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Wenn aus fördern fordern wird: So holen Sie das Beste aus Ihrem Kind heraus

Für Eltern und Lehrpersonen ist die Balance zwischen fördern und fordern eine ständige Herausforderung. Wie können wir unser Kind weiterbringen und wann wird es zu viel? Heilpädagoge und Lerncoach Michael Berger fragt sich, ob fördern immer mit fordern verbunden sein muss und zeigt auf, wie Förderung gelingt. 

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Ohne Fordern kein Fördern und ohne Fördern kein Fordern, lautet Michael Bergers Devise. Bild: Getty Images, frimages

In der Schule wird von unseren Kindern einiges gefordert. Es gibt klare Vorgaben, welche Ziele bis wann zu erreichen sind. Es ist also nicht nur Leistung gefragt, sondern sogar Leistung unter Zeitdruck. Steht dies nicht im Widerspruch zum Wunsch, ein Kind und seine Entwicklung zu fördern? Erreicht man mit Forderungen sein Ziel?

Grundlage zur Förderung oder Basis für Konflikte

Die Antwort darauf hängt meiner Meinung nach stark von der Art und Weise ab, wie etwas gefordert wird und wie derjenige, welcher die Forderung stellt, seine Rolle sieht. Übernimmt diese Person die Verantwortung für die Erreichbarkeit der Forderung, so empfinde ich es als sinnvoll. Geschieht dies nicht, ist es einzig die Basis für Konflikte.

Wenn Lehrpersonen die Forderungen seitens der Schule bewusst gestalten und mit den Eltern im Austausch sind, geht die Gleichung auf. Und das sollte sie in den meisten Fällen: Normalerweise ist der Unterricht in der Schweiz aufbauend gestaltet und der Lernstand wird regelmässig überprüft.

Oftmals reicht der Lehrplan als eine Art Förderplan aus. Die Lehrperson passt den Inhalt des Unterrichts und die Methode auf den Wissensstand der Kinder an. Dies funktioniert beim Grossteil der Schüler gut. Es gibt aber auch Kinder, welche mit dieser Vorgehensweise überfordert sind und die spezielle Bedürfnisse haben.

So werden Kinder mit speziellen Bedürfnissen in der Schule gefördert

Wenn sich eine Überforderung zeigt, ist es wichtig, den aktuellen Lernstand zu erfassen. Ab diesem Moment ist es üblich, einen Schulischen Heilpädagogen/Heilpädagogin ins Boot zu holen. Meistens sind diese bereits in der Klasse. Sie kennen vielleicht das IF (Integrative Förderung), welches im Idealfall von einem Heilpädagogen, einer Heilpädagogin unterrichtet wird. So können Heilpädagogen ihr Wissen einbringen und dadurch einen Mehrwert generieren. Spezielle Förderpläne sind ein gutes Arbeitswerkzeug. Darin wird aufgezeigt, was die Ziele sind und wie diese erreicht werden. Wird dieser Prozess professionell durchgeführt, so ist die Voraussetzung geschaffen, um erreichbare Forderungen zu stellen. Ist dies nicht der Fall, so müssen die Forderungen ans Kind überdacht und verändert werden. Für Sie als Eltern hat es den Vorteil von Transparenz. Sie erfahren, an was gearbeitet wird und wie die Ziele erreicht werden können. Vielfach erhalten Sie auch Tipps für zuhause.

Sollte Ihr Kind also einen eigenen Förderplan haben, so spricht das für die Lehrpersonen, welche ihre Arbeit ernst nehmen und Ihr Kind gezielt fördern möchten.

Wenn aus Förderung eine Forderung wird

Auch Eltern fordern einiges von ihren Kindern. Gerade der herrschende Bildungs- und Leistungsdruck sorgt dafür, dass Eltern sich dazu verpflichtet fühlen, aus ihrem Kind das Maximum herauszuholen. Das Kind soll ja keine Chance verpassen und möglichst vielseitig gefördert werden. So entsteht schnell ein Konflikt zwischen Förderung und Forderung: Als Eltern fordern sie schnell einmal etwas ein, was eigentlich als Förderung gedacht war. Sie wollen nur «das Beste für Ihr Kind» und geraten dabei unbewusst oftmals in Forderungen.

