«Moderne Grossmütter wollen nicht ständig zur Verfügung stehen»

Das Bild der Grossmütter hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt. Viele Senioren organisieren nach der Pension ihr Leben neu. Gleichzeitig hat die Zeit mit den Enkeln eine neue Qualität erhalten. Die Journalistin Paula Lanfranconi über ihr Buch und wie sie die Grosseltern erlebt hat.

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Grossmutter und Enkel

Grossmütter können besonders gut zuhören. Foto: © Ursula Markus

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Sie haben 16 Grosselternporträts geschrieben und viele Geschichten gehört. Welches Bild haben Sie von den Grosseltern von heute bekommen?

Paula Lanfranconi: Die meisten Grosseltern von heute sind sehr liebevoll, geduldig und tolerant. Es gibt aber auch enttäuschte Grosseltern, die zum Beispiel nach einer Scheidung den Kontakt zu den Enkelkindern verloren haben. Für Grosseltern gibt es in der Schweiz kein gesetzlich gesichertes Besuchsrecht.

Wie fühlen sich Grosseltern, die ihre Enkel nicht sehen können?

Sie sind sehr enttäuscht, einige auch bitter, besonders, wenn der Kontakt eine Zeitlang recht eng war und dann plötzlich abgebrochen wird. Wir haben zum Beispiel Grosseltern getroffen, deren Tochter einen neuen Partner kennen gelernt hatte. Er war vermutlich in einer Sekte und verhinderte jeden Kontakt.  Solche Grosseltern hoffen oft, dass das Grosskind später von sich aus wieder auf sie zukommt.

Sicher hatten Sie zu Beginn des Projekts konkrete Vorstellungen von den Grosseltern. Was hat Sie überrascht?

Die Vielfalt heutiger Grosselternrollen. Die Palette reicht von der bildungsbürgerlichen Traditionsfamilie über das Grosi fürs Schräge, die skypenden Grosseltern, dem Punker-Opa bis hin zur türkischen Barbaanne. Es gibt auch neue Formen: Wahlgrosseltern oder Patengrosseltern, die fremde Kinder betreuen als wären es ihre Enkel. Wir haben auch soziale Omas kennen gelernt.  Eine dieser Frauen hat eine Hausgemeinschaft mit unterschiedlichen Generationen gegründet und nimmt dort die Rolle einer sozialen Oma ein. Allerdings muss sie diese Rolle immer wieder neu definieren.

Kann man bei dieser Vielfalt überhaupt noch von den Grosseltern sprechen?

Es gibt einen roten Faden: Auch heutige Grosseltern wollen einfach da sein für ihre Enkel, Zeit haben, ohne den früheren Alltagsstress. Sie tragen ja keine Erziehungsverantwortung mehr. Neu und spannend ist, dass jetzt die Babyboomer-Generation ins Grosseltern-Alter kommt und diese Rolle neu definiert. Die Frauen der 68er-Bewegung haben oder hatten ja einen Beruf. Sie sind gut ausgebildet und arbeiten als Coach, IT-Managerinnen oder gleisen nach der Pensionierung neue Aktivitäten auf. Viele dieser Grossmütter sind nicht auf Abruf verfügbar und handeln mit ihren Töchtern aus, wie die Betreuung aussehen soll. In Notfallsituationen springen aber auch diese Grossmütter in die Bresche.

Diese Frauen  sind selbstbewusst.

Ja, sehr. Das sind Frauen, die Verantwortung getragen und Projekte geleitet haben.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Wir porträtieren zum Beispiel eine Laufbahnberaterin für Frauen. Sie hatte sich Enkel immer nur als Mädchen vorstellen können. Und dann war der Enkel ein Bub! Sie musste ihre Grossmutterrolle ganz neu überdenken: Spät im Leben ist eine männliche Welt in ihren Alltag getreten, die sie erst noch entdecken muss.  Heute bleibt sie vor jeder Baustelle lange stehen, damit der Kleine die Bagger und Kräne bewundern kann. Sie besucht ihren Enkel einen Tag pro Woche und verfolgt daneben ihre Projekte weiter.

Das Buch

Ein Buch über Grosseltern und ihre Enkel.

Die Journalistin Paula Lanfranconi und die Fotografin Ursula Markus stellen in ihrem Buch «Durch dick und dünn. Grosseltern von heute und ihre Enkel» 16 Grosseltern vor. In Text- und Bildporträts zeigen sie, welche Beziehung Grosseltern zu ihren Enkeln haben und wie sie ihre Rolle definieren. Das Buch ist in Zusammenarbeit mit der GrossmütterRevolution entstanden, einem Projekt des Migros-Kulturprozentes.

«Durch dick und dünn. Grosseltern von heute und ihre Enkel.», Helden-Verlag, 2011, 192 Seiten. Buch erhältlich über Amazon.

Warum haben Sie eigentlich so wenige Grossväter porträtiert?

Es ist halt immer noch so, dass sich mehrheitlich die Grossmütter um die Enkel kümmern. Verschiedene Grossväter haben uns geantwortet: Da müssen Sie meine Frau fragen! Diese Männer gehören eben einer Generation an, die vor lauter Beruf gar keine Gelegenheit hatte, sich auf ihre Kinder einzulassen. Da ist es auch schwieriger, eine enge Beziehung zu den Enkeln aufzubauen. Wir haben aber andere Männer kennen gelernt:  Ein Grossvater, der ein eigenes Unternehmen besitzt, betreut zusammen mit seiner Frau regelmässig die Grosskinder, damit die Tochter in seinem Unternehmen ihre Verantwortung wahrnehmen kann. Eigentlich hatte er mit seiner Frau viel reisen wollen - jetzt ist er ein begeisterter Grossvater.

Ich hätte gedacht, dass die meisten Grossväter, die keine Zeit für ihre Kinder hatten, so viel wie möglich mit den Enkeln nachholen wollen. Haben die Männer Angst, bei der Erziehung etwas falsch zu machen?

Sie haben, denke ich, eher Angst vor dem nahen körperlichen Kontakt mit sehr kleinen Kindern, auch, weil die halt noch nicht sprechen können.  Viele Grossväter freuen sich auf die Zeit, wenn sie mit dem Enkel Fussball spielen können.  Doch oft ist es dann zu spät, um noch eine wirklich enge Beziehung aufzubauen.

Grosseltern sind heute häufig noch geistig und körperlich fit. Haben Sie das auch gemerkt?

Ja. Heutige Grosseltern sind oft besser gebildet, weltoffener, materiell besser gestellt und gesünder als frühere Grosseltern. Dadurch sind sie unternehmenslustiger, viele gehen mit den Grosskindern biken und zelten. Oder sie skypen. Natürlich erzählen sie auch Geschichten und lassen sich überhaupt stark auf die Bedürfnisse der Enkel ein. Ob die Beziehung zum Enkel eng ist, hängt recht stark davon ab, wie fit sich die Grosseltern fühlen.

Das Skypen haben die Grosseltern sicher von ihren Enkeln gelernt.

Ja, das ist das Neue: Das erste Mal in der Geschichte können Grosseltern auch von den Enkeln lernen – den Umgang mit Handy, Computer oder gar Facebook zum Beispiel. Auf diese Lernchance müssen sich Grosseltern vielleicht noch mehr einlassen.

Und was wollen die Grosseltern ihren Enkeln für die Zukunft mitgeben?

Ihre Familientraditionen und ihre Werte. Eine Grossmutter sagte spontan: Schöne Erinnerungen und gemeinsam verbrachte Zeit, das ist das Wichtigste, nicht Materielles! Ein italienischer Grossvater antwortete: Ein bisschen «dolce far niente» ist wichtig, das Leben ist nicht nur Pflicht.

Ist die Betreuung durch die Grosseltern selbstverständlich?

Für die allermeisten Grosseltern gehört das Engagement für die Enkel dazu. Etliche gut ausgebildete Grossmütter stehen aber nicht einfach auf Abruf bereit. Sie wollen auch ihr eigenes Leben leben.

Häufig hört man, dass die Betreuung der Kinder in manchen Familien ohne Grosseltern gar nicht möglich wäre. Haben Sie solche Beispiele auch kennen gelernt?

Ja, es ist schon so, dass es gerade bei Alleinerziehenden ohne Grosseltern oft nicht gehen würde. In der Schweiz leisten Grosseltern unbezahlte Betreuungsarbeit im Wert von 2 Milliarden Franken. Ich denke, Grosseltern werden immer wichtiger. Sie sind der Kitt zwischen den Generationen und auch ein Gegengewicht zur immer hektischeren Umwelt.

Stört es Grosseltern, dass ihre Betreuungsleistung von der Gesellschaft so wenig anerkannt wird?

Es sind vor allem gut gebildete Grossmütter, die sich daran stören. Bei der GrossmütterRevolution, welche unser Buch herausgibt, ist das ein Thema. Dieses Netzwerk von Grossmüttern, unter ihnen viele der 68er-Bewegung, fragt sich, wie man Betreuungsleistungen abgelten kann. Könnte es einen Betreuungsbonus geben? Könnte man die Reisespesen zum Enkel von der Steuer abziehen? Das Thema ist tabuisiert. Viele Grossmütter würden von ihrer Tochter nie Geld annehmen - sie betreuen, weil sie die Enkel gern haben. Wir haben aber auch eine Oma kennen gelernt, die sich von ihrer gut verdienenden Tochter entgelten lässt. Wenn sie davon erzählt, wird sie allerdings oft scheel angesehen.

Interview: Angela Zimmerling, aktualisiert im Oktober 2017

 

Paula Lanfranconi

Paula Lanfranconi ist freie Journalistin und lebt in Zürich. Am liebsten schreibt die 61-Jährige über Menschen und ihre Geschichten. In ihrem Buch «Ja – und?» stellt sie zusammen mit Ursula Markus Menschen mit Behinderungen vor, in «Morgen ist alles anders» werden Menschen mit Alzheimer, ihre Angehörigen und Pflegende porträtiert.

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