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Leben > Senioren

Parkinson Krankheit: Porträt einer Betroffenen

Bernhard Weller (72) betreute jahrelang seine an Parkinson erkrankte Frau Anne. Als es nicht mehr geht, zieht er die Reissleine und holt sich Unterstützung bei einer polnischen Pflegekraft.

Eine von der Krankheit Parkinson betroffene Person wird unselbständig.

Betroffene brauchen Hilfe und Unterstützung. Foto: iStock, Thinkstock

Bernhard Weller sitzt auf einer weissen Holzbank in seinem Garten. Ein alter Kastanienbaum spendet Schatten und ist gleichzeitig Blickfang. Über dem Kopf von Bernhard Weller zwitschern Vögel, neben ihm gedeihen Brombeer- und Himbeersträucher. Doch für diese Idylle hat der alte, aber dennoch agile, Mann keinen Blick. Ein Buch über die Geschichte Russlands liegt vor ihm, der Kaffee dampft - eigentlich könnte er entspannen. Bernhard Weller kann sich aber nicht mehr entspannen.

Diese Stunde ist seit zwei Jahren seine Zeit. Seine Stunde der Ruhe, in der er den Stress und die Belastung der restlichen 23 Stunden vergessen könnte, die ausschliesslich von seiner Frau Anne bestimmt werden. Anne Weller ist krank. Sie leidet an Parkinson.

Eine Pflegekraft hilft einer Frau im Rollstuhl, die an Parkinson erkrankt ist.

Eine Pflegekraft kann Erkrankten und deren Familien eine grosse Hilfe sein.

«Frau Weller, warum schreiben Sie denn so klein?», fragt ein Schüler seine Lehrerin Anne Weller.

«Warum trippelst du eigentlich so vor dich hin?», fragt Bernhard Weller seine Frau bei einem gemeinsamen Spaziergang.

Auch Anne Weller nimmt nun die Veränderungen an sich und ihrem Körper wahr. Bei handschriftlichen Aufzeichnungen werden ihre Worte stets kleiner. Ihr Gang ist unsicher. Ihre geliebten Rosen im Garten duften nicht mehr so intensiv wie früher. «Liegt es an meiner Nase oder am neuen Dünger?», fragt sie sich.

Es vergeht einige Zeit, bis sich immer mehr Schüler über ihre Tafelanschriebe beschweren. Anne Weller gibt sich Mühe, schafft es aber nicht, ihr Manko zu beheben. Bernhard Weller rät seiner Frau einen Arzt, aufzusuchen.

«Welche Krankheit soll denn das bitteschön sein? Bei der man plötzlich kleiner schreibt und die Rosen nicht mehr riechen kann?», antwortet seine Frau barsch.

«Parkinson», sagt der Arzt, als er Monate später dem Ehepaar Weller die Diagnose verkündet. Die Vorboten von Parkinson sind unter anderem eine Verkleinerung der Handschrift, ein kleinschrittiger Gang, Antriebslosigkeit und Verminderung des Geruchssinnes. Hauptsymptome der langsam fortschreitenden neurologischen Erkrankung, sind verlangsamte Bewegungen, welche bis zur Bewegungslosigkeit führen können. Ebenso Muskelzittern und Haltungsinstabilität. Zudem sind verschiedene psychische und kognitive Störungen möglich.

Anne Weller zieht sich aus dem Schuldienst zurück. Sie und ihr Mann sind guter Dinge trotz der Krankheit einen schönen gemeinsamen Lebensabend verbringen zu können. Die ersten Jahre gehen einigermassen gut. Aus ehemals grossen Bergtouren werden Spaziergänge um den See. Ruhe und Entschleunigung bestimmen den Alltag des bis dato umtriebigen Paares. Danach verschlechtert sich der Zustand von Anne Weller. Spaziergänge sind gar nicht mehr möglich.