Im besten Falle sieht Förderung so aus, dass Sie Ihr Kind bei einem Ziel unterstützen, dass es aus freien Stücken erreichen möchte. Nehmen wir an, Ihr Kind will Klavier spielen lernen. Sie ermöglichen dies Ihrem Kind, da Sie es als sinnvolle Freizeitbeschäftigung erachten. Sie fördern also sein Interesse. Aber:  Sie fordern auch etwas. Denn ein Instrument erlernt man nicht ohne Forderungen. Das Kind soll regelmässig üben und die vereinbarten Lektionen besuchen.

Sie dürfen und sollen fordern – aber fair

Das bedeutet aber nicht, dass Sie von Ihrem Kind nichts verlangen sollten, womit es nicht einverstanden ist. Irgendwie hat es sich in den letzten Jahren so entwickelt, dass man als Eltern schlecht dasteht, wenn man von den Kindern etwas fordert. Dabei ist dies im Alltag sehr oft der Fall. Zwar oft unbewusst und wir drücken es nicht direkt so aus – aber denken Sie nur mal an einen Restaurantbesuch, eine Autofahrt oder an einen Familienausflug. All das ist an zahlreiche Forderungen ans Kind gebunden.  

Forderungen sind nicht per se schlecht. Vieles geht ohne sie nicht. Umso wichtiger ist es, dass man dabei fair ist. Fair sein bedeutet hier, dass es dem Kind auch möglich ist, die Forderungen zu erfüllen. Das heisst, dass wir als Eltern die Voraussetzungen dafür schaffen, dass dies gelingt.

So fordern und fördern Sie Ihr Kind

→ Seien sie sich klar, was Sie einfordern.

Kennen Sie Ihre Ziele: Auch, wenn es nur etwas Banales wie ein aufgeräumtes Kinderzimmer ist. Versuchen Sie nicht, mehrere Dinge auf einmal einzufordern.

→ Schaffen Sie ein Umfeld, welches es möglich macht, die Forderung zu erfüllen.

Dieser Punkt klingt sehr einfach, ist er aber nicht. Beim Thema Ordnung ist es einfacher, als bei Themen wie Zuverlässigkeit oder Sozialverhalten. Sind Sie sich sicher, dass ihr Kind alles hat, was es benötigt? Hierbei meine ich nicht nur Materielles, sondern auch Wissen und den entsprechenden Entwicklungsstand. Ist dies nicht der Fall, wird es die Forderung nicht erfüllen können, und der Konflikt ist vorprogrammiert. Zudem sind solche Situationen nicht förderlich für den Selbstwert eines Kindes.

→ Überdenken Sie Ihr Vorgehen immer wieder und seien Sie achtsam.

Der letzte ist auch fast der wichtigste Punkt. Achten Sie auf Ihr Kind und sich selbst. Als erwachsene Person tragen Sie die Verantwortung und sollten merken, wenn es Ihrem Kind zu viel wird.

Fazit: Halten Sie die Balance!

Sie sehen: Ohne Fordern kein Fördern, ohne Fördern kein Fordern. Daher ist es wichtig, die Balance zu halten. Achten Sie zum Wohle Ihres Kindes darauf, dass es nicht auf einer Seite zu einem Ungleichgewicht kommt. Ist das der Fall, steuern Sie dagegen an. Fördern und fordern beruht auf Gegenseitigkeit.

Michael Berger gezielt lernen

Michael Berger ist Schulischer Heilpädagoge und in seiner ersten Ausbildung Kindergartenlehrperson. Mittlerweile hat er auf jeder Schulstufe unterrichtet und ist nun auf der Oberstufe tätig. Auf seiner Online-Plattform gezielt-lernen.ch wendet er sich an Eltern und andere Interessierte und gibt auf dem dazugehörigen Blog Tipps rund ums Lernen. Mit seiner Lernberatung unterstützt er Eltern und Lehrer rund ums Lernen und im sonderpädagogischen Bereich.