Leben > Drei GenerationenSteigende Lebenserwartung in der Schweiz: Segen oder Fluch – und für wen? Sigrid Schulze Die meisten Menschen wünschen sich, ein hohes Alter zu erreichen. Wer alt wird, kann das Leben lange geniessen und sieht Kinder und Enkel aufwachsen. Die Chancen dafür stehen besser, als die meisten denken: Buben mit Jahrgang 2017 werden nach dem Modell des Bundesamts für Statistik im Schnitt 91 Jahre alt, Mädchen 94 Jahre [1]. Doch ist es wirklich ein Segen, so alt zu werden? Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Das Alter und die Vergänglichkeit stimmen nachdenklich. Foto: NADOFOTOS, iStock, Thinkstock «Ich möchte hundert Jahre alt werden!» hört man Kinder sagen. Ältere Menschen belächeln diesen Wunsch oft. Sie wissen, dass der Preis für das Alter hoch sein kann. Dabei ist der Wunsch keine Fantasie mehr. Vom Jahrgang 2017 dürften 15 Prozent der Männer und 26 Prozent der Frauen ihren 100. Geburtstag erleben. Beim Jahrgang 1917 waren es 0,4 und 1,7 Prozent [1]. Wie hoch die Lebenserwartung in der Schweiz wirklich ist Bei der Lebenserwartung werden regelmässig zwei Zahlen verwechselt, und der Unterschied ist gross. Die bekanntere ist die Lebenserwartung bei Geburt, die das Bundesamt für Statistik (BFS) jedes Jahr veröffentlicht. Sie lag 2024 bei 82,4 Jahren für Männer und 85,9 Jahren für Frauen [1]. Diese Zahl sagt aber nicht, wie alt die heute Geborenen werden. Sie rechnet mit der Sterblichkeit des laufenden Jahres und unterstellt, dass diese ein Leben lang gleich bleibt. Wie alt ein Jahrgang tatsächlich wird, zeigt erst die Kohortenrechnung. Sie verfolgt einen Geburtsjahrgang über sein ganzes Leben und berücksichtigt, dass die Sterblichkeit weiter sinkt. Nach diesem Modell erreichen die 1967 Geborenen im Schnitt 82 Jahre (Männer) und 87 Jahre (Frauen), die 2017 Geborenen 91 und 94 Jahre [1]. Der Abstand zwischen beiden Rechnungen beträgt also rund acht bis neun Jahre. Wer wissen will, welches Alter die eigenen Kinder erreichen, muss die zweite Zahl nehmen. Auch der Blick zurück fällt dadurch anders aus. Wer 1876 geboren wurde, lebte im Schnitt 43 Jahre, Frauen 47 Jahre. Bis zum Jahrgang 1917 stieg dieser Wert auf 63 und 70 Jahre [1]. Der grösste Teil dieses Sprungs geht auf die gesunkene Säuglingssterblichkeit und den Rückgang der Infektionskrankheiten zurück. Die Lebenserwartung steigt nicht ununterbrochen Dass die Lebenserwartung immer nur nach oben zeigt, stimmt so nicht. Im Pandemiejahr 2020 sank sie bei den Männern um 0,9 auf 81,0 Jahre und bei den Frauen um 0,5 auf 85,1 Jahre. Einen solchen Rückgang hatte das BFS bei den Männern seit 1944 nicht mehr gemessen, bei den Frauen seit 1962 [2]. In den Jahren danach erholte sich der Wert wieder und liegt heute über dem Stand von 2019. Der langfristige Trend zeigt weiter nach oben, aber flacher. Das BFS hält fest, dass sich der Anstieg in jüngster Zeit abgeschwächt hat [1]. Für die Planung von Renten und Pflege macht das einen Unterschied: Prognosen, die eine ungebremste Zunahme unterstellen, rechnen zu grosszügig. Die Ursachen der steigenden Lebenserwartung in der Schweiz Die steigende Lebenserwartung in der Schweiz hat viele Ursachen. Zum einen ist das Ernährungsangebot in den westlichen Ländern reichhaltiger denn je. Zum anderen hat sich die Hygiene verbessert. Viele Krankheiten sind unschädlich gemacht, die Pocken zum Beispiel, eine Infektion, an der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch Hunderttausende starben. Auch Typhus, Pest, Milzbrand oder Diphtherie kommen in Industrieländern nur noch sehr selten vor. Herz-Kreislauf-Krankheiten und Krebs lassen sich heute besser behandeln. Steigende Lebenserwartung Schweiz: Auswirkungen auf die Gesellschaft Eine ältere Bevölkerung kostet mehr. Der Bund rechnet damit, dass die demografieabhängigen Ausgaben der öffentlichen Haushalte von 17,2 Prozent des Bruttoinlandprodukts auf 19,8 Prozent im Jahr 2060 steigen. Bis 2040 treibt vor allem die AHV die Kosten, weil die geburtenstarken Jahrgänge in Pension gehen. Nach 2040 übernehmen Gesundheitswesen und Langzeitpflege diese Rolle [3]. Ohne Gegenmassnahmen würde die Schuldenquote bis 2060 von 27 auf 48 Prozent des BIP