Sie kann sich nicht mehr auf den Beinen halten, stürzt ohne erkennbare Ursache. Ein Gehwagen wird ihr ständiger Begleiter. Anne Weller wird depressiv, will nicht mehr in den Garten, will nicht mehr lesen. Sie beginnt ohne Grund zu weinen. Die «Heulstunde» am Nachmittag gehört nun zum Tagesablauf dazu, genauso wie das tägliche Zähneputzen. Nebenwirkungen der Medikamente treten auf. Anne Weller bekommt Halluzinationen. Sie sieht die Küche in Flammen stehen oder unheimliche Wesen im Flur. Bernhard Weller wacht mitten in der Nacht von lauten Schreien seiner Frau auf. Sie sieht wie Regen von der Decke prasselt, sieht das Ehebett in den Fluten versinken. Diese Wahnvorstellungen kommen und gehen – phasenweise. Eine 24-stündige Anwesenheit ist nun Pflicht. Bernhard Weller gibt den Männerchor auf, geht nicht mehr schwimmen. Sein Lebensmittelpunkt ist nun seine Frau – 24 Stunden am Tag.

Nur eine Stunde am Tag gönnt Bernhard Weller sich für sich. Er legt Anne in ihr Krankenbett zum Mittagsschlaf. Sie soll schlafen. Er will im Garten auf andere Gedanken kommen.

Doch dies gelingt ihm nicht. Das russische Buch bleibt ungelesen, den Kaffee lässt er vor sich hin dampfen.

«Hat sie nach mir gerufen?»

«Ist sie aufgestanden?»

«Fühlt sie sich allein?», fragt sich Bernhard Weller, anstatt dass er in seiner Gartenoase zur Ruhe kommt.

Die Töchter, welche weit weg wohnen, kommen zu Besuch. Sehen eine Mutter, die so pflegebedürftig wie ein Baby ist. Sie sehen einen Vater, der noch in der körperlichen Verfassung wäre, seine letzten Lebensjahre zu geniessen. Sich stattdessen aber aufopfert. Alle drei recherchieren im Internet. Die Lösung lautet: Ein ortsansässiger Pflegedienst soll die Morgentoilette übernehmen. Ausserdem soll eine polnische Pflegekraft in Zukunft mit ihm Haus wohnen.

Die Zeit, in der Bernhard Weller angespannt und allein auf der weissen Gartenbank Platz gefunden hat, ist längst vorbei. Seine aktuelle Pflegekraft heisst Aleksandra, ebenfalls eine studierte Lehrerin. Sie kümmert sich die nächsten drei Monate um Anne Weller. Dann wird das Heimweh zu gross, sie wird wieder nach Polen zurückkehren. Ihr Dienst beginnt um neun Uhr. Aleksandra weckt die kranke Frau. Macht Frühstück, setzt sich mit der alten Dame in den Garten, kocht das Mittagessen und wechselt mehrmals am Tag die Windeln. Alexandra und Bernhard sind ein eingespieltes Team. Was vorher auf zwei Schultern lastete, stemmen nun zwei Menschen. Bernhard Weller wird nachts weiterhin von seiner Frau geweckt, muss sie trösten und beruhigen. «Aber das kann ich aushalten, am Tag kann ich mich ja nun Dank Aleksandra erholen», sagt der grauhaarige Mann. In den Männerchor ist er auch wieder eingetreten. «Eine Pflegekraft, welche legal vermittelt wird, kostet natürlich viel Geld. Aber ich kann wieder leben. Und habe auch mehr Zeit und Geduld, auf meine Frau einzugehen», erzählt Weller.

Er gibt sich und seiner Frau noch zwei Jahre in den eigenen vier Wänden: «Dann werden wir gemeinsam in das betreute Wohnen ziehen.» Weller hat sich mit der Krankheit arrangiert, ihr seine Lebensumstände angepasst. Dennoch bleibt eine grosse Traurigkeit in ihm zurück: «Diese traurige, depressive Frau ist nicht mehr meine Anne. Die Frau von früher wurde von der Krankheit verschluckt.»

Hier finden Sie mehr Informationen zu der Krankheit Parkinson

parkinson.ch: Parkinson Schweiz ist eine gesamtschweizerisch tätige, gemeinnützige Organisation im Dienste Parkinsonbetroffener. Sie ist die Anlaufstelle in allen Fragen rund um die Krankheit.