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Keine Noten für Schüler? Wie ein Bewertungssystem Schule macht

Aufgrund des Lockdowns und der Schulschliessung erhalten in einigen Kantonen die Schüler zwar ein Abschlusszeugnis, aber keine Noten. Funktioniert ein Schulsystem ohne Noten überhaupt? Eine Frage, die den Familienleben-Experten und Lerncoach Michael Berger schon lange beschäftigt.

So funktioniert Schule ohne Noten.

Kann ein Schulsystem ohne Benotung funktionieren? Bild: Ralf Geithe, Getty Images

Keinen Unterricht, keine Prüfungen, keine Noten: Die Schliessung der obligatorischen Schulen dauert noch bis zum 11. Mai an. In welcher Form der Unterricht in den wenigen Wochen bis zu den Sommerferien dann weitergeht, ist noch nicht ganz klar. In zahlreichen Kantonen wurde darum entschieden, dass es dieses Jahr vor den Sommerferien keine Noten gibt. Schule ohne Noten – ein Thema, das mich sehr spannend dünkt und zu dem ich mir schon viele Gedanken gemacht habe.

Fähig oder nicht fähig?

Denn ständig bewerten wir Dinge. Egal, ob es sich um Autos, um Häuser, um Kleidung oder Ferien handelt, wir vergleichen und bewerten ständig. Es gibt zahlreiche Plattformen, die mit Bewertungen ihr Geld verdienen. Wurde ein Hotel gut bewertet, so buche ich eher Ferien, als wenn diese Bewertung schlecht ausfällt. Daher erstaunt es nicht, dass auch in der Bildung bewertet wird.

Ein Abschluss – somit eine positive Leistungsbewertung – geniesst in unserer Gesellschaft ein hohes Ansehen. Nicht umsonst heisst der Lehrabschluss in der Schweiz EFZ: Eidgenössisches Fähigkeitszeugnis. Hat jemand keinen Abschluss, wird er als «nicht fähig» eingestuft, obwohl dies nicht der Wahrheit entsprechen muss.

Da wir also einen grossen Wert auf Bewertungen legen, sollte uns das Notensystem der Schulen ja eigentlich erleichtern. Doch das tut es nicht.

Mit guten Noten wirbt man, mit schlechten nicht.

Noten werden angenommen, wenn diese den Erwartungen entsprechen. Es ist gleich wie bei den Hotels: Mit guten Bewertungen wirbt man, mit schlechten nicht.

Im Schulkontext spricht man über messbares Können, gute Leistungen und Kompetenzen. Fallen Schulnoten nicht wie erwartet aus, wird das System hinterfragt und darauf hingewiesen, dass Vergleiche selten objektiv sind.

Was wir über Noten denken, hängt also damit zusammen, wie die Bewertung ausfällt. Wie soll man also damit umgehen? Sollen wir die Bewertungen einfach weglassen, um diesen Widerspruch so aus dem Weg zu räumen?

Die Leistungsselektion startet früh

So idealistisch wir die Schule und die Bildung auch ansehen möchten, schlussendlich wird eine Leistungsselektion durchgeführt. Spätestens nach der Primarschule wird ein bestimmter Bildungsweg eingeschlagen. In der Berufsausbildung geht dieses System weiter, je nach Abschluss stehen einige Türen offen oder eben nicht.

In der Schweiz haben wir das Glück, jede Türe öffnen zu können. Mit Fleiss und Geduld ist fast jeder Weg auch zu einem späteren Zeitpunkt noch möglich. Er benötigt vielleicht viel Zeit und Arbeit, aber der Weg besteht.

Wenn es um das Selektieren geht, müssen wir uns zudem bewusst sein, dass die Schule auch politisch geführt wird und der Einfluss der Wirtschaft gross ist. Hier geht es besonders um die Berufsmöglichkeiten im Land und nicht um direktes Geld in der Bildung.

Wäre die Schulnote eine genaue Messung der Leistung, wären keine Eignungstests nötig.

In der Schweiz müssen wir auf Innovation setzen, da wir als Produktionsstandort aufgrund der Preise wenig Chancen haben. Diese Gegebenheiten beeinflussen auch die Bildung. Sie geben vor, welche Berufsgruppe gesucht ist. Die Schule passt sich mit der Zeit an, damit die Jugendlichen bessere Berufschancen haben.

