Leben > Drei GenerationenFit für das Alter: Die fünf Lebensaufgaben ernst nehmenWie gestalte ich meine Zeit nach der Pensionierung? Werde ich Hilfe annehmen können, wenn ich alt und krank bin? Im Alter tauchen viele neue Herausforderungen auf. Wie du fit für das Alter wirst und welche Rolle die fünf Lebensaufgaben dabei spielen, erklärt die Individualpsychologische Beraterin und Fachfrau für Gerontologie Mar Wieland. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Die Gemeinschaft ist eine der fünf Lebensaufgaben – für viele gehören die Enkelkinder dazu. Foto: iStockphoto, Thinkstock In welcher Lebensphase stehst du derzeit? Welche Themen beschäftigen, bedrücken oder beflügeln dich im Moment? Welche Herausforderungen wirst du gut meistern? Mit welchen wirst du Mühe haben? Was möchtest du anpacken? Spätestens im hohen Alter kommt man um gewisse Themen nicht mehr herum. Man kann sich ihnen stellen oder versuchen sie zu verdrängen. Letzteres kann ein sehr schmerzlicher Weg bedeuten, gerade auch für die Angehörigen. Hier findest du eine gerontologische Bündelung von Themen, Fragen, Sorgen und Freuden in den verschiedenen Lebensphasen. Selbstverständlich können viele Herausforderungen – wie zum Beispiel der Verlust von nahe stehenden Menschen – schon viel früher auftreten, je nach persönlicher Lebensgeschichte. Was gutes Altern über die körperliche Fitness hinaus bedeutet, liest du im Artikel Gutes Altern heisst mehr als nur körperlich fit zu sein. Hinweis der Redaktion: Die Jahreszahlen sind Richtwerte Die Gerontologie unterscheidet ein «drittes» und ein «viertes» Lebensalter. Wo die Grenze verläuft, ist nicht festgelegt: In Forschung und Sozialberichterstattung wird der Beginn der Hochaltrigkeit meist mit 80 bis 85 Jahren angegeben, und eingeteilt wird weniger nach dem Kalenderalter als nach Gesundheit und Alltagsbewältigung [1]. Lies die folgenden Altersangaben deshalb als grobe Orientierung, nicht als Schwelle. Aktives Alter (ca. 60 bis 75 Jahre) Neupensionierung Die Zeit, in der alles möglich ist Neues Lebensgefühl Zeit für Neues: Hobbys, Freiwilligenarbeit, Vereinstätigkeiten, Reisen, Weiterbildung Suchen und Finden des eigenen Lebensrhythmus Die langen Ferien Neues entdecken Mit gesundheitlichen Problemen fertig werden Fehlende Wertschätzung, Gefühle von Verlust, Nutzlosigkeit und Minderwertigkeit Wie wohnen im Alter? Das Unwichtige lassen Erfahrungen und Auseinandersetzung mit Alter, Krankheit und Tod Hohes Alter (ab ca. 75 Jahre) Das eigene Ende kommt näher Verlust von nahe stehenden Personen, Trauerarbeit Spitex, Altersheim, Pflegeheim Die eigene Hinfälligkeit akzeptieren, Vergänglichkeit erleben Beeinträchtigung der Sinneswahrnehmungen, der Hirnleistungen Abschiedlich leben lernen Einsamkeit Hilfe annehmen können Ja sagen zur Abhängigkeit Aufräumen, Abschliessen, Abschiednehmen Mit sich ins Reine kommen Sich lösen von der Welt Die Lebensaufgaben – Herausforderungen ein Leben lang Der Tiefenpsychologe Alfred Adler sah in den drei Lebensaufgaben «Arbeit, Gemeinschaft und Liebe» Herausforderungen, denen sich jeder Einzelne in der menschlichen Gemeinschaft zu stellen hat. Kein Weg führt daran vorbei. Zur Einordnung: Die Lebensaufgaben stammen aus der Individualpsychologie, die Alfred Adler begründet hat [2]. Sie sind ein Denkmodell dieser Schule und kein diagnostisches Raster: Sie helfen, die eigene Lage zu sortieren und Fragen zu stellen – eine geprüfte Vorhersage darüber, wie ein Leben verläuft, sind sie nicht. Die drei Lebensaufgaben aus individualpsychologischer Sicht Unter Liebe sind die intimsten Beziehungen zu verstehen, unter Gemeinschaft alle Beziehungen ausserhalb der intimsten Beziehungen und unter Arbeit alles, was einen Beitrag darstellt, also nicht ausschliesslich sich selbst dient. Die Arbeit Wir üben alle im Verlaufe des Lebens einen oder mehrere Berufe aus. Schon als Kind ist Schüler sein unsere erste «berufliche Tätigkeit». Fällt der Beruf im Alter nach der Pensionierung weg, so stellt sich trotzdem die Frage der Arbeit. Was immer bleibt, ist die Arbeit im Haushalt, die Freiwilligenarbeit im Quartier oder im Verein. Wer sich stundenweise für bezahlte Einsätze vermitteln lassen will, findet auf der Schweizer Plattform rentarentner.ch Angebote. Wie das in der Praxis abläuft, zeigt unser Artikel Rent a Rentner: Wenn Pensionierte sich stundenweise mieten lassen. Die Gemeinschaft Ganz gewiss bleibt die Gemeinschaft eine der wichtigsten Lebensaufgaben im Alter. Rudolf Dreikurs, ein Schüler Adlers, schrieb Folgendes: «Wer sich selbst als Teil der menschlichen Gemeinschaft empfindet, wird keine Schwierigkeit haben, jeden seiner Nebenmenschen als wesentlichen Teil der Gemeinschaft anzusehen zu der er selbst gehört.» Das Eingebundensein in ein soziales Netz, in welchem Geben und Nehmen in einem natürlichen Fluss sind, ist die beste Prophylaxe um im Alter nicht in Einsamkeit zu geraten. Freunde, Nachbarn, Familienangehörige, Verwandte, nahe Kollegen aus früheren Zeiten, aber auch der Metzger, die Bibliothekarin, der Coiffeur und die Ärztin gehören dazu. Wie verbreitet das Thema ist, zeigen Zahlen aus der Schweiz: Laut dem Schweizer Altersmonitor leidet rund jede vierte Person über 55 Jahren unter Einsamkeit, das sind gegen 444'500 Menschen [3]. Einsamkeit ist dabei nicht dasselbe wie Alleinsein – entscheidend ist nicht die Zahl der Kontakte, sondern die Qualität der Beziehungen [3]. Die Liebe Wohl keine Lebensaufgabe fordert uns so sehr wie die der Liebe. Die einen träumen von der romantischen Liebe, vom Gemeinsam-Alt-Werden. Manchen scheint ebendies zu gelingen, im Guten wie im Schlechten. Andere leiden, weil die Liebe ausbleibt oder abhanden gekommen ist. Uns allen aber ist gemeinsam: Wir wollen geliebt werden und Liebe schenken. Und wenn uns die Liebe – eine Lebensaufgabe für zwei – gelingt, dann ist unser Glück vollkommen. Um die Liebe geht es auch im Gespräch mit der Paartherapeutin Elisabeth Schlumpf, Mitautorin des Buchs «Lieben ein Leben lang». Die Sendung stammt aus dem Jahr 2008. Video: SRF, «Aeschbacher» vom 2.10.2008 Zwei weitere Lebensaufgaben: Spiritualität und «ich mit mir» Rudolf Dreikurs ergänzte die drei Lebensaufgaben um zwei weitere: die Spiritualität und die Beziehung des Menschen zu sich selbst. Diese zwei Lebensaufgaben sind in fast jeder Lebensphase von Bedeutung. Gelingt es sich diesen zu stellen, können sie im Alter wichtige Ressourcen sein um einen persönlichen Weg zu gehen. Die von Dreikurs genannten Lebensaufgaben Spiritualität und «ich mit mir» können im hohen Alter zu einem goldenen Schlüssel werden. Denn die Arbeit fällt am Ende des Lebens weg. Das soziale Netz der Gemeinschaft, in der man sich bewegt, wird kleiner. Die Liebe geht zwar über den Tod hinaus und doch ist auch diese, verkörpert als geliebter Mensch, endlich. Deshalb stellen sich folgende Fragen: Was ist meine Motivation? Wie bin ich in Kontakt mit mir? Wie gehe ich mit meinen Ängsten, Sorgen, mit meinem Ärger und dem Gefühl von Hilflosigkeit um? Kann ich vertrauen? In was vertraue ich? Wie nehme ich mich selbst wahr, meinen Körper? Habe ich einen liebevollen, ermutigenden Umgang mit mir selbst? Fühle ich mich physisch und psychisch genährt? Wie halte ich mich in der Balance? Kenne ich meine Grenzen und kann ich für mich einstehen? Kenne ich meine Bedürfnisse und kann sie verbalisieren? Bin ich präsent? Fühle ich mich aufgehoben in einem grossen Ganzen? Hat mein Leben Sinn, kann ich sinngebend denken und handeln? Gebe ich meiner Liebe Ausdruck? Was gibt mir Kraft, wie und wo tanke ich auf? Dieser Lernprozess ist niemals abgeschlossen. Doch sind wir uns dessen bewusst und achtsam mit uns selbst unterwegs, dann sind wir für jeden Menschen, jung oder alt, ein echtes Gegenüber, ein guter Gesprächspartner, ein Begleiter/eine Begleiterin auf dem Weg, auch uns selbst. Hinweis der Redaktion: Wenn es allein nicht mehr geht Verlust, Einsamkeit, nachlassende Kräfte und Sinnfragen können so schwer werden, dass Unterstützung nötig ist. Darüber zu reden ist kein Eingeständnis von Schwäche. Diese Stellen sind erreichbar: Pro Senectute berät in über 100 Beratungsstellen in der ganzen Schweiz kostenlos und vertraulich zu Finanzen, Pensionierung, Gesundheit, Lebensgestaltung, Vorsorge und Wohnen. Infoline: 058 591 15 15 [4]. Zum Thema Einsamkeit gibt es eine eigene Beratungsseite [3]. Die Dargebotene Hand, Telefon 143: rund um die Uhr und an 365 Tagen im Jahr erreichbar, anonym – auch für Gespräche über Einsamkeit, Trauer oder Lebensmüdigkeit. Die Beratung ist kostenlos, je nach Telefonanbieter können aber Gebühren anfallen; bei Chat und Mail entstehen keine Vermittlungskosten [5]. Individualpsychologische Beratung bieten die Mitglieder der Schweizerischen Gesellschaft für Individualpsychologie nach Alfred Adler (SGIPA) an [2]. Text: Mar Wieland Die Angaben zur Autorin entsprechen dem Stand bei der Veröffentlichung dieses Artikels im Jahr 2013: Mar Wieland war damals seit 2006 als Individualpsychologische Beraterin tätig, Mitglied der SGIPA (Schweizerische Gesellschaft für Individualpsychologie nach Alfred Adler) und der SGfB (Schweizerische Gesellschaft für Beratung). Im Zürcher Seefeld bot sie unter anderem Erziehungsberatungen und Beratungen bei Burnout an. Zuvor arbeitete sie als Mittelstufenklassenlehrerin in Zürich und im Kanton Aargau. Ihr heutiges Angebot findest du auf ihrer Website wieweiter.com. Quellen Dorsch – Lexikon der Psychologie, Hogrefe: Lebensalter, drittes und viertes (abgerufen am 17.08.2026) Schweizerische Gesellschaft für Individualpsychologie nach Alfred Adler (SGIPA): Über Alfred Adler (abgerufen am 17.08.2026) Pro Senectute Schweiz: Einsamkeit (abgerufen am 17.08.2026) Pro Senectute Schweiz: Beratung im Alter (abgerufen am 17.08.2026) Die Dargebotene Hand: Kontaktmöglichkeiten (abgerufen am 17.08.2026)