Gutes Altern heisst mehr als nur körperlich fit zu sein

Älteren Menschen geht es heute so gut wie nie zuvor. Sie sind körperlich fit, haben eine hohe Lebenserwartung und beteiligen sich aktiv am Gesellschaftsleben. Dieses Bild vom selbstverantwortlichen und aktiven Altern blendet aber viele Probleme aus. Das zeigten 15 Referenten an der Pro Senectute-Fachtagung «Auf dem Weg zum guten Altern».

Zu einem guten Altern gehört der gute Kontakt zur jüngeren Generation.

Der Austausch zwischen den Generationen ist wichtig für ein gutes Altern. Foto: Maria Teijeiro, Digital Vision-Thinkstock

Sie erklimmen mit 70 noch so manchen Alpengipfel. Sie engagieren sich im Chorverein. Sie unterhalten sich mit ihren Enkeln via Skype und dank medizinischem Fortschritt leben sie länger. Senioren sind so aktiv wie noch nie. Die Lebensqualität der älteren Generation hat sich in den letzten Dekaden erheblich verbessert.

Doch ganz so einfach ist es nicht. Beim Blick auf die «aktiven Alten» wird schnell vergessen, dass es nicht allen so geht. An der nationalen Fachtagung «Auf dem Weg zum guten Altern», welche die Altersorganisation Pro Senectute am 26. April organisierte, warnten Experten davor, das Altersbild einseitig zu betrachten. Zu einer neuen Kultur des Alterns gehört es laut Professor Andreas Kruse, Altersforscher und Psychologe an der deutschen Universität Heidelberg, dazu, «dass wir uns der Verletzlichkeit unseres Lebens bewusst werden». Wer heute alt und gebrechlich ist, wird häufig diskriminiert. Der Psychologe hat beobachtet, dass «Menschen mit einer Demenz nicht mehr in ihrer Menschenwürde wahrgenommen werden». Deshalb sollten wir diesen Menschen nicht nur oberflächlich begegnen.

Da wir heute von einem «aktiven Altern» und Selbstbestimmung im Alter ausgehen, fällt es vielen nicht leicht, Hilfe anzunehmen. «Das Angewiesen sein wird als Scheitern empfunden», sagte die Tagungsmoderatorin Klara Obermüller. Monika Steiger von der Schweizerischen Gesellschaft für Gerontologie empfahl, eine andere Sichtweise zu entwickeln: «Das Angewiesensein auf andere gehört zum Menschsein, nicht nur zum Alter».

Ungleichheit im Alter

Auch die Psychologin Pasqualina Perrig-Chiello von der Universität Bern erinnerte daran, dass nicht alle älteren Menschen von einer besseren Lebensqualität profitieren. Es gebe Ungleichheiten, die auf die unterschiedlichen Lebenslagen der Menschen zurückzuführen seien, machte sie an der Tagung deutlich. Nach wie vor gebe es Gruppen, denen es an ökonomischen, sozialen oder psychischen Ressourcen mangelt. Dazu gehört das Problem der Altersarmut. 16 Prozent der über 65-Jährigen waren gemäss Bundesamt für Statistik im Jahr 2010 von Armut betroffen. Bei den allein lebenden älteren Menschen waren es sogar 26 Prozent.

«Diese Ungleichheiten sind biografisch bedingt», erklärt Perrig-Chiello. Die Weichen zum guten Altern würden in der Kindheit gelegt. Deshalb plädiert die Psychologin dafür, schon früh anzusetzen. «Alle Kinder müssen die gleichen Chancen haben.» So sollte bei Kindern mit Migrationshintergrund das Erlernen der Sprache gefördert werden, damit sie gleiche Bildungschancen haben. Familien sollten gestärkt werden. Zudem sollten ältere Menschen besser über Ihre Rechte und finanzielle Unterstützungsmöglichkeiten informiert werden.

Nicht nur der Sozialstaat ist für ein gutes Altern verantwortlich

Bundesrat Alain Berset sprach sich in seinem Grusswort dafür aus, die gute Qualität der Sozialwerke nachhaltig zu sichern. Er arbeitet derzeit an einer Reform der Altersvorsorge. Er erinnerte aber auch daran, dass es nicht einfach der Sozialstaat ist, «der die Rahmenbedingungen für ein gutes Altern schafft». Jeder und jede von uns müssten dazu beitragen und Selbstverantwortung übernehmen. Er denke dabei auch an Leistungen zugunsten unserer Gesellschaft in Form von Freiwilligenarbeit, Nachbarschaftshilfe, Unterstützung durch die Grosseltern, von Pflege und Betreuung von Angehörigen durch Familienmitglieder.

Damit sprach Berset auf die ebenso an der Tagung thematisierte Generationengerechtigkeit an.  Auch Heinz Altorfer vom Migros-Kulturprozent ist es ein Anliegen, die Generationengerechtigkeit weiter zu fassen. Bisher gehe es in der Debatte meist um den materiellen Leistungstransfer, also um die Frage, wie die Renten der heutigen Jugend gesichert werden können. «Die Angstmacherei führt uns nicht weiter», sagte Altorfer. Er zählt zur Generationengerechtigkeit nicht nur die Verbesserung der Altersvorsorge, sondern beispielsweise auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die Förderung der frühkindlichen Bildung oder die Unterstützung für Familien, die Angehörige pflegen. «Die Frage nach der Generationengerechtigkeit ist die Frage nach einer gerechten Verteilung der Ressourcen und nach der Teilhabegerechtigkeit für alle lebenden Generationen», erklärte Altorfer.

Europäisches Jahr für aktives Altern

Mit der Tagung machte Pro Senectute den Auftakt, Akteure aus Politik und Gesellschaft einzuladen, die Debatte über gutes Altern weiterzuführen. Die Stiftung wird die Diskussion im Rahmen des Europäischen Jahres für aktives Altern und Solidarität zwischen den Generationen mit weiteren öffentlichen Veranstaltungen vertiefen.

Link-Tipps zum guten Altern und zur Generationengerechtigkeit

 

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