Dass Noten dafür aber nicht nötig sind, beweisen alle Einstufungs- und Eignungstests, die von den Betrieben und weiterführenden Schulen verlangt werden. Wäre die Schulnote also wirklich eine genaue Messung der Leistung, wäre dieser weiterführende Aufwand umsonst.

Noten vermitteln ein trügerisches Bild

Natürlich sind Noten aber nicht nur für Lehrbetriebe – auch Eltern sind in vielen Fällen froh um Noten, weil diese ihnen als Orientierung dienen. Dank Noten können Eltern einschätzen, wo das Kind steht und was es geleistet hat. Da eine Zeugnisnote aus vielen Faktoren besteht, trügt dieses Bild aber.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Noten sind per se nicht schlecht, es ist jedoch wichtig, sich bewusst zu sein, wie sie entstehen und welche Faktoren sie beeinflussen können. Besonders seit dem Lehrplan 21, der den Fokus auf Kompetenzen legt, finde ich das System mit der Benotung überholt.

Denn was sagen Noten wirklich aus? Entweder wird eine Kompetenz erreicht oder eben nicht.

Ich persönlich würde die Noten abschaffen und durch «erreicht» und «nicht erreicht» ersetzen.

Die Note 4 sagt eigentlich auch nur aus, dass ein Ziel erreicht wurde. Danach wird noch gemessen, wie gut es erreicht wurde. Auch nach unten ist die Sache klar: Unter einer 4 ist die Leistung «ungenügend». Mehr muss eigentlich nicht stehen, das Ziel wurde nicht erreicht.

Ich persönlich würde darum die Noten abschaffen und durch «erreicht» und «nicht erreicht» ersetzen. Mir ist natürlich bewusst, dass dies ein Wunschdenken ist. Dies hätte auch direkt mit der Einführung des Lehrplans 21 geschehen müssen. Leider wurde aber dieser Schritt verpasst.

Was Eltern wissen müssen

  • Eltern sollten nicht zu viel Gewicht auf Noten legen. Die Kinder werden damit unter Druck gesetzt, was nicht förderlich ist.
  • Noten werden nicht an jeder Schule und bei jedem Lehrer gleich gemacht. Die Bewertungen und die Tests unterscheiden sich, daher sind Vergleiche unsinnig.
  • Kommunikation ist wichtig – vor allem in der Kritik an das Kind, wenn eine Note nicht wie gewünscht ausfallen sollte. Die Leistung am Test war ungenügend, nicht die gesamte Leistung und schon gar nicht Ihr Kind.

Ein Bewertungssystem macht Schule

Lehrpersonen können aber in ihrem Alltag die Bewertungen so gestalten, dass sie den Kindern und den Eltern einen Nutzen bringen und dabei die Individualität des Kindes zum Ausdruck kommt.

Das ist wichtig – und hat einen grossen Einfluss auf die Schulkarriere der Kinder. Immer wieder erlebe ich in meiner Rolle als Heilpädagoge, dass ich ein Kind für die Leistungssteigerung lobe – und dann erhält es aber eine Note, welche diesem Einsatz und Weiterkommen nicht gerecht wird. Dadurch sinkt die Motivation des Kindes und die Stimmung gegenüber der Schule. Was können wir also tun, damit genau das nicht passiert?

In einer meiner Anstellungen habe ich an einer Schule ein System gesehen, welches mir bis heute sehr gut gefällt. Mit den Kindern wurde zu Beginn des Semesters eine Zielnote vereinbart. Diese hat sich nach den Möglichkeiten des Kindes gerichtet und gab trotz klassischer Bewertung eine persönliche Rückmeldung zur Leistung. Die Kinder und die Eltern sahen so die Fortschritte und konnten sich über die erreichten Ziele freuen.

Was denken Sie? Funktioniert ein Schulsytem ohne Benotung? Wir freuen uns über Ihre Gedanken in den Kommentaren. 

Michael Berger gezielt lernen

Michael Berger ist Schulischer Heilpädagoge und in seiner ersten Ausbildung Kindergartenlehrperson. Mittlerweile hat er auf jeder Schulstufe unterrichtet und ist nun auf der Oberstufe tätig. Auf seiner Online-Plattform gezielt-lernen.ch wendet er sich an Eltern sowie andere Interessierte und gibt auf dem dazugehörigen Blog Tipps rund ums Lernen. Mit seiner Lernberatung unterstützt er Eltern und Lehrer rund ums Lernen und im sonderpädagogischen Bereich.