Leben > Drei Generationen«Moderne Grossmütter wollen nicht ständig zur Verfügung stehen» – und wie Familien die Betreuung aushandelnDas Bild der Grossmütter hat sich stark gewandelt. Viele Menschen organisieren nach der Pensionierung ihr Leben neu, und die Zeit mit den Enkeln bekommt dadurch eine andere Qualität. Die Journalistin Paula Lanfranconi hat für ihr Buch 16 Grosseltern porträtiert. Im Interview von 2011 erzählt sie, was sie dabei überrascht hat – und wie die neue Grosselterngeneration ihre Rolle aushandelt. Wie es heute um die Betreuung durch Grosseltern steht, ordnen wir unter dem Interview ein. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken 1 von 14 Grossmütter können besonders gut zuhören. Foto: © Ursula Markus Hinweis der Redaktion Dieses Interview erschien im Oktober 2011. Wir lassen es als Zeitdokument stehen: Es beschreibt den Moment, in dem die Babyboomer ins Grosselternalter kamen. Die Zahlen und Angebote, die darin vorkommen, sind seither überholt. Was heute gilt, steht im Abschnitt «Grosseltern-Betreuung heute: die aktuellen Zahlen» weiter unten. Wenn der Kontakt zu den Enkeln abbricht Sie haben 16 Grosselternporträts geschrieben und viele Geschichten gehört. Welches Bild haben Sie von den Grosseltern von heute bekommen? Paula Lanfranconi: Die meisten Grosseltern von heute sind sehr liebevoll, geduldig und tolerant. Es gibt aber auch enttäuschte Grosseltern, die zum Beispiel nach einer Scheidung den Kontakt zu den Enkelkindern verloren haben. Für Grosseltern gibt es in der Schweiz kein gesetzlich gesichertes Besuchsrecht. Nachgeprüft: Was das Gesetz Grosseltern zugesteht Ein Besuchsrecht von Gesetzes wegen haben Grosseltern tatsächlich nicht. Ganz ohne rechtliche Grundlage sind sie aber nicht: Nach Artikel 274a des Zivilgesetzbuchs kann der Anspruch auf persönlichen Verkehr auch anderen Personen eingeräumt werden, ausdrücklich auch Verwandten.[3] Zwei Bedingungen müssen erfüllt sein: Es müssen ausserordentliche Umstände vorliegen, und der Kontakt muss dem Wohl des Kindes dienen.[3] Entschieden wird das im Einzelfall von der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde oder vom Gericht. Ein automatisches Recht ist das nicht. Ein Weg steht Grosseltern aber offen. Wie fühlen sich Grosseltern, die ihre Enkel nicht sehen können? Sie sind sehr enttäuscht, einige auch bitter, besonders, wenn der Kontakt eine Zeitlang recht eng war und dann plötzlich abgebrochen wird. Wir haben zum Beispiel Grosseltern getroffen, deren Tochter einen neuen Partner kennen gelernt hatte. Er war vermutlich in einer Sekte und verhinderte jeden Kontakt. Solche Grosseltern hoffen oft, dass das Grosskind später von sich aus wieder auf sie zukommt. Mehr zum Thema: Kinderbetreuung: Tipps für Grosseltern Wenn Oma andere Vorstellungen von Erziehung hat Vom Punker-Opa bis zur sozialen Oma Sicher hatten Sie zu Beginn des Projekts konkrete Vorstellungen von den Grosseltern. Was hat Sie überrascht? Die Vielfalt heutiger Grosselternrollen. Die Palette reicht von der bildungsbürgerlichen Traditionsfamilie über das Grosi fürs Schräge, die skypenden Grosseltern, dem Punker-Opa bis hin zur türkischen Barbaanne. Es gibt auch neue Formen: Wahlgrosseltern oder Patengrosseltern, die fremde Kinder betreuen als wären es ihre Enkel. Wir haben auch soziale Omas kennen gelernt. Eine dieser Frauen hat eine Hausgemeinschaft mit unterschiedlichen Generationen gegründet und nimmt dort die Rolle einer sozialen Oma ein. Allerdings muss sie diese Rolle immer wieder neu definieren. Kann man bei dieser Vielfalt überhaupt noch von den Grosseltern sprechen? Es gibt einen roten Faden: Auch heutige Grosseltern wollen einfach da sein für ihre Enkel, Zeit haben, ohne den früheren Alltagsstress. Sie tragen ja keine Erziehungsverantwortung mehr. Neu und spannend ist, dass jetzt die Babyboomer-Generation ins Grosseltern-Alter kommt und diese Rolle neu definiert. Die Frauen der 68er-Bewegung haben oder hatten ja einen Beruf. Sie sind gut ausgebildet und arbeiten als Coach, IT-Managerinnen oder gleisen nach der Pensionierung neue Aktivitäten auf. Viele dieser Grossmütter sind nicht auf Abruf verfügbar und handeln mit ihren Töchtern aus, wie die Betreuung aussehen soll. In Notfallsituationen springen aber auch diese Grossmütter in die Bresche. Diese Frauen sind selbstbewusst. Ja, sehr. Das sind Frauen, die Verantwortung getragen und Projekte geleitet haben. Können Sie ein Beispiel nennen? Wir porträtieren zum Beispiel eine Laufbahnberaterin für Frauen. Sie hatte sich Enkel immer nur als Mädchen vorstellen können. Und dann war der Enkel ein Bub! Sie musste ihre Grossmutterrolle ganz neu überdenken: Spät im Leben ist eine männliche Welt in ihren Alltag getreten, die sie erst noch entdecken muss. Heute bleibt sie vor jeder Baustelle lange stehen, damit der Kleine die Bagger und Kräne bewundern kann. Sie besucht ihren Enkel einen Tag pro Woche und verfolgt daneben ihre Projekte weiter. Das Buch Die Journalistin Paula Lanfranconi und die Fotografin Ursula Markus stellen in ihrem Buch «Durch dick und dünn. Grosseltern von heute und ihre Enkel» 16 Grosseltern vor. In Text- und Bildporträts zeigen sie, welche Beziehung Grosseltern zu ihren Enkeln haben und wie sie ihre Rolle definieren. Herausgegeben hat das Buch die GrossmütterRevolution[5] – damals ein Projekt des Migros-Kulturprozents, seit dem 1. Oktober 2022 ein eigenständiger Verein.[4] Paula Lanfranconi (Texte), Ursula Markus (Fotos): «Durch dick und dünn. Grosseltern von heute und ihre Enkel». Helden-Verlag, Zürich 2011, 191 Seiten, ISBN 978-3-905748-10-9.[5] Warum vor allem die Grossmütter hüten Warum haben Sie eigentlich so wenige Grossväter porträtiert? Es ist halt immer noch so, dass sich mehrheitlich die Grossmütter um die Enkel kümmern. Verschiedene Grossväter haben uns geantwortet: Da müssen Sie meine Frau fragen! Diese Männer gehören eben einer Generation an, die vor lauter Beruf gar keine Gelegenheit hatte, sich auf ihre Kinder einzulassen. Da ist es auch schwieriger, eine enge Beziehung zu den Enkeln aufzubauen. Wir haben aber andere Männer kennen gelernt: Ein Grossvater, der ein eigenes Unternehmen besitzt, betreut zusammen mit seiner Frau regelmässig die Grosskinder, damit die Tochter in seinem Unternehmen ihre Verantwortung wahrnehmen kann. Eigentlich hatte er mit seiner Frau viel reisen wollen – jetzt ist er ein begeisterter Grossvater. Ich hätte gedacht, dass die meisten Grossväter, die keine Zeit für ihre Kinder hatten, so viel wie möglich mit den Enkeln nachholen wollen. Haben die Männer Angst, bei der Erziehung etwas falsch zu machen? Sie haben, denke ich, eher Angst vor dem nahen körperlichen Kontakt mit sehr kleinen Kindern, auch, weil die halt noch nicht sprechen können. Viele Grossväter freuen sich auf die Zeit, wenn sie mit dem Enkel Fussball spielen können. Doch oft ist es dann zu spät, um noch eine wirklich enge Beziehung aufzubauen. Fit, mobil und online Grosseltern sind heute häufig noch geistig und körperlich fit. Haben Sie das auch gemerkt? Ja. Heutige Grosseltern sind oft besser gebildet, weltoffener, materiell besser gestellt und gesünder als frühere Grosseltern. Dadurch sind sie unternehmenslustiger, viele gehen mit den Grosskindern biken und zelten. Oder sie skypen. Natürlich erzählen sie auch Geschichten und lassen sich überhaupt stark auf die Bedürfnisse der Enkel ein. Ob die Beziehung zum Enkel eng ist, hängt recht stark davon ab, wie fit sich die Grosseltern fühlen. Das Skypen haben die Grosseltern sicher von ihren Enkeln gelernt. Ja, das ist das Neue: Das erste Mal in der Geschichte können Grosseltern auch von den Enkeln lernen – den Umgang mit Handy, Computer oder gar Facebook zum Beispiel. Auf diese Lernchance müssen sich Grosseltern vielleicht noch mehr einlassen. Und was wollen die Grosseltern ihren Enkeln für die Zukunft mitgeben? Ihre Familientraditionen und ihre Werte. Eine Grossmutter sagte spontan: Schöne Erinnerungen und gemeinsam verbrachte Zeit, das ist das Wichtigste, nicht Materielles! Ein italienischer Grossvater antwortete: Ein bisschen «dolce far niente» ist wichtig, das Leben ist nicht nur Pflicht. Selbstverständlich? Die Betreuung der Enkel Ist die Betreuung durch die Grosseltern selbstverständlich? Für die allermeisten Grosseltern gehört das Engagement für die Enkel dazu. Etliche gut ausgebildete Grossmütter stehen aber nicht einfach auf Abruf bereit. Sie wollen auch ihr eigenes Leben leben. Häufig hört man, dass die Betreuung der Kinder in manchen Familien ohne Grosseltern gar nicht möglich wäre. Haben Sie solche Beispiele auch kennen gelernt? Ja, es ist schon so, dass es gerade bei Alleinerziehenden ohne Grosseltern oft nicht gehen würde. In der Schweiz leisten Grosseltern unbezahlte Betreuungsarbeit im Wert von 2 Milliarden Franken. Ich denke, Grosseltern werden immer wichtiger. Sie sind der Kitt zwischen den Generationen und auch ein Gegengewicht zur immer hektischeren Umwelt. Grosseltern-Betreuung heute: die aktuellen Zahlen Die im Interview genannten 2 Milliarden Franken stammen aus dem Wissensstand von 2011. Das Bundesamt für Statistik rechnet heute mit einer deutlich grösseren Zahl: Grosseltern leisten rund 160 Millionen Stunden unbezahlte Enkelbetreuung pro Jahr, was einem rechnerischen Geldwert von gut 8 Milliarden Franken entspricht.[2] Die Grössenordnung hat sich damit vervierfacht. Auch der Rest des Bildes ist heute genauer vermessen. Aus der Erhebung zu Familien und Generationen 2023: Drei Viertel der Grosseltern mit Enkelkindern unter 13 Jahren hüten diese regelmässig oder gelegentlich.[1] 42 Prozent tun das mindestens einmal pro Woche, 21 Prozent mindestens einmal im Monat.[1] Ein Viertel der Grosseltern hütet nie – die Erwartung ist also keineswegs allgemein.[1] Auf dem Land greifen 47 Prozent der Haushalte auf die Grosseltern zurück, in den grossen Städten 26 Prozent.[1] Ein Drittel aller Kinder unter 13 Jahren wird regelmässig von den Grosseltern betreut – gleich viele wie in Kita oder Hort.[2] Die These aus dem Interview hält also stand, und sie lässt sich beziffern. Wie gross der Beitrag der Grosseltern insgesamt ist, haben wir in einem eigenen Artikel zum nationalen Grosselterntag zusammengetragen. Stört es Grosseltern, dass ihre Betreuungsleistung von der Gesellschaft so wenig anerkannt wird? Es sind vor allem gut gebildete Grossmütter, die sich daran stören. Bei der GrossmütterRevolution, welche unser Buch herausgibt, ist das ein Thema. Dieses Netzwerk von Grossmüttern, unter ihnen viele der 68er-Bewegung, fragt sich, wie man Betreuungsleistungen abgelten kann. Könnte es einen Betreuungsbonus geben? Könnte man die Reisespesen zum Enkel von der Steuer abziehen? Das Thema ist tabuisiert. Viele Grossmütter würden von ihrer Tochter nie Geld annehmen – sie betreuen, weil sie die Enkel gern haben. Wir haben aber auch eine Oma kennen gelernt, die sich von ihrer gut verdienenden Tochter entgelten lässt. Wenn sie davon erzählt, wird sie allerdings oft scheel angesehen. Einen Betreuungsbonus im Sinne dieser Frage gibt es bis heute nicht. Wer Angehörige betreut, kann dafür aber unter bestimmten Bedingungen AHV-Betreuungsgutschriften erhalten. Welche Rechte und Entlastungen in der Schweiz bestehen, haben wir in der Übersicht Care in der Familie zusammengestellt. Interview: Angela Zimmerling. Erschienen im Oktober 2011, zuletzt aktualisiert im Oktober 2017. Zahlen und Verweise geprüft und ergänzt im August 2026. Paula Lanfranconi Paula Lanfranconi ist freie Journalistin und lebt in Zürich. Am liebsten schreibt sie über Menschen und ihre Geschichten; zum Zeitpunkt des Interviews war sie 61 Jahre alt. In ihrem Buch «Ja – und?» stellt sie zusammen mit Ursula Markus Menschen mit Behinderungen vor, in «Morgen ist alles anders» werden Menschen mit Alzheimer, ihre Angehörigen und Pflegende porträtiert. Weitere Informationen zum Thema Grosseltern Über die Projekte der GrossmütterRevolution kannst du dich hier informieren: www.grossmuetter.ch Wer Patengrosseltern sucht oder werden möchte, sucht am besten im Projektverzeichnis der Plattform Intergeneration. Es listet über 400 Generationenprojekte aus der ganzen Schweiz, filterbar nach Region und Thema: intergeneration.ch. Das früher an dieser Stelle verlinkte Zürcher Projekt «Patengrosseltern» wurde eingestellt. Quellen Bundesamt für Statistik: Erhebung zu Familien und Generationen 2023: erste Ergebnisse. Medienmitteilung, Neuchâtel, 2. Oktober 2024 (abgerufen am 21. August 2026). Bundesamt für Statistik: Familien- und schulergänzende Kinderbetreuung im Jahr 2018. BFS Aktuell, Neuchâtel, Mai 2020 (abgerufen am 21. August 2026). Schweizerisches Zivilgesetzbuch (SR 210), Artikel 274a, Stand vom 1. Juli 2026 (abgerufen am 21. August 2026). Verein GrossmütterRevolution: Mit VEREINten Kräften (abgerufen am 21. August 2026). Schweizerische Nationalbibliothek: Das Schweizer Buch 2011/19, Eintrag Nr. 159 (NB 001650835), 15. Oktober 2011 (abgerufen am 21. August 2026).