten. Wichtig ist, dass genügend Spielraum für soziale Treffen im Game bleibt, aber Schlaf geschützt wird. Schlaf ist Priorität: Lege eine verbindliche «Offline-Zeit» fest (z.B. 60–90 Minuten vor dem Schlafen kein intensives Online-Gaming mehr). Nutze, wo möglich, Geräte ausserhalb des Schlafzimmers über Nacht. Schule/Lehre zuerst, aber nicht als Strafe: Definiere Mindeststandards (Aufgaben erledigt, Anwesenheit, Termine). Wenn es kippt, reduziere Gaming nicht im Affekt, sondern verhandle eine zeitlich begrenzte Anpassung (z.B. für 2 Wochen) mit klarer Überprüfung. Mikrozahlungen absichern: Richte, wenn möglich, zahlungfreie Accounts ein oder deaktiviere In-App-Käufe. Wenn Käufe erlaubt sind: mit Monatsbudget und klarer Freigabe (z.B. nur über ein Elternkonto). Sprich offen über Tricks wie «zeitlich begrenzte Angebote» und «Battle Pass»-Druck. Elternkonten & Jugendschutz nutzen: Konsolen und App-Stores bieten Familienfunktionen (Zeitlimits, Kauf-Freigaben, Altersfreigaben). Das entlastet, weil nicht jedes Mal neu verhandelt werden muss. Konflikte deeskalieren: Starte Gespräche nicht mitten im Match. Vereinbare ein Signal («Nach dieser Runde reden wir») und halte dich auch als Elternteil an Abmachungen. Bleib bei Beobachtungen («Ich sehe, du schläfst weniger») statt Etiketten («Du bist süchtig»). Interesse zeigen: Lass dir regelmässig erklären, was fasziniert, wer die Online-Freund:innen sind und was gerade «läuft». Jugendliche lassen sich eher auf Regeln ein, wenn sie sich ernst genommen fühlen. Kurz-Check für Eltern: Hobby oder Problem? Wenn du mehrere Fragen über mehrere Wochen klar mit «Ja» beantworten musst, lohnt sich ein ruhiges Gespräch und allenfalls professionelle Abklärung. Kontrolle: Kann dein Kind kaum stoppen, obwohl es das eigentlich will? Folgen: Leiden Schlaf, Schule/Lehre, Gesundheit oder Beziehungen spürbar darunter? Priorität: Wird Gaming deutlich wichtiger als fast alles andere? Stimmung: Gibt es starke Reizbarkeit, Unruhe oder Niedergeschlagenheit, wenn nicht gespielt werden kann? Ausweichen/Verheimlichen: Wird heimlich gespielt oder werden Ausgaben/Spielzeiten wiederholt versteckt? Niklaus Moor ist studierter Sozialpsychologe. Er arbeitet als Projektmanager im Telekom-Unternehmen Swisscom.