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Ritzen: Wenn Jugendliche sich selbst verletzen

Oft fügen Teenager sich selbst Wunden zu, wenn sie nicht mehr weiter wissen. Häufig verletzen sie sich dabei mit Rasierklingen oder Messern. Aber warum tun sie das? Und wie können die Eltern ihnen helfen?

Jugendliche ritzen und verletzen sich selbst, weil sie Probleme haben.

Selbstverletzendes Verhalten ist oft ein Ausdruck seelischer Belastung. Foto: iStock, Jochen Schönfeld, Thinkstock

Betroffene Jugendliche ziehen sich meist zurück und kleiden sich so, dass ihre Wunden nicht auffallen. Eltern bekommen es daher oft erst viel zu spät mit, wenn ihr Kind sich Schnittwunden oder andere Verletzungen zufügt.

Und selbst wenn sie einmal den Verdacht haben, dass der Sohn oder die Tochter sich «ritzen» könnte, wissen sie in der Regel nicht genau, ob und wie sie reagieren sollen. Deshalb ist es wichtig, dass Eltern mögliche Warnzeichen beachten und sich frühzeitig nach professioneller Hilfe erkundigen.

Immer mehr Betroffene

Die Zahl der Jugendlichen in der Pubertät, die sich selbst Wunden zufügen, steigt stetig. Dabei sind besonders Mädchen und junge Frauen betroffen. Meist benutzen sie dafür scharfe oder spitze Gegenstände, darunter Glasscherben, Rasierklingen und auch Sicherheitsnadeln. Aber nicht nur Schnittwunden gehören zu den Verletzungen, die sich die Teenager zufügen. Die Bandbreite der selbst beigebrachten Blessuren ist gross. Ausser durch das «Ritzen» fügen sich Jugendliche auch Verbrennungen mit Zigaretten oder Ähnlichem zu und schrecken sogar nicht davor zurück, sich selbst einen Bruch beizubringen oder sich mit Verätzungen zu versehen.

Die Gefahr besteht aber nicht nur in den akuten Verletzungen, sondern ebenfalls in dem, was darauf folgt. Wer sich über einen längeren Zeitraum selbst Wunden zufügt, kann süchtig danach werden. Je länger Jugendliche ihre Probleme verstecken können, um so grösser ist das Risiko, dass sie irgendwann nicht mehr fähig sind damit aufzuhören. In der Folge kann dies auch zu einem erhöhten Selbstmordrisiko führen.

Körperlicher Schmerz als Ausdruck seelischen Leidens

Die Ursache dafür, dass sich Jugendliche so etwas antun, ist noch nicht hinreichend geklärt. Die Teenager scheinen an einem inneren Druck zu leiden, der auf ihrer Seele lastet, und den sie nur durch das «Ritzen» kompensieren können. Sie verdrängen das eigentliche Problem und unterdrücken ihr seelisches Leid. Durch die Verletzungen drücken sie demnach aus, was sie innerlich fühlen, aber nicht aussprechen können.

Die Betroffenen haben oft eine Vorgeschichte in der sie traumatische Ereignisse durchleben mussten. Diese Vorfälle aus der Kindheit oder Jugend können ganz unterschiedlich sein. So gibt es «ritzende» Teenager, die in der Kindheit sexuell missbraucht wurden, eine nahestehende Person verloren, oder Vernachlässigung und Gewalt in der Familie erfahren haben. Ausserdem kommt es häufig vor, dass der Drang dazu, sich selbst zu verletzen, nicht das einzige Symptom eines gestörten, seelischen Gleichgewichts bleibt. «Bis zu einem Viertel der Patientinnen, die wegen Essstörungen, Ängsten oder Depressionen in Behandlung sind, fügen sich selbst Schnittwunden zu,» erklärt Dr. Fleischhaker, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie. Unter Umständen sind die Schnitte also nur eines der Krankheitszeichen.

Die Gründe dafür, dass Jugendliche anfangen sich selbst zu verletzen, können vielschichtig sein. Diese müssen nicht unbedingt mit dem zuvor erfahrenen, traumatischen Erlebnis in direktem Zusammenhang stehen. Oft ist es ein eher unbedeutendes Ereignis, das schliesslich zu einem Ausbruch führt. Das kann zum Beispiel ein ganz normaler Streit mit den Eltern oder Freunden sein. Vielleicht wird der Jugendliche auch in der Schule ausgegrenzt oder sogar gemobbt oder er fühlt sich in anderer Weise akut überlastet.

Eltern müssen handeln

Jugendliche versuchen im Normfall zu verstecken, dass sie sich bewusst selbst verletzen. Gerade deshalb müssen Eltern besonders aufmerksam sein. Wenn sie bemerken, dass ihr Kind sich komplett zurückzieht oder sich in anderer Weise auffällig verhält, ist es Zeit zu handeln. Zuerst bietet es sich an, selbst mit dem Kind zu sprechen. Wenn das nicht funktioniert, sollten Eltern auf professionelle Hilfe zurückgreifen.

Eine kleine Hilfestellung, um herauszufinden, ob ihr Kind gefährdet ist, finden Eltern in dem Internetportal «Neurologen & Psychiater im Netz». Der Berufsverband für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie in Deutschland e. V. (BKJPP) stellt hier einen Online-Test zur Verfügung. Dieser soll Eltern helfen, Anzeichen zu erkennen, die möglicherweise auf selbstverletzendes Verhalten hinweisen können. Dieser Test ist zwar nicht ausschlaggebend dafür, ob eine Jugendlicher betroffen ist oder nicht. Er kann aber vielleicht einige Anhaltspunkte liefern und helfen, Hinweise zu erkennen.

 

Weitere Informationen zu verletzendem Verhalten bei Jugendlichen, sowie den Online-Test finden sie hier: «Neurologen & Psychiater im Netz».

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