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Bewegtes Lernen: Warum Kinder in der Schule nicht still sitzen sollten

Obwohl Psychologen und Neurowissenschaftler bestätigen, dass Kinder besser lernen, wenn sie sich dabei bewegen, müssen Kinder im Klassenzimmer für gewöhnlich still sitzen. Der Schulische Heilpädagoge Michael Berger ermutigt Eltern und Lehrer, das bewegte Lernen mit einfachen Mitteln zu fördern.

Bewegtes Lernen ist für Kinder sinnvoller als stilles Sitzen im Klassenzimmer.

Auf dem Pausenhof ist Bewegung erlaubt. Warum nicht auch im Klassenzimmer? Foto: martinedoucet, E+, Getty Images Plus

Bewegtes Lernen – Das Wichtigste in Kürze:

  • Psychologen und Neurowissenschaftler sind sich einig, dass Lernen in Bewegung sinnvoll ist.
  • Bildungsdruck und der Wunsch nach Kontrolle lassen das bewegte Lernen verschwinden.
  • Eltern und Lehrer können Kinder mit einfachen Mitteln durch Bewegung zum Lernen motivieren.

Der Drang nach Bewegung ist tief im Menschen verankert. Die Bewegung wird bereits von kleinen Kindern als Mittel benutzt um die Welt zu erfahren und dadurch Erkenntnisse zu gewinnen. Sie lernen, während sie unterwegs sind, Dinge anfassen und ausprobieren, welche Reaktionen sie damit auslösen.

Bei Kleinkindern ist uns dieses Lernverhalten bewusst, weshalb wir darauf achten, es zu ermöglichen. Wir räumen dieser Lernform genügend Zeit und Raum ein, da wir wissen, wie wichtig und nachhaltig diese Form des Lernens ist. Wir akzeptieren sogar einen erhöhten Lärmpegel, weil wir wissen, dass dies dazugehört.

Tipps für Eltern:

  • Schaffen Sie eine Umgebung, die Bewegung zulässt.
  • Beginnen Sie mit der Bewegung als Spiel. Ihr Kind sollte zuerst ausprobieren dürfen, bevor die Bewegung an eine Aufgabe geknüpft wird.
  • Achten Sie darauf, dass es auch möglich bleibt, zur Ruhe zu kommen. Das muss oftmals eingeübt werden.
  • Seien Sie zu Beginn geduldig, es wird sich auszahlen.

Sitzen und ruhig sein gelten als Qualitäten – zu Recht?

Je älter die Kinder werden, desto mehr verändern wir unsere Erwartungen. Plötzlich sollte das Kind ruhig sitzen können und sich konzentriert beschäftigen. Dies gilt gesellschaftlich als Zeichen für Reife und eine gute Erziehung.

Wir wenden uns also bereits nach den ersten vier bis fünf Lebensjahren vom freien, erkundenden und bewegten Lernen ab und erziehen unsere Kinder zum Sitzen und Denken. Leider beobachte ich das auch oft an Schulen. Sitzen und ruhig sein gilt auch dort als Qualität, es wird als Zeichen der Konzentration wahrgenommen. Ausser im Kindergarten, dort sind freie und auch bewegte Sequenzen bewusst eingeplant und täglicher Bestandteil des Unterrichtes.

Viele Erwachsene können und wollen nicht mit einem gesteigerten Lärmpegel umgehen.

Den Kindergartenlehrpersonen gelingt es, handelnd, spielend und in Bewegung Inhalte zu vermitteln. Weshalb verschwindet diese Lernform danach? Die Ziele werden ja auch mit Bewegungseinheiten erreicht und die Freude am Unterricht ist in tieferen Stufen deutlich höher als später.

In der Primarschule sind die bewegten Pausen noch verbreitet und auch das handelnde Lernen wird oftmals angewendet. An der Oberstufe verschwinden diese Lernformen fast gänzlich und in weiterführenden Schulen sucht man die Bewegung sowie das handelnde Lernen meist vergebens. Je höher also die Schulstufe beziehungsweise das Bildungsniveau wird, desto häufiger verschwindet diese Lernform.

Gibt es einen Grund der gegen die Bewegung spricht?

Oftmals wird Lärm genannt. Viele Erwachsene können und wollen nicht mit einem gesteigerten Lärmpegel umgehen. Dabei ist eine gewisse Lautstärke völlig normal, es ist doch eher die Ruhe, welche unnatürlich ist. Oder haben Sie schon mal 20 Kinder in einer Gruppe gesehen, in einem beliebigen Alter, die freiwillig ruhig sind und an ihrem Platz sitzen? Ich zum Glück nicht und das finde ich auch gut so!

Müssen wir immer alles kontrollieren? Wie gerne werden Sie selbst kontrolliert?

Ein weiterer Grund ist die Angst vor dem Kontrollverlust. Ruhige, sitzende Kinder kann man gut kontrollieren. Sind die Lernenden in Bewegung, wird es schwieriger. Das gilt für die Schule und das Zuhause. Aber müssen wir immer alles kontrollieren? Wie gerne werden Sie selbst kontrolliert?

Hinzu kommt der Bildungsdruck, der mit jeder weiteren Stufe steigt. Auch ich musste erfahren, dass es immer schwieriger wird, Bewegung und handelndes Lernen einzuplanen und gleichzeitig den Lehrplan zu erfüllen, je höher die Stufe ist. Da die Schule neben der Bildung auch sonst immer mehr Aufgaben erhält, wird die Zeit immer knapper und dies oft auf Kosten der Bewegung und des erlebenden, handelnden Lernens.

Die Erfahrung spricht klar fürs bewegte Lernen

Jedes mal, wenn ich die Bewegung und handelndes Lernen eingeplant und durchgeführt habe, egal in welcher Stufe und in welchem Umfang, habe ich immer wieder fasziniert die positiven Aspekte beobachtet. Lernen wird plötzlich lustvoll, was selbst die Lernenden überrascht. 

Deshalb möchte ich Ihnen als Eltern oder auch als Lehrpersonen Mut machen und Ihnen versichern, dass es möglich ist zu lernen und sich zu bewegen. Also: weg von den Blättern. Aus meiner Sicht ist es schade, dass die Kinder einen Grossteil der Zeit in der Schule sitzen müssen und dass dadurch Kinder mit etwas mehr Bewegungsdrang (wie etwa Kinder mit ADHS und häufig Jungs im Allgemeinen) in ein negatives Licht rücken.

Die Psychologie sieht in der Bewegung eine Förderung der Lernfähigkeit.

Diese Kinder werden getadelt und oftmals bestraft für ihr aus meiner Sicht natürliches Verhalten. Bewegtes, handelndes Lernen ist eine tolle Alternative, um dieser Schwierigkeit präventiv zu begegnen. Das gilt für den Unterricht in der Schule und auch für das Lernen zu Hause.

Wissenschaftlich belegte Argumente

Die Wissenschaft beschäftigt sich auch mit bewegtem Lernen und hat dazu einige Thesen aufgestellt. Zum Beispiel sieht die Psychologie in der Bewegung eine Förderung der Lernfähigkeit. Die Wahrnehmung und Motivation werden gesteigert, was zu erhöhter Konzentration führt. Dadurch gelingt das Lernen besser.

Die Neurowissenschaft begründet den Nutzen mit der verbesserten Durchblutung des Gehirns, was wiederum eine gute Voraussetzung für das Lernen darstellt. Es konnte sogar beobachtet werden, dass bei Kindern mit «Lernstörungen» durch Bewegung kleine Wunder bewirkt werden können. Die spielerische Atmosphäre machte neugierig und erleichterte ihnen das Lernen.

Bewegtes Lernen als Therapieform auch an Schulen

Es gibt auch Therapieformen, die mit Bewegung arbeiten. An den Schulen ist besonders die Psychomotorik verankert, bei welcher der bewegte Körper im Zentrum steht. Es geht bei dieser Therapieform um ein harmonisches Gleichgewicht der Körper- und Gefühlsebene.

Auch viele Heilpädagogen greifen auf die Bewegung und handelndes Lernen in der täglichen Arbeit zurück, da sich tolle Ergebisse erzielen lassen. Ich persönlich sehe die Bewegung als unterstützendes Element, das vielfältige Kompetenzen fördert und deshalb ein Gewinn ist.

Sehen Sie diese Erkenntnisse aus der Forschung, dem Schulalltag und den Therapien als Ermutigung, ihren Kindern beim Lernen etwas Bewegung zu ermöglichen.

Michael Berger gezielt lernen

Michael Berger ist Schulischer Heilpädagoge und Mitbegründer des Projekts MoveU, das Fachpersonen hilft, Bewegung gezielt zu nutzen. Seine Erstausbildung absolvierte er als Kindergartenlehrperson und arbeitete einige Jahre in dem Beruf. Als Schulischer Heilpädagoge hat er bereits im Kindergarten und an der Primarschule gearbeitet und ist mittlerweile an der Oberstufe tätig. Auf seiner Online-Plattform gezielt-lernen.ch wendet er sich an Eltern und andere Interessierte und gibt auf dem dazugehörigen Blog Tipps rund ums Lernen.