steigen. Der Bund beziffert die Lücke, die es zu schliessen gilt, auf 0,7 Prozent des BIP pro Jahr. Das entspricht rund sechs Milliarden Franken [3]. Die Frage, wie die Gesellschaft dafür aufkommt, ist damit nicht mehr offen, sondern beziffert. Ein erster Schritt ist bereits getan. Die Reform AHV 21 ist seit dem 1. Januar 2024 in Kraft. Sie vereinheitlicht das Referenzalter von Frauen und Männern bei 65 Jahren, macht den Altersübergang flexibler und erhöhte die Mehrwertsteuer. Der Begriff Rentenalter ist damit rechtlich durch Referenzalter ersetzt worden. Fest steht auch: Ältere Menschen verfügen über einen grossen Reichtum an Erfahrungen und Kompetenzen, die sie oft über das Referenzalter hinaus einbringen wollen. Die Wirtschaft bietet ihnen dafür bis heute zu wenig altersgerechte Möglichkeiten. Alter ist ein Wirtschaftsfaktor «Ältere sind nicht einseitig als „ökonomische Belastung“ zu sehen, denn: Gerade sehr viele Ältere haben sowohl Vermögen als auch eine positive Sparquote, bilden also Vermögen und beteiligen sich damit am Prozess der Wertschöpfung. Auch Arbeit, die nicht als Erwerbsarbeit ausgeführt wird (Kinderbetreuung, Pflege, Ehrenamt), ist eine nicht zu unterschätzende ökonomische Aktivität Ältere sind eine starke Konsumenten-Gruppe. Ältere sind auch Steuerzahler und beteiligen sich somit nicht unerheblich an der Finanzierung von Staatsausgaben.» (Quelle: Prof. Ursula Lehr (1930–2022), von 1988 bis 1991 deutsche Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit und Gründerin des Deutschen Zentrums für Alternsforschung an der Universität Heidelberg, in einem Gastbeitrag auf projectcare.de. Die Seite ist inzwischen offline; zitiert nach der archivierten Fassung.) Wie es sich im hohen Alter lebt Die Freude über die steigende Lebenserwartung ist gross, denn alt werden will jeder. Doch alt sein möchte kaum jemand. Angst herrscht vor körperlichen Einschränkungen, durch die sich der Alltag nicht mehr allein bewältigen lässt und die in Einsamkeit führen können. Die gewonnenen Jahre sind allerdings nicht einfach Jahre der Gebrechlichkeit. Wer 2024 das 65. Altersjahr erreichte, hatte statistisch noch 20,4 Jahre vor sich (Männer) beziehungsweise 23,0 Jahre (Frauen). Mit 80 Jahren waren es noch 9,4 und 10,8 Jahre [1]. Vor zwanzig Jahren lagen diese Werte ein bis zwei Jahre tiefer. Ein hohes Lebensalter ist deshalb nicht mit Hilfe- und Pflegebedürftigkeit gleichzusetzen. Wie gut diese Jahre werden, hängt allerdings nicht nur von der Gesundheit ab. Welche Rolle Einkommen, Bildung und soziale Kontakte spielen, zeigt unser Beitrag Gutes Altern heisst mehr als nur körperlich fit zu sein. Wie gut sind Ältere finanziell abgesichert? Viele ältere Menschen leben dank einer soliden Altersvorsorge selbstbestimmt. Eine pauschale Entwarnung tragen die Zahlen aber nicht. Das BFS hält fest, dass Personen ab 65 Jahren häufiger von Einkommensarmut betroffen sind als die Bevölkerung im Erwerbsalter [4]. 2024 lebten 8,4 Prozent der Bevölkerung in der Schweiz unter der Armutsgrenze, das sind rund 743 000 Personen. Die Grenze lag im Schnitt bei 2388 Franken im Monat für eine Einzelperson [4]. Noch deutlicher wird das Bild bei den Ergänzungsleistungen (EL). Im Dezember 2025 bezogen 231 900 Personen EL zur Altersversicherung. Das sind 12,3 Prozent aller Altersrentnerinnen und Altersrentner, und der Anteil steigt [5]. Wer ein Pflegeheim braucht, ist besonders betroffen: 65 000 EL-Beziehende lebten Ende 2025 in einem Heim und erhielten dafür im Schnitt rund 3900 Franken pro Monat, fast dreimal so viel wie EL-Beziehende zu Hause [5]. Wichtig für die Einordnung: Dass in der Sozialhilfestatistik vor allem junge Familien und Alleinerziehende auffallen, bedeutet nicht, dass es im Alter keine Armut gibt. Ältere Menschen erhalten in der Regel EL statt Sozialhilfe, weil die EL der Sozialhilfe vorgelagert sind. Sie erscheinen deshalb gar nicht in dieser Statistik. Wer die Lage im Alter beurteilen will, muss die EL-Zahlen anschauen. Das BFS weist zugleich darauf hin, dass ältere Menschen häufiger als Jüngere auf Vermögen zurückgreifen können, das in der Armutsquote nicht mitgerechnet wird [4]. Die Armut im Alter ist also ungleich verteilt. Besonders knapp wird es dort, wo das Einkommen fast nur aus der AHV besteht. Gefahr im Alter: Demenz Die grösste gesundheitliche Sorge im hohen Alter ist die Demenz, und das Risiko steigt mit jedem Lebensjahr. In der Schweiz leben derzeit rund 161 100 Menschen mit einer Demenz. Jährlich kommen 34 800 Neuerkrankungen dazu, also etwa alle 15 Minuten eine. 66 Prozent der Betroffenen sind Frauen. Bis 2050 rechnet Alzheimer Schweiz mit 285 700 Erkrankten [6]. Bemerkenswert ist eine andere Zahl: Rund die Hälfte der Betroffenen hat keine fachärztliche Diagnose [6]. Wer bei sich oder einem Angehörigen Veränderungen des Gedächtnisses bemerkt, sollte das deshalb hausärztlich abklären lassen, statt zu warten. Eine Diagnose eröffnet Zugang zu Behandlung, Entlastungsangeboten und rechtlicher Vorsorge. Zu Letzterem gehört die Patientenverfügung, die sich nur solange verfassen lässt, wie jemand urteilsfähig ist. «Bislang zeichnet sich noch kein Durchbruch in der medizinischen Forschung ab, der eine Demenz-Prävention möglich machen könnte», sagte Kurt Seifert von Pro Senectute, als dieser Artikel 2014 entstand. Diese Einschätzung gilt heute so nicht mehr. Alzheimer Schweiz hält fest, dass sich das Erkrankungsrisiko mit verschiedenen Massnahmen vermindern und der Krankheitsverlauf nach einer Diagnose positiv beeinflussen lässt [6]. Eine Garantie ist das nicht, ein Grund zum Abwarten aber ebenso wenig. Die Last tragen zu einem grossen Teil die Angehörigen. Demenz verursacht in der Schweiz geschätzte Gesamtkosten von 11,8 Milliarden Franken im Jahr, und 5,5 Milliarden davon entfallen auf unbezahlte Betreuung durch Angehörige [6]. Wie sich das mit Beruf und eigenen Kindern vereinbaren lässt, beschreibt unser Beitrag zur Doppelbelastung von pflegenden Angehörigen. Philosophische Gedanken zur steigenden Lebenserwartung Ältere Menschen verfügen über viele Fähigkeiten und Kenntnisse, die der Wirtschaft nutzen oder die Familie entlasten und Enkel bereichern können. Doch dem Alter lässt sich auch jenseits von Produktivität und finanziell messbarem Beitrag ein Wert beimessen. «Die Beschwerlichkeit des Alters lässt sich nicht wegleugnen», sagte Giovanni Maio, Medizinethiker an der Universität Freiburg im Breisgau, in der SWR2-Sendung «Der Sinn des Alterns». «Doch ein gutes Alter muss nicht unbedingt ein fittes Alter sein.» Der alternde Mensch könne Einsichten erlangen, die dem jugendlichen Alter eher versperrt blieben. So empfinden sich Menschen im Alter als besonders vergänglich. «Je vergänglicher wir uns empfinden dürfen, umso kostbarer erscheint uns der Augenblick.» Segen oder Fluch? Eine Antwort Die Frage im Titel lässt sich beantworten, wenn man sie in zwei Teile zerlegt. Die gewonnenen Jahre selbst sind ein Segen. Sie sind mehrheitlich gesunde Jahre, und sie sind der Grund, warum viele Kinder heute ihre Urgrosseltern kennenlernen. Der Fluch liegt nicht im Alter, sondern in der Verteilung. Wer über Vermögen, eine zweite Säule und ein tragfähiges Umfeld verfügt, erlebt die zusätzlichen Jahre anders als jemand, der mit der AHV und Ergänzungsleistungen auskommen muss. Und die Kosten der Alterung sind beziffert, aber noch nicht verteilt. Der Segen ist also da. Ob er für alle gilt, ist eine politische Frage, keine demografische. Anlaufstellen Pro Senectute – Beratung zu Finanzen, Wohnen und Alltag im Alter, in allen Kantonen Alzheimer Schweiz – Beratung für Betroffene und Angehörige; das Alzheimer-Telefon ist unter 058 058 80 00 erreichbar Quellen Bundesamt für Statistik: Lebenserwartung. Perioden- und Kohortensterbetafeln, Stand 2024. Abgerufen am 20.08.2026. Bundesamt für Statistik: Lebenserwartung in der Schweiz im Jahr 2020. Abgerufen am 20.08.2026. Eidgenössisches Finanzdepartement: Langfristperspektiven der öffentlichen Finanzen der Schweiz, 5. Ausgabe, April 2024. Abgerufen am 20.08.2026. Bundesamt für Statistik: Armut. Ergebnisse 2024. Abgerufen am 20.08.2026. Bundesamt für Sozialversicherungen: Die Statistik der Ergänzungsleistungen zu AHV und IV 2025 ist erschienen, Mitteilung vom 26.05.2026. Abgerufen am 20.08.2026. Alzheimer Schweiz: Demenz in der Schweiz, Zahlen und Fakten 2025. Abgerufen am 20.08.2026.