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Nationaler Zukunftstag: Mädchen für Männer-Berufe begeistern

In der Schweiz können Jugendliche aus über 200 Berufen auswählen, doch die Mädchen beschränken sich unverändert auf zehn Berufe. Das hat Folgen für Lohn, Karriere und Rollenteilung. Immer mehr Projekte weisen auf die Vielfalt in der Arbeitswelt hin wie der Nationale Zukunftstag am 8. November.

Mädchen können auch eine Ausbildung in klassischen Männer-Berufen wählen

Am Nationalen Zukunftstag sollen Mädchen für Männerberufe begeistert werden. Foto: ©iStockphoto.com/Lisa F. Young

Bereits im zarten Alter von drei Jahren besass Sandy Althaus einen Computer und spielte Mario Bros-Spiele. Als Teenagerin demontierte sie gemeinsam mit ihrem Vater PCs und liess sich die Teile von ihm – einem Programmierer – erklären. Wäre Sandy ein Junge, würde das als ganz natürlich betrachtet. Jungens montieren und demontieren nun mal gern. Aber ein Mädchen? Sandy Althaus machte eine Ausbildung zur Informatikerin bei Siemens in Zürich und musste immer wieder erklären, wie sie ausgerechnet auf diesen Beruf gekommen ist.

Das Klischee, dass man männlich und ein bisschen ein Freak sein muss, um in der Informatik erfolgreich zu sein, ist weit verbreitet. Und tatsächlich wählen sehr wenige Frauen den Beruf der Informatikerin. Teilweise, weil die Interessen anders sind. Aber auch, weil viele nicht genau wissen, was eine Informatikerin denn überhaupt macht oder weil sie sich einen technischen Beruf nicht zutrauen. Dabei haben junge Informatikerinnen blendende Zukunftsaussichten. Für IT-Berufe werden verzweifelt qualifizierte Fachkräfte gesucht.

Sandy Althaus lernt den Beruf der Informatikerin.

Sandy Althaus, in 2009 Informatikerin im 3. Lehrjahr, absolvierte ihre Berufsausbildung in einer typischen Männerdomäne.

Bild: Sandro Würmli

Die Berufswahl hat sich in der Schweiz in den letzten 30 Jahren nur wenig verändert – und das hat vor allem für die berufliche und persönliche Entwicklung von Mädchen Folgen. Rund 230 Berufe stehen zur Verfügung, aber die Mehrheit der Mädchen wählt aus einer Palette von gerade mal zehn Berufen aus, während die Knaben sich aus 100 Berufen bedienen. Mädchen schreiben zwar im Schnitt bessere Schulnoten, aber sie wählen Berufe mit wenig Weiterbildungs-, Karriere- und Lohnmöglichkeiten. So sind unter den zehn beliebtesten Berufen Medizinische Praxisassistentin, Dentalassistentin und Pharmaassistentin zu finden – lauter Zudienerberufe. Es ist denn nicht nur der Mutterinstinkt, der Frauen nach der Geburt ihres Kindes beruflich kürzer treten lässt. Die entscheidende Frage nach dem wer-verdient-mehr wird häufig schon gar nicht mehr gestellt.

Die traditionelle Berufswahl bestimmen verschiedene Faktoren: Rollenbilder von Frau und Mann in der Gesellschaft, Erziehung, soziale Herkunft, Vorbilder und das Ansehen gewisser Berufe. Isabelle Santamaria-Bucher, die Projektleiterin des Nationalen Zukunftstages, an dem Mädchen und Jungen für die breite Palette der Berufe sensibilisiert werden, weiss zudem: «Der Mann gilt immer noch als Haupternährer, und für viele Mädchen ist die Vorstellung, ein Leben lang berufstätig zu sein, keineswegs selbstverständlich.» Das hätten Umfragen im Rahmen des Zukunftstages gezeigt. Der Glauben, dass eine Frau nach der Geburt eines Kindes zuhause zu sein hat, ist demnach noch stark verankert, obwohl die grosse Mehrheit der Mütter heute – wenn auch in Teilzeitpensen – erwerbstätig ist.

Isabelle Santamaria-Bucher, Projektleiterin des Nationalen Zukunftstages

Isabelle Santamaria, Projektleiterin des Nationalen Zukunftstages.

Während gleichstellungsaktive Kreise schon lange auf die Benachteiligung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt hinweisen, schafft es das grosse Heer an unterbeschäftigen Frauen erst mit der wachsenden Sorge um qualifizierte Arbeitskräfte für Branchen wie Technik und Informatik ins Rampenlicht. Immer mehr Firmen und Ausbildungsstätten organisieren Schnuppertage mit Extra-Programmen für Mädchen. Die grösste Initiative ist der Nationale Zukunftstag, der mit der finanziellen Unterstützung des Bundesamtes für Bildung und Technologie im November, in diesem Jahr am 8. November stattfindet.

Dann begleiten tausende Mädchen und Buben zwischen 10 und 13 Jahren einen Elternteil zur Arbeit oder besuchen die Aktionstage von hunderten bekannten und weniger bekannten Betrieben. Der Tag, vor zwölf Jahren als Nationaler Tochtertag ins Leben gerufen, hat in immer mehr Firmen einen festen Platz. Ziel des Nationalen Zukunftstags sei es, jungen Menschen Perspektiven zu eröffnen. Mädchen und Jungen sollten ihre Berufswahl unabhängig von Geschlechterstereotypen treffen können und dabei ihre Talente und Neigungen in den Vordergrund stellen. Davon profitierten sowohl die jungen Menschen als auch die Wirtschaft, die talentierte und motivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gewinnen könne, heisst es in einer Medienmitteilung.

Mit im Boot sind auch die Schweizerische Vereinigung der Ingenieurinnen, die Organisation Ingch Engineers Shape our Future sowie der Informatikerverband Swiss ITC, die Projekte anbieten, an denen Mädchen Ingenieurinnen und Informatikerinnen über die Schulter schauen können. Buben diskutieren im Schulzimmer mit rollenteilenden Vätern oder erleben den Berufsalltag im Pflegeheim oder in einer Kindertagesstätte.

Ob die Aktionen etwas bringen werden? Die Projektleiterin des Zukunftstages weist darauf hin, dass sich der Erfolg oder Nichterfolg erst in einigen Jahren in den Berufsstatistiken widerspiegeln wird. «Wir spüren auf jeden Fall das wachsende Interesse nicht nur von Mädchen sondern auch von Seiten der Schulen und Betriebe.»

Informationen zum Nationalen Zukunftstag: www.nationalerzukunftstag.ch

 

Aktionen am Nationalen Zukunftstag

  • Seitenwechsel für Mädchen und Jungen: Kinder können einen Elternteil oder eine Bezugsperson zur Arbeit begleiten.
  • Zusatzprojekte für Mädchen: Viele Betriebe, Hochschulen und Organisationen bieten am Zukunftstag besondere Projekte an, bei denen Mädchen Berufe im technischen Bereich und in der Informatik entdecken können.
  • Zusatzprojekte für Jungen: Jungen können in einem Altersheim oder einer Kinderkrippe Profibetreuer bei der Arbeit begleiten oder in der Schule mit einem rollenteilenden Vater über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf diskutieren.