Mein Platz? Dein Platz? Unser Platz - der Generationenspielplatz!

Immer mehr Spielplätze in der Schweiz sind mit Geräten für Kinder und Erwachsene ausgestattet. Die grösste Anlage steht in Frauenfeld. Doch sie wird nicht wie erhofft genutzt. Dieser Beitrag zum Generationenspielplatz, den wir hier veröffentlichen, erschien in der ersten Ausgabe des Magazins «Grosseltern». Gewinnen Sie mit etwas Glück eins von fünf Jahresabonnements des Grosseltern Magazins.

Generationenspielplatz: Die Grosseltern spielen mit ihren Enkeln

Die Wunschvorstellung: Grosseltern spielen mit ihren Enkeln auf dem Generationenspielplatz.
Fotos: Sabina Bobst

Es ist eine schöne Idee: Kinder und ihre Grosseltern gehen nicht nur zusammen auf den Spielplatz, sie nutzen ihn auch zusammen. Während die Enkelkinder Rutschbahnen hinuntersausen oder Klettergerüste erklimmen, trainiert der Grossvater daneben sein Gleichgewicht und die Grossmutter ihre Oberarmmuskeln.

Die Idee stammt aus China und hat sich mittlerweile in vielen Ländern durchgesetzt. Auch in der Schweiz sind in den letzten Jahren mehrere Generationenspielplätze entstanden – in Winterthur, Meyrin, Solothurn oder Baden. Eine der grössten Anlagen des Landes steht im Kanton Thurgau. Der Bewegungspark Frauenfeld besteht aus drei Generationenspielplätzen, die über einen fünf Kilometer langen Fussweg verbunden sind. Im Lindenpark wird Gleichgewicht und Kraft trainiert, beim Alterszentrum Park Beweglichkeit, beim Pflegezentrum Stadtgarten Geschicklichkeit.

Bald wird auch in der Stadt Zürich ein Spiel- und Bewegungsplatz für alle Generationen entstehen. Die ersten Arbeiten rund um das Gemeinschaftszentrum Riesbach im Seefeld-Quartier sind für nächsten Frühling geplant. Besonders wichtig ist Markus Kick, dem Leiter des Gemeinschaftszentrums, dass die künftigen Benutzerinnen und Benutzer in die Planung mit einbezogen sind. «Sonst wird dieses Generationen übergreifende Projekt nicht funktionieren», sagt Kick, der den Spielplatz zusammen mit der Pro Senectute Kanton Zürich initiiert hat.

Erwartungen nicht erfüllt

Wie schwierig es ist, einen Generationenspielplatz zu beleben, zeigt sich in Frauenfeld. Die zuständige Stadträtin Elsbeth Aepli erhoffte sich bei der Eröffnung 2012, dass die Frauenfelder Bevölkerung den Bewegungspark rege benutzen würde. Die drei Anlagen wurden bewusst unterschiedlich gestaltet. Die Geräte sind gut beschriftet und erklärt, die Plätze und der Weg reizvoll angelegt. Die Rückmeldungen waren zu Beginn alle positiv.

Heute zieht Stadträtin Aepli eine durchzogene Bilanz. «Meine Erwartungen haben sich bis jetzt nicht erfüllt.» Erwachsene nutzen den Bewegungspark kaum. Wenn jemand an den Geräten herumturnt, sind es meist Kinder. Der Frauenfelder Verein 55plus, der den Park mit geführten Trainings für ältere Menschen beleben wollte, hat den Versuch mangels Teilnehmern wieder abgebrochen.

Es war laut Aepli keine Kunst, die Anlage zu finanzieren – das Projekt erschien Firmen und privaten Sponsoren als so sinnvoll, dass sie einen Grossteil der Kosten von 100 000 Franken deckten. «Die Kunst ist es, die Anlage zu beleben», sagt Aepli. Das ist bis jetzt nicht gelungen.

Der Generationenspielplatz ist beliebt - aber nur bei Kindern

Ein ähnliches Problem hat der Spielplatz Kellen in Goldach SG, einer der wohl beliebtesten Spielplätze der Schweiz. An schönen Tagen wird er richtiggehend überrannt. Die Kinder können auf zehn verschiedenen Spielinseln an verschiedensten Geräten herumtollen, mehrere Grillstellen locken zum Bräteln, und auf dem Sportplatz können die Besucher Fussball oder Volleyball spielen. Nur ein Fleck des Spielplatzes ist schlecht genutzt. Dort stehen die Geräte für die Erwachsenen. Ausser einigen Kindern benutzt die fast niemand.

Die Planer des Spielplatzes, der 2012 eröffnet wurde, wollten ihre Anlage nach neusten Trends ausrüsten. Deshalb schufen auch sie einen so genannten Generationenplatz. Die Geräte stellten sie unmittelbar neben die andern Anlagen für die Kinder.

«Das würden wir heute wahrscheinlich anders machen», sagt Marcel Kurz, einer der Initiatoren des Spielplatzes. Seiner Ansicht nach müssen die Geräte für Erwachsene eher am Rand stehen. «Wir haben gemerkt, dass sich ältere Menschen bei viel Betrieb nicht an die Geräte wagen», sagt Kurz. Viele hätten Respekt vor den Geräten, wüssten diese nicht zu bedienen oder hätten möglicherweise Angst, sich ungeschickt anzustellen.

Je versteckter, desto besser

Generationenspielplatz: Gross und Klein spielen zusammen

Ähnliche Erfahrungen hat auch Elsbeth Aepli in Frauenfeld gemacht. Die Geräte am Lindenpark und beim Alterszentrum Park werden eher selten von Erwachsenen genutzt; an beiden Orten sind sie direkt in den Kinderspielplatz integriert. Mehr Zulauf findet die Anlage beim Pflegezentrum im Stadtgarten. Dort sind die Geräte hinter Hecken versteckt, der Spielplatz für Kinder liegt weiter entfernt. «So fühlen sich die Menschen weniger ausgestellt», sagt Aepli.

Spielplatzexperte Stefan Meile von der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) bestätigt diese Beobachtung. «Wenn die Geräte für Erwachsene und die Geräte für Kinder zu nahe beieinander stehen, funktionieren die Anlagen in der Deutschschweiz nicht», sagt er. Das sehe man auch in Deutschland und in Österreich, wo in letzter Zeit ebenfalls viele Generationenspielplätze entstanden sind.

Studie zu Generationenspielplatz in Wien bestätigt Ängste

Die Universität Wien hat die dortigen Anlagen in der Studie mit dem Namen «Gemma raus» untersucht. Die Antwort der meisten älteren Menschen auf die Frage, weshalb sie nicht auf den Geräten trainierten, lautete: «Wir wollen uns nicht zum Kasperl machen.» Ein weiteres Problem der altersdurchmischten Plätze: Kinder beginnen sofort, die eigentlich für die Erwachsenen gedachten Geräte zu benutzen. «Und es würde Grosseltern nicht in den Sinn kommen,  das Enkelkind wegzuschicken, damit sie selbst trainieren können», sagt Meile.

Viele Grosseltern hätten auf dem Spielplatz ohnehin wenig Zeit und Musse, selbst aktiv zu sein: «Die meisten lassen ihre Enkelkinder äusserst ungern allein», beobachtet Meile. Die meisten Kinder auf Schweizer Spielplätzen seien eher über- als unterbehütet.

Tipps vom Experten

Folgendes braucht es laut Meile für einen funktionierenden Mehrgenerationenplatz: einen etwas abgetrennten und vor neugierigen Blicken geschützten Bereich für die Erwachsenen mit viel Schatten, Sitzgelegenheiten, einem WC und der Möglichkeit, sich die Hände zu waschen. Hilfreich ist zudem, wenn Instruktoren den Benutzern kurz zeigen, wie sie sich auf den Geräten bewegen müssen. Meile ist überzeugt, dass sich die Mehrgenerationenplätze in der Schweiz trotz Anlaufschwierigkeiten durchsetzen werden.

Das glaubt auch Markus Kick vom Gemeinschaftszentrum Riesbach in Zürich. Er kennt die Vorbehalte der älteren Generation, aber hält wenig davon, die Geräte für Erwachsene zu verstecken. «Mir schwebt eine Anlage vor, auf der Grosseltern, Eltern und Kinder wirklich zusammen spielen und sich bewegen können», sagt er. Zum Beispiel, indem sie gemeinsam in ein Labyrinth gehen. Oder barfuss über einen Sinnespfad mit Sand, Kies und Erde gehen. Oder eine Wippe mit einem speziellen Hebelarm benutzen, damit die Kinder ihre Grosseltern anheben können.

Die Spielgerätefirmen jedenfalls stehen bereit. Sie haben Jahr für Jahr mehr Angebote für Erwachsene im Sortiment. «Aber viele Gemeinden stehen plötzlich auf die Bremse», sagt der Vertreter einer Firma, die Spielgeräte vertreibt.  Geplante Anlagen werden zurückgestellt – aus Kostengründen oder wegen der Erfahrungen mit den bestehenden Anlagen.

Markus Kick ist überzeugt davon, dass die Anlage in Zürich funktionieren wird. Er und sein Team stehen täglich mit den Quartierbewohnern in Kontakt und haben so den direkten Draht zu den künftigen Nutzern des Spielplatzes. Einige der Frauen, die im Gemeinschaftszentrum Bewegungskurse anbieten, haben bereits zugesagt, ihre Lektionen in Zukunft auf der neuen Aussenanlage abzuhalten und Besuchern die Geräte zu erklären.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist laut Kick, dass die Anlage von den künftigen Benutzerinnen und Benutzern mitgestaltet werden kann. Ein Quartierworkshop und mehrere Testläufe haben bereits stattgefunden. Im Lauf des Herbsts wird das Projekt öffentlich vorgestellt. Grün Stadt Zürich wird die Pläne nach den Rückmeldungen aus dem Quartier umsetzen – im Idealfall mit Hilfe von Freiwilligen. Die Anlage soll sich in Etappen entwickeln, damit die Verantwortlichen reagieren können, falls etwas nicht wie gewünscht funktioniert. Ganz fertig wird der erste Stadtzürcher Generationenspielplatz deshalb erst 2018 sein.

Das Magazin «Grosseltern»

Dieser Artikel ist erstmals in der ersten Ausgabe des Grosseltern Magazins erschienen (Nr. 1/2014 vom September). Das neue Magazin füllt eine Lücke in der Schweizer Medienlandschaft. Die Zielgruppe sind, wie der Titel bereits vermuten lässt, die Grosseltern. Die meisten Publikationen würden eher mit einem negativen Ansatz an diese Zielgruppe gehen und thematisierten Krankheiten oder Altersschwäche, meinte der Herausgeber des Magazins, Dominik Achermann, gegenüber Klein Report. Sein Ansatz sei positiver: «Denn die Forschung zeigt: Grosseltern sind glücklicher als Gleichaltrige, die keine Enkelkinder haben», so Achermann.

 

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