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Leben > Drei Generationen

Gutes Altern heisst mehr als nur körperlich fit zu sein – Hilfe annehmen ist kein Scheitern

Älteren Menschen geht es so gut wie nie zuvor. Sie sind körperlich fit, haben eine hohe Lebenserwartung und beteiligen sich aktiv am Gesellschaftsleben. Dieses Bild vom selbstverantwortlichen und aktiven Altern blendet aber viele Probleme aus. Das zeigten 15 Referierende an der Pro-Senectute-Fachtagung «Auf dem Weg zum guten Altern» vom 26. April 2012. Wir haben den Bericht von damals stehen lassen und am Schluss ergänzt, wo die Schweiz heute steht.

Zu einem guten Altern gehört der gute Kontakt zur jüngeren Generation.
Der Austausch zwischen den Generationen ist wichtig für ein gutes Altern. Foto: Maria Teijeiro, Digital Vision-Thinkstock

Sie erklimmen mit 70 noch so manchen Alpengipfel. Sie engagieren sich im Chorverein. Sie unterhalten sich mit ihren Enkeln via Skype, und dank medizinischem Fortschritt leben sie länger. Senioren sind so aktiv wie noch nie. Die Lebensqualität der älteren Generation hat sich in den vergangenen Jahrzehnten erheblich verbessert.

Doch ganz so einfach ist es nicht. Beim Blick auf die «aktiven Alten» wird schnell vergessen, dass es nicht allen so geht. An der nationalen Fachtagung «Auf dem Weg zum guten Altern», welche die Altersorganisation Pro Senectute am 26. April 2012 organisierte, warnten die Referierenden davor, das Altersbild einseitig zu betrachten. Zu einer neuen Kultur des Alterns gehöre es, sagte Andreas Kruse, damals Altersforscher und Psychologe an der Universität Heidelberg, «dass wir uns der Verletzlichkeit unseres Lebens bewusst werden». Wer alt und gebrechlich sei, werde häufig diskriminiert. Er habe beobachtet, dass «Menschen mit einer Demenz nicht mehr in ihrer Menschenwürde wahrgenommen werden». Deshalb sollten wir diesen Menschen nicht nur oberflächlich begegnen.

Weil ein «aktives Altern» und Selbstbestimmung als Massstab gelten, fällt es vielen schwer, Hilfe anzunehmen. «Das Angewiesen sein wird als Scheitern empfunden», sagte die Tagungsmoderatorin Klara Obermüller. Monika Steiger von der Schweizerischen Gesellschaft für Gerontologie empfahl eine andere Sichtweise: «Das Angewiesensein auf andere gehört zum Menschsein, nicht nur zum Alter». Wie sich das planen lässt, zeigt unser Ratgeber zu den fünf Lebensaufgaben im Alter.

Ungleichheit im Alter

Auch die Psychologin Pasqualina Perrig-Chiello von der Universität Bern erinnerte daran, dass nicht alle älteren Menschen von einer besseren Lebensqualität profitieren. Es gebe Ungleichheiten, die auf die unterschiedlichen Lebenslagen der Menschen zurückzuführen seien, machte sie an der Tagung deutlich. Nach wie vor gebe es Gruppen, denen es an ökonomischen, sozialen oder psychischen Ressourcen mangle. Dazu gehört das Problem der Altersarmut. Die Zahlen, die damals im Raum standen: 16 Prozent der über 65-Jährigen waren gemäss Bundesamt für Statistik im Jahr 2010 von Armut betroffen, bei den allein lebenden älteren Menschen sogar 26 Prozent.

«Diese Ungleichheiten sind biografisch bedingt», erklärte Perrig-Chiello. Die Weichen zum guten Altern würden in der Kindheit gelegt. Deshalb plädierte die Psychologin dafür, schon früh anzusetzen. «Alle Kinder müssen die gleichen Chancen haben.» So sollte bei Kindern mit Migrationshintergrund das Erlernen der Sprache gefördert werden, damit sie gleiche Bildungschancen haben. Familien sollten gestärkt werden. Und ältere Menschen sollten besser über ihre Rechte und finanzielle Unterstützungsmöglichkeiten informiert werden. Welche das im Pflegefall konkret sind, haben wir in einer Übersicht zusammengetragen: Wo es Hilfe bei der Pflege der Eltern gibt.

Nicht nur der Sozialstaat ist für ein gutes Altern verantwortlich

Bundesrat Alain Berset sprach sich in seinem Grusswort dafür aus, die gute Qualität der Sozialwerke nachhaltig zu sichern. Er arbeitete damals an einer Reform der Altersvorsorge. Er erinnerte aber auch daran, dass es nicht einfach der Sozialstaat sei, «der die Rahmenbedingungen für ein gutes Altern schafft». Jeder und jede von uns müsse dazu beitragen und Selbstverantwortung übernehmen. Er denke dabei auch an Leistungen zugunsten unserer Gesellschaft: an Freiwilligenarbeit, an Nachbarschaftshilfe, an die Unterstützung durch die Grosseltern und an die Pflege und Betreuung von Angehörigen durch Familienmitglieder.

Damit sprach Berset die ebenso an der Tagung thematisierte Generationengerechtigkeit an. Auch Heinz Altorfer vom Migros-Kulturprozent war es ein Anliegen, die Generationengerechtigkeit weiter zu fassen. Bisher gehe es in der Debatte meist um den materiellen Leistungstransfer, also um die Frage, wie die Renten der heutigen Jugend gesichert werden können. «Die Angstmacherei führt uns nicht weiter», sagte Altorfer. Er zählte zur Generationengerechtigkeit nicht nur die Verbesserung der Altersvorsorge, sondern beispielsweise auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die Förderung der frühkindlichen Bildung oder die Unterstützung für Familien, die Angehörige pflegen. «Die Frage nach der Generationengerechtigkeit ist die Frage nach einer gerechten Verteilung der Ressourcen und nach der Teilhabegerechtigkeit für alle lebenden Generationen», erklärte Altorfer.

Europäisches Jahr für aktives Altern 2012

Mit der Tagung machte Pro Senectute den Auftakt, Akteure aus Politik und Gesellschaft einzuladen, die Debatte über gutes Altern weiterzuführen. Die Stiftung kündigte an, die Diskussion im Rahmen des Europäischen Jahres für aktives Altern und Solidarität zwischen den Generationen 2012 mit weiteren öffentlichen Veranstaltungen zu vertiefen. Dieses Themenjahr ist längst vorbei. Die Fragen, die an der Tagung gestellt wurden, sind es nicht.

Was sich seit der Tagung verändert hat

Der folgende Abschnitt stammt nicht von der Tagung. Er ordnet ein, wo die Schweiz heute steht.

Die Ungleichheit im Alter besteht weiter. 2024 waren 23,2 Prozent der Menschen ab 65 Jahren armutsgefährdet, bei den Alleinlebenden 30,9 Prozent [1]. Diese Quote misst etwas anderes als die 16 Prozent von 2010: Armutsgefährdet ist, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. Die beiden Zahlen lassen sich deshalb nicht direkt vergleichen. Das Bundesamt für Statistik hält aber fest, dass Menschen ab 65 häufiger einkommensarm sind als die Bevölkerung im Erwerbsalter [1]. Was die steigende Lebenserwartung sonst noch mit sich bringt, zeigt unser Beitrag zur steigenden Lebenserwartung in der Schweiz.

Der Wunsch der Tagung, ältere Menschen besser über ihre Rechte zu informieren, ist heute messbar. Eine Studie der ZHAW im Pro-Senectute-Altersmonitor schätzt, dass 15,7 Prozent der zu Hause lebenden Menschen ab 65 Jahren Ergänzungsleistungen nicht beziehen, obwohl sie rechnerisch Anspruch hätten. Das sind rund 230'000 Personen [2]. Als Gründe nennt die Studie fehlendes Wissen über die Leistungen und einen bewussten Verzicht, etwa weil der Aufwand für das Gesuch zu gross erscheint [2]. Dabei sind Ergänzungsleistungen keine Fürsorge: Wer bedürftig ist, hat einen Rechtsanspruch darauf [3]. Wenn du bei deinen Eltern das Gefühl hast, dass das Geld nicht reicht, lohnt sich der Gang zu einer Pro-Senectute-Beratungsstelle. Sie berät kostenlos zu Ergänzungsleistungen und weiteren finanziellen Hilfen; die Adressen stehen unten im Kasten.

Die Altersvorsorge, an der Berset damals arbeitete, hat sich verändert. Seit dem 1. Januar 2024 ist die Reform AHV 21 in Kraft [4]. Das Referenzalter – früher Rentenalter genannt – liegt für Frauen und Männer bei 65 Jahren; für Frauen wird es ab 2025 schrittweise von 64 auf 65 angehoben und betrifft die Jahrgänge ab 1961 [4]. Der Altersrücktritt wurde flexibler: Die Rente lässt sich vorbeziehen oder aufschieben [4]. Was das für Familien bedeutet, erklärt unser Beitrag zu AHV 21 für Familien.

Anlaufstellen und Link-Tipps

Quellen

  1. Bundesamt für Statistik: Armutsgefährdung, Daten 2024 (abgerufen am 20.08.2026).
  2. Gabriel, R., Koch, U., Meier, G., Kubat, S. (ZHAW): Nichtbezug von Ergänzungsleistungen in der Schweiz, Schweizer Altersmonitor, Teilbericht 2, Pro Senectute Schweiz 2023 (PDF, abgerufen am 20.08.2026).
  3. Bundesamt für Sozialversicherungen: Ergänzungsleistungen (EL) – Übersicht (abgerufen am 20.08.2026).
  4. Bundesamt für Sozialversicherungen: AHV 21, Stand 24.09.2025 (abgerufen am 20.08.2026).

Was bedeutet für dich gutes Altern? Schreib uns einen Kommentar